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Full text of "René Descartes, eine Einführung in seine Werke"

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Rene 
Descartes 




Karl Jungmann 



I 




HARVARD COLLEGE 
LIBRARY 




FROM TBE BEQUEST OF 

JAMES WALKER 

(CUm of 1814) 
President qf Harvard College 

' PNfoaw» iMtag ghrvn lo «rarka ia Iba IHiWtff I 
uaifonl] 




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I 

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Ren6 Descartes 

Bine F.infühning in seine Werke 

von 

K. JUNGMÄNN 



Rene Descartes 

Eine Einführung in seine Werke 

von 

K. JUNOMANN 



FRITZ ECKARDT VERLAG LEiPZiO -i- 1008 



ptÜL Ä5Ä.0. i ^ 



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Herrn 

Prot. Dr. LUDWIG STEIN in Bern 
gewidmet 



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Vorwort. 



Vor Jahren hatte ich ein weitausgreifendes philosophie-hislo« 
risches Thema aufgegriffen und durchzuführen versucht. Auf Grund 
des Schulwissens schweifte der Blick mit verwegener Kühnheit 
über die Jahrhunderte perzipierbaren Geisteslebens dahin. So an- 
genehm der freie Ausblick auch war, nur zu rasch zeigte sich die 
Unzulänglichkeit der Erkenntnisgrundlage. Dem Bau fehlte das 
sichere, der Selbstkritik Widerstand leistende Fundament. Dieses 
mußte zunächst gelegt werden. Die ziemlich allgemein akzeptierte 
Charakterisierung des französischen Philosophen als „Vater der 

, neueren Philosophie* führte mich dazu, zuerst seinen Werken 

meine Aufmerknmkeit snzitwenden und den sie belebenden Gdst 
zu erfassen zu sucheo. Das Unternehmen reifte um so mehr, 
als eben die kritische Neuausgabe der Briefe — wenigstens zm 
Tefle — e wchi ei i en war, was ermöglichte, einen neuen Weg tu 
geben mid die in DESCAitras sich manifestierende G e iites h och- 
bnrg vnsefes westeuropäischen Kulturiebens von einer bisher 
scheinbar voOstindig unbeachtet gebliebenen Seite ans an er- 
stOnnen. Als Resultat sehe ich eme von der Sdnilmterpretation 
stark abweichende Auffassung der Descartesscfaen Werke, die Ich 

f der Kritik glaube unterbreiten zu mflssen. 

Zunicfast ein Wort Ober die Methode. Eme »Uare und 
deudiche* Erkenntnis Descartis' ist zu erstreben. „Klar" wird 
dieselbe sein, wenn ich Descartes an sich seiend, d. b. unbe- 
kOmmert tun jegliche andere Erscheinung in der Zeit anffsisf 
und verstehe. Als „dendicb'* Ufit sie sich beurteilen, wenn ich 



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VI yORiVORT. 

' ■ " ■ ■ ' - J»^— ^^^^^^^ 

weiterhin auch Descartes' Eigenart erfaßt haben werde, d. h. 
wenn ich klar sehe, wodurch er sich von anderen Endidnungen 
in der Zeit uniencheideL Eine deuülicbe Erkenntnis Descartes* 
setzt also nicht nur dne klare Erkenntnis seiner selbst, sondern 
auch eine klare Erkenntnis der Obrigen Denker voraus, und auf 
Grund einer klaren und deudichen Erkenntnis aller Denker Ober- 
haupt kann die Philosophiegeschichte in Angriff genommen wer- 
den. Diese ist ein Produkt des vergleichenden Nachdenkens aller 
Philosophen, kein Apriori-, sondern em Aposterioriwissen. — Mit 
dieser Erkenntnis wird in erster Lüne die Tendenz verurteilt, ver- 
mittelst der Philosophiegescfaichte die emzeben Denker an sich 
erlassen zu wollen. Es bleibt zwar immerhin möglich, dafl auch 
auf diesem Wege historische Wahilieiten gefunden werden; dies 
Verfahren wird aber meist zu einer Vergewaltigung der Tatsachen 
nach logischen Prinzipien fahren. Die m den einzdnen Denkern 
vorliegenden Erfahrungseinheiten bilden die Grundlage der Er- 
kenntnis^ und eine klare Erkenntms will ersibeitet sein, ehe ich 
mich dcar An%abe zuwenden kainn, zu einer deutlichen Auf* 
fassung vorzudringen. Sich in der Erforschung eines einselnen 
PhOosopfaen von philosophie-historischen Gesichtspunkten leiten 
lassen, <tiese scheinbar ziemlich weit verbreitete methodische Vor^ 
Schrift ist also voUstflndig zurOckzuwdsen. 

Eine klare Erkenntnis Descarics'I so heiflt das Ziel vor- 
liegender Arbeit Wie kann es erreicht werden? Ein Werk kann i 
entweder an sich seiend, d. h. unabhängig vom Autor, verstanden 
weiden, oder ich bedarf zu dessen Verständnis einer Erkenntnis 
aller fkbiigm Werke desselben, da es nur einen Teil der m dem 
Autor existierenden Gedankeneinheit darstellt Die Venus von 
Mild und PHioRS sind Werke, die vollständig verbanden werden < 
können ohne Erkenntms der Schöpfer; sie existieren sozossgen 
unabhängig von diesen. Nicht so die Werke Descartes*. Wie 
schon die literarinstoriscbe Studie hinUbigUch beweist, kommt 
seinen einzelnen Weiken kein selbständiges Daseinsrecht zu. Es 
sind TeUstOcke einer umfassenderen Gedankeneinheit und wollen J 
von ihr aus eingeschätzt und beurteilt werden. Damit ist bereits 
der Weg gezeichnet, der alldn zu einer klaren Erkenntnis Des- 
cartes ftihren kann: Descartes an sich ist ein historisches, also 
ein „einmaliges" Sein, das icli aber immer wieder seiend poxi- 
piere. Die verschiedenen Werke, Briefe und zuiUligen Bemer* ' 



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VOBWOttT, 



VII 



koDgen bezeichnen ebensoviele verschiedene Erscheinungsformeii, 

vermittelst deren das an sich unerkennbare historische Sein ge« 
dacht, d. h. nacherlebt werden kann. Indem ich alle diese ver« 
scbiedenen Ersdidnungsformen denkend nacherlebe, versetze ich 
meinen Geist in einen Zustand, für welchen dieselben auch natür- 
liche Ausdruckformen werden, d. h. als Historiker habe ich in 
erster Linie Descartes nachzudenken. Dieser nach -gedachte 
Dkscartes bleibt allerdings immer nur ein hypothetischer Dks- 
CARTEs; denn niemals läßt sich die Übereinstimmung erfahrungs- 
mUtiig kontrollieren. Als die wahrscheinlichste und damit als 
wahr wird aber jene Hypothese beuiteilt werden müssen, mit 
deren Hilfe alle in der Zeit überlieferten Erscheinungsformen 
widerspruchsfrei als Ausdrucksformen gedeutet werden können. 

Obwohl ich mich noch keineswegs zu einer klaren und 
deutlichen Erkenntnis aller Philosophen durchgearbeitet und in« 
fole^edessen auch alle philosopbie- historischen Erwägungen aus 
memer Arbeit ausgeschieden haln , si i mir df>ch von dem bisher 
errungenen Standpunkte aus ein philo>>o|)hi' Instorischer Ausblick 
gestattet, auf die Gefahr hin, die dabei gewonnene Anschauung 
nach einem subjektiv befriedigenden Studium aller Grundlagen 
modifizier n zu müssen: Descartes ist ein Vertreter der exakten 
Wissenschaften, der dem Wissenschaftsbetrieb eine Erkenntnis- 
theorie vorausschickt. Wer wirklich wissenschaftlich tätig sein 
will — so führt er aus — der muß einmal in seinem Leben 
prüfen, welche Erkenntnis der meiischluhe Verstand überhaupt 
zu erreichen vermag, d. h. sich einmal Redit nscbatt ablegen über 
die Natur und die Grenzen niensclilielirn Krkenntiuavermögens, die 
meiste Zeit aber für die Erkenntnis der Wirklichkeit, für die Fest- 
stellung der Tatsachen und deren Interpretation, verwenden. Des- 
cartes ist Erkeantnistheoretiker wie Kant, dessen Erkenntnis- 
theorie von seiner Konzeptionseinheit aus ebenfalls nur als Vorbau 
des Wissenschaftsbetriebes angesehen scia will, obwohl er dessen 
Durchbildung den Hauptteil seines Lebens gewidmet hat. 

Die Philosophie der westeuropäischen Kultureinheit hat sich 
vornehmlich in zwei verschiedenen Kulturkreisen durchgebildet, 
dem französisch- (englisch-holländischen) einerseits, dem deutschen 
anderseits. Suchen wir zunächst den charakteristischen Unlw- 
schied der klassischen Perioden dieser beiden Entwickelungslinien 
festzustellen: Bei der Lektüre von Descartes' „Discours de Ja 



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vm 



VORWORT, 



niethode" denkt man unwillkürlich an Goethes Faust". Aus 
beiden Werken spricht das nSmiichn ..unendHchc" Streben eines 
nach voller Entfaltung strebciKirn, menschlichen Geistes. Die Rich- 
tungen sind aber wesentlich verschieden. Während Dzsf artes 
von unbefricdiscndtni /u befriedigendem, d.h. von bezweifelharcm 
zu unl>e / weilelbarem Wissen strebt, negiert Faust im Grunde ge- 
iiuniiiK n die Erkenntnis der Wirkliclikeit. Er hat sie bereits 
bciiun durchdacht und strebt nun vom Denken der Wirklichkeit 
zum Erleben derselben. Dieses Faustische Streben charakteri- 
siert auch den Geist der deutscli klassischen Philosophie, wie er 
am gt'wal tiefsten in Hf.gfi. zur Dai Stellung gelangt. Man will die 
Philosophie wiiiiger erki mien, als vielmehr erleben, leben, kurz: 
man will Philosophie scm; ins Praktische gewendet: Man will 
weniger erkennen, was edel ist, sondern überhaupt edel sein. 
Schillers Begriff der schönen Seele" bezeichnet eine <lu iiierische 
Konzeption des Kernpunktes deutsch -klassischen Denkens und 
Strebens. — Während so die Nachfolger Kants di(^ Philosophie 
zu erleben suchen, erstreben die um Df.scartes sich gruppieren- 
den Denker eine Erkenntnis der Wirklichkeit, d. h. ein objek- 
tives, von menschhcheri Zugaben vollständig befreites Wissen des 
Seins. Dort Subjekt-, hier Objektdenker; dort Realitäts- Denker, 
hier Realitflts- nach -Denker; in Fichtes Sprache: dort Idealisten, 
hier Dogmatiker. So stehen sich die beiden klassischen Phiioaophie- 
perioden unseres westeuropäischen Kuhurkreises in ihren logischen 
Hobepimktenf Hegel und Spinoza, unvereinbar gegenüber. Von 
dieien aus mckwflm blickend, glaubt man schon die Begründer ' 
der beiden Perioden, Kamt und Descartcs, durch die nflmliche 
Kluft getrennt lu sehen. ^ Scheinbar mit Unrecht, obwohl die- 
selbe schon bei ihnen, wenigstens formell, angedeutet sein mochte. 
Betrachten wir Descartes und Kant aber an sich seiend, unbe* 
kammert um ihre Wirkung in der Zeit,' so zeigt sich, dafi sie 
sich auf der nttmlichen Mittellinie bewegen, dafi sich in ihnen 
Rationalismus und Enpirinnus, Ideatismus und Dogmatismus die 
Hand rekfaen. 



Paris, 1907. 

K. Jimgauuiii* 



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Inhalt. 

Saite 

Kapitel I. Die Methode: 1619 i 

Kapitel II. Die Mathematik: 1619— 1623 6 

Kapitel HI. Die Erkenntniathcorie: 1628/1629 • . . • 48 

1. Elxistenzialproblem 48 

2. Erkenntnisproblem 64 

3. Entstehung der Ideen 102 

4. Das Erkennen 121 

5. Wissenschaftssystem 134 

Kapitel IV. Die Wissenschaften: 1629—1650 . . . 147 

1. Theoretische Wissenschaften 147 

A. Metaphysik 147 

B. Physik 149 

C. Psycho Physik 188 

2. Praktische Wissenschaften 197 

3. Anhang: Die Religion 202 

Kapitel V. Die Werke Descartcs* 215 

1. Hauptwerke 216 

2. Fragmente — Le Monde; De la formation du foetus; 
Premi6resPens6es; Recherche de la v6rit^; Regulae 222 



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Kapitel I. 

Die Methode. 

Es gibt nur eine Wahrheit und deren Erkenntnis bildet die 
Voraussetzung zweckentsprechender Lebensbetätigung: das ist wohl 
der Nerv Descartesschen Denkens und Strebens. Wie ÖESCARrKS 
im „Üiscüurs de la m^thode" erzählt, hatte er diese unbezvs'eifel- 
bare Wahrheit erst durch ein Studium der Srhulwissenschaften, 
,,des lettres", zu finden ^chotft.*) Die vieljährigen Studirn haben 
ilin aber zu dt-r Ubcrzrugung gelüiirt, dali auch die widerspre- 
chendsten Anschauungen ihre überzeugten Vertreter gefunden 
haben, daß überhaupt nichts gedacht werden könne, was nicht 
schon einen begeisterten Verteidiger gefunden hätte.-) Der Leitung 
der Erzieher enthoben, verließ er deshalb diese Gefilde unfrucht- 
barer Stubengelehrsamkeit, um die Wahrheit im großen Buche 
der Welt zu suchen, getragen von der Überzeugung, daß im prak- 
tischen Leben, wo jedes falsche Urteil sofort bitter sich rächt, die 
Wahrheit gleichsam realiter sich manifiestiere, also nur geschaut 
zu werden brauche.*) Den Studienjahren folgen die Wanderjahre. 

") VI 4, ao - io,9 (Disc. I). — Ich verweise, so weit möglich, auf die im 
Erscheinea begriileae^ von Auam und I a.nnery besorgte, kritische Akademie- 
aiMgabe der Werke de» Dbscaktis and zitiere kurz mk Band-, Seiten- und 
Zeilenangabe. Im weiteren benutzte ich die Ansgabe von Cousin (zitiert mit 
Rand- und Seitenangabe, nebst vorgesetztem C), an entscheidenden Stellen 
auf die ersten Ausgaben zurQckgreifen«}. 

•) VI 5,15 - i6.5(Dim:. I). 

^Vl9ki7 — 9^98 — 10^96 (Diie. I). 



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9 



KAPITEL L 



Er wandert durcli die Welt, mehr als Beobachter denn als Akteur.^) 
Aber auch dies Blättern im Buche des Lebens lieferte kein be- 
friedigendes Resultat. Er fand in den Sitten und Gebrauchen der 
Völker ebenso viele Verscliiedenheiien wie vorher zwischen den 
Meinungen der Gelehrten. Zudem glaubte er zu erkennen, daö 
im allgemeinen nicht kUre und deutliche Erkenntnisse, sondern 
Gewohnheiten unii Beispiele das Handeln leiten.') Im Winter- 
lager an der Donau 1619 — 20 legte er sich Rechenschait dai über 
ab und faßte den Entschluß, auch auf diese Art des Wahrheits- 
forschens zu verzichten und an das eigene natürliche Erkenntnis- 
vermögen zu appellieren, d. h. mit Hilfe der seinem Geiste *zur 
Verfügung stehenden Mittel die Wahrheit zu suchen und so mit 
eigener Kraft, auf eigenem Grund und Boden, untrOgliche Weg- 
weiser für den Gang durchs Leben aufzustdkn.*) 

Dabei dachte er keinesw^ an eme Erkenntnisanhaulung» 
sondern daran, den Willen sehend m machen, d. h. seinen Geist 
so zu bilden, dafi er in jedem Momente den richtigen Weg zu 
weisen imstande sei. Bildung, nicht Wissen.*) Descartcs besdchnet 
seinen Aufenthalt in Neuburg 1619^90 als Ausgangspunkt seines 
originellen philosophischen Denkens und charakterisiert von diesem 
Gesichtspunkte aus die froheren Lebensperioden als ein Suchen 
der Wahrheit auf falscher Fahrte. [Ob dies tatsachlich auch der 
Fall gewesen sei, mag dahingestellt bleiben.] In seinem 33. Alters* 
jähre hat sich Descartbs selbst gefunden; im Winterlager an der 
Donau ist er der Descabtes der Geschichte geworden. 

Auf eigene Kräfte bauend, will er die Wahriieit suchen. 
Durch welches Verfahren? Dem Unternehmen voigangig mußte 
die Methode festgestellt werden, d. h., sichere, anfache Regehi, 
deren Beobachtung verhindert, dafi das Falsche als wahr ange- 
nommen werde, und unter deren Leitung der Geist allmahlicfa aur 
unbezweifdbaren Erkenntnis alles dessen vorzudringen vennag, 
was ihm Oberhaupt zuganglidi ist*) Es konnte nch allerdings 
kemeswegs darum handeln, neue Geisteskräfte zu schaffen, son- 
dern nur darum, die vorhandenen Idar und deutlich zu erkennen 



') VI 38,24 fDisc. ni). — Recherche de 1a v^ritt (C XI 339). 

*) VI 10, la — 16,20 (Diso. I. II). 

") VI i6,a8 — Jo,a8-i5,4 (Disc ü. 1). 

«) C XI 9014, ^ [Regqlae ij. — VI 10^19 (Dit& 

•) VI 17,3 (Diflc ü). — C XI ai6 (Reg. IV). 



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und zweckmäßig anwenden zu lernen.^) Das Verfahren, das bisher 
unbewußt zu unbezweifel baren Erkenntnissen geführt hat, soll be- 
wußt angewendet werden können. Logik, Geometrie und Algebra 
erheben den Anspruch, unbezwcifelbare Wahrheiten gefunden zu 
haben. Wenn dem sn ist, dann muß die wahre Methode in 
diesen DiszipHnen wirksam gewesen sein und durch eine Analyse 
ihrer methodischen Vorschriften erkannt werden können.*) Sehen 
wir näher zu; Die Logik zeigt, wie gedacht werden soll; sie 
schreibt gewisse Formen als Normen des Raisonnements vor.') 
Der Logiker resp. Dijilektiker vertraut auf die Erkenntniskraft der 
Form und kann durch lormale Schlußfolgerungen gelegentlich auch 
zu neuen Seins- Wahrheiten vordjingen; aber gar zu leicht ent- 
wischt der Inhalt diesen formalen Banden, und wer sich ihnen 
rückhaitios vertraut, verliert sich im Irrgarten hohler Spekulation, 
was jenen weniger leicht begegnet, die sich von dem „bon stns" 
leiten lassen. Die Erfahrung zeigt denn auch, daß die schönsten 
Syllogismen meist nur die Sophisten selbst täuschen und eigent- 
lich niemals jene Denker, die sich in der Erforschung der Wahr- 
heit nur des gesunden Menschenverstandes bedienen.*) Obwohl 
die Schullogik weiterhin den „gesunden Sinn ' eher korrumpiert 
als vermehrt, nuiem sie Gaukler dazu verleitet, nach Analogie der 
Kunst des Luilus über Dinge zu sprechen, die sie nicht kennen*), 
soll ihr keineswegs das Todesurteil gesprochen werden. An ihrem 
Platze ist sie von größter Bedeutung. Kann sie auch keinesw^ 
als ein untrüglich zu neuen Wahrheiten führendes Verfahren be- 
trachtet werden, so lehrt sie doch, bereits gefundene Wahrheiten 
klar und deutlich entwickeln und darstdlen. Sie ist somit ein 
TorzQgliches Mittel zur Obung der Geisteskräfte der 21öglinge, ge- 
hört infolgedessen der Rhetorik an und mufi aus der Philosophie 
ausgeschieden werden.^ So erstrebenswert die imponierende 
Sicherheit ihrer Sdiluflfolgerung erscheint, sie liefert keinen An* 
haltspunkt fOr die Erkenntnis der wahren Methode des Wahrheils> 
suchens. Dies scbemt eher der Fall m sein in Algebra und Geo- 
metrie, die zu unbezweifelbaren, evidenten Erkenntnissen geüQhrt 

') C Xi ai6f, ^Reg. IV). 

^ VI 17, II (Disc. II). 

») VI 18, II (Disc. II). 

*) C XI 355 (Reg X). 

■) Princ (lettre au trad.) 

*) C XI ao6, 356 {Reg. II. X). 



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4 KAPITEL I. ^ 

haben. ^) Aber abgesehen davon, daß der Inhalt dieser beiden 
Disziplinen völlig abstrakt ist, und ein praktischer Zweck über- 
haupt zu fehlen scheint, man hat darin den Geist allzusehr an 
Figuren und Zahlen gef)un(irn, als daß er durch deren Pflege 
eine wesentliche Förderung hätte erfahren können.') Rs bleibt 
also nichts anderes übrig, als die wahre Methode aus diesen fehler- 
haften Formen herauszuschälen"), und dies Unternehmen fiihrte 
Descartes zu seinen vaer methodischen Vorschriften. Dabei war 
die Überzeugung wegleitend, daß eine geringe Zahl streng ein- 
gehaltener Regeln weiter führt als eine große Menge der Auf- 
merksamkeit leicht entgehender Gebote.*) Auf ihre Wesensform 
zurückgeführt, lauten sie wie folgt: 

1. Nur als wahr anneiunen, was mein mt in bt /.wcitek weiden 
kann, was mit Hilfe unserer Erkenntnismittel als unbe- 
/weifelbar erkannt wird! 

2. Jede Schwierigkeit isi m so viele Teilprobleme uuliosen, 
als /;ur bestmöglichen Lösung notwendig erscheint I 

3. Der natürlichen Ordnung folgend, vom gedanklich Ein- 
fachen zum gedanklich Zusammengesetzten fortschreiten! 
Eine innere Ordnung ist auch da vorauszusetzen, wo sie 
sich äußerlich (empirisch) nicht manifestiert! ^ 

4. VolUtändige Aufzählung aller Momente, ao dafi man flber> 
zeugt sem kama, nichts vergessen zu haben! 

Nach fDiiooim de 1a mtithode* itunint diew knappe Fonnufieniog 

der Descartes'schen Methode aus dem Jahre 1619 — ao. Der «Discours* ist 
aber erst 1636 entstanden; es lAßt sich deshalb fragen, ob vielleicht die 
verkleidende dichterische i'hantasie bei diesem Kückbhck mitgewirkt and 
das tatsjehliche Verhiltnia modifisiert habe. Natokf achdiit dieser Aaakhk 
zu sein, wenn er die vier methodischen Vorschriften des «Discours' als eine 
VrrdichtuTiEr der ersten 12 Regeln der vorißsö, aber nach 1620 cntstandeoen 
yKegulae" bezeichnet.*) Mangels entsprechender Anhaltspunkte kann diese 
Anffassmig keineswegs abgewiesen werden; aber mit der nMmiirhm Beredt- 
tigung l&fit sich auch das Gegenteil verfediten, d. h. die 12 Regaine seien nur 
eine Frwciferung der schon 1619 entstandenen Vierzahl. Rein sachlich be- 
trachtet, müssen die aKegulae" wohl ^er als eme Erweiterung, als umge- 
kdut die 4 Discotirs-Vorsdirtflen sIs eine Zusammenfassung angeselien 
werden; denn innerhalb der ersten swMf ,Rq(uIae* sind eifcndidi nur vier 
selbständig, die acht anderen in iliaen etithahen, mit ihnen gegd»ca. 

') VI 19, 20 (Disc. II). 

») VI 17, »7 (Disc. II). ^ C XI a97 (Reg. XIV). 
•) VI 18, 5 (Disc. II). 

«) VI 18, 8 (Disc 0). C XI 3;<2 (Reg. i8j. 

*) Natorp, , J)BSCAitTB8* Erkenntnialbeorie", p. xds. 



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DIE METHODE: 



Regel I — I. methodische Vorschrift: Unbezweiieibare ErkeimlBiB. 

> 5 » fti » » Teilung der SdnrieriglniL 

- » 6 — ^ > » Vom rawftidifin mm Z^w mmen- , 

gesetzten. 

> 7 » 4. » » VoUstäiidige AufzÄhiung. 
Rigolte 9 mid 3 sind mit da- i gegeben. Die Regel 4: »La 

mCdlode es.t n^essaire pour la recherche de la v^rit6* ist im Grunde ge- 
nommen Oberhaupt keine Regel im Sinae einer mpthodischen Vorschrift. Die 
Rcfdn 8— la behandeln nur das Verhältnis der Regeln 5—7 zueinander, wie 
DfeKAims aeUMt un SehloMe dar 7* mid zu Beginn der 11. und n. Regel 
ausfahrt Dem Plane der „Regoke" liegt ein Zwfllferschema xntgraiide; das 
Werk snütp in Abschnitten von je ra Regeln durchgebüdft werden.*) Man 
wird deshalb anzunehmen versucht, der Schemazwang habe Descartes zur 
Aasweitung der vorher konzipierten vier Grundregeln gefflhrt Es liegt somit 
In jedem Falle kda Gnod vor, die Aopbe DncAitm sa beiweifeln, die 
Vkrzahl der methodischen Vonehriften stamme ans dem Jahre 



<) Siehe Sctatad» der zwölften Regel (C XI aBai). 



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I 

Kapitel IL 

Die Mathematik. 

« 

L La maüieiiiatlqite nnlveraelle. 

a) Um die so gewonnenen methodischen Vorschriften auf 
ihre Richtigkeit hin zu prOfen und zu handlichen „Werkzeugen** 
anasubikien, um seinen Geiat an ein untrügliches Raisonnement 
zu gewöhnen, fand Descartes als beatea Mittel ein Durchdenken 
der Mathematik, die bisher allein zu unbezweüelbaren Wahrheiten 
gelangt war.^) Dabei dachte er keineawega daran, alle mathema- 
tischen Disziplinen kennen zu lernen*), sondern nur Arithmetik 
und Geometrie, weil sie allgemein als die dnfachaten derselben 
bezeichnet wurden, durch deren Studium man sich zugleich die 
Wege für alle übrigen bahne.') Schon in La Fl^he hatten sie 
ihm wegen ihrer untrOgUchen Sicherhdt Freude bereitet.*) Jetzt 
las er die meisten jener Werke, die sich eingehender damit be- 
schäftigten, fand aber keinen Autor, der ihn vollständig befriedigte. 
Wohl beweisen die beigegebenen Figuren und Zahlen die Richtig- 
keit der Wahrheiten, aber nirgends gab es eine Antwort auf das 
Warum", nirgends wurde gezeigt, wie die Entdecker zu ihren 
Erkenntnissen gekommen waren. ^) Eine andere Mathematik muß 
den produktiven Mathematikem bekannt gewesen sein. In diesem 

') VI 19, a6 (Disc D) ~ C. XL 909^ 933 (Reg. II VI). 

*) VI 19. 29 (Disc. n). 

•> C XI ai9 (Reg. 4). 

^ VI 6» a — 7, 34 (Disc. I). 

*) C XI (R«g. 4) ~ Vn ^ IS (Re^ anz IL Obj.) — IX 005, 95 (Rep. 
anx Iiiat>i 



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DIK MATHEMATIK. 2 

Zusammenhangt- wird dann auch erklärlich, warum hervorragende 
Geister die Mathematik als unfruchtbare Spielerei bei Seite legen, 
nachdem sie sich einige Zeit damit beschJiftigt haben, wälirend 
sie von den Alten immer hoch in Ehren gehalten und deren 
Kenntnis geradezu als Vorbedingung der philosophischen Studien 
verlangt worden war.^) Dabei glaubt Descartes aber keineswegs, 
daß den .\ken das wahre methodische Verfahren vollständig be- 
wufit gewesen wäre. Nur Dank der Natüriichkeit ihres Denkens 
und Empfindens sind sie die richtigen Wege gewandert und haben 
die uns überlieferten mathonatischen Wahrheiten gleichsam su* 
fallig vom Baume der Erkenntnis gepflockt Unsere Aufgabe bfr- 
steht darum darin, diesen echten, weU fruchtbaren mathematischen 
Geist m eroeueni, das natOiüche Verfahren klar und deatlicfa n 
erCuien und bewufit anxuwenden, .um so die Mathematik ihrer 
höchst möglichen Eatwicklnngsform zuzufohren.^ 

Diese Erwägungen führten Descabtes somit vom Studium der 
Arithmetik und Geometrie cum Studium der Mathematik Ober> 
hanpt. Beachtend, daB jedermann ohne weiteres die der Mathe- 
BUitik mgehOrenden Aufgaben von andern sofort zu unterscheidea 
vermag, fragte er sich, was eif^ttich unter <tem Worte „Iifothe> 
matik" verstanden werde und wamm ihr nicht nur Arithmetik 
und Ge<Hnetrie, sondern auch Astronomie, Musik, Optik, Mechanik 
und so manche andere Wissenschaft beigezflhit werde. Die nähere 
Prtkfung fahrte ihn zur Oberzeuguag, dafi von Mathematik Oberafl 
da gesprochen werde, wo man eine Erkenntnis der Beziehungen 
und Verhältnisse zwischen Objekten erstrebe, und dafi sich die 
verschiedenen mathematischen Disziplinen nur durch die ver- 
schiedene Natur der Objekte voneinander unterscheiden. Daraus 
eingab sich als Konsequenz, dafi es eine Ober ihnen stehende 
Wissenschaft der Beziehungen und Verhlhnisse geben mflsse, die^ 
nnbekOmmert um die Natur, ja unbekümmert um die Frage der ' 
Eiistenz der Objekte, die möglichen VerhSltnisse zwischen mOg-v 
liehen Objekten prOfe, und dafi deren Durchbildung dem Streben 



«)CXIsi9»aai»(i^8.4K 

C XT 3i8 (Reg. 4). Möglich wäre allerdings, wie Desc an anderer 
Stelle bemerkt, daß die Weisen dies natürliche mathematische Verfahren be- 
wufit angewendet, aber al^ eiue Art Gebeimmittel den Blickeu weiterer 
Krdte vorenthalten hliteB: C. XI, ai8 IT (Reg. 4) — Vn 156^ 17 (Rep. «ax 
IL Olq.). 



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8 



KAPITEL II. 



vorauszugehen habe, die zwischen den speziellen, wirklichen Ob- > 
jekten bestehenden Verhältnisse festzustellen. For diese allgemeine 
Wissenschaft der Verhaltnisse akzeptiert er den alten und be- 
kannten Hünen der Universslmathematik, die Qh&A aUe jene < 
Elemente in sich bürgt, die die genannten ^ii**in»n Wissenschaft«! 
als mathematische Disziplinen eracbemen lassen.^) Allerdings — 
diese sind mathematische Disziplinen nur insofern und insoweit, 

-Tals es sich in ihnen um die Erkenntnis von Beziehungen handelt 
Dabei werden ihre Objekte keineswegs inbezqg auf ihre Qualität, 
sondern nur inbezug auf ihre Quantitflt, nicht inbezug auf ihre 
Natur, sondern inbezug auf ihre GrOfie miteinander verglidien. 
Daraus ergibt sich denn als weiteres Gharakteristikum der Uni- 

^ versalmathematik, daß sie es nur zu tun hat mit GfOienbeziehnngen, 
unbekOmmert dnrum, welcher Art dieselben seien und wo sie 
existieren, scUiefilich auch unbekOnmiert darum, ob sie tiberfaaupt 
irgendwo cadstieren. Kurz: die Gnmdtaga& der Univeisahnathe- 
mathik sind die logisch möglichen GrOflen, dieGrOfie acfalecfatiiin.*) 
Das Verhältnis zwischen GrOAen erkennen wollen, setzt eine 
klare und deutliche Erkenntnis derselben voraus. Ich habe also 

f zwei Akte wohl zu unterscheiden: die Eilcenntnis der Grundlage 
und die Erkenntnis der Verfaflltnisse. Behufs Eikenntnis der 
Grundlage muß ich jede einzelne Große fOx sich ins Auge fuaen. 
Es handelt sich um ein einfaches Schauen deraelben, um eine in» 
tuitive Erkenntnis. Will ich aber die Verfaflitniswahrfaeit erkennen, 
80 muß ich zwei oder mehrere einzahle Großen zugleich ins 
Ange fassen und miteinsnder vei^gleichen,*) die Wahrheit abo 
iddchsam ableite, abstrahieren, wozu es oft grüßen j><*hftrfMniiM i 
bedarf. Ist die Wahrheit aber einmal erkannt, dann präsentiert 
sie sich jederzeit von selbst mit ihrem Stempel der Unbezwcifcl- 
barkeit Sie braucht nicht mehr gesucht, sondern nur noch in 
und mit den Grundlagen geschaut zu werden. Die Verhältnis- 
wahrheiten sind also je nach dem Gesichtspunkte abgeleitete oder 
intuitive Wahrheiten; abgeleitet inbezug auf ihre Entstehung; 
indem sie durch Vergieichung aus den Grundlagen herausgehoben 
werden müssen, wozu eine gewnsse Bewegung des Geistes not- 

-4 wendig ist; intuitiv inbezug auf das Erkennen, indem sie als 

») C XI aaa f. (Reg. 41. 

•) C XI 096 (Reg. 14) - vn 3^3 (R«P- ans V. Obj.). 
*) C XI 096 (Reg. Z4). 



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DiE MATHEMATIK. 



9 



Wahrheiten nur geschaut zu werden brauchen. Das Erkennen der 
Grundlagen gestaltet sich nun für die Universalmathematik äußerst 
einfach; denn sie wählt resp. setzt sich dieselben selbst Sie istl 
sumit von der äußcfen Kriahrung vollstandij; unabhängig und hat 
es im Grurnie mit nichts anderem zu tun, als mit der Erkenntnis 
der Konsequenzen ihrer eigenen Setzungen.') Die Universalniatbe- 
matik ist von der Wirklichkeit unabhängig:, im f igentlichen Sinne 
des Wortes „une mathematique pure",^) une metapbysique de la 
matbematique.^) 

b) Die Größen. Die Grundlagen der Universalmathematik 
sind vom Verstände selbst gesetzte mögliche Größen. Es ist des- 
halb in erster Linie festzustellen, wie ich dieselben am vorteilhaf- 
testen setze: Die möglichen Größen sind rein logische, absträkte' 
Gebilde. Die Universalmathematik als Wissenschaft der Verhält-! 
nisse zwischen mogluhen Größai ist also eine rein geistige 
Wissenschaft, eine Wissenschaft de rinlelligence pure. Sich des 
Körpers entledigen und sich in rein logischen Gefilden zu be- 
wegen, bleibt äußerst schwierig, ermüdet rasch und führt leicht 
aut Irrwege. Die Intelligenz kann sich aber die Durchführung 
ihrer Aufgabe erleichtern, indem sie sich der ihr zui Verfügung 
Stehenden körperlichen Hilfsmittel bedient: der Einbildung (luia- 
gination) und der Sinne*); denn jede logisch mögliche Größe 
läßt sich in der Einbildung durch eine wirkliche Größe vorstellen 
oder weiterhin durch ein Objekt der sinnlichen Erfahrung reprä- 
sentieren. Natürlich wird sich die Intelligenz die einfochsten kör- 
perlichen Größen wählen, und das sind unstreitig die Linien. 
Jede denkbare Größe kann durch eine Linie veranaduuilicbt imd 
du Vcrblhms zwisdiett Linien am bequemslen duidi Linienver- 
hsitniw reprflsentieit werden. jDie Universalmathematik wird so 
zu einer Wissenschaft der Großen verhflltaiaae zwischen Linien 
und in dieser Fenn spesiell Geometrie genannt 

Jede einzelne denkbare GrOfie bildet ein einheitiicfaes, un- 
«nterbrochenes Ganzes. FOr gewisse Falle der GrOOenver^cfaung 
empfiehlt sich aber dne Umformmig derselben m eine gdNPodiaie 



0 C XI aoB (Reg. a). 
^ C XI :?3o f. (R«g. 6). 
•) U 490, 8. 
«) C XI 268 (Reg. la). 
C n ^ (R«f. 14) VI ao, lo (DiK. U>. 



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lO KAPITEL II, 

Grööe. Ich teile sie in zwei oder mehrere gleichgroße Teile. Be- 
trachte ich nun das Ganze in seinem Verhältnis zu den Teilen, so 
spreche ich von einem Messen; fasse ich aber umgekehrt die Teile 
in ihrem Verhältnis zum Ganzen ins Aujje. so sprechen wir von 
einem Zählen: das Messen ist ein Zciiikii, da^ Zählen ein Messen.^) 
Die einzelnen Teile werden „Einheiten" genannt, und chis Ganze 
wird zu einer Pluralität oder Zahl. Ich kann die Gruüc in be- 
liebig viele Teile gliedern, d. h. die Einheit ganz willkürlich fest- 
setzen, auch von Fall zu 1 all wechseln, aber niemals, solange die 
betreffende Größe als Objekt der einen, nainiiclicn Vergk ichuiig 
dient. Durch die Umformung der ununterbrochenen Größe in 
eine gebrochene, der „magnitudines" in ,multitidines* , wird die 
Gröfie an sich nicht geändert; sie erhält aber eine neue, die Ver- 
gleich ung in gewisseii Fällen erleichternde äußere Form. Die 
Zahl ist somit ein Hilfsmittel der Upiver»almathematik, und indem 
diese sich derselben bedient, erscheint sie «Is Wissenschaft dsr 
Verhältnisse swiscben Zahlen und wird dann spesicil Arithmetik 
genannt*) 

Die Zahl repritoentiert dne gebrochene GfOfie; an deren 
Veranschanlicbnng in der Imagination bedarf es deshalb 
keines besonderen HiUsmittels. Jede Gröfie Ulfit sich durch 
eine Linie darstellen. Die Unae veranschaulicht mm 

GrOde, ob ich sie nur als ttnnnfterbrochenea Ganiea oder 
als Zahl denke, und kann infolgedessen bald als ununter- 
brochenes Ganses, bald ab Zahl aufgefafit werden.^ Dieser 
Gedanke findet sich erst m der Geometrie von 1637; er ist den 
«Regulae* noch fremd. Diese veriangen zur Veranscbaii- 
lichung der Zahl ein apeaielles Hilfsmittel, die Funkle: die 
Zahleneinheit soll durch einen Punkt, die ZaUen sollen durch 
entsprechende Punktgruppen veranschanlicbt werden.*) 
Die Universalmathematik ist die Wissenschaft der Verhalt 
nisse zwischen mOg^chen Gröflen, die wir durch Linien veran* 
scbaulichen und in gewissen Fallen zu Zahlen umformen. Ihre 
Wahriieiten sind mit den einzelnen Gro6en gegeben und brsucfaen 
eigentlich nur geschaut zu werden. Die einmal geschaute, er- 

') C XI 305 (Reg. 14). 

C XI 309, 310 (Reg. 14J. 
^ C XI 311 (R«g. 14). 

C XI 311, 309 {Rcf. 15). 



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DIE MATHEMATIK. 



II 



» kannte Wahrheit bleibt aber nicht als solche immer aktuell im 

Geiste, sondern muß vom Gedächtnisse für spatere Bedürfnisse 
aufbewahrt werden. Das Gedächtnis ist scliwach und vergeßlich 
von Natur. Um die damit gegebene Fehlerquelle auszuschalten, 
hat der menschiiclie Geist den Gebrauch der Schnft emgeführt. ^) 
Als Sriii ii:;zcichen könnte pic^entlicli schon dir die Größe veran- 
schaulichende Linie resp. Linienkombination angesehen werden. 
Es erweist sich aber nl«? vorteilhafter, die der Vergleichung zu 
gründe lir^< nc]( n Gröücn mit den Buchstaben des kleinen Alpha- 
betes 1 I zt K hnen und, um die Zahl der gleich sj^roßen Teile an- 
zudf uien, die entsprechende Zahl der Finheitsbezeichnung voran- 
zusrt/pn, so daß z. B. 2a bedeutete; Das doppelte einer Größe, 
a genannt usw. 2) Durch eine spezielle, konventionelle Zusammen- 
stellung dieser Zeichen iJlßt sich das Verhältnis zwischen den 
Größen bequem zur Darstellung bnngen. Indem wir dadurch den 
Geist von jeder unnötigen Belastung befreien, ermöglichen wir 
ihm auch, mehrere Verhältnisse zugleich ins Auge zu fassen, den 
,,Auffaösungsumkreis* nicht unwesentlich zu erweitern.') In dieser 
Conventionellen Zeichenschrift dargestellt, wird die Universal- 
matlieinaiik Algebra genannt.*) 

Der Universalmathematik stehen somit drei Hilfsmittel zur 
Vert'iigiitij^: T. Veranschauli« iiung der GrolSen durch Linien, 2. Um- 
fomiuiis^ dci uuuiuc rbiüchenen Größen in Zahlen, 3. kurze Zei- 
chenschrilt — und je nach der Anwendung des einen oder anderen 
derselben gewinnt sie einen ganz anderen Anblick. Sie erscheint 
als Geometrie, wenn die gedachten Größen als fortlaufende Ganze** 
ins Auge gefaßt und durch Linien dargestellt werden; sie erscheint 
als Arithmetik, wenn wir die nämlichen GrOfien in Zahtei um-*' 
fonncn und nichtsdeBiDweniger doch durch Linien danleUen; sie 
erscbeiirt endfieh ab Al^hra, wenn wir uns zur Fixierung derResnl-*' 
täte und damit des ganzen Vei^Ieichungsprozesses kurzer, ko» 
ventioneller Zeichen bedienen. Geometrie, Arithmetik und Algebra 
sind somit drei venehiedene DarateUungsfonnen der Universai- 
nathematik, nicht deren Inhak, sondern deren Holle.O Sie kann 



■) C XI 3x3 (R«g. 16). 

•) C XI 314 (Reg. 16). 
•) VI ao. 5 (Disc. II). 
«) C XI aaa (Reg. 4). 
C XI SI8 Oteg. 4). 



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KAPITEL IL 



in jeder dieser drei formen voll und ganz zur Darsteüuni^ kommen, 
was denn auch dazu s^eführt hat, sie auseinander zu reißen und 
als selbständige Disziplinen ins Auge zu fassen. Wir haben es 
dabei aber nicht mit verschiedenen Wissenschaften zu tun, sondern 
mit einer Wissenschaft in drei verschiedeiu n Formen. Jede 
geometnscli dargestellte Wahrheit kann deshalb auch arithmetisch 
und algebraisch dargestellt werden. Was sich geometrisch durch- 
führen läßt, kann auch arithmetisch durchgeführt werden und 
umgekehrt.*) Jedem Linienverhälttiis entspricht ein Zalilenver- 
hältnis, jeder Linienkonstruktion eine Zahlenoperation, und die 
algebraische Form bildet die kürzeste Schreibweise m dem einen 
wie im anderen Falle. 

Für die Praxis bleibt noch die Fraj^e zu beantworien, wann 
das eine und wann das andere Hilfsmittel angewendet werden 
soll. Die algebraische Darstellungsform luiJl sich allenthalben mit 
Vorteil anwenden, so daß wir nur zu prüfen haben, wann es sich 
empfiehlt die Grössen als ununterbrochene Ganze, wann als Zahlen 
au&ttfassen; in die Schulsprache übersetzt: wir haben zu prüfen, 
wann die Arimethek und wann die Geometrie angewendet werden 
solL Für eine Beantwortung der Fnge itt in erster Linie zu be- 
achtetti dafl es auch unmefibtre Gr^Jflen gibt, daß also nidit aile 
GrOfiea in Zthlen nn^oirat werden kennen, wahrend sich aber 
umgekehrt alle GrOfien leicht durch Linien dantdlen lassen.^ 
Es empfiehlt sich deshalb for die Pnms folgende Regel: Haben 
wir dn Verhältnis zwischen GrOfien festzusteUen» so fassen wir 
diese zunftchst als imnnterbrocbene, durch Linien zu veranschau* 
Behende Ganze ms Auge und prüfen nach DurchfOhrung der geo«- 
metrischen Konstruktioni ob sich vieUeicht durch eine Umformuqg 
der Großen in Zahlen noch eine weitere Vereinfachung der Lö- 
sung finden lasse.*) Die Geometrie wird so zur Grundform der 
Universalmathematik, und die Arimethik erscheint ihr gegenflber 

'als ein eventuell verwendbares, sekundäres HilfsmitteL 

c) Inhalt der Universalmathematik; Verhältnisse. 
Die Universahoathematik Iflfit sich definieren als Wissenschaft der 

'Verhaltnisse zwischen möglichen GrOfien. Ans ihrem Wesen ei^ 
geben sich zwei grundverschiedene Probleme: Ich habe entweder 

*) II 504, 1 (CeomeU'ie). 

^ 0e fieamie: Notie br«v«s p. 107. 

"I C n 3x5 (Reg. jß^ 



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DIE MUTHEMATIK, 



das Verhältnis zwischen gegebenen Größen fesuustelJ ti ier aber \ 
bei gegebenem Verhältnisse fehlende Größen aufzusu* [n n. fm 
ereteren Falle sprechen wir von Feststellungen (des propositions), \ 
im letzteren von Auigal)en (des questions).*) 

Eine ^Feststellung" (proposition) nennen wir ein Problem, 
wenn es sich darum handelt, das Verhältnis zwischen klar und 
deutlich bekannten Gröben festzustellen. Das Verhältnis ist in 
und mit den Größen gegeben und braucht nur geschaut zu werden. 
Von einem eigentlichen Suchen kann nicht die Rede sein; denn 
die VValuiieit ist nicht versteckt; es handelt sich nur um ein Be- 
obachten, Schauen, Feststeilen. Will ich das Verhältnis zwischen r 

r 

Größen feststellen, so muß ich diese mitnuaider vergleichen. 
Jede Vergleichung verlaaigL, daß eine Größe als Grundlage, gleich- < 
sam als Norm diene, womit die anderen Größen zu vergleichen 
sind, Erstere nennen wir absolute, letztere relative Größen.*) 
Vergleiche ich nun zwei Größen miteinander, die eine als absolut,^ 
die andere als relativ fassend, so ergibt sich immer ein Gleich, 
ein Mehr oder ein Weniger, also Gleichsetzung, Ober- oder Unter« 
Ordnung, kurz ein bestimmtes Ordnungs Verhältnis. Ich kann^ 
wdtcFgehend auch das Mafl dieser Ungleichheit bestimmen, d. h. 
das Verhältnis der beiden GrOfieo zueinander in einer bestimmten 
Grafie ausdrücken woQen.*) Um dies zu enndglichen, bedarf es 
ein9 neuen dritten GrOese, die als MaB der einen wie der aiF 
deren GrOfie dient und Veiigleicfaseinbeit genannt werden lcann,v 
Sie bildet das Fundament der Veiigleichung, den festen Punlct, auf 
den alles bezogen wird.*) Nehmen wir beispielsweise zwei GrOfien 
a und b. Sie miteinander ver^eichend erkenne ich, daS die GrOfle 
b der GrOfie a übergeordnet ist Will ich weiter das Mafi der 
Ungleichheit feststellen, so wähle ich eine dritte GrOfle als Ver« 
gleichseinheit und sehe nun, daS a 5, b 8 sokher Einheiteii 
zfthlL Es ist also 5 : 8 das zwischen a und b bestehende, ge- 
messene Verhältnis, ein Mafi Verhältnis. Auf diese Weise läfli 
sicfa jedes Ordnungsverhältnis durch Anwendung einer beliebigem 
dritten GrOfle alsVeigleichseinheit in em Maßverhältnis Qberftthren.>) 



') C XI 263 (Reg. la). 

') C XI 227 (Reg. 6). 

•j C XI »97 (Reg. i4). 

♦) C XI 308, 322 (Reg. 14, x8). 

•)CXl309fnSaS<R«g.l4t4)- 



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KAPITEL IL 



Amnerkniigvwewe ein Wort zur Wahl der Var^delua'iiheitt Jede be- 
liebige GrOBe kann gewählt werden; sie kann aisu auch gleich sein einer der 
beiden gegebenen Größen: sie sei z. B. gleich der Größe a, dann erhalte ich 
das MaflverhftltniB i : i */«• Weiter: Die einzelnen GrOfien können in Zahlen- 
werte wngeformt werden. Die Vergleiehaeinheft kann nnn ^ekh aein dar 
Zahleneinheit, i^e dafi sie es zu sein brauchte. Habe ich z. B. zwei GrOBen 
miteinnnrier 711 vergleichen, die schon vorher in die Zahlenwertc 15 und ao 
umgeformt worden sind, so \v.ihle ich als Vergieichseinheit nicht die Zahl i, 
aondem eine der Zahl 5 entsprechende Gr06e, dadurch dai Maflverhlltiüa 
3 : 4. featstellend etc. 

Um die Verhältnisse festzustellen, bedarf es einer Vergiet- 
chiing der GrOfien miteinander. Zwei Formen der Vergleichung 
sind möglich und damit auch zwei Arten der Feststellung 
von Verhflltnissen: direkt und mdirekt.') Ich habeswei GrOfien 
(durch Linien repriaentiert), zwischen denen das Mafiverhaltnis 
X : 3 bestehe und bestimme nun das Doppelte von a d. h. 4, weiter 
das Doppelte von 4 d. h. 8 usw., so daß awischen den auf- 
einanderfolgenden Grofien i, 2, 4, 8, 16 usw. immer das nSmliche 
Verbftitnis i : a besteht, dafi sich also veihalt x : a b 3 : 4 ^ 
4 : 8 s 8 :- x6 etc. Dabei ist ohne weiteres eraichüichf dafi das 
Mafiverhaltnis keineswegs von der abaohiten GrOfie der Grundlage 
abbflng^ nt, sondern dafi dem nflmlidien Verhältnis die verschie- 
densten Grofienpaare genügen können. Es zeigt sich aber auch, 
dafi sich zu jedem VerhSlmis mit Leichtigkeit direkt fortschrei- 
tend eine fordaufende Verhaltnisreihe bilden lafit; mit Leicfatig* 
kmt; denn dabei sind immer nur zwei GrOflen zugleich ms Auge 
WBL fassen. — Schwieriger ist aber das indirekte Aulsuchen der 
Vefhaltnisse resp. Verbflltnisreiben. Ab Grofien seien gegeben x, 
9, 4, 8^ 16 etc. Vergleiche ich die beiden GrOfien i und 4 mi^ 
emander, so erkenne ich schauend, dafi sie durch zwei gleiche 
Verhältnisse miteinander verbunden smd i : 3 und 3 : 4. Ebenso 
stehen die Größen 3 und 8 durch zwei gleiche Verhältnisse mit» 
«inander in Verbindung, a : 4 und 4 : 8, ebenso die Grossen 4 
und z6, 8 und 3a etc. Jedesmal habe idi die beiden Extreme 
und das Mittelglied, nutdere Proportioaale gemmnt, zugleich ins 
Auge zu fassen, also drei GrOfien, was diese indirekte Fest- 
stellung der Verhaltnisse eben schwieriger macht Die Schwie- 
rigkeit steigert sich, wenn ich die beiden Größen i und 8 als 
Extreme fasse; denn die GrOfie 8 steht durch drei Teüverhfllt- 



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DIE MATHEMATIK, 



nisse t : 2, 2 : 4, 4 : 8 mit der .\us^;ingsg^röße in Verbindung, so 
daß also vier Größen zugleich ins .\ugc i.\x lassen sind: die beiden 
Extreme und zwei mittlere Proportionale. Stehen aber zwei Ex- 
treme durch vier Verhältnisse miteinander in Verbindung, wie i 
und 16, so kann deren FeststeUnng erleichtert werden, indem ich 
erst eine Zweiteilung vornehme und hernach zwei weitere Zwd- 
teililngcn, d. h. indem ich zuersi die mittlere der drei mittlem 
Proportionalen und danach die beiden anderen snccesaiv be> 
atimme, so dafi «ich der FaU des Anüracbens von drei nutderea 
Propoitioiialeii nrOckfiSbren lafit auf den eisten Fall des Auf- 
auchens einer mittleren Ptopotionale. Um einen Grad 8c]iwie> 
riger ist aber der FaU, wenn zwischen den beiden Extremen, z. E 
I und 32, fOnl gleiche Verhältnisse bestehen, also vier Propor- 
tionale; denn sechs verschiedene GiOfien sind zugldcfa ins Ange 
an fassen. Sofern sich die folgenden Falle des Auisuchens von 
5, 6, 7 etc. milderen Proportionalen nicht auf frflhere Falle aurOck- 
ftduren lassen, so wird deien Dorchf&hrung immer schwieriger, 
iiulem immer mehr GrOfien mit einem Blicke er- und umfaflt 
sein wollen. 

Damit soll nur das eine gezeigt sein, dafl die Verhaltiusse 
direkt und indirekt festgestellt werden kfionen: direkt und ohne 
Schwierigkeit, wenn ich eine fortlaufende Reihe bilde, indirekt 
und mit inmier stdgender Schwierigkeit, wenn idi zu zwei £z- 
tremen die die Veifaaknisse bildenden mittleren Proportionaien 
feslsteUe.^) 

Von Aufgaben (des questions) sprechen wir, wenn zu einem 
bekannten Verhältnis die entsprechenden GrOfien bestimmt werden 
tollen. Sind die Gr^tflen bdcannt, so ist damit anch das Ver* 
haltnis gegeben und braucht nur geschaut, erkannt zu werden. 
Ist aber das Verhältnis bekannt, so sind damit nicht auch die 
Größen bestimmt; denn das Verhältnis ist immer mehrdeutig. 
Von der absoluten GrOSe der Grundlage vollständig unabhängig, 
können ihm unendUch viele Gi ößenpaare genflgen. Durch das 
Verhältnis allein sind also die Größen nicht eindeutig bestimmt; 
es ist infolgedessen notwendig, dafi nebst dem Verhältnisse noch 
eine der Großen bekannt sei, wenn es sich um ein Verhältnis 
zwiadien zwei GrOfien handelt. Zum Wesen dner Aufgabe 



•) C XI 4331 3»>t 319 (R«g.<k 17. »ä). 



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i6 



\ (question) gehören somit drti Stücke: i) ein bekanntes Verhältnis, 
2) eine unbekannte Größe und 3) die Unbekannte muss weiterhin 
durch bekannte Elemente eindeutig bestimmt sein'), so daß sich 
als Problem ei^bt, mit Hilfe eines gegebenen, bekannte und un- 
bekannte Größen vereinigenden Verhältnisses die Unbekannte zu 
suchen.*) Wie dies möglich ist, haben wir in folgendem fest- 
zustellen. 

In erster Linie ist das Problem klar und deutlich zu erf lusen 
\ und von allen überüQaaigen Konzeptionen zu befreien.*) Ich durch- 
gehe zu diesem Zwecke alle Elemente und suche vor allem das 
Verhältnis klar und deutlich heraoszuhebeD. Um dies zu er- 
leichtem, denke ich mir die unbekannten Gr5fien voiUtaifig als 
bekannt, sie durch ein chaFakteristisches Zeichen von den bekannten 
unterscheidend. Da sich zur Bezeichnung der GrOfien überbaiqit 
die Verwendung der Buchsttd)en des kleinen Alphabetes empfiehlt, 
können zur Fizierung des Unterschiedes die bekannten GrOilen 
mit den Anfangsbuchstaben a, b, c etc., die unbekannten mit den 
Endbuchstaben z, y, z etc. bezeichnet werden.^) (5. Anmerk.) 

Ich prttfe alle Elemente so lange, bis es mir möglich wird, 
die unbekannte GrOfie in zwei verschiedenen Formen auszudrücken, 
die einander gleich gesetit werden können und so eine Gleichung 
bilden.*) Die Gleichung reprisentiert also das Problem in semer 
knappesten Form, und die Losung desselben wird zu einer Losung 
der Gleichung.*) Finden sich in einem Plroblem mehrere Unbe* 
\kannte, so mufi ich so viele Gleichungen bilden können, als Un- 
bekannte vorhanden sind, sonst ist es unlösbar.*) 

Je nachdem es sfeh um ein Ordnungs- oder um ein Maflver* 
haltnis handelt, wird die Gleichung und damit die Losung eine 
andere sein. Fassen wir zunächst den ersten Fall ins Auge: 

Aumerkung: Diese Bezcichaungsart wird erst in der aüeonietrie' voa 
1^7 eingeftthrt. Die .Regtike* schlagen vor, die bekuuMen Grfiflen mit den 
Buchstaben des Udoen, die unbekannten aber mit jenen des großen Alpba- 
beMss zu bezeichnen; es ist die Ton Viin eingefahriie algebraische Schrettn 
weise. Siehe Regel 16 (C. XI, 314). 

*) C XI 985 390 (Reg. 13). 

») C XI 319 (Reg. 17). , 

•) C XI 285 (Reg. 13). 
C V 316 (Geom. Ij. 

*) C V 316 L (Geom. I). 

•) C V 418 f. (Geom. III). 

0 C XI aaa (Reg. 18). 



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DIE MATHEMATIK. vt 

die unbekannte GrOfie sei durch ein Ordnungsverhältnis mit den 
bekannten verbunden und dadurch eindeutig bestimmt. Zwei 
Mfiglichkeiten sind nun zu unterscheiden: i. Verhält sicli die Un- 
bekannte zu mehreren bekannten GrOfien wie das Ganze 2U seinen 
Teilen, so haben wir die letzteren nur zusammenzuflOgen. Diese 
Operation wird Addition genannt Bezeichnen wir die Unbe- 
kannte mit z, y oder x, die Bekannten mit a, b, c etc , so er- 
geben sieb ohne Schwierigkeit für die Unbelcannte zwei Ausdrucks- 
formen, X einerseits, a-|-b-|-c anderseits, die einander gleich ge- 
setzt werden können und so die Gleichung bilden x== a-j-b -|- c. 
2. Ist ein Teil gesucht, während wir das Ganze und den Über* 
Schuß desselben über den gesuchten 1 eil kennen, so haben wir 
nur diesen vom Ganzen wegzuschneiden; die Operation wird 
Subtraktion genannt. Bezeichnet x die Unbekannte, a das Ganze, 
b den Überschuß des Ganzen über den gesuchten Teil, so erhalte 
ich die Gleichung x-}-l)--a oder a — b. Addition und Sub- 
traktion sind di^' h-^iden einzig mögHchen Operationen , um mit 
Hilfe eines Ordnungsverhähnisses unbekannte Größen aufzusuchen. 
Dabei bleibt zu beachten, daß die Größen absolut gefaßt sind und 
die Unbekannte in und mit den Bekannten absolut gegeben ist.^) 
Es bleibt nur noch nachzutragen, daß wir zur Veranschauiichung 
die einzelnen Gröfien mit Vorteil durch Linien repräsentieren, sie 
zusammenfügend oder trennend.*) 

Wenden wir uns dem zweiten Falle zu: Ein Maßverhält- 
nis sei gegeben, beispielsweise das Verhältnis 1:5. Damit eine 
uiiljekannte Größe daduixh eindeutig bestimmt sei, muß eine 
Größe bekannt sein; diese sei a, die unbekannte x genannt. Zwei 
Möglichkeiten bleiben nun zu erwägen. Die bekannte Größe a 
kann sich zu der unbekannten verhalten wie 1:5. Dabei ergeben 
sich für die Unbekannte die zwei notwendigen Ausdrucksformen 
atx und 1:5, die einander gleichgesetzt werden können und so- 
mit die Gleichung bilden a:x -- 1:5 — Das Verhältnis kann aber 
auch ein indirektes sem, diu bt kannte Größe a kann sich zu der 
unbekannten Größe x verhalten nicht wie 1:5, sondern umgekehrt 
wie 5:1, wobei die Gleichung entsteht a:x=5:i. Die Zahl i re- 
präsentiert die Vei^leichseinheit; sie Icann als besondere Größe 
angesehen werden, auf welche alle Qbrigen vei^leichsweise be- 

*) C XI 32a (Reg. 18). 
•) C XI 335, 311 (Reg. 18). 



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XB KAPITEL iL 

zogen werden. Die Zahl 5 wäre dann die weitere bekannte Größe, 
die fünf solcher Größr nr inheiten enthält Sei d.T^ \^erhältnis 
direkt oder indirekt, so habe ich also eigenilu h immer drei be- 
kannte Grööen i, 5, a, zu denen <'ine iinhf kannte vierte GröÖe 
gesucht werden muß. Unsere beult n rnöglK hen Aufgaben lassen 
sich deshalb auch tolgi nrlnmalien formulieren: i. Aufsuchen einer 
Größe, die sich zu der einen Bekannten fa) verhält, wie die andn c 
(5) zur Emh< it (x"n"5:i). 2. Aufsuchen einer GröÜe, die sich 
zu der euien Bekannten (a) verhält, wie die Einheit zu der andern 
Bekannten (5). (x:a=i:5). Wird das Grundverhaltn;^ 1:5 voran- 
gestellt, so ergeben sich die beiden möglichen t undamentai- 
gleichungen: 

1. i;5™a:x ^dnt ktes Verhältnis). 

2. i:5 = x:a (induekus Verhältnis). ^ 

Die zur Lösung der ersten Gleichung führende Operation 
wird Mull ] iik iLioii genaiuit. Die Divibion löst die zweite Gleichung. 
Multiplikation und Division sind die beiden einzig möglichen 
Operationen, die mit Hilfe eines bekannten Maßverhältnisse!» eine 
fehlende Größe aufsuchen lehren.') 

Multiplikation: Das Verhältnis sei ein direktes, d. h., ich 
habe eine Größe zu suchen, die sich zu der einen bekannten 
Größe verhält w ie die andere zur Vergleichungseinheit, mit anderen 
Worten, ich soll zu einer bekannten Größe eine unbekannte 
suchen, so daß sie das Verhältnis 1:5 bilden. Zur Lösung der 
Aufgabe stellen wir die einzelnen Größen als Linien dar, so daß 
wir zu den drei bekannten Linien i, 5, a, eine vierte, ununtei^ 
brochene Linie z geometrisch zu konstruieren haben* Grund- 
lage der Konstruktion bildet der durch „FeststeUnng* erkannte 
Lehrsatz: Gleichltegende Seiten ähnlicher Dreiecke sind pro- 
portional,*) Ich trüge auf dem Schenkel eines beliebigen Winlodt 
die als Einbdt gewählte Linie ab, auf dem anderen Schenkel die 
Linie 5, konstruiere zu dem dadurch sieb bildenden Dreieck ein 
Ihnliches Dreieck mit der auf dem Einheitsschenkel abgetragenen 
Seite a. Die der Seite 5 des ersten Dreiecks entsprechende 
Seite des neuen Dreiecks stellt die gesuchte Große z dar. Sollte 
weiterbin zu dieser GräAe x eine neue Gr5fle gesucht werden, 

') C V 313 <G«om. I). 

») C XI 324 f., 322 (Reg. 18). 

•)1V3B.9. 



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DiE MATHEMATiK, 



»9 



zu der sie sich verhält wie 1:5, so konstruiere ich ein neues äbn* 
liches Dreieck, tn dem die Gröl^r i und die eben ^fandene 
Grflfie X auf der nflmlicben Seite liegen etc. 




Habe'n wir auf diese Weise <\'\f' gesuchte Größe kunstruiert, 
so wSre noch zu prüfen, ob sich vielleicht durch Umformung der 
ununterbrochenen Zahlen nicht noch ein einfacheres Verfahren, eine 
Vereinfachung der Lösung ergeben könnte Es lassen sich die 
meisten Größen in gebrochene umformen und durch Zahlen zur 
Darstellung bringen. Die Zahleneinheit kann indenlisch sein mit 
der Vergleichseinheit, braucht es aber nicht zu sein. Beachten 
wir zunächst die erste Möglichkeit, wonach der VVrgleichseinheit 
die Zahl i, der Größe 5 die Zahl 5, der Größe a zum Beispiel 
die Zahl 7 entspricht. Damit nimmt die Fundamentalgleichung 
die Form an 1 :5 = 7:x und läßt sich umformen in die Gleichung 
x = 5-7, eine als Multiplikation bezeichnete Operation der Arith- 
metik. Der gedankenlose, zum Mechaniker herabgesunkene Rechner 
vollzieht diese Opetatiua, ohne an die Grundlage derselben zu 
denken; Sinn und Geist der Operation sind ihm verloren ge- 
gangen. Er vervieÜacht 5 mit 7, ohne daran zu denken, daß er 
dabei eine neue Größe sucht, die zur Größe 7 in dem nämlichen 
Verhaltnisse steht wie die Größe 5 zur Einheit, daß also die 
Zahl 5 eigentlich das gesehene GruodverhSltnis reprtsentiert, d. h. 



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90 



KAPITEL II. 



dafi dem ganzen Prozesse eine Gittfeneinheit zu Grunde liegt, 
die nur der Kürze halber nicht mitgeschrieben wird.*) — Ke 
Zahlcneinheit braucht keineswegs gleich zu sein der Vergleichs» 
einheit; so bildet z. B. die Zahl 3 die Vergleichseinheit in der 
Gleichung 3:4-^5: z; eine Gleichui^^ die der Praktiker umformt 



Wir haben einen Spezialfall der Multiplikation besonders ins 
Auge zu fiassen: Die nebat der Einheit gegebenen Großen seien 
gleich oder identisch. Z. B.: In unserer Grundform i:5^a:z 
seien die GrOfien 5 und a gleich oder gar id^tisch, so dafi ich 
erhalte i:a»a:x oder i:5 = 5:x, das heifit, es ist eine GrOfie 
zu suchen, die mit dem gegebenen Verhältnisse eine direkt fort* 
laufende Verhdltnisreibe bildet Ffir den Praktiker ei^ibt sich 
daraus die einfache Multtplikationsformel a . a« a* oder 5 ■ 5 = 25, 
d. h. eine GrCfie ist mit sich selbst zu multiplizieren.^ Der me- 
chanische Rechner hat die Grundlage vergessen und ist damit 
auch zu einer ganz falschen Interpretation des Zeichens a* gefohlt 
worden. Werden die GrOfien i und a durch Linien dargestellt, 
80 kann die mit ihnen in Beziehung stehende unbekannte GrOfie 
a* doch nur eine Linie sein, niemals eine Flache. Linien und 
Flachen lassen sich niemals miteinander veigleichen in bezug auf 
ihre Grofie, sondern nur Linien mit Linien, Flachen mit Flachen. 
Mit a* wird also auch eine Linie bezdchnet, eine Linie, die sich 
zur Linie a verhalt wie diese zur Einheitslinie. Die Zahl 3 in dem 
Zeichen a* soU also keinesw^ ein Quadrat andeuten, sondern 
st^n, dafi die betreffende Große resp. Linie durch 3 Verhaltnisse 
mit der Einheit in Verbindung stehe i:a und a:a^ Die Große 
a' oder a steht mit dieser durch ein einziges Verhältnis in Be- 
ziehung I :a. a* bezeichnet eine GrOfie, die mit der Einheit durch 
a und a* verbunden ist, also durch 3 gleiche Maßverhaltnisse usw. 
Kurz: Die Zahlen 2, 3, 4 usw. in den Ausdrücken a*, a*, a^ usw. 
geben die Zahl der Beziehungen, rö^. Verhältnisse an, die zwi- 
schen den so bezeichneten GrOfien und der Veigleichungseinheit 
bestehen.») 

DescaI^ti:«; erzahlt in den „Regulnc" 16 ), diese Ausdrücke hatten auch 
ihn lAngere Zeit getauscht Wahrend er aber in den ^^egulae" jenen Tdl 

') C XI 323 (Reg. 18). 

») C XI 323 (Reg. 18). 

') C XI 315 (Reg. 16). — C V 315 ^Geom. 1). ' 

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DIE MATHEMATIK. ai 

der Konstruktion noch bestehen licö, der zu dieser Täuschung geführt liatte, 
weiß er denselben in der „Getunetrie" Ton 1^7 auszuschalten. Wie oben 
•nsgenUirt, wird in diesem Werke die geometrisdie Kcnutroktioii der Haiti'' 
plikatinn auf den Satz zurückgefQhrt, daß in ähnlichen Dreiecken die ent- 
■ sprechenden Seiten proportional sind. Linien bilden den Ausgangspunkt der 
Konstruktion, und eine Linie ist deren KesuUat. Nicht so in den „Kegulae". 
Hier verwendet DiscAftTis eine gns andere Konstmktioa. Ifit Hilfe der 
i>eiden durch Linien repräsentierten Größen konstruiert er ein Rechteck, 
dessen Fläche die g:esuchte neue Größe repräsentiert. Da es oft notwendig 
wird, das erhaltene Produkt wieder als i^^aktor einer neuen Operation und 
inf<rigedeeten «k Seite eines neuen Redlleckes zn benOtzen, so muß die 
FlächengröSe in eine Liniengroße umgeformt werden können. FOr den Geo- 
meter eine leichte Aufgabe: Aus einem gegebenen Rechtecke ist ein anderes 
Rechteck mit einer gegebenen Seite zu konstruieren. Die ,^egulae" bedOrfen 
nbo ZOT Vermsdunilidiang der Mvltqilikstion zweier Kenstmktioaen nnd andi 
zweier Hilfsmittel: der Linie nnd der Fläche (Reg. 14, 18). Ist nun eine Größe 
mit •=ich selbst zu multiplizieren so i^t das Produkt gemäß der Regulae- 
Konstruktion nicht mehr ein Rechteck, sondern ein Quadrat über dieser Seite, 
wns den prsktisclien, den Zusammenhang ▼ergessenden Rechner dem ver- 
fOhrt hat, in dem Ausdruck a' ein Quadrat, in a* einen Kubus zu sehen, 
während doch die damit bezeichneten GrOflen voQstftndig gleicher Natnr sein 
mttssen wie die Aasgangsgrößen. 

Division wird dir zur Lösung des indirekten VerhJlltnisscs 
führende Operation gtn;innt. Eine Größe soll gesucht werden, die 
sich 7.U der einen Bekannten verhalt wie die Einheit zu der anderen 
Bekannten, also x : a - i : 5 oder i : 5 x : a. Werden die Größen 
als ununterbrochene Gnnze gedacht und durch Linien dargestellt, 
so laßt sich die gesuchte Linie leicht konstruieren mit Hilfe des 
für die Multiplikation oben angedtuit l< ri Lehrsatzes von ähnlichen 
Dreiecken. Arithmetisch gedacht, spreclien wir von einer einfachen 
Division bei gegebenen Dividenden und gegebenem Divisor; 2. ß. 
i:5«x:7, woraus sich (Or den Praktiker eingibt x = 7 : 5 oder 

So weit bietet also die Divisiuu keine Schwierigkeiten. Diese 
stellen sich aber ein, wenn wir den Speziallall ins Auge fassen, 
der in gewissem Sinne jenem der Multiplikation entsjiricht; wenn 
eine Größe gesucht werden soll, die sich zu der bekannten Größe 
9 a verhält, wie sich die Einheit zu ihr verhält, also x:a=ii:x 

oder i:x = x:a. Diese zweite Schreibweise zeigt deutlich, daß 
es «ch hier um das Aufsuchen der mittleFen Proportionale zwi« 
acfaen den GrOflen i und 8 handelt Es können weiter auch zweip 

>) C XI ^ (Ref. 18). 



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KAPITEL IL 



drei, vier imd inelir mittlere PropoitioBale gesucht seiii, 90 dafi 
mehrere, immer schwieriger werdende FiUe unterschieden werden 
mUnen. Bexeiduiea wir die verschiedenen gesudHen Prapor* 
tionnlen mit den Endbuchstaben z, y, x, w usw-^ so erhalten wir: 

i:z«2:a (i mittlere Prop.). 

i:2=it:y = y:a (a „ „ ). 

i:zsz:s-«y:x— xiW'x'wra (4 „ „ ) usw. 
Wir stellen die bekannten GiOAen durch Linien dar und 
fragen nun zuerst, wie sich die unbeikannte resp. die unbekannlen 
GrOflen geometrisch konstruieren lassen. Die KonstnddiQn 




einer mittl» rt n Proportionale ist unter diesem Namen allbekannt 
und leicht durchlührbai durch Anwendung des Zirkels, d. h. des 
Kreises als Hilfsmittel. Sollen aber /wei mittlere Proportionale zu 
I und a konstruiert werden, so bt clurten wir nebst d» Kreises 
noch eines weiteren Hilfsmittels und zwar eines Krg. Isrimtttes: 
der Parabel, der Ellipse oder der Hyperbel. Die Konstruktion 
von 4, 6 und mehr mittleren Proportionalen verlan^it die Anwen- 
dung immer komplizierterer Kurven, Kurven immer höheren 
Grades. Kreis, Kegelschnitte und Kurven höheren Grades sind 
also die Hilfsmittel zur Konstruktion gerader Linien, der mittleren 
Proportionalen.') 

Eine mittlere Proportionale läßt sicli konsu uieren vermittelst 
des Kreises; sie ließe sich aber auch konstruieren mit Hilfe der 
Kegelschnitte oder komplizierterer Kur en. Zur Konstruktion von 
zwei mittleren Proportionalen müssen die Kegelschnitte angewendet 
werden. Wir kämen aber auch ans Ziel mit Kurven höheren 
Grades. In jedem einzelnen Falle werden wir uns aber natürlich 
des einfachsten Hilfsmittels bedienen, d. h. das bequemste Ver- 
fahren anwenden. — Der Kreis ist im allgemeinen das Konstruk- 
tionshilfsmittel für eine mittlere Proportionale. In gewissen 

•) C V 387, 313, 339 (Geom. lU). 



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Di£ MATHEMATIK. 



Fällen lassen sich mk seiner Hilfe aber auch zwei Proportionale 
konstruieren, wozu sonst im allgemeinen die Kegelschnitte an« 
gewendet werden müssen. Mit deren Hilfe können in gewissen 
Fallen auch vier Proportionale konstruiert werden usw. Dag^;en 
wOrde der Versuch nie ans Ziel führen, mit Hilfe des Kreises 
4 Proportionale oder mit Hilfe der Kegelschnitte 6 Proportionale 
konstruieren zu wollen. Diese Angaben sind Ergebnisse der Er- 
fahrung. Es wäre aber wünschenswert, in jedem Falle zum vor- 
aus schon sicher feststellen zu können, durch welches Konstruk- 
tionshilfsmittel das betreflfende Problem sich am einfachsten lösen 
ließe. Ein solches Erkennungszeichen finden wir durch eine 
Prüluni^ der Gleichungen, die die Probleme in knappster Form 
darstellen. Ich bilde so viele emzelne Gleichungen, als Unbe- 
kannte gesucht werden sollen. M Diese verschiedenen Gleichungen 
weiter einzeln und unter sich prüfend, suche ich .sie auf eine 
einzige Gleichung zurückzuführen, in der nur noch eine Unbe- 
kannte, aber im zweiten, dritten ofler in einem höheren Grade 
erscheint. Diese Reduktion ist unmer möglich, wenn das Problem 
mit Hilfe des Kreises, der Kegelschnitte oder Kurven höheren 
Grades konstruiert werden kann.-) Weiter ergibt sj( h iann die 
Regel: Die Auflösung einer Gleichung mit der Unbekannten im 
zweiten Grade ist geometrisch möglich durch Anwendung des 
Kreises als Konstniktionshilfsmittel; zur geometrischen Kon- 
struktion einer Gleichung mit einer Unbekannten im drillen und 
vierten Grade bedarf es der Anwendung der Kegelschnitte; 
Kur\'en höheren Grades sind iu>t\s>'ndig zur Konstruktion von 
Gleichungen höheren Grades, und zwai um je einen Grad hOher, 
je nachdem es sich um Gleichungen mit einer Unbekannten im 
5. oder 6., 7. oder 8., 9. oder lo. usw. Grade handelt: kurz zu- 
sammenfassend : 

Gl. mit einer Unb. 2. Grades = Kreis a. ilillsnuL ^ Kurven 
Gl. „ , „ 3. u. 4. „ «Kegelschnitte. j i. Grades. 
Gl. „ ^ ,. 5. u. 6. „ = Kurven 2. Grades. 
Gl. » „ „ 7. u. 8. „ = Kurven 3. , usw. •) 

Wird das Spezialproblem der Division arithmetisch gefaßt, 
d. h. werden die ununterbrochenen Größen zu 2^hlen umgefmmtf 



*) C V 317 i^Geom. I). 
^ C V 318 (Geotn. I). 
■) C V 331, 409, 414 (Geom. I, UI), 



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«4 



KAPiTEL iL 



so wird die erste mittlre* Proportionale allgi ninn Wurzel" ge- 
nannt und das Aufsuchen derseiben Wnrxelausziehen". Je nach 
dem Grade spricht man von Quadrat-, kubikwurzekuszieben usw. 
und schreibt kurz 

Die der Universalmatbematik gestellten Probleme schetnatiach 
xusammenstelleiid, erhalten wir folgendes Bfld: 

I. des propositions: GrOfien gegeben; das damit ge- 
gebene Verhältnis ist festzustellen! 
Q. des questions: Mit Hilfe bekannter Verhaltnisse zwi- 
schen bekannten und unbekannten Grilien letztere 
zu bestimmen! 
I. Das gegebene Verhältnis ist ein Ordnungsverfaflknis: 
Verhältnis der Teile zum Ganzen. 

a) Addition: Teile gegeben, das Ganze gesucht. 

b) Subtraktion: Das Ganze gegeben, ein Teil ge- 

sucht 

3. Das g^ebene Verhältnis ist ein Mafiverhältnis. 

a) Multiplikation: Das Verhältnis sei ein direktes, 

T : 5 = a : X. 

a) HauptM: Multiplikation einer Größe mit einer 

anderen, von ihr verschiedenen Größe. 
j9) Spezialfall: Multiplikation einer GrOfie mit sieb 

selbst. 

b) Division: Das Verhältnis sei ein indirektes, 

T : 5 = X : a. 

a) Hauptfall: Dividend und Divisor gegeben. 
ß) Spezialfall: Aufsuchen der mittleren Froportio- 
nal«'n resp. Wurzelausziehen. 
Vier Operationen smd notwendic: und möglich, um mit Hilfe 
bekannter Beziehungen eindeutig bestinniite, unbekannte Größen • 
zu bestimmen. 2) Addition und Subtraktion sind die beiden einzig 
■ möglichen Wege, eine Unbekannte aufzusuchen, die in und mit 
den bekannten Größen in ire^end einer Weise absolut gegeben 
ist. Multiplikation und Division bezeichnen die zwei Möglichkeiten, 
mit Hilfe eines Maßverhältnisses Unbekannte zu bestimmen, die 

') C XI 3x6, 3^17 (Reg. i6, i8). 
*) C XI 3»i f. (R^ x8). 

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keineswegs mit den bekannten Ele menten absolut gegeben sind. 
Eigentliche Schwierigkeiten, geometrisch und arithmetisch be- 
trachtet, bietet nur der Spezialfall der Division, der denn auch 
von jeher die Hauptaufmerksamkeit der Mathematiker erlordert hat. 
Den ZusamiTif^nhang vergessend, sind diese bald auch dazu ge- 
kommen, ihn herauszulösen und als besondere Operation aufzu- 
fassen. Damit ist aber die Richtlinie mathematischen Denkens 
verloren gegangen und dieses unfruchtbar geworden.^) 

Soll irgend ein Problem gelöst werden, so müssen wir das- 
selbe zunächst zu einer Gleichung in der möglichst einfachen Form | 
zu verdichten suchen. Deren Natur genau prrifend, köiinen wir 
im voraus feststellen, welche Konstr ukiionsliüisinittel die geome- 
trische Darstellung verlangt und welchi r rechnerischer Operationen 
die arithmetische Entwicklung bedarf. In der Aufstellung der 
Gleichung und in der Prüfung deren Natur liegt somit der Schwer- 
punkt der Lösungen Die weitere Durchführung ist Sache des 
mechanischen Könnens, des geometrischen Konstruierens und des 
mechanischen Rechnens. 1643 bemerkt DtsCARTES ausdrücklich, 
er hätte sich mit den speziellen mathematischen Problemen jeweils 
nur solange beschäftigt, bis die Gleichung lestgestellt und die 
Losung-sarL klar ersichtlich geworden sei, die eigentliche Lösung 
den mechanischen Rechnern und Konstrukit urs überlassend. 2) 

d) Die Schulmathematik. Die Schule soll für das praktische 
Leben vorbereiten. Sie muß also den Zögling auch in den Sinn und 
Geist mathematischen Denkens einführen und darin üben. Die Uni- 
versahnathematik als Wissenschaft der möglichen Verhältnisse zwi- 
schen möglichen GrOflen ist deshalb eigentliche Schulmathematik. 
Säe umfafit zwei TeQe: Feststellung der Veriiähmsse bei gegebenen 
Gr&fien und Auf suchen fehlenderCrOfien bei gegebenem Verhältnisse. 
Zur bequemeren Durdif Qhrung ihrer Aufgabe stehen ihr drdi Hilf»* 
mitlel zur Verffigung: Kurse Zeichenschrift; Veranschaulicfaung 
der abstrakten möglichen GrOfien durch anschauliche Linien; Um- 
farmung derselben in Zahlen. Je nachdem sie sich des dnen 
oder anderen Hilfsmittels bedient, gewinnt sie einen ganz anderen 
Anblick, kann aber in jeder dieser drei Fonnen vollständig zur 
Darstellung kommen. Praktische Gesichtspunkte, d. h. der Mathe- 
matik an sich vollständig fremde Erwägungen, haben die Schule 

*) C V 314 (Geom. 1). 

*) C IV 46^05 (Nov. 1643). CXI ai8 (Ref. 4). 



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KAPITEL iL 



dazu gefohlt, diese Formen voneinander zu trennen, Geometrie, 
Arithmetik und Algebra als besonders durchzulührende Sdniktts* 
ziplinen zu b€;traditen. Darob war der innf^re sachliche Zusammen- 
hang vergessen worden; man glaubte es mit drei vollständig von- 
einander unabhängigen Wissenschaften zu tun zu haben. Die Er- 
neuerung des dieselben ursprünglich belebenden und dirigierenden 
Greistes, d. Ii. des echten, schöpferischen, mathematischen Denkens 
erkannte Descartes als dii- unbedingt notwenciige Voraussetzung 
einer fruchtbaren Rpsrhättigung mit diesen Disziplini n 

Die Universell niaihematik wird Geometrie genannt, wenn 
die abstrakten Gi ' L!» n durch Linien dargestellt werden. Die Geo- 
metrie als Teil d« s Schulprc^rammes kann Hesfialh als Wissen- 
schaft der Verhältiii ssr zwischen Linien definiert werden: es ist 
die in der Betrathtun 2, der Linienverhältnisse zur Darstellung 
kommende Universalmatiiematik. Diese soll der Zögling durch 
jen<^ Form hindurch erfassen lernen. Die Schul -Geometrie sucht 
einerseits die mit efegebenen Linien zuerleich gegebenen Verhält- 
nisse zu erk( jini n, amiererscits zu bekannten Linien mitteis be- 
kannter Verhältnisse unbekannte Linien /.u k instruieren.*) Bedarf 
der Geometer zur Durchfühiiing der Konstniktionen nur gerader 
Linien und des Kreises (d. h. des Liatal-s und des Zirkels) als 
Hilfsmittel, so werden die Probleme „des probl^mes plans* ge- 
naniii Sind zur Konstruktion weiterhin noch Kegelschnitte 
(d. h. cnLs{)rechende mechanische Werkzeuge) notwendig, so 
spricht man von ,,des probl^mes solides"; müssen noch kompli- 
ziertere Kurven angewendet werden, so haben wir es mit soge- 
genannten ^probl6mes plus que solides" zu tun. Da erstere d. h. 
„les probl^mes plans" kaum nennenswerte Schwierigkeiten bieten, 
kcmzentricrte und konzentriert sich das Hauptinteresse und die 
Haupttfltigkeit der Geometer auf die flbrigen Probleme^ auf das 
Aufsuchen der mittlereii Proportionalen.*) Die Arithmetik iSflt 
sfefa di£meren ab Wissenschaft der Verhältnisse zwischen Zahlen; 
durch diese Form hindurch sollen die Zöglinge den echten mathe- 
matischen Geist erfassen lernen. Die Schularithraetik stdit sich 
das nämliche Zid wie die Schulgeometrie, sucht es aber mit 
einem anderen Mittel zu erreichen. Da die mO^chen Probleme 
der Universalmathematik — namentlidi die einfacheren — in 

') C XI 3i3f (Geom. Einleitung), vgl. IV, 38, 9. 
^ C V 4i8r, 333 (Geon. DI). 



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27 



ihra- arithmetischen Form teichter durchfOhrbar sind als in da* 

geometrischen Hülle, i^ man dazu gekommen, die die ent- 
sprechen<ltn Lösungen bezeichnenden Ausdrucke: Addition, Sub- 
traktion, Multiplikation und Division nur den aritlimetischen Ope- 
rationen beizulegen, obwohl sie mit demselben Rechte auch auf 
die geometrischen Formen resp. Konstruktionen angewendet werden 
können.*) In der Algebra prsrhemt die IJntversahnathematik im 
neuesten Kleide. Sie will hier durch ein System äußerst kurBcr, 
bequemer Zeichen hindurch erfaßt sein. 

Geometrie. Arithmetik und Algebra sind drei Hilfsmittel der 
Schule, um den Zögling in den Sinn und Geist der Mathematik 
einzuführen und in echt mathematischem Denken zu liix n Ditsf 
drei Schuldisziplmen sind also nicht Selbstzweck, sondern Mittel 
zum Zweck. 

e) »La Geometrie" von 1637. DtscAKiLb will die Schul- 
mathematik beseelen, den produktiven mathf^matischen Geist er- 
neuem. Er glaubt dies Ziel erreicht zu haben unt seiner während 
des Winters 1619/20 konzipierten Universalmathematik. Von ihr 
aus gesehen liefien sich alle bereits gelösten mathematischen 
Probleme leicht und ungezwungen durchführen, selbst jene, die 
ihm vorher recht schwierig erschienen waren.*) Daß der ge- 
wonnrnr Stand] lunkt der richtige sei, das konnte nur dann als be- 
wiesen angesehen werden, wenn es gelingen sollte, für die Schul- 
mathematik bislier unüberwindliche Schwierigkeiten zu Liberwinden. 
ÜKSCARTES wendet sich deshalb dem Problem von Pafpus zu, das 
weder die Allen noch die Schulmathematiker zu lösen vermocht 
hatten. Durch dessen Lösung war der Beweis von der Richtig- 
keit seiner Auffassung der Mathematik erbracht, im weiteren aber 
auch von der Richtigkeit seiner Methode. Im Jahre 1637 läSt 
Descartes seine vier Essays ausgehen, um durch diese FrQcbte 
wamr Philosophie deren Vorzug vor der gewöhnlichen Pbüosopfaie 
zu doknnientieren. Dabei vertraut er vor allem auf den vierten 
Essay, seine »Geometrie*.*) 

Wdcfaes ist der Inhah der ^Geometrie*? Was ist Ziel land 
Ricfadittie des Werkes? Die bisher auf diese Fragen gegebenen 
A n two r ten gehen unvereinbar weit auseinander. Suchen wir einen 

') C XF 3<3 (Geom. I). 
•) VI 20, »3 (Discllj. 



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KAPntJL IL 



festen Standpunkt zu gewinnen. Die „Geometrie" soll durch Dar- 
stellung des Prohlcmcs von Pappus die Fruchtbarkeit sciru r Philo- 
sophie bcwtriscn. Den Hauptakzent legt Descartes also nicht 
auf die Losung des Problems, sondern auf seine, diese Lösung er- 
möglichende Auflassung dt r Mathematik als Bestandteil seiner 
Philosophie überhaupt. Er greift denn auch etwas weiter aus und 
stellt die ganze Geometrie dar, so wie sie ihm unter dem Ge- 
sichtspunkte seiner Universalmatiieniatik erscheint Diese will 
durch jene hindurch gesehen sein. Die Universalmathematik als 
solche hätte in den „Regulae" zur Darstelluiig kommen sollen; 
sie brechen aber mmitten der Aiisführung ab. In dem Fnig- 
mente komnit indessen der leitende Gesichtspunkt doch un- 
zweideutig zum Durcbruch, so dafi dasselbe in gewissem Sinne 
als Kommentar der „Geometrie" von 1637 angesehen und benützt 
werden kann. 

„La Geometrie* ist eine Darstellung der entsprechenden, 
vom echten, fruchtbaren mathematischen Geiste getragenen Schul- < 
disziplin. Die übliche Einteilung beibehaltend, behandelt Descartes 
in einem I. Teile ,les probldmes plans", d. h. alle Probleme, die mit 
Hilfe des Uneak mid des Zirkds, d. h. mit HUfe gerader Linien 
und des Krdses konstruiert werden können. Die keine Schwierig* 
keiten bietenden geometrischen DarsteUm^gen der Addition, Sub- 
traktion, Multiplikation imd Division werden eüdeitungiweise, mehr 
andeutend als ausführend, abgetan. Das HMuptmteresse gilt dem 
einfachsten Probleme innerhalb des SpesialfaUes der Division, der 
Auflösung einer Gleichung mit einer Unbel^nnlen zwdtei^ Grades 
(des Pktiblemes von Pafpus). In dem dirdft sich anschUeflenden 
OL Teile weiden dann »les probl^mes solides* und «les probiimes 
plus que solides* daigestellt, d. h« jene Probleme, zu deren 
IdOsung nebst dem Kreise noch Kegekchnitte und Kurven höheren 
Grades notwendig sind. Die Teile I und m smd die beiden 
Hauptstacke, le fand der «Geometrie*. 

Kreis, Kegelschnitte und Kurven höheren Grades sind Kon* 
struktionshilfsmittel. Will dar Geometer sicher zum Ziele gelangen, 
seine Konstruktionen mechanisch sicher durchfahren, so mufi er 
vor allem .diese Hilfsmittel genau kennen. Eme PrOlung derselben 
ist in erster Linie vorzunehmen, und dieser Aufgabe ist der ü. Teil 
der Geometrie gewidmet, betitelt: »Ober die Natur der Kurven.* 
Sachlich bildet also dieser zweite Teil nur dne Einlage des 



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»9 



Welkes; als selbstflndige Partie gefafit, fftllt er ats dem Ganzen 
heraus; er ist nicht organisch mit ihm verwachsen. Vielldcht war 
dies auch der Grund, warum Descartes daran dachtet diesen Teil 
umzuarbeiten, gleichsam umzuwenden in eine «Bestimmung der 

geometrischen Orte*.^) 

Die mittleren Proportionalen können auf verschied«ie Art 
und Weise konstruiert werden. Man wird natürlich immer die 
einfachste Möglichkeit wählt n und z. ß. niemals einen Kegelschnitt 
anwenden, wenn sich die Aufi^ahc durch Anwendung eines Kreises 
konstruieren ließe. Wollen wir abet dieser Forderung gerecht 
werden, und in der Wahl der Hilfsmittel nicht einfach dem Zufall 
Oberlassen sdn, so mOssen wir ein Erkennungszeichen suchen. 
Dies kann nur gefunden werden in der Natur der Gleichung, die 
das Problem in knappster Form darstellt Das Studium der Glei- 
chungen bildet deshalb eine weitere Voraussetzung der Geometrie, 
und Descartes fügt seinem Essay eine zweite Einlage bei: „Über 
die Natur der Gleichungen". 

,,La Gf^omrtrir" von 1637 «'ndiält somit zwei Hauptteile 
[Teile I und iiil und zwei Einlagen; die eine derselben: ,,Über 
die Natur der Kurven" bilden äuüerlicli eincii bcsondtM-en Teil des 
Werkes (Teil II), di<' andere: ,,Über die Natur der Gleichungen" 
eine T^inla^e des diittcn Teiles. Auf Details des Werkes einzu- 
gehen, würde zu weit füiiriMi und ist auch nicht meine Aufgabe. Es 
kommt der Geschichte der Mathematik zu, zu zeigen, was Des- 
cartes in mathematischen Details, z. B. in bezug auf Lösung der 
Gleichung und in bezug auf Erkenntnis der Kurven Neues go 
leistet hat. Ich liabe Dl&caktes als Philosophen zu betrachten, 
d. h. den leitenden Gesichtspunkt herauszuheben und tlie Details 
in die ihnen zukommende, untergeordnete Stellung im Gedanken- 
ganzen zurückzuweisen. 

Descartes bezeichnet seine Geometrie" als eine Frucht 
s(nner Methode, die erst 1636, wälircad der Drucklegung der „Me- 
teoren" ihre Formung erfahren habe.') Ihre Entstehung muß aber 
scheinbar ziemlich weit zurück datiert werden. Sie enthält die zu 
einer Darstellung der ganzen Geometrie erweiterte Lösung des 
Problemes von Pafi'U5, so daß in bezug auf die Entstehungsfrage 
zwei Teile wohl unterschieden sein woUen: Die Geometrie als 

») U 638, i8. 
•) I 458, 5. 

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3^ 



Ausdrucksfonn der Universainiathematik und das speziellt' Problem 
von Pappus. Wann ist crstere konzipiert und durchgebildet 
worden? Nach „Discours de ia m^thode" hat sich Descartes 
während d» s Winters 1619/20 zwei bis drei Monate ausschließlich 
der Mathematik gewidmet und, entsprechend i>eigetügter summa- 
rischer Angabe der Resultate, damals seine Univcrsalmatheinatik 
konzipiert. Er betont besonders, gegen Ende der Periode entdrrkt 
zu haben, daß es möglich sei, in bezug auf jedes überhaupt 
mögliche Problem zum voraus zu bt-^tanmen, wir weit und mit 
welchen Mitteln eü geiost wti ücn k()nne.>) Damit ist doch ziemlich 
deutlich der Inhalt der „Über die Natur der Gleichungen" be- 
titelten Einlage der „Geometrie" gezeichnet. 

LiPSTORPius teilt weiterhin mit, Descartes hätte un Jalirc 
1620 (11. Nov.?) entdeckt, wie mit Milfe der Parabel Gleichungen 
mit einer Unbekannten im 3. oder 4. Grade konstruiert werden 
können.*) 

Damit ist auch die 1 lauj.lpartie des dritten Teiles der ,, Geo- 
metrie" von 1637 sachlich gegeben, und es ergibt sich, daß die 
Geometrie, als Form der Universalmathematik, in den Haupt- 
punkten bereits 1620 durchgebildet gewesen sein muß. 

Wann hat Descartes das Problem des Pappus gelost? 
5. April 1632 wird es als gelöst bezekfanet. 1631, wahrscheiBUch 
in der zweiten Hälfte des Jahres, ist es ihm von Gouus nahe 
gelegt worden.") Die LOsung mufl somit auf den Wiitter 1631/2 
angesetzt werden und scheint Descartes fonf oder sechs Wochen 
in Anspruch genommen zu haben.*) 

f) R6sume. Die Universainiathematik ist eine Manifestation des 
■menschlichen Geistes, eine rein geistige, rein logische Wissenschaft 
Die mathematischen Wahrh(Mten ^md logischeWahrheiten, natürliche 
Früchte der Tätigkeit „de rintelligence pure", die .bicli der Ein- 
bildung und der Sinne nur als Hilfsmittel bedient. Wohl sind 
diese Waiirheiten für unser menschliches Erkennen auch Erfah- 

•) VI 21, 3 fDisc. II). - l 480, 5. 

*) LipsTORFius: Specimina philos. carL p. 79, vgL Baiujlt 1 70 und 
Iaaud: Desc. p. 6. 

*) I 044, 4. Ich gltttbe kaain, dafi der Brief in dem Simie urterprcidert 

werden kann, als hätte Descartes während dieser 5—6 Wochen die Lösung 
gesucht, aber nicht gclundciu Er will doch sagen, die Lösung habe auch ihn 
5 — 6 Wwcben hingehalten. 

*) U SSt 9— v|ß. Anmerkg. der HemiBgeber '**t A^f «*tgr^*' I ^5. 

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DiE HATHBMATIK, 



riingswahrheiten; aber die Intellingenz selbst erzeugt die Erfah- 
ning.s()l)ipkte; der ganze Inhalt der Universalmatheinatik ist somit 
nur eine Konsequenz ihrer Setzungen. Sie kümmert sich nicht 
darum, ob diese Gnmdlagen in der Wirklichkeit existieren oder 
nicht. Eis sind mögliche Gröfien, und sollte ihnen auch keine 
Existenz außerhalb des Geistes zugesprochen werden können, die 
daraus abgeleiteten mathematischen Wahrheiten wären nichtsdesto- 
weniger doch unbedingt wahr und unhezvveifelbar. Wenn auch 
nicht seinswahr — scinswahi im g( bi auchlichen Sinne von phy-' 
sischem Sein — so sind sie doch logisch wahr, logisch seiend.') 
Der menschliche Geist stellt sich in der UniversainiaiJiieinatik 
alle nur denkbaren , d. h. möglichen Sciuvicrigkeiten , nicht Uiu 
ihrer selbst willen, sondern um seine Kräfte daran zu erproben 
und zu üben. Es handelt sicii also um ein Spiel der Intelligenz, 
geleitet von dem Streben derselben, sich selbst durchzubilden, die 
eigenen Kräfte zu handlichen Werkzeugen für die Praxis des 
Lebens auszubilden. Die Universalmathematik ist Mittel zum Zweck, 
nicht Selbstzweck.') Nicht daß wir dabei neue Geisteskräfte zu| 
bilden imstande wären; es kann sich nur darum handeln, diei 
schon vorhandenoi natOrlicheo Krilte bewufit anwenden zu lemenJ 
Sie sind alle schon wirksam gewesen, ehe der menschliche Geist 
darQber zu reflddieren begonnen hat Sie haben in dem naiven 
(d. h. nicht reflektierenden) und einfachen Altertum, da man noch 
auf die Stimme seiner wahren, unverdorbenen Natur hörte, die 
oberlieferten mathematischen Wahrhehen als natürliche Früchte 
gezeitigt Die in der Natur der Sache liegende Logik hat die 
Denker unbewuflt dazu geführt Diese lebten m und mit der Natur, 
ohne sich Uber den dabei sich abspielenden geistigen Vorgang Rechen* 
sdiaft abzulegen.*) Das natOrlidie DenlKn war nodi lange durch 
den Wust «verdorbenen* Wissens hindurch wirksam und hat ge> 
legentiich noch zur Erweitmmg mathematisdien Wissens geführt 
Der echte mathematische Geist spricht hell und klar aus den 
Werken des Archmedes*); er madit sich auch noch bemerkbar, 
wenigstens spurenweise, in den Werken des Pafpus und des 
DioPHANTOS, die nicht mehr der eigentiichen Blütezeit angeboren, 

') I 145. 7- 

») C XI 253, 29Ö iReg. 10, 13), — C V 31b (Oeom. 1). — VI 7, 26 (Disc. I}. 
•) C V 321 (Geoin. I). — C XI, 317 (Reg. IV). 



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KAPITEL II. 

die s< heinbar auch beinahe alle auf die Grundlagen der Mathe* 
matik sich beziehenden Stellen später ausgeschieden haben, 
vielleicht um ihre darauf ruhenden Resultate in höherem Glänze 
erscheinen zu lassen.') Dann aber verschwindet der echte mathe- 
matische Geist: die Matlicmatiker werden 2U gedankenlosen 
Rechnern und Figurenierhnikem; man verliert sich in mystischen 
Zahlenspekulationen und ermüdenden Figurenkonstruktionen. Die 
Seele der Mathematik ist verloren g<'jE;anccen, und die von ihr ehe- 
mals erzeugten körperhchen Hüllen werden als leere Schahh>n» n 
sklavisch durch die Jahrhunderte niitg(^schleppt.'0 Endlich, in 
unserem Jahrhundert haben einige groöe Geister den echten ma- 
thematischen Geist wiedt r /u beleben versucht, und daß sie sich 
auf der richtigen Fahrte bewegt haben, zeigt die von ihnen ein- 
geftlhrte Algebra.'') Aber noch ist der Geist allzusehr Sklave ge- 
wisser Formeln; er ist nicht trei; er klebt zu ängstlich am Stoffe. 
Der äußeren mat« riellen Banden enthoben, muß er sich in sich 
selbst sehen, sic h seiner eigenen Krfifte klar bewußt werden und 
dieselben zielbewußt anwenden lernen. Ks erübrigt also der Akt 
der Selbstbefreiung und der Selbsidurchbildung. Nur so wird es 
möglich werden, die von der Antike in der Mathematik begonnene 
Arbeit ans Ziel xxi führen, die Mathematik zur höchsten Voll- 
kommenheit durcluubilden.*) 

Damit ist eigentlich das V^erhältnis Descartes zur Ma- 
th tniatik seiner Zeit bereits bestimmt. Die Schule hat die Re- 
sultate der „natürlichen", „unbewußten* Mathematik des iVltertums 
in einer Menge von P igiirenkonstruktioncn und arithmetischen 
Rechenexempeln wohl tiberliefert, aber als isolierte, aus dem be- 
lebenden Verbände herausgefallene Früchte. Diese werden einzeln 
fOr sich geprüft, und nachprüfend findet Descartes, daß sie an 
Steh alle voUständig richtig, einwandfrei, imbezwdfdbar sind. Er 
sucht aber weiter nach einem „Warum" dieser einzehien» etoug^r 
Tischen Tatsachen, und weil die Schule keine Antwort darauf zu 
geben vermag, forscht er selbst danach und entdeckt den inneren 
organischen Zusammenhang. Er setzt die einzehen mathematischen 
Talsachen in ihr Abhangigkeitsveihftltnis zurück; er belebt die 

') C XT 221 (Reg. IV). Vn 156^ X7 <Rq>. «oz D Obj,>. 

*) C XI 2i9f. (Heg. IV). 
■) C XI 217, 22a (Reg. iVj. 

*) 1 480,5. 



I 



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DIE MATHEMATIK. 



33 



Schulmatfaeniatik, indem er ihr die Seele zurückgibt. DescarteS 
ist weder Geometer noch Algebraist» noch Arithnietiker; er ist 
Mathematiker schlechthin. Im Grunde ist er aber auch nicht Mft- 
thematiker; denn nicht die mathematischen Wahrheiten als solche 
uiteressieren ihn, sondern das in der Mathematik sich dokumen- 
tiarende Geistesleben. Er beschäftigt sich mit der Mathematik als 
Philosoph und gibt der durch hervorragende Mathematiker seines 
Jahrhunderts ins Leben gerufenen Bewegung einen sicheren Rück* 
halt durch eine klare und deutiiche Erkenntnis der leitenden, 
natOrlichen Tendenzen. 

Wie ist er dazu gekommen? Rein empirisch. Die von der 
Schule oberlieferten mathematisrhen Wahrheiten waren fOr ihn 
ebenso viele unbezweifclbarc Erfahrungstatsachen, in dencm sich 
tlas menschliche Geistesleben manifestierte. Sie lieben sieli des- 
halb gei.stig nacherleben Bei diesem Nach-Denken galt sein 
Hauptinteresse aber nicht der Wahrheit als solcher; er belauschte 
die dabei sich manifestierende Geistestätigkeit und gelangte so, 
reflektierend, allmählich zur Erkenntnis jenes mathematischen 
Denkens, das diese einzelnen Tatsachen erzeugt hatte oder erzeugt 
haben konnte. Er erzählt, daß er nach verhältnismäßig kurzer 
Zeit auch jene Probleme mit Leichtigkeit durchdacht habe, die ihm 
früher grofie Schwierigkeit bereitet hatten. Er glaubt sich deshalb 
auf jenem Wege, auf dem die produktiven Mathematiker des Alter- 
tums gewandert sind, der allein zu neuen mathematischen Wahr- 
heiten führen könne, und der ihn denn auch tatsächlich zur Lösung 
des Problems von Pappus geführt hat. Hat er den Tatsachen- 
bestand der Mathematik seiner Zeit noch weiterhin bereichert? 
Dies festzustellen, ist .\uf:^abe der Geschichte der Mathematik, die 
noch der Lösung haJ S L. Du. Frage berührt mein Vorhaben — die 
leitenden philosophischen Gesichtspunkte hervorz ulieben — nur 
indirekt. Descartls schwebte ein höchstes Ziel vor, dem er un- 
ermüdlich zusücbte. W\nn wir ihn am Wege Früchte pflücken 
sehen, die sich ihm eigentlich von selbst darbieten und ihn zum 
Weiterwandern auf diesem Wege ermutigen, so dürfen wir dabei 
nicht verweilen, sondern mOssen dem rastlosen Wanderer folgen 
wid mit ihm das Endziel unvenUckt im Auge behalten. 

Mem hat Descartes schon zu Lebzeiten vorgeworfen, er 
bfttte die Mathematik als solche Überhaupt nicht positiv bereichert, 
er biete z. B. in besug auf Algebiu nichts, was nicht VitiE schon 

J«mctt»n, Rca4 DwtarM. 3 



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^ KAPtTEL IL 

klarer und präziser daigestellt liabe. Aus. solchen ürteUen spricht 
der enipiriadie gegen den (^philosophischen* Mathematiker. Zur 
Verteidigung macht Descartes auf seine Regel Ober die Zahl der 

möglichen Wurzeln einer Gleichung aufmerksam, fögt bei, woU 
führe auch VitTE solche Bdspiele an, aber doch nur als verein- 
zelte Tatsachen, während er eine allgemeingt^ltige Regel gebe 
und statt isolieitcr Tatsachen die dieselben leitenden und tragen- 
den Geisteskr.'ifte bezeichne. Er wiederholt bei diesem Anlasse 
eine frühere Briefnotiz, daü er da einsetze, wo Vif.tk aufhöre.^) 
Die von den Empirikern zusammengetragenen Tatsachen bilden 
das Material des Philosophen. 

Um dem gewonnenen Resultate die möglichst knrze Form zu geben, 
Uefle nch vidlddit mgen: DttCAsm* UnivensliiiiidieiiiatUe itl da denk-mflg- 
liebes WiMen, reine Lo|pk oder Uetsfrfiyaik. Damit ist den bereits ■chon 
vorhandenen Interpretationen einr neue hrij^efOgt, und ich muß ?n kurz v ;e 
möglich auf die hauptsAchlichsten der von Mathematikern und Phiiosophie- 
historikem geteilten Auffassungen zu sprechen kommen. 

z. Am mebten Stimmen vereinigt wobl auf tidi die Aatehmiuig» !)••• 
CARTES Wäre Erfinder der analytischen Geometrie. Das Wesen derselben be- 
isteht d^nn, geometrische Wahrheiten durch eine Analyse der Setzungen, der 
Ajuome, abzuleiten. Das ist doch jene An der Geometrie, die Descartks in 
der'Sclnile vorfindet» die durch eine lange Kette notwendiger SdünSfolge- 
rungen allmählich die schwierigsten Probleme zn bewältigen vermag.*) Den 
Fall gesetzt, Dkscaktes hätte «^pcirll diese Analyse der Alten zu vervoll- 
kommnen sich vorgenommen und auch durchgebildet, so kpnuie er kemes> 
weg* als deren Erfinder betekhnet werden. — £a llflt sich Oberhaupt fragen, 
ob DncARTES Analytiker sei. Wie die rein formale Logik, so verwirft er 
wohl auch die reme Analytik. Descartes ist weniger Analytiker als vielmehr 
.intuitiver Mathematiker, wenn ich so sagen kann. Er ist Anschaunngs- 
madwmatiker; er deAoiert nicht Waluheit au Wahrheü^ aondtfn aadit jede 
Wahrhdlt an sich seiend zu schauen. Allenthalben appelliert er an die An* 
schauung: jede einzelne Wahrheit ist eine Erfahrungswahrhi-it Er vfrlan^t 
deshalb auch, dafi die Universalmathematik ihre möglichen Uröüen und Ver- 
haltniase immer durch Linien und LintenveriiHtniase v«nuMchanIiche. Di»> 
CARTES kann also nicht Analytiker im cigcMulichen Sinne des Wortes genannt 
werden, und noch weniger luinn in der Analyse das Weaen seiner Mntheroatili 
gesehen werden. 

a. Weiter wird sb Wesen der Descartesscben Msthemartt die An- 
wendung der Algebra auf die Gemnelrie beaeichnet, also jenes VerftbMOt 

das Dkscartes selbst als das Wesen der von hervorragend'- n r>i?tern seines 
Jabrhiwderts erftmdenen Algebra bezeichnet'; Weim er also die algebraische 
Sdireibweise in seiner Geometrie anwendet und den Schwerpimkt matlie- 
malischer Operatiottai in der Aofstellaig und Prflfoiig der GldchuDg findet, 



*) 1 479^17. — 11 8a, 9u — I ^ifZo IV aall^xi. — vgL anch II 173, 19. 
«) VI iftö <pisc II). 
^ C XI ai8 (Reg. IV). 



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DIE MATHEMATIK, 



so bedient er sich eines schon vorhandenen Verfahrens und sollte er dasselbe 
attcb vervoilkommnet haben, so kann darin doch keineswegs das Kennzeichen 
•einer Mathematik gesacht werden. 

3, LiASO (DESCAitm p.99ff.) macht auf die UnznlJtaigUchkeit dieser 
Auffassungen aufmerksam. Er steuert der richtigen Auffassung der Universal« 
mathematik zu, brjcht dann aber plötzlich ab, bezeichnet die Vervollkomoi' 
nung der Schulalgebra als Ziel Dsscartes' und glaubt infolgedessen den 
Sdiwcrpunkt dtf^GMBMric^* von iCi37 ^ dcrEinbigc des drittra AbsdiBittfis* 
„Über die Natur der Gleichungen" sehen zu müssen.') Diese Auffa-^siinj: wird 
schon dadurch fragüch, daß Descartes, in dieser algebraischen Emlage nur 
nach einem Zeichen forscht, um zum voraus festsetzen zu können, welches 
ffilfamittel veat Konatmliiloii der geraditen linieti notwendig iat Die Algebra 
erscheint somit als ein Mittel in der Hand des Geometers; sie ist sich nicht 
Selbstzweck. Aber auch die Vervollkommnung der Geometrie mittels einer 
vervoUkommneten Algebra kann nicht als Descaktes' Ziel angesehen werden. 
Er efstrebt vidmehr eine Erkenntnis des in Algebra and Geometrie dcli 
manifestierenden echt mathematischen Geistes. Dieser war durchzubilden, 
und dabei sollten Algebra und Geometrie auch befruchtet werden. Die von 
Descartss erreichte Vervollkommnung der Algebra kann also nicht als Ziel, 
Modem nnr ab gelq^didie Fradit teinea hoher reidienden Strebmis be> 
mteilt werden. — Scheinbar liat ddi Liaro znr Umbiegnng seines wqirflng- 
lieh richtigen Gedankenganges verführen lassen durch die Ausführungen von 
DE Beaume, der in »einen, von Descartes voll und ganz gebilligten „Notae 
breves'* DncAnm* UniverBafanathematilc definiert als eme „algebre spd- 
denae** (Liaro, Desc. 47). de BEAtms ist dabei vollständig wörtlich zu faaeen. 
Descartf^' Universalmathematik ist nur scheinbar eine Algebra, oder um- 
gekehri, wie Dkscahtes sagt, „was von den Erneuerern der Mathematik 
mit dem Namen „Algebra** bdegt worden ist, scheint mdits anderes snsein 
als die wahre Methode," die Universalmathematik.*) Dafi übrigens de Beauhi 
keineswegs die Algebra als Inhalt der l'niversalmathematik angesehen wissen 
will, geht wohl unzweideutig aus einem Passus hervor, der sich socusagen 
unmittelbar obigem Anadmcke anaddieflt: adeo nt haec scientia non solum 
Algebram numerosam atqoe Vetemm Andysin Geometricam com{»ehendat, 
sed etiam omie id, quod relationem quandam habet ant proportionem, Ot 
refert M. des Cartes in s«a Methoda diaaertatione.') 

2. Die angewandte Mathematik« 

(Mathematische Physik.) 

Die Universalmathematik lat die Wissenschaft der Verhältnisse 
zwischen möghchen Größen, also eine rein logische Wissenschaft 

') Liard: Dtsc. p. 43; vgl. auch dessen Artikel „Descartes" in „Grande 
encjclop6die". Das Wesen der Universalmathematik ist hier deuthcher heraus- 
gehoben; aber deren Veihftttida in den SchnldlssipBnm kommt noch danidhi 
zur Danidlai^; deshalb znm ScUasse die oimliehe Abbiegung des Ge- 
danlcenganges. 

>) C XI ai6 (Reg. IV}. 

*) OB BaatniB, Notae brevem ed. 16^3 p. 107. 

3* 



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V 



^6 KAPITEL IL _ 

I Sie ist wohl eine Erfahrangswiasenschaft, aber von der äußeren» 
d. h. von der Sinnes-Erfahrung vollständige unabhängig. Haben 
wir in ihr eine hinreichende Sicherheit erreicht, dann können wir 
an die außer uns liegende Wirklichkeit herantreten tmd diezwiacheo 
Objekten der Wirklichkeit bestehenden Verhältnisse zu erkennen 
$uchen. An die Stelle der selbst gesetzten möglichen Grundlagen 
treten nun die vollständig außerhalb der Machtsphäre des Geistes 
liegenden wirklichen Objekte. Da die Mathematik nur das Ver- 
hältnis zwischen Größen festzustellen sucht, können dies?* wirk- 
lichen Objekte nur insofern und insoweit in Betracht kommen, 
als sie Größen, d. h. Quantitäi« n, Ausdehnungen, darstellen. Sie 
sind nur m beziig auf ihre Größe miteinander zu vergleichen, im- 
bekümmt rt um ihre Natur, unbekümmert um ihre sogenannten 
Qualitäten • 1 Die eigentlirh mathematischen Probleme, d. h. das 
Feststellen der Verhältnisse und das Aufsuchen fehlender Grund- 
lagen, bleiben die nämlichen, und auch die Wahrheiten als solche 
sind die nämlichen, ob sie in und mit möglichen oder in und 
mit wirklichen Größen gegeben s< im. Die neue Schwierigkni 
besteht darin, die von außen gegebenen Grundlagen, d. h. die Ob- 
jekte der sinnlichen Erfahrung so zuzubereiten, daß sie Größen 
darstellen, wie sie die mathematische Betrachtungsweise verlangt. 

Es gibt eine unendliche Mannigfakigkcii. wiikhcher, d. h. 
sinnlicher Objekte. Praktischer Übersicht willen hat man deshalb 
die Mathematik der wirklichen Objekte je nach deren Natur in 
verschiedene Disziplinen eingeteilt (der Rinu ilungsgrund ist also 
der Mailitinatik fremd), und man spricht von einer Mathematik dcv 
Himmelskörp(M-, der Lichtkörper, der Töne usw. Astronomie, 
Optik, Akustik usw.. zusammengefaßt mit dem Namen »des sci- 
ences* (exakte Wissenschaften), sind also mathematische Dis- 
ziplinen insofern deren Objekte in bezug auf ihre Größe mitein- 
ander verglichen werden.') Je nach dem Gesichtspunkte können 
wir von einer mathematischen Physik oder von emer angewandten 
Mathematik sprechen. (Um Miftverstflndnissen vorzubeugen, er- 
laube ich mir, diese von Descartes nicht angewandten, seith» 
aber doch allgemein gebrfludilich gewordenaiTennini einzufohren)» 
Die angewandte Mathematik resp. matfaematiache Physik unter« 



') C XI, a97 (Kcg. XIV). - U 197, i6. 
») C XI, aaa (Reg. IV). - I 331, at. 



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* 



DIE MATHEOdTlK. 

scheidet sich von der Universahiiatheinatik nur duich den Ur- 
sprung der zu gründe liegenden Größen Während sie in letzterer 
vom Geiste selbst gesetzt werden, werden sie ihm in d»^r ange- 
wandt* n Mathematik von außen dargeboten. Dort haben wir es 
mit rem logischer, hier mit einer Wirklichkeits-Erkenntnis zu tun. 

In erster Linie sind die Objekte der Wirklichkeit d. h. der i 
sinnlichen Erfahnmg, so darzustellen, daß sie als Grundlagen ma- 
thematischer Betrachtung dienen können. Wie di' ^ möglich ist, 
haben wir zunächst näher festzustellen. Die Natur der Objekte' 
bleibt vollständig unberücksichtigt. Wir fassen sie nur als Größen, 
als Quantitäten, als Ausdehnung schlechthin. In dieser Aus- 
dehnung müss< n wir nun die Elemente suchen, die eine Größen- 
vergleichung der Objekte ermöglichen; es sind deren drei: Dimen- 
sion, Einheit und Gestalt. Die Dimension bezeichnet die An 
und Weise-, wie im Objekt als meßbar betrachtet werden kann.' 
So ist jedes Objekt meßbar in bezug auf die Länge, die Breite 
und die Tiefe. Länge, Breite und Tiefe sind :ilso Dimensionen- 
Die Schnelligkeit ist die Dimension der Bewegung; die Schwere 
bezeichnet eine Dimension, nach welcher die Körper gewogen 
werden usw. In jedem Körper können so die verschiedensten 
Dimensionen als Grundlagen der Größenvergleichung festgestellt 
werden. Dabei kümmert sich die Mathematik keineswegs darum, 
ob dieselben in der Natur der Objekte real begründet seien, ob 
ilmen in der Wirklichkeit verschiedene Realitäten entsprechen 
oder nicht Bewegung, Schwere, Lange usw. scheinen wirkUcbe * • 
Eigenschaften der Objekte zu sem; ob dem aber wirklich so sd, 
dies festzusteUen flberifißt die Mathematik der Physik. Sie iafit ' 
die einzehien sinnlichen Erscheinungen als GrOfien und insofern 
sind sie alle gleich. — Jede einzelne Dimension ist eine ununter- 
brochene GrOfie, die aber zur Erleichterung der Vei^leichnng in 
Zahlen umgefonnt werden kann. Diese Division eines Ganzen 
in mehrere Teile kOnnm wir and) als dne Dimension at^hen, 
tmd zwar als eine Dimension, nach welcher die GrOfien gezAhlt 
werden. Sie kann in der Natur des Objektes real begrOndet 
sein, wie z. 6. die Eintdlung des Jahres in Tage, d. h. die Um- 
formung der Erdbewegung in die Zahl 365. Fehlt aber eine ent> 
sprechende natOrtiche Gliederung, so teilt man willkflrlich, oder 
skzeptiert eine auf Konvention beruhende willkOrliche Teilung. 
So ist z. B. die Einteilung des Tages in Stunden, der Stunden in 



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« 



KAPITEL IL 



Minuten usw. eine vom menschlichen Geisti- für die mathemaiische 
Betrachtungsweise der Sinneserfahrung in diese hineingetragene 
konventionelle Gliederung. Die Einheit ist das Fundament einer 
jeden Gröüenvergleichung, softrn das Verhältnis ein Maßver- 
hältnis sein soll. Sie kann willkürlich angenommen werden ; alle 
Größenvcrgleichungen sind relativ. Sie muß aber eben so viele 
und die nSmlichen Dimensionen besitzen wie die miteinander zu 
Vergleichenden Objekte. Die Gestalt (la figure) ist das Element, 
dos keinem wirklichen KOrper fehlt Kein Objekt ist denkbar 
ohne eine Gestalt und llfit skh deshalb mathematiscii defimeren 
als eine durch eme bestimmte Figm* begrenzte QiiantitRt, mit an- 
deren Warten, das wiridkhe Objekt, d. das Objekt der tfam* 
Uchen Erfahrung, kommt madiematisch nw in Betracht als ge- 
staltete Ausdehnung.') 

In jedem Erfahrungsubjekte lassen sich verschiedene, ja un* 
endlich viele Dimenaonen unterscheiden. Zwei Okjekte können 
nur in bezug auf die gemeinsamen Dimensionen miteinander ver- 
glichen werden. Wir veigleichen sie zunichst in bezug auf eine 
der gemeinsamen Dimensionen und lassen unterdessen die anderen 
unbeachtet, um sich ihnen hernach successive zuzuwenden. Die 
mathematische Betrachtung gegebener Objekte tost sich so in 
eme Serie einzelner Vergleichungen der gemeinsamen Dimen- 
sionen auf. 

Die Hauptschwierigkeit der nathematiBchen Physik liegt 
' darin, die Dimensionen klar und deutlich ans dem Perzeptkms* 
verbände, d. h. aus der Sinneserfahrung, herauszuschälen oder in 
sie hineinzulegen. Erst wenn dies gesdiehen ist, können sie als 
Grundlagen der GrOBenvergleichung verwendet werden. Um 
diese zu erleichtem, werden die einzelnen Dimensionen am voi^ 
teilhaftesten durdi Linien dargestellt^ Jede Dimension liflt sich 
durch eme Linie repräsentieren, ob sie als ununterbrochenes Gan- 



') C XI. 305 f. 'Reg. XIV). 

*) In den Reg 14 und 15 führt Descartes aus, daß auch zwei Dimen- 
üionen zugleich ins Auge gefaßt, die Objekte also in bezug auf zwei Dimea- 
rionen zugleich ' roiteimiider ver^idieii werden können nnd mOssen. Fflr 
diesen Fall würde natürlich die Linie nicht mehr genügen zur Darstellung, 
es bedürlte rechtwinkliger Flächen. Wie ich aber oben ausgeführt, hat Des- 
cartes später, d. b. in der Geometrie, die Fläche als DarstellungshiUsmittel 
«mgeichaltei; er bedurfte ihrer nicht mehr zur VeruMchanEcfating der 
Ifnhiplikatioii. 



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DIE MATHEMATIK, 



39 



zes oder als Zahlt-ngröße gel'aüt werde. Die V'ergleicliung der 
wirklichen Objekte in bezug auf ihre Größe wird so zu einer 
Limenvergleichung und die angewandte Mathematik resp. mathe- 
matische Physik zu einer Wissenschaft der Verhältnisse zwischen 
Linien, d. h. zu einer Geometrie.») 

Die angewandte Mathematik betrachtet die Objekte der sinn- 
lichen fcrf;ihrung als gestaltete Ausdehnung und vergleicht sie in 
bezug aui ihre gemeinsamen Dimensionen. Abvr die Sinnes-, 
qualitäten? Der Mathematiker kann nur Quantitäten miteinander * 
vergleichen. Er muß also jede einzelne Sin ncser fahrung als" 
Quantität, als gestaltete Ausdehnung, fassen, somit auch die Sinnes- 
qualitäten. Hierftlr findet er einen gewissen Rückhalt durch eine 
Analyse der sinnlichen Erfahrung. Jeder Empfindung entspricht 
eine gewisse Modifikation der Sinnesorgane und des Gehirnes, 
memes KOipers. Es gibt also keine Sinneseffipfindung ohne ein| 
quantitatives Element, mag dasselbe baufig aucb nicht klar and 
deutlich zum Bewußtsein kommen,' d. b. als Qualität erscheinen. 
Ob dieses quantitative Element der Empfindung auch in der wirk- 
lichen, aufierkOiperltchen Ursache voihanden oder nur ein Ge» 
bilde oder eine Zutat des die Empfindung direkt bewirkenden^ 
Körpers sei, auch diese Frage schiebt der Mathematiker der 
Physik, der Philosophie zu. Ihm wird es immer möglich sein, 
den Empfindungsinhak durch eine besonders gestaltete Quantität 
und damit durch Linienkombinationen darznsteUen; mehr bedarf 
er .mcbt Nur die quantitative Fassung der Sinnesqualitäten er- 
mOgUcbt eine Vergleichung derselben in bezug auf GrOfie und 
wird, wie die Seinsfrage auch immer entschieden werden mag, 
in jedem Falle als Hilfsmittel der Mathematik zu Recht bestehen 
bleiben.^ 

3« Die Mathematik. 

Die Universafanathematik liefl sich definieren als Wissen- 
schaft der Verhältnisse zwischen möglichen Großen, die ange- 
wandte Mathematik als Wissenschaft der Verbältnisse zwischen 
wirklichen GrOflen. Sie bilden zwei Teile der Mathematik 
schlechthin, d. b. einer Wissenschaft zwischen GrOfien flberhanpt 

') C XI 397 ff, 303. 3p8f, 325 (i<cg. 14, iB). - C V 335 (G.eom. 11). - 
>) C XI 964, 397 iReg. la^ 14). 



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KAPITEL II, 



Die Verhältnisse sind keine an sich seiende Realitäten; sie sind 
in und mit den Größen gegeben und zu ihrer Feststellung bedarf 
es eines reflektierenden, vergleichenden Geistes. Die GrOfien 
sind gedachte Größen, ob sie vom Geiste selbst erzeugt oder 
vcm außer ihm liegenden Okjelcten hervorfeniieD worden seien* 
Gedachte^ aho gd>tig erfisbrene GrOfien bilden ifie Grundlage der 
Mathematik; sie ist eine Erfishrongswissensciiaft. 

Die Grofieo bilden wohl die Erkenntnisgrundiage, aber 
keineswegs den Erkenntniainbalt der Mathematik. Damit ich 
die mathematische Wahrheit erkenne, bedarf ich der Erfahrung; 
aber die mathematische Wahriiat an sich ist vcm ihr unabhängig. 
Der Satz: die Winkelsumme eines DreiedcsBaR ist wahr, wenn 
nie ein Dreieck aufierhalb meines Geistes existieren wflrde; er 
wäre aber auch wtlu> wenn ich ihn flberbaiq>t nie erfshren hatte. 
Er war wahr, ehe ein Mensch ihn gedacht bat, und er wird wahr 
sein, wenn ihn kein Mensch mehr denken wird. Die mathema- 
ttscben Wahrheiten an sich sind von der Wirklichkeit und von 
dem erkennenden Verstände vollständig unabhängig: es sind 
ewige Wahrheiten im eigentlidien Sinne des Wortes. 0 Aber 
nur durch die Erfahrung gelsngt der menschliche Geist zu deren 
Erkenntnis; ab erkannte ewige Wahrheiten existieren sie nur 
in und mit einem denkenden Gdste. 

Welches ist nun die Stellung der Mathematik im Geistes- 
leben Oberhaupt? Als wollendes Sein bedarf der Mensch behufs 
Ermflglichuog zweckmäßiger Betätigung der Erkenntnis der 
außer ihm liegenden Wirklichkeit Von diesem Prinzip aus muß die 
Mathematik in den Wissenschaftsverband eingegliedert werden. 
Die Natur sich dienstbar zu machen, das ist ein Grundzug mensch- 
lichen Strebens und erfordert eine gewisse Geschicklichkeit in 
der Handhabung der Erfahrungsobjekte. Um sich dabei nicht 
dem Zufall überlassen zu müssen, sondern um zielbewußt ein- 
greifen zu können, bedarf es einer genauen Erkenntnis der Wirk- 
hchkeit. Die Wissenschaften sind also Hilfsmittel in der Hand des 
Praktikers. ^) Will er nun die Objekte des praktisdien Lebens zu 
einhettlicben Gesamtwirkungen vereinigen, so bedarf er vor allem 
einer genauen Erkenntnis des Verhältnisses der Objekte zueinander 
und als Grundlage bierfttr der Erkenntnis der Große jener Eigen* 

*) I HSi 7. — C XI ao8 (Reg. a). — VII 380, i4.(Rep. m Obj. V>. 
•) VI 6,1 (Disc Ij. — C XI aoi (Reg. x). 



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DIE MATHEMATIK. 



41 



Schäften, die ihm die Objekte praktisch verwertbar erscheineii 
lassen. Dabei kümmert er sich keineswegs darum, wie die 
Physiker die Naiui dieser Dimensionen resp. Größen erklären, 
resp. zu erklären versuchen. Die Praxis hat den menschHchen 
Geist zur maUiematischen Betraclitung tier Wirklichkeit geführt, 
und als Ziel der Mathematik ergibt sich daraus; die Eikmntnis 
der wirklicheil üioßcn und GrüLienverhältnisse. Indem sie diesem 
Ziele zustrebt, leistet sie einen von der Praxis verwertbaren Bei- 
trag zur Erkenntnis der Wirklichkeit überhaupt. 

Damit ist auch das Verhältnis der beiden Teile der Mathe* 
matik, d. b. der Universal- und der angewandten Mathematik zu- 
einander festgelegt Die Durchbildung der praktischeil, ange- 
wandten Mathenwtik hat der Mathematiker eigentlich ins Auge zu 
faaaen. Die Schul- oder Umversahnatfaeniatik bildet hieirfilr nur 
ein Obungsfeld. Hier beratet sich der raenschliche Geist durch 
ein methodisches Durchdenken aller möglichen FfiDe und durch 
dn Üben im Auflösen aÜer möglichen Schwierigkeiten fOr seine 
Hanpttätigkeit vor. Hier lernt er seine eigenen Krifte erkennen 
und bildet sie «1 leicht handbaren Werkzeugen filr die praktische 
Betätigung in der mathematischen Physik aus. Die Schul- oder 
Universalmathematik erstrebt keineswegs eine Erkenntnis der 
WirUicbkeit Sie kümmert sich nicht dmmi, ob ihre Grund- 
lagen wirkliche Großen seien oder nicht Sie ist eine «mögliche" 
Wissenschaft und will es bleiben. Sie will keine Sems-ErkenntF 
nis liefern, sondern den Geist fiUr die Erkenntnis des Seins, der 
Wirklichkeit vorberdten. ^) Ihre Resultate sind bgisch wahr und 
mit den eigenen Setzungen gegeben. Daher denn auch ihre un- 
trOgUche Sicherheit und Unbezweifetbarkeit Diesen ihren Vorzug 
hat sie mit einem schweren Einsätze eikauft Du* fehlt der Klang 
der Realität; sie ist von der Scholle losgelost und ihre Wahrheiten 
sind Spekulationen, keine Seinserkenntnisse. Solche erstrebt und 
erreicht die angewandte Mathematik.*) Dieser aber den nämlichen • 
Charakter unbedingter Sicherheit zu verleihen, ist schwierig, weil 
. ihre Grundlagen von der Erfahrung und damit von den oft täu- 
schenden Sinnen abhängig sind, weil es sich nicht mehr um eine 
Selbsterkenntnis handelt, sondern um die Erkenntnis eines fremden, 
vielleicht gar wesensfremden Seins. 

C XI aas, «9 (Reg- 4* »)• 
• ■) n fl68, 5. — v«rgL Bauxit I tri, 1x6. — C XI, a68 f . (R«g. la). 



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4a 



KAPITEL IL 



Wie lange bat sich Descakiks mit der Mathematik 
beschäftigt? 

Mathematiker wird jeder Denker genannt, der in der Mathe- 
matik den Mittel- und Schwerpunkt seines Denkens und Strebens 
findet In diesem Sinne kann Descartes nicht Idathematiker ge- 
nannt weiden. Sein Denken wird geleitet vom Streboi nach einer 
Euiheit menschlichen Wissens; er ist im wahren Sinne des Wortes 
Philosoph, der v<»i universalem Gesicht^unkte aus hald dieseri 
bald jener Wissenschaft seine besondere Aufmerksamkeit xu* 
wendet, so wahrend der Jahre 1619—23 speziell der Mathematik. 
Zu Anfang des Winters 1619 setzt seine eigentliche philosophische 
Gedankenrichtung ein, indem er den Entschlnfi auf selbst 
gebauten P^en dem möglichen Ziele zuzustreben. Er fixiert 
zunächst die hierbd zu beachtende Mediode und wendet aich 
dann behufs PrOfimg derselben der Mathematik zu, die ihn froher 
wegen der Sicherheit ihres Räsonnements wohl erfreut, aber 
keineswegs seine besondere Aufmerksamkeit erweckt zu haben 
scheint^) Durch die Schulmathematik seiner Zeit hmdurch erfafit 
er seine Universalmatbematik als eine von den Banden der Sinn- 
lichkeit befreite Wissenschaft der Verhaltnisse zwischen möglichen 
GrOfien.*) Wahrend der »—3 Monate, die er ihr widmet, vermag 
er nicht nur mit Leichtigkeit alle beigebrachten und bereits g»- 
kteten Schtttprobleme zu lOsen, sondern findet auch die Grundlage 
fflr die LAsung aller möglichen Probleme llberbaupt.<) Nach 
dieser 3^3 monatlichen Periode scheint ihn die Universalmathe- 
matik zwar noch einige Zeit lebhaft beschäftigt zu haben. Wohl 
vernachlässigt er scheinbar sofort die arithmetische Seite*), wah- 
rend die geometri s che Seite sein Interesse noch langer gefitngen 
halt 1620 findet er die KonstruktioD der Gleichungen 3. und 
4. Grades mit Hilfe der Kegelschnitte.^ 1623 legt er aber auch 
die geometrischen Probleme beiseite*), und die Periode der Um- 
versalmathematik schließt damit ab. Jene Partie der „Regulae", 
in der es heiflt, er habe bis zu diesem Tage die Universal- 



•) VI 7, 24. - (Ditc I.) 
C XI 311. - (Reg 14). 

VI ao, 25. - (Dwc. U.) — C XI aa3. - (Reg. 4). — 1 480, 5. 
*) U 168, 5. 

*) Siehe oben. S. 07. (Abseboitt: Geometrie von lAgj), 
*) If 95, a. — Baillet I iix. 



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DIE MATHEMATIK. 



13 



mathematik gepflegt und glaube sich nun den etwas sciiwierigeren 
«akten Wissenschaften (les sciences) zuwenden zu können/) muß 
also spätestens 1823 entstanden sein. 

Nach 1623 wendet sich Descartes der Universalmathematik 
(also dem, was gewöhnlich irnter Mathematik schlechthin ver- 
standen wird) nicht mehr aus innerem Antriebe zu, sondern nur 
noch dann, wenn ihn äußere Momente dazu fahren und dazu 
zwingen. Einer solchen Gelegenheit verdanken wir die »Geo- 
metrie" von 1637. Die Verurteilung Galileis hatte Descartes 
als äußerst ungünstiges Prognostikoii für die Aufiuhme aeintf 
Philoaophie gedeutet, und deshalb das dieaelbe entwickelnde 
Werk: »Le Monde* von 1633. der öffenüichkeit voreotfaalteD. 
Um demselben die Wege zu bahnen und um sich zu orientieren, 
kfit er 1637 Essays erscheinen. Seine philosophischen Prin- 
z^ten vollständig geheimhaltend» bietet er mit deren Hilfe er- 
worbene, unanfechtbare Frflchte, und speziell durch sdnc ,Geo* 
metrie* hofft er zu beweisen, dafi seine Philosophie vorteilhafter, 
besser, richtiger sei als die herkömmlidie.*) — Weitere Gelegen- 
heiten zur Beschäftigung mit der Universalmathematik geben die 
Briefe seiner Frennde, namentlich nach der VerOfTentlichmif der 
„Geometrie*.^ Gerade erwünscht waren ihm diese «Gelegen- 
heiten* keineswegs; so bittet er Mersenne, ihm so wenig wie 
möglich mathematische Probleme zukommen zu lassen, da sie ihn 
nur unnütz in den Studien aufhalten, denen er sidi zugewandt 
habe.*) Die Briefe werden denn auch immer seltener, in denen 
von der Universalmathematik die Rede ist Diese tritt immer 
weiter aus dem «Blickpunkt* des huteressenfeldes zurück, so daß 
er Oktober 1646 schreiben kann: Je vous diray que ie suis main- 
tenant si dotgn^ de penser aux Mathematiques, que c'est quasi 
du plus loin qu'il me souviene.^ 

Zusammenfassend: Die Universalmathematik, d. h. die 
Mathematik in unserm gewöhnlichen Sinne des Wortes, hat Des- 
cartes' Interessenkreis wflhrend des Winters 1619/20 zwei bis 
drei Monate vollständig beherrscht Einige Zeit scheint sie 



*) C XI 224. ~ (Res;. 4I 

*) I 478, 8. — Princ. (Leiüre au trad.) 

') n 95. a- 

«) n I. - 1 075, X — 1 480^ & 

*) IV 513, a — 595, & 



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t 



KAPITEL iL 



weiterhin noch im Vordergrund der Interessen gestanden zu haben. 
Nach 1623 aber beansprucht sie Dfscartt s' Aufmerksamkeit nur 
noch dann, wenn äußere Gelegenheiten dazu zwingen. 

In diesem Zusammenhang muß ich noch auf ein Neben- 
problem zu sprechen kommen, das die ÖESCARTES-Forschung 
immer beschäftigt bat, das aber in Ermangelung direkter 
Anliah^imkte niemals eine unbezweifdbare Lösung finden 
wird (d. h, ohne neues Tatsachenmaterial), ein ProUem, in 
dessen Lösungsvenuch aber die ganie DESCARTES^Auifinsung 
in knappster Form zur Darstellung kommen kann. In den 
«Olympia' fand sich der Passus: „X novembris 1619, cum 
planus foram enthusiasmo et mirabilis sciendae lunda- 
menta reperirem." Am Rande des Textes war die Bemer> 
knng au lesen: «XI novembris 1690 ooepi intelligere fnnda* 
mentum inventi mirabilis.*^) Liard (Desc. S. 6) macht 
auf den Unterschied von «sdeatia* und „inventum" auf- 
merksam und betrachtet^ gestfltzt darauf, als wahrscbeinlicfaer, 
dafi sich die beiden Daten auf verschiedene Entdeckungen 
besiehen, als dafi die Randbemerkung eine Korrektur des 
Textes, d. h. der Zeitangabe sei; wftbrend es sich am 10. No- 
vember 1619 um die Entdeckung des Fundamentes einer 
„Wissensdiaft*', also der Methode handle, sei am 11. No- 
vember jßao an eine weniger umfassende mathematische 
Entdeckung zu denken. Diese Interpretation Liards wird 
durch obige Ausführungen eigentficfa nicht „alteriert"| ja sie 
liefie sich gestatst darauf noch etwas prizisieren. Zu An- 
fang des Winters 1619 wird Discartes origineller Denker, 
und es ist wohl möglich, dafi »it jener Wissenschaft die 
Methode gemeint ist, die Wissenschaft der menschlichen In- 
telligenz, die »universale sapientia* der ersten Regel. Viel- 
leicht ließe sich dabei aber doch auch an die in diese Zeit 
anzusetzende Konzeption der Universaimathematik denken, 
der «science g^n^rale" der vierten Regel. Sei dem wie ihm 
wolle, während des Winters 1619/20 wendet sich Descartes 
3 — 3 Monate der Durchbildung der Universaimathematik zu 
und findet g^en den Schluß der Periode die Regel über die 
Anwendung der geometrischen HiUsmitteL Nach Lipstor- 



Baillbt I 50^ 86. 



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DIB MATHEMATtK, 



PIUS entdeckt er 1620 die Koostniklion der Gleichungen 
3. und 4. Grades. Lipstorpius gibt zwar kein bestimmtes 
Datum. Er schiebt aber diese Beroerkuug ein, nachdem er 
von der Unterredung Descartes' mit Faulhaber in Nürnberg 
gebrochen, und diese fällt in den Sommer 1620. Es 
also ganz wohl möglich, daß diese für seine Geomctne so 
äußerst wichtige Entdeckung auf den 11. November 1620 an- 
zusetzen ist Möglichkeiten! nirgends sichere Anhaltspunkte, 
und reine Spekulation kann niemals ans Ziel führen.) 

Nachdem sich die Methode in der Universalmathemattlc 
bewährt hatte, wandte sich Descartes 1623 den „Sciences*, d. h. 
Astronomie, Optik, Akustik, Mechanik usw. zu. ») In ihnen waroi 
zwei wesentlich verschiedene Aufgaben wohl zu unterscheiden: 
Erkenntnis der Größe und Erkenntnis der Natur der wirklich 
seienden Objekte. Sofern die Größe der Objekte den Gegenstand 
wissenschaftlicher Betrachtung bildet, gehören diese einzelnen 
Disziplinen der Mathematik an. Sie bilden aber Teile der Physik, 
sofern die Natur der Objekte erkannt sein soll. Die Durch» 
bildung dieser teils physikalischen, teils mathemathischen Diszi- 
plinen faßt Dkkscaktf.s spätestens 1623 ins Auge. Er mußte 
jedoch bald erkennen, daü dieselben von philosophisch zu begrün- 
denden Prinzipien abhängen (Kxistenzial- und Erl;cnntnisproblem), 
und wollte er seinen methodischen Vorschriften getreu nach- 
kommen, so mußte er erst diese Grundlagen schaffen. Hierfür 
fühlte er sich aber noch zu jung und verschob die Lösung dieser 
Aufgabe bis zum Jahre 1626.') In der Zwischeiueit heü er aber 



M VT 21, 25. — Disc. 2. — Am iichlusse der vierten Regel schreibt 
Descartes, er habe bis jeUt die Universalmathematik gepflegt, glaube nun 
aber befkUgt sa aeint aidi dem Stndiani neuer, achwierigerer Wiaaenaehaften 
zuwenden zu können (altiores scientias tractare), worunter bei vorurteilsfreier 
Lektüre der ganzen ReRel doch nur die kurz vorher aufgezahlten , exakten 
Wisseoschai'ten verstanden werden können (Sed Astronomia etiam, Musica, 
Optica, Medunica, aliaeque complureB. (Op. poath. 1701 S. ti f.) Ganz in» 
tQmlicherweiae wird in der Di:scARTEs-Litteratur immer wieder angenommen, 
Descartes hatte mit diesen „höheren Wissenschaften" die eine „Metaphysik" 
im Auge, in der ganzen Kegel, die den Gegen&au zwischen üniversalmathe* 
madk und inaäieinadaclicr Phyalk klar Miclmet, fladet aich kein dniiger 
Hinweis auf meiaphjaiadie Speknlatknien. — Vergl. Natorp: Archiv f. Gesch. 
d. Phil. ßd. 10, 21. -- Mii lft: DsacAiiTKa avant 1637, S. 154. — BiRTHcrf 
Kevue de M. et M., tome 4, 414. 

^ VI ai, 30 — 30^ xoi. — (Diac. Uh 



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^ KAPITEL //. _____ 

das Ziel: Durchführung der exakten Wissenschaften, nicht aus 
dem Auge. Wie Bam.i.et erzählt/) interessierte sich Di:5( aktks 
anläßlich seiner Reise über die Alpen sehr lebhaft für Hohen- 
messungen und meteorische Erscheinungi n ; während des Aufent- 
haltes in Paris von 1625 — 28 beanspruchen Dioptrik und Akustik 
sein Hauptinteresse, wie aus dem Briefwechsel mit Mkrsknne aus 
der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Holland erschlossen werden 
kann. Aber bei allen diesen Problemen, die ihn übrigens schon 
vor 1619 beschäftigt haben, wie seine Abhandlung über die 
Musik und das ^Tagebuch" beweisen, ließ er die auf die Natur 
und die Existenz der Objekte sich beziehenden Fragen außer acht 
und beschränkte sich auf eine Betrachtung der Objekte unter dem 
Gesichtspunkte der Mathematik.*) Der Periode der Universal- 
mathemaiik folgte also (spätestens) 1623 eine Periode der mathe- 
matischen Physik. 5) 

Perioden zu konstruieren bat etwas fuichibar Beengendes 
an sich, wie überhaupt jede Anwendung des mathematischen 
Kalküls auf das Geistesleben. Im Interesse der Übersicht kann 
man aber kaum cl.itaiif verzichten. Zur Oiiciiticrung müssen in 
den niaclitigen FluU des Gedankenlebens leicht sichtbare Mark- 
steine eingebcut werden. Die einzelne Periode soll jenen Zeitraum 
bezeichnen, während dessen ein bestimmtes Ziel, eine bestimmte 
Idee das hiteressenfeld beherrscht hat Dieser Satz bedarf dtt* 
Interpretation. In einem normalen Geistesleben vermag eine Idee 
nur eine verhältnismAßig ganz kurze Zeit im behemchendeiiUittdl- 
punkte der Interessen zu verharrea; es llfit sich also auch von 
dner aeitliGhen Enge der InteresMn sprechen. Wir beobachten 
nun ein immerwihrendes Ringen der Ideen um diesen MitDdpunkt 

') Baillet I 137 f. ^ vecgL Uxaxs I 136. 

») VI 29. a6. ~ Disc. 3. ~ II 197, 16. 

') In Bauxets AusfQtaruagen Ober Descakixs' Pariser Aulenthait von 
x<Sa3 [Bd. I III fll 1161] bricht der dnc Godaoke klar und dendleh durch, 
Descartes habe während dieaer Zeit die Richtnag Mmer Studien geändert. 
Aber wie? Baillet kann sich nicht entscheiden: mnn fühlt seine Unsicher- 
heit wie Überall da, wo das Material-znsammenstoppeln versagt. Er teilt mit, 
DncAimts hatte die NoCwendi^it der angewandteii Bladiemalik erkanntp 
iRwiter, er hätte Mathematik und Pfayiik zu erneuern versucht; Oberhand ge> 
winnt inmitten all dieser .Andeutungen schließlich die Annahme, er hätte sich 
der Moral zugewendet. Dieser Entscheid entspricht seiner Tendenz, Des* 
CAK1S8 mit einem Heiligenschein zn umgeben, nnd wfakt nidit befreiBdaad • 
fttr einea Autor, der m vide HeiUgmgCMhidiien gMchrieben wie Baillr. 



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DtK MATHEMÄTiK, 



des Interettenfeldes, einen immenwahrendai Kampf der Ideen, 
gm dnen neueren Termini» anzuwenden, der zwar bereits eine 
Interpretaticm der Tatsachen, einen hypotbedscben Faktor, in sich 
schließt. Sprechen wir deshalb dier von einem Spiel der 
Ideen. Es ist nun eine Erfahrung^tsadie, dafi gewisse Ideen 
innerhalb bestiminter Zeitabschnitte immer wieder in den Vorder- 
grund der Intereaaen zu stehen kommen, immer wieder den Mittel» 
punkt des Interessen f Id . s behaupten, und in diesem Sinne laasen 
sich gewisse Perioden iestsetzen. Es handelt sich dabei also nmr 
um eine Charakterisierung des Spiels der Interessen. Daraus 
ergibt sich aber auch ohne weiteres, dafi keineswegs mathematisch 
scharfe Grenzen gezogen werden können; der Übergang ist mei^ 
ein allmählicher, kann allerdings plötzlich, scharf akzentuiert sein. 
Gewöhnlich wird aber auch dann kaum ein vollständiges Ver- 
schwinden der früheren Leitidee beobachtet werden. Sie lebt 
weiter und wird auch später wieder ihr Daseinsrecht geltend 
machen und gelegentlich wieder zu dominieren vermögen. In 
diesem freien, das Geistesleben nicht vergewaltigenden, sondern 
charakterisierenden Smne möchte ich die Periodenkonstruktion 
als Hilfsmittel der Darstellung verwenden. Und um speziell von 
Descartes zu reden, sollen meine, wie ich elaulte, in dem Flusse 
seines Denkens real b fi^rund! tt ii Perioden keineswegs Entwicke- 
lungsstufen bedeuten, ais wäre die eine Stufe organische Grund- 
lage der anderen, als wäie das Endziel in solchen Etappen all- 
mählich herangewachsen. Nachdem Descartes seinen eigenen 
Vs'cg gefunden hatte, leitete ein Gesichtspunkt sein ganzes 
Denken und Streben, und von dieser hohen Warte aus wendet 
er sich bald diesem, bald jenem Gebiete nienschlichea Wissens 
zu. Es handelt sich dabei also nicht um eine Entwickelung im 
gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern um eine Erweiterung, 
Erfüllung oder Durchführung in verschiedenen Lebensabschnitten. 
Die Perioden, unter sich betrachtet, sind eigentlich koordiniert, 
ihre Reihenfolge ist aber gegeben durch ihr Verhältnis zu der 
leitenden Lebensidee. 



9 



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Kapitel m. 

Erkenntnistheorie. 

Nachdem Descartes die Universalmathematik durchgebildet 
hatte, wandte er sich der Physik zu, mußte aber bald erkennen, 
dafi sie einer philosophischen Grundlage bedarf.^) Was darunter 
zu verstehen ist, ergibt sich unzweideutig aus den Gegensatz der 

^bdden Disziplinen. Die Universalmathematik beschäftigt sich mit 
rein abstrakten, möglichen Größen, die Physik mit den Objekten 
der Wirklichkeit. Es handelt sich um den Gegensatz von Mög» 
lichkeit und Wirklichkeit, von logischem und wirklichem Sein, 

^ von essence und existence. Wie ist eine Erkenntnis der außer 
mir liegenden Wirklichkeit möglich? Wieso und wieweit vermag 
ich ein Nicht-Ich zu erkennen? Gibt es überhaupt eine solche 
Wirklichkeit? Das sind die Fragen, die zunUchst beantwortet sein 
wollten und deren Beantwortung Descartes bis 1628 hinausge- 
schoben hat. Wie t*r sie beantwortet hat, dies darzulegen soll in 
diesem Kapitel versucht werden, damit die Grundlage schaffend 
fOr das Verständnis seiner Physik. 

1« Bztotencialprobleiii. 

Die Univenabnathematik hat es 2a tun mit möglichen, d. h. 
•gedachten Giüflen. Ich erftihre sie innerlich, mimittdbar. Dies 
Erfahren oder Penripieren ist em Schauen, und die Form, in der 

0 VI 8X,30 (Disc. II). 



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ERKENNTNISTHEORIE 



49 



ich erfahre, wird Idee genannt.*) Diese bildet den Gegenstand ^ 
der Reflexion, die Grundlage alles Erkennens.') Reflektierend 
habe ich nun festzustellen, ob und wann diese Ideen wirkliebe ■ 
Objekte repräsentieren, ob und wann sie als Objektrepräsentatiönen 
angesehen werden können oder müssen Das ist unser Problem, 
das für das „praktische" Denk'':'n übrrhaujii gar r:icht existicrtj 
denn prakti'^ch kann nur ein Wahnsmniger an der Kxistenz einer 
Wirklichkeit außerhalb seines Geistes zweifeln. Es ist aber nur 
eine praktische oder moralische Sicherheit, keine logische, meta- 
physische; es ist ein Glauben, kein Wissen. Ich bleibe ich; ich 
kann niemals aus mir herausgehen; ich erkenne nur meine Ideen; 
nur logisches Wissen ist möglich. Die Richtigkeit der praktischen 
Annahme, daß meinen Ideen wirkliche Objekte entsprechen, läßt 
sich also direkt nie kontrollieren, und angesichts der vielen, von 
der Praxis aufdeckbaren Täuschungen in bezug auf die Existenz 
von Ideen habe ich auch alle Ursache,' derselben skc { tisch gegen- 
überzustehen. Vorsichtshalber werde ich deshalb vorläufig immer 
sagen, daß es zu sein scheine, als gäbe es eine Welt an sich, 
und ehe ich für die Praxis des Lebens durch eine Erkenntnis der 
Wirklichkeit ein Hilfsmittel schmieden kann, bedarf ich der logischen 
SicberhtiL, daß dieselbe existiert. Ich habe also zu prüfen, ob 
sich die praktische Annahme einer existierenden Welt als logisch 
unanfechtbar erweist; ich habe sie gleichsam logisch zu verifizieren.' 
Der Weg der Untersuchung ist damit vorgezeichnet: Es bleibt 
festzustellen, ob meine Ideen nur Akte meines erkennenden Geiste» 
sind oder olj sie auch mit logischer Notwendigkeit als Objektrepräsen- 
tationen angesehen werden müssen. Sollte letzteres der Fall sein, 
dann ist zugleich die Existenz einer Welt außer mir bewiesen.") 
Objektive Realitäten. Nur was ich innerlich, unmittelbar 
erfahre, bildet G^enstand der Erkenntnis; ich vermag nur meine 
Ideen 2a erkennen. Ich w^de fbr dnen Moment meinen Geist 
von allen äufieren Einflüssen ab, sowohl von den SinneseindrOcken 
wie von den Gebilden der Einbildung. Ich perzipicre eine Idee. , 
Baum genannt, nnd suche diese Idee so lange festzuhalten, bis ich ' 
sie an sich klar sehe mid in ihrer Eigenart deutlich erfaßt habe, 

■) Vn lox (Rep. «oz Obg. I). ~- Vn x6o (Rep. aax Obj. II; Def. i, a). 
- VII 174, 12 — 181, 6. — < IX axo,8*~ao6^a4 (Rcpw anx Inst). — HI 3921. 
») V aai,5. 

^ Med. in — Vnasi (Rep. aax Obj. V). — Princ. i it — IH 474. 

Jüttf ■•ma, Rca« Doevla. 4 



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KAPiT£L HL 

dabei vollständig außer acht lassend, ob auch ein Objekt an sich 
existiere oder nicht. Hier setzt die Existenzfrage ein. Ich per- 
zipiere nämlich diese Idee auch als existierend, d. h. ich erfahre 
sie als Repräsentation eines Seins an sich, und es fragt sich nun, 
ob ich mich mit dieser Existenzperzeption nicht täusche. Das Per- 
zipieren ist ein geistiges Schauen; ich kann somit dieses gei- 
stige Bild des Baumes existierend, vor meinem Fenster objektiv 
seiend denken, d. h. meiner Idee des Baumen eine wirklich seiende 
Realität vor dem Fenster zusprechen. Diese objektive Realitül ist 
allerdings nur c;ne gedachte Realität, eine gedachte Existenz, und 
als solche zu unterscheiden, einerseits vom Pcrzeptionsbilde, 
anderseits von der Existenz, d. h. dem Dinge an sich, das unserem 
Erkenntnisvermögen für immer unzugänglich bleiben wird. Drd 
Momente sind also wohl zu beachten: das Pmeptionsbild, die 
objektive, d. h. gedadite Existenz und die wirUiche Existenz, d.lL 
das Objekt an sicb.^) 

Kann ich ein Perzeptionsbild objektiv seiend denken, so bin 
ich geneigt, dasselbe als Repitentation eines wiiklichen Objektes 
anzusehen, der betreffenden Idee also wirkliche Esdstenz zuzi^ 
sprechen. £s ^bt Ideen, die ich keineswegs als existierend per* 
zipiere, und die ich auch niemals existierend, d. h. objektiv seiend 
denken kann. Ideen wie: Zwei Dinge einem Dritten gleicfa sind 
unter nch gleich; aus Nichts wird Nichts usw., werden wohl auf 
Objekte bezogen; sie selbst kann ich aber nicht als wirkliche Ob- 
jelde existierend denken. Es sind Wahrheiten, aber keine Objekt- 
reprflsentationen.^ In bezug auf eine große Anzahl von Ideen ist 
sdion das praktische Denken schwankend in der Zuerkennung 
der Existenz, namentlich in bezug auf Ideen, die nicht klar und 
deutlich objektiv seiend gedacht werden können, wie z. B. die 
Ideen der Kftlte und Wfinne, wie auch die Idee eines Baumes, 
dessen Standort nicht bekannt ist usw. Es gibt aber umgekehrt 
gewisse Ideen, die zwar Idar und deutlich gedacht werden kOnnen, 
denen der Praktiker desaenuxigeachtet doch die wirkliche Existenz 
abspricht Die Idee einer Chimäre z. B. ist klar und deutlich 
existierend denkbar; praktisch bin ich aber unerschOtlerlich davon 



') Vn I02 (Rep. aux Obj. Ij. — VII 160,4 (Rep. «ux Obj. n Def. i, 2.) — 

Vn 175,35 — aa», 5 — 357. a6 — 387f 8 (Rep. aux Obj. III, IV, V). — IV 350^18 

— 349t 13- 

*} Priac 1 4Bff. 



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ERKENNTNISTHEORIE, ^ 

Qberzeugt, daß sie nicht cx.istiert, sondern ein ens pictans dar- 
stellt. '1 Kurz: Läßt sich eine Idee klar und deudich existierpnd 
denken, dann bin ich praktisch geneigt, ihr eine wirkliche Existenz 
zuzusprechen. Aber eine Idee klar und deutlich existierend denlcen ' 
können, verbürgt noch keineswegs, daß sie ein wirkliches Objekt 
an sich repräsentiere. Das logische Kriterium der Existenz liegt 
somit nicht in der Existenzerkennbarkeit; ich kann etwas als 
existierend erkennen, ohne daß es deshalb existieren mQßte. Es 
kann Ideen geben, die ich nicht als Objektrepräsentationen be- 
trachten darf, obwohl sie klar und deutlich existierend dacht 
werden können und umgekehrt werden gewisse Ideen praktisch 
als wirklich existierend angesehen, obwohl sie nicht oder noch 
nicht klar und deutlich existierend denkbar sind. Existierend 
denken können, heißt nicht, existierend denken müssen. Die 
Ic^sche Möglichkeit der Existenz einer Idee ist keine logische 
Notwendigkeit. Ich iiiaü also ein Kriterium suchen, das anzeigt, ^ 
wann ich einer Idee die Existenz zuschreiben muß, unbekümmert 
darum, ob ich stc uucii klar und dcutUcli existierend denken kann. 

Ego: Ich halte Umschau, ob es unter diesen, als existierend 
perzipierten Ideen vielleicht eine gibt, die ich mit logischer Not- 
wendigkeit als Repräsentation einer an sich seienden, formalen 
Realität beurteilen muß, d. h. ob die Annahme der Existenz eines 
einzigen Dinges an sich logisch notwendig, unabweisbar sei: Ich 
finde einen solchen archimedischen Punkt: cogito ergo som. Ich 
peräpiere midi denk^d und denke mich weiter auch objektiv 
seiend; ich perzipiere mich und denke mich ezistier^uL Es 
sich nun, ob dies^ objektiven, d. h. gedachten Realitftt meines 
Seins eine an sich seiende, d. h. formale Realität entspreche. Ja; 
nicht nur das, sondern objektive and formale RhVictiz sind 
radezu identisch. Gerade darin, dafi ich mich existierend denke, * 
besteht meine wirkliche Ezistens. Die gedachte Existenz meines 
Ichs ist die Exislenz memes Ichs. Das Erkennen meines Ichs und 
das erkannte Ich sind realiter nicht voneinander verschieden. Die 
beiden Ausdrflcke: j^Ich denke' und »ich bin' bezeichnen nicbt 
veracfaiedene Realitäten, sondern die nämliche Realit&t unter ver- 
schiedenen Gesichtspunkten, unter jenem des Erkennens und jenem 
der Eirkenntnis, unter jenem der Aktk>n und jenem des Resultates 



>) V i6o > m ais,s$ — 544* 

4* 



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52 



KAPITEL in. 



derselben. Indem ich mich existierend denke, erkenne ich mich 
existierend. Die Existenz meines Ichs ist also eine innere, unmittel- 
bare Erfahrung und als solche unbezweifelbar. Kann auch die 
Existenz aller körperlichen Objekte bez^^eifelt werden, die eine 
Krfahrimf^ kann ich nicht in Zweifel setzen, daß ich existiere, 
wenn ich mich existierend denke, daß ich bin, wenn ich denke. 
Kein Skeptiker wird je » in Argument entdecken, durch welche«? 
diese innere, unmittelbarf Krhihnmgstatsache, diese vom natürlichen 
Lichte geschaute Wahrht ii ( rschüttert werden könnte, Sie bildet 
deshalb das erste Prinzip der gesuchten Philosophie.^) 

Die Annahme der Existenz meines Ichs ist los:isch unan- 
greifbar Ich kann nun die Existenz rines jeden logisch mög- 
hchen Ol)jcktes negieren, ohne mich damit selbst aufzuheben. Ich 
erkenne mich also in bezug auf meine Existenz vollständig tmab- 
hängig von der praktisch angenommenen Welt auUer mir. Ich 
kann umgekehrt diese auch existierend denken, ohne daß ich mich 
deshalb mit-seiend dt iikt n müßte. Zum Wesen meines Ichs gehört 
also nur das gedachte Sein; ich bin ein Sein, das denkend exi- 
stiert Durch den logischen Beweis der Existenz meines Ichs ist 
somit die Existenz einer außer mir liegenden W^irklicbkeit noch 
nicht bewiesen.') 

Deus: Ich existiere und erkenne mich existierend, wenn ich 
denke, jedes Denken ist eine Tätigkeit meines Seins, jeder Ge- 
danke also eine gedachte, d. h. logische Realität Die Form, unter 
welcher ich ihn sehe, wird Idee genannt') Um ein körperliches 
Bild zu gebrauchen: die Idee bezeichnet die Oberfläche, der Ge- 
danke den Inhalt, das gedachte Sein an sich. Da die objektive 
Realität meines Ichs identisch ist mit der formalen Realität, dem 
wirklich existierenden Ich, so ist die Idee meines Ichs ein adäquates 
Bild oder Abbild meines eigenen Seins. Es kann nim konsequenter- 
weise jede Idee, deren objektive Realität nicht grofier ist als die 
objektive Realität memes Ichs, ein Abbild des eigenen Ichs sein, 
des ganzoti Ichs oder nur eines Teiles desselben. Es ist also zu 

') Med IT, ni. — VII 142, 3 — T40, 18 — 422,4 — 481, 19 — 548, J5 (Rep. 
aux Obj. Ii, VI, VUj — IX ao6, ao (Rep. aiuc Inst) — I 353, a6 — 560, 16 — 
037, 9-'in36o,35-.Vi3B,3-~Vl3a,i8. 

») Med. n - VII 226, 3 — 491, 13 (lUp. au Obj. IV et Vn) — C X8> 
(Notac) — Princ I 60 — IQ 047, 9 — 4apbd8 — 475, 19 — sö?» » — 
— IV lao, 7. 

^ sädM» S. 49 Amnerkg. i. 



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53 



erwägen, ob nicht alle unsere Ideen, die außer mir existierende 
Objekte zu r( präsi nticrrn scheinen, nur Abbtldrr, gleichsam ver- 
schiedene AnsichtL^n rnemes eigenen Seins sind. Für den Moment 
sehe ich wirklich auch keinen stichhaltigen Grund gegen die 
Möglichkeit, d. h. gegen die Annahme, alle meine Ideen belebter 
und unbelebter Objekte seien nur Spiegelbilder ni' ines eig( nen 
Sems, alle Ideen — ausgenommen die Idee t itv s unt;ndiich voU- 
komiDcaen Wesens, die Idee Gottes, die k; incs\vri;s ein Abbild' 
memes Ichs sein kann. Daß diese l ice in r Seele vorband n 
ist, kann niemand bez^veifeln.*) Ich denke Gott vollkommener 
existierend als ich mich selbst seiend denken muß. Die der Idee^ 
Gottes /ukommende objektive Realität ist al^o unendlich größer, 
als die der Idee meines Ichs zukommende obirkLi\c Realität. Die 
Idee Gottes kann somit nicht als Abbild meinem existierenden Ichs i 
beurteilt, sondern muß als Abbild eines We.sens rin g eschen werden, 
das vollkoniBiener ist als ich; es inuü em unmdlich vollkomme- 
neres Wesen existieren als ich selbst bin. ich bin logisch ge- \ 
zwungen, Gott existierend zu denken. Es existiert außerhalb 
meines Geistes ein unendlich vollkommenes Wesen, Gott genannt 
Beleuchten wir den Gedankengang noch von einer anderen 
Seite. Die Gedanken sind logische Realitäten und ds solche keines- 
we^ voneinander verschieden. Betrachte icli su; aber als Objekt- 
repräsentationen, d. h. denke ich die Ideen objektiv seiend, gleich- 
sam außerhalb meines Geistes existierend, dann zeigen sich die 
größten Realitätsunterschiede. Ein objektiv seiend gedachter Teil 
enthält weniger gedachte Realität als ein existierend gedachtes 
Ganzes ; der objektiv seiend gedachten Substanz kommt mehr ob- 
jektive Realität zu als jeglichem, objektiv seiend gedachtem Modus. 
Es handelt sich dabei allerdings immer nur um verschieden ge- 
dachte Realitäten. Dafi ich aber den Ideen verschiedene Reali- 
täten zudenkCi daß ich die einzelne Idee gerade in dieser q»e- 
aiellen objektiven Realität denke und nicht in einer anderen, das 
mnfi eine Ursache haben; denn aus Nichts wird Nichts, und diese 
Ursache nenne ich eben formale Realität Die Annahme, daß diese 
Unacfae auflerhalb meines Geistes liege, ist erst dann logisch not* 
wendig, wenn keine andere Möglichkeit mehr denkbar ist Sehen 
wir zu: Nach diesen möglichen Ursachen forschend, habe ich in 

*J Princ. I 54, :£2 — Vli 138 (Rep. aux Obj. 1I> — IX 209, 15 (Rcp. aux 
inst) — m39ax4~43a,9 — ^Z3 — IV 187,81 V 138, X3t «3. 



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54 



KAPITEL III. 



erster Linie die logisch unbezweifelbare Erkenntnis zu beachten, 
dafi die objektive Realität der bewirkenden Ursache wenigstens 
ebenso groß sein muß wie die objektive Realität der Wirkung. 
Sie kann vollkommener sein und so als „eminente* Ursache die 

fonnalr Rfrilität {^l(Mchsam vertreten; denn was Ursache eines 
Ganzen se in k.mn, kann auch Ursache einer Teilwirkung sein. 
Aber niemals kann die gedachte Realität der Wirkung größer sein 
als die gedacht*^ RealitSt drr Ursache, r!n sonst das Plus aus dem 
Nichts entstanclfc n wlKvr, \\ as einon logischen Widerspruch in sich 
schließt, mithin undenkbar, unmöglich bleibt. Daß ich existiere, 
das ist unlit zwi ilrlhar. Ich erfaJire mich weiter nicht nur als er- 
kennt nl's, bundern auch als wollendes Sein, und wenn ich will, 
erkenne ich auch, daß ich will. Auch das Wollen ist eine Aktion 
meines existierenden Ichs, ein Gedanke, den ich wie jeden anderen 
Gedanken unter der Form einer Idee perzipicre. Indem ich will, 
schaffe ich also eine Idee, und je nachdem ich mehr oder weniger 
will, erzeuge ich Ideen mit mehr oder weniger objektiver Realität. 
Daraus ergibt sich dir Mopiirlikcii, daß alle Ideen, denen wenijjer 
objektive Realität zukonimi als der Idee meines Ichs, freiwuUend 
von mir bewirkt worden sein können. Prüfen wir nun die vor' 
handenen, unmittelbar erfahrbaren Ideen auf diese Möglichkeit •hin, 
von meinem Geiste freiwollend erzeugt zu sein.^) 

Ich kann frei-wollend die „wunderlichsten" Chimären schaffen, 
die verwegensten Gcchinkengebilde klar und deutlich existierend 
denken, obwohl ihnen praktisch keine Existenz außerhalb meines 
Geistes zugesprochen werden kann. Warum sollten nun nicht alle 
meine Ideen solche, aus einfacheren Elt nten zusammengesetzte 
„wunderliche* Gebilde meiner Einbildung ^ein können? In bezug 
auf jene Ideen, die mir belebte Wesen zu repräsentieren scheinen, 
wie die Ideen anderer Menschen, der Tiere, der Engel usw. er- 
kenne ich z. B. leicht, daß sie Kombinationen sein können der 
einfacheren körperlichen Ideen und der Idee Gottes, so daß ich 
mich momentan keineswegs gezwungen sehe, sie als Wirklichkeits- 
repräsentationen anzusehen. Die körperlichen Ideen ihrerseits 
können scheinbar alle von meinem Geiste, als formaler oder emi- 
nenter RetütfttsuFsache, hervorgebracht sein: Die Ideen des Uchtes, 



'J Med. III, Pret — VII 135,3 - '39,5 - i64f. - 185,19 - ^ t^ep. 

MX ofej. n, m, vj — Put. 1 19 — n 36, 7 — III 487,36 — 566,3p — 395, as. 



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ERKENNTNISTHEORIE 



55 



der Farbe, der Töne und weiterer ähnlicher Qualitäten sind über- 
haupt 80 dunkel, so unklar und undeutlich, daß ich selbst prak* 
lisdl nicht weiß, ob sie wirkliche Dinge repräsentieren, oder ob 
es nur chimärische Gebilde sind. Ich sehe auch keinen Grund, 
w^alb sie nicht von der Seele sollten gebildet sein können. Be- 
trachten wir die klar und deudich existierend denkbaren kOrper- 
liehen Ideen, so erkenne ich einige derselben als Abbilder meines 
eigenen Wesens, wie die Ideen der Substanz, der Dauer, der 
Existenz, der Zahl usw. Die speziell körperlichen Ideen der Aus« 
dehnung, der Gestalt, der Figur usw. sind nun allerdings der 
Natur meines denkenden Ichs fremd. Es ist aber doch unbe- 
zweifelbar, daß diese rein körperlichen Ideen logisch nichts anderes 
sind als Modi der Substanz, und da ich selbst eine Substanz bin, 
und da ferner die objektive Realität der Substanz größer sein 
muß als die objektive Realität eines joden mösjlichen Modus, so 
könnte mein Geist dieselben doch selbst geschaffen haben als 
eniincnte Ursache Kurz: Ich sehe für den Moment keinen stich- 
haltigen Grund gegen die Annahm alle Ideen, die körperliche, 
Objekte außer mir zu repräsentieren sclieuien, seien von meiner 
Seele als frei-wohendem Sein hervorsjebracht worden, und so lange 
diese Möglichkeit nicht als denkunmöglich beurteilt werden muß, 
darf die praktische Überzeugung von der Existenz einer Körper- 
welt außerhalb meines Geistes nicht als logisch notwendig und 
unbezweifelbar angesehen werden.^) Nur für eine Idee kann diese 
Möglichkeit nicht geltend gemacht werden, für die Idee eines un- 
endlich vollkommenen Wesens, Gott genannt. Sie ist in meiner 
Seele vorhanden; das ist eine unbezweifelbare Erfahrungstatsache. 
Ich denke sie objektiv seiend, und zwar unendlich vollkommener 
seiend als mich selbst. Die ihr zukommende objektive Ri alität ist 
also grülier als die objektive Realität meines Ichs und kuiia somit 
rieht als Erzeugnis meiner Realität angesehen werden; denn das 
Plus ihrer objektiven Realität wäre sonst aus dem Nichts ent- 
standen. In bezug auf die Idee Gottes bleibt danach nur die eine 
M(^lichkeit denkbar, sie als Abbild einer außerhalb meines Geistes 
existierenden, unendhch vollkommenen Realität zu betrachten. 
Gerade die Endlichkeit meines Seins macht die Annahme der 
Existenz Gottes zu einer logischen Notwendigkeit*) 

') Med. UI. 

•) Med. HL — Princ 1 17«-. - VU 365,9 tRcp. ans Obj. V) — 1 5^0^ 16 



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KAFllEL iU. 



Der Gottesbewds wird nodi deudidier durch dne Prtfmig der mflf - 

lichrn f.in'.vrnHnrtgen : 

1. In erster Linie ist der skeptischen Frage zu begegnen, ob eine Idee 
Oberhaupt voUkoaunener i>eia könne aib ich »elbüt. — Das Wort ^dee" ist 
sweidentig. Beieiehne ich damit nur eine Akticm meinee Geietee» dun kMUi 
keine Idee vollkommener sein als das denkende Tch. Bezeichne ich aber 
damit das Objekt an sich, das durch diese Operation repräsentiert, gedacht 
wird, dann kann ich wohl Ideen haben, die voUkommener sind als mein Ich.*; 

a. Wie die Ruhe als Negatioo der Bewegung^ der Schatten dfN^{Mioa 
des Lichtes angesehen werden kawi, so ist vielleicht auch die Idee einer 
nicht-endUchen Substanz nur eine Kegation der Idee einer endlichen Substanz. 
Keineswegs; es ist im Gegenteil diese gedachte, nicht-endliche Substanz ob- 
jdctiv realer als die gedachte endlidie RcaUtIt Ich Itaan dae perzipierfee 
Snbstanz Oberhaupt nur als endlich beurteilen, wenn ich sie mit einer nicht' 
endlichen Realität vergleiche. Damit ich mich als endliche Substanz erkennen 
konnte, muü die Pcrzeptioa eines nicbt-endUcben Wesens schon vorhanden 
geweaen aein. Ich hltte midi niemds ala unvoUkonmenea Weaen beurteilK, 
ich wOrde niemalB voilicommener zu sein wQnschen, ich kOniita Überhanpt 
^ nicht zweifeln, wenn ich nicht in mir die Idee einea voDkommeneren 
W«M08, ala idi bin, vorgefunden hätte.*) 

3. BetradUen wir die Ide« der Kitte. Idi aehe kdn««wegs, ob aie eine 
wirkliche ReaUtät repriaentiert oder nur den Mangel einer RealiHt, der Wftrme, 
bezeichnet. Sollte letzteres wirklich der Fall sein, dann wäre sie materiell 
iaUch; denn sie wQrde mir emen Mangeli ein Nichts, als eme an sich seiende 
Realität repräsentieren. Ist vieUeicht auch die Idee Gottes in diesem Sinne 
materialiter falsch, indem sie mir ala Realität repräsentiert, was mir mangelt,' 
also ein Nichts? Die Vergleichung ist nicht zutrrffrnd. Während die Idee der 
Kälte als Gegensatz zur Wftrme nicht klar und deutlich existierend gedacht 
wird, kann Gott klar und deutlich als selbständige logische Realität gedacht 
werden. Sie ist ohlektiv realer ala jede andere Idee; keine Idee ist darum 
weniger materiell falsch, keine wahrer als sie. — Alles was ich klar und 
deutlich existierend erkenne, alles was eine gewisse Vollkommenheit in sich 
schließt, gehört der Idee Gottes zu. Obwohl ich aber angesichts der £nd- 
Udikeil roeinea ErkenntnisvemiAgens nicht alle in ihr liegenden VoOlrammen- 
heiten zu erkennen, obwohl ich nicht deren ganzen Inhalt zu erfassen vermag, 
der Charakter der Klarheit und Deutlichkeit kann ihr dessenungeachtet doch 
nicht abgesprochen werden, so wenig wie der Idee des Dreiecks, wenn ich 
auch die in ihr Ifegenden Wahriteiten aber Winkd und Sdten noch nidit 
erkannt haben sollte.') 

4. ßet.ltigen wir irgend eine der der Seele zukommenden Fähigkeiten, 
so haben wir ein aktuelles Bewufitsein dieses Aktes. Das ist eine Erfahrtmgs- 
tataadie, die mich in der Annahme zwingt, der Sede mflssen alle denkbaren 
Fihifkeiten abgesprochen werden, die nicht bewuBt werden.*) Es ist aber 
andi eine unliezweifelbare Eifahrungstaisache, 4^ sich mdne Eitenntaiaae 



') Med. Pref. — VII 181 (Rep. aux Obj. HI) - III 566, 25. 

•) Med. m — VII 365, 6 (Rep. aux Obj. V) — IU 427,6. 

*) Med. m ^ vn aaa, 12 — 234, 13 — 364. ai5 — 3^7, 19 (Rep. aus Obj. 

IV, V) — IV 210, 10 (Rep. aux Inst.i — III 426, 27. 
*) VU 232, 5 — »46, 23 (Rep. aux Obj. IV). 



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ERKEfitrrSiSTHEORlE. 



UgtflgUch vermehren uad mich bereits zu Gesichtspunkten gefflhrt haben, 
von denen ich frttber keine Ahnung gehabt habe. G^en die Annahme, mein 
Erktamtniiihertand laase sich ins Unendliche vermehren, Mhe ich kein «ticfa* 
haltiges ArtrtmtonL Meine Seele ist also vielleicht vollkommmrr, als ich sie 
aktuell seiend zu erkennen vermag. Es liegen somit vielleicht alle Gott zuge- 
schriebenen VollkommenheitMi reap. Ffthigkeiten potentiell in ihr, so dafi die 
Idee Gottes glfiifhaam em Spkgelhäd dea mflg^dMm SeeleninhaUea wire. — 

Einmal 7uc:cE:cbcn, rlaO :n meiner Seele noch Kräfte potentiell liegen, die nur 
der Entfaltung harren; (Jütt erki [uie ich aber aktuell vollkommen seiend. Die 
Annahme, in ihm »et etwas nur potentiell seiend, d. h. noch nicht seiend, 
•dUififit alao dnaii logischen Widenproeli in «Idi. Sie iat müialtbar. — 
Welchen Grad der Vollkommenheit meine Seele auch erreicht haben mag, 
immer laßt sich noch eine weitere Vervollkommnung denken, d. h. ein Ab- 
schluß meiner Entwickelung ist undenkbar, wahrend dagegen Gott aktuell so 
voUkoinmen seiend erkannt wird, daS eine weitere VenroUkomnming flber- 
Juutpt undenkbar, also unmöglich ist. — Es bleibt weiter aneil ZU beachten, 
daä eine aktuell vorhandene, objektive Realität keineswegs erzeugt sein kann 
von einer erst noch zu werdenden Realität, die aktuell — zum Teil wenig- 
•lens — noch ein mchts ist, «mdem nvr von einer aoch aktoeU an ndi 
seienden Realität, eben Gott. Die Annahme, die Idee Gottes sei das Produkt 
der Ktnwtcklungsßihigkeit meines Ichs, mnfi als denkonmOgUcb anrOck- 
gewiesen werden.*) 

5. Ich existiere; ich finde in mir die Idee Gottes nnd mnS' sie als 
Repräsentation eines sn sich existierenden Gottes beurteilen, also ein unend- 
lich vollkommenes Wesen existierend annehmen. Ks bleibt aber noch zu er- 
wägen, ob ich vielleicht auch e.xistieren könnte, wenn Gott nidu existierte, 
d, 1l ob ich vielleicht anabhängig von Gott existiere. 

Bin ich etwa Schöpfer meiner selbst? Ksnm, denn in diesem Falle 
hätte ich mir wohl alle X'ollkommenheitcn gegeben, (iic ich zu denken ver- 
mag, oder müüte sie mir doch jeden Augenbhck geben künnen; ich würde 
nie zweifeln, sondern nur erkennen; ich würde nie wOnschen, sondern nur 
denkend schaffen; knra, mir wftrde keine Vollkommenheit mangeln, wire 
also selbst Gott.*) Die Annahme, ich sei eine caus;a =:ui, schließt somit er- 
fahrungswidrige Konsequenzen in sich, muß also sachlogisch als unhaltbar 
bezeichnet werden. Oer mögliche EUnwand, das mir Fehlende sei vielleicht 
sdiwieriger su schaffen ab das, was ich mir eben gegeben habe, kann diesen 
Gedankengang nicht alterieren. Denn: Ich bin eine Substanz und mir 
mangeln doch nur Modi der Substanz. Es müßte also wohl schwieriger ge- 
wesen sein, eine Subsiauz mit allen ihren Moditikationsmügiicbkeiten aus dem 
Nicbts hervoi^bracht cu haben, ab eine schon geschaffene Stdistsnz sn 
modifizieren.*) 

Vielleicht bin ich aber immer gewesen und brauche also keinen 
Schöpfer meines Seins und keinen entsprechenden Schöpfungsakt anzu- 
nehmen. Anch (fieser Ausfiuchtversach sdieitert: Ich erkenne mich existierend 
in dem Momente der Perzeption meines Seins. Jede Sdnsperzeption ist 
gleichbedeatend einem Gesetstwerden dea Seins in der Zeit, also gleich- 



') Med. m — VII i33f. — 370,20 — 373,« (K-«P- ^bj. U, V).- 
•) Med. m. 

•) Med. m - VH x66 (Rep. aux Obj. n - 9. Axk)m). 



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KAPITEL UL 



t>edeatend einer Schflpfaag in der Ztnu Wenn ich nun ein Sein ia mehrere 
aiifeinniderfU|{«nd«a MomepteB writtjoreiwl perzipiere, mit uidercii Worten, 
wenn ich mit Ülfe des GedAcfatniMea ei»e Exteieiiqteneption als Erneuerung 
einer frnhrrm '^einsperzeption erkenne, spreche irh frrwöhnlich nicht mehr 
von einer Schöpfung, sondern von einer Erhaltung des Seins in der Zeit. 
IHe zeitlich aufeinatulerlblfesdeik £suleiiipenqil!<»eD riad yollitliidic tob* 
eiauder uMibhlngige EifahnmfMftlncfaen; mit einer derselben sind die 
anderen keineswegs notwendig gegeben. Daraus also, daß ich mich in diesem 
einen Momente existierend pcrzipiere, folgt keineswegs mit Notwendigkeit, 
dafi ich auch in dem iolKenUen Momente existiere. Die Erhaltung meines 
Seim ia der Zeit ist somit ein immer sich «aeuemdes Gcaetstwerdea, eine 
immer sich erneuernde Schöpfung. Das Erhalten i>r ein Schr'prrn Da ich 
nun weiterhin in mir keine Kraft seiend erfahre, mit deren Hille ich meine 
Existenz für den folgenden Moment zu sichern vermöchte, werde ich mich 
in der Folge aar denn wieder «Is sdlend pendpieran, wenn mieh irgendciae 
aafier mir liegende Ursache fftr diesen neuen Erkenntnisakt schaflft, also 
erhält. Wenn ich somit auch seit Ewigkeit bestände, d. h. nicht erschaf}'en 
wäre, so mOäte ich dessentmgeachtet doch von der Erfahrungstatsache der 
CthaMnaf metaes Seins in der Zeit saf die Ezistens eines snfier ndr exiMle- 
rendeOt mein Sein erhaltenden Weaeas schliefien. Sachlogisch bleibt der 
5>chlu0 von der Tatsache der Existenz meines Seins snf die Existenz Gottes 
notwendig, zwingend, d. h. unbezweüelbar.*) 

^eHeidit ist dSes Wesen oidit Gott, sondern ein snderes Sehl. Er- 
wlgen wir diese MO^idthettl Da die Ursache wenigstens ebenso real sein 
mnfl wie die Wirkung, so muß jenes Wesen, von dem ii Ii in meiner Elxistenz 
abhAngig, also gescha£f^en bin, eine denkende Substanz sein imd die Ideen 
sller Vollkommenheiten enthsken, die idt Gott sascbreibe. Diese Bedingung 
kflnate als erfaUt angesehen werden, wenn ich X. B. meine Eltern als Ursache 
meines Seins betrachtete. Ich werde aber sofort auf dir Frage nach der 
Seinsursache meiner Ursache gefOhrt. Ist sie Ursache ihrer Existenz, also 
tiae onus sui, dann ist es eben Gott Verlangt aber auch sie eine Ursadie 
ihrer Existenz, so werde ich nach einer zw e iten Uisadie gewiesen und von 
ihr immer weiter, bis ich endlich suf eine causa sui komme die n!? Existenz- 
Ursache aller Zwischenglieder angesehen werden müüte und eben nur Gott 
sein könnte. Die Lösung des Problems wird durch diese Argumentation nur 
zeidich sarttdcgcsdioben. Der RegreS los Uaendlche ist ntm aher logisch 
unmöglich; denn es handelt sich ehensov.-ohl um die Ursache meiner Er- 
haltung, wie um die Ursache meiner Erschaffung. Jener Faktor ist in Frage, 
der mein Sein aus dem Nichts erzeugt hat und mich zugleich in jedem neuen 
Perzquion smo me nte nea schsfit, d. h. erhiit Ich kann dier Annahme 
nicht ausweichen, dafi ich in bezug auf meine Existenz in jedem Momente 
von einem alle Zeiten aberdaoemden, ewig existierenden Wesen abliAngig 
bin, Gott genannt*) 

Vidlekht bin ich von mehreren Ursachen sngle^ ahhlngig, and die 
verschiedenen, Gott SQgasdiriebenen Vollkommenheiten sind vielleicht nur 
Rcpriaentationen dieser vecscfaiedenen Ursaclien. Die Idee Gottes wflre denn 

') Med. III — Princ. 1 21 — VII 110, 12 — 369. 14 (Rep. aux Obj. 1, V) 
— VII 165 (3. 0. 9. Axiom) — III 297, 18 — V 221, 12. 

*i Med, m Vn, 370,13 (Rep. mnx Olli. V) ~ V 54, i ~ 546^ 7. 



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£RK£NHTNISTHB0RIE: 



59 



ein Sammelname för rnrhrpre zusammenwirkende, unvollkommen rrr Rpnli- 
taten. Diese Annahme wird binfällig durch die Tatsache, daö die Idee der 
Einheit, der Einfachheit and Unzertrennbarkeit eine der haapirtehlichiten 
VoUkoimiienlieiteii ist, die ich Gott «tgehAreiid denken muß.*) 

Zti s nm TT p n f a s - r- n H : !rh erfahr? in mir die Idee Gottes; dies ist eine 
innere, unmittelbare Erfahrung und darum unbez weif el bar. Denkmöglich 
bleibt nun nur die eine Annahme, diese Idee reprAsentiere ein unabhängig von 
meinem Geiste existierendes, nnendlieh vollkommenes Wesen, iron dem idi 

mich in meiner Existenz abhängig erkenne. Kann ich Gott an sich auch 
nicht erkennen. Hie Annnlime seiner Existena iat ^^yffhlftgig^h anabweisbaT} 
also logisch notwendig, uriJci:weifelbar. 

Existenz der Körperwelt. Mein eigentliches Ziel war und 
bleibt die Beantwortung der Frage, ob die praktische Annahme 
auüei nur existierender körperlicher Objekte logisch noiwciid;g 
sei: Ich existiere; Gott existiert; das sind zwei unangreifbare Po- ' 
sitionen, auf die mich die bisherige Untersuchung geführt hat 
Halten wir von ihnen aus weiter Umschau: Um die txisLeuz 
meines Ichs zu erkennen, hatte ich kein anderes Mittel, als die« 
klare und deutliche Perzeption, daß ich cxisüere. Gott als cau:sa 
sui hat mich so geschaffen und erhält mich so, wie ich mich 
existierend erkenne. Damit wird die Vermutung berechtigt, Gottr 
habe aUes wirklich geschaffen, was ich klar und deutlich existie* 
rend erkenne. Ich darf vermuten, daß jede Idee, die ich wie die , 
Idee meines Ichs klar und deutlich als existierend denken mufi, 
auch wiikUch von Gott geedhaffen sein, also existieren kann. Aber 
auch die Qiimfiren sind klar und deutlich existierend denkbar, ob- 
wohl ihnen praktisch jegliche Existenz abgesprochen werden muß. 
So sind vieBeicht alle körperlichen Ideen nur Gdnlde der £nei 
kombinierenden Einbildungskraft, denen keine wiridicbe Existaiz 
zi^esprochen werden darf. G^en diesen Einwurf habe ich in 
einer vorläu^gen Betrachtung keinen stichhaltigen Grund gesehen. 
Sehen wb: neuerdings zu.^ 

Meinen Geist von den Sinneseindrfldcen, wie vom der kOr* 
perüchen Einbildung ferne haltend, habe ich die Idee des Baumes 
perzipiert Diese Idee ist ein rein geistiges Bild und rein geistig, 
objektiv seiend denkbar. Ich kann sie mir aber in der küiper* 
Uchen Imagination ancfa körperlich vorsteUen; ich kann mir in 
der Imaginatkm einen fcoiperlich existierenden Baum schaffen, und 

*) Med. III — vergl. V 139, 3 

•) Med. IV - Vil ai9, 15 (Rcp. aux Obj. IV) — C X 84 (Notae) — 
Diac W — Princ I 60 — m 567, 10 x8i, 5 » i^, 8 — ais, z6.— V 9731 



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6o 



KAPITEL Iii. 



dieser körperliche Imaginationsbaum existiert auüeihaib mtines 
Geistes; denn die körperliche Iniagiiiation gehört nicht zum Wesen 
meines Seins. Ich erfahre sie aber doch von iiiu abhängig, diesen 
Imaginationsbaum z, B. von mir gebildet Wie die Idee des Baumes, 
so Ußt sich auch die klar und deutlich perzipierte Chimäie in der 
Imagination körperlich darstellen. Also auch sie kann in der Ima- 
gination körperlich seioid existieren, obwohl ich ihr praktisch eine 
wirkliche, körperliche Existenz abspreche. Die Möglichkeit, eine 
Idee in der Imagination kOrperiidi seiend zu bflden, verbüi^ also 
noch nicbt, dafi sie ein wirUicb aeiendet Objekt reprlaentiere. 
Das Kriterium der Emtenz des Baumes muß anderswo liegen.^) 
Ich kann weiterhin auch nut Hilfe der Sinnesorgane 
denken. Ich öffiie meine Augen und bewege sie* bb ich die 
Idee des Baumes sehe; ich bewege meinen Kthper, bis ich mit 
dessen Hilfe den Baum fahle, kurz» ich benutie die mir zur Ver- 
fügung stehenden Sinnesorgane, um den gedachten Baum auch 
empfinden, empfindend denken 2U können. GeUngt mir dies, 
dann betrachte ich ihn praktisch als Repräsentation eines von 

, meinem ErkemitnisvermOgen unabhängig existiemden Objektes^ 
dann betrachte ich die Idee als wirklich existierend. Diese An- 
nahme ist auch logisch haltbar; denn: Das Empfinden ist eine 
passive Fihigkeit memer Seele. Sie wSre unnOtz, leer, wenn 
nicht eme errqpende Kraft vorhanden wflre. Diese kann nidit in 
mir liegen; denn ich empfinde nicht ein denkendes, sondern eüi 
wesensfremdes, ausgedehntes Sein. Die Fähigkeit der Empfindungs- 
erregung setzt mein denkendes Sein gar nicht voraus. Die Emp- 

f findungen werden erzeugt ohne mdne Mitwirkung, oft geradezu 
gegen meinen Willen. Wenn ich also eine Idee empfinde, d. h. 
mit Hilfe der Sinnesoigane denken kann, dann mufi ich sie als 
Repräsentation eines von meinem Ich unabhängig existierenden 
Seins beurteilen. Die Sinneserfahnmg, d. h. das shmliche Denken, 
fahrt mich somit zur Annahme der Existenz wirldicher Sein 
außerhalb meines Geistes.*) Damit will natarlich keineswegs 
Ipesagt sein, dafi ich alle Sein zu erkennen vermöge, die ab<9> 
haupt existieren, sondern nur das eine, dafi wirklich existiert, was 
ich klar und ältlich als existierend erfahre, 

') Med. VL — C XI, 397 (Reg. 14). 
*) Med. VI. ni. IV 319,9. 
■) VH a49,& (Rep. mix Obj. IV). 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



6l 



Die Smnesempfindung \\ ii ri durch ein außer mir existierendes 
Sein bewirkt. Es ist nun eine unbezweifelbare Wahrheit, daß 
ein Sein nicht von einem Nichts bewirkt werden kann Das die 
Empfindung: bewirkende Sein muß also wenigstens ebenso real 
sein wie die empfindend gedachte Wirkung. Es handelt sich 
dabei keineswegs um ein materielles, sondern um ein foninHeSj 
logisches Kausalitätsverhältnis, d. h. die Ursache muß ebenso real 
seiend gedacht werden wie die Wirkung gedanklich real seiend 
erfahren wird, so verschieden die entspi f rlienden Sein an sich 
ihrer Natur nach auch sein mögen und können. ^) Drei Möglich- 
keiten sind nun zu erwägen: Die bewirkende Realität ist an sich 
endwedcr gerade so groß, wie ich sie aut Gr und des Kausalitäts- 
gesetzes denken muß, so daß die Idee als adaequates Abbild der- 
selben beurteilt werden muii, oder sie ist größer, so daß die Idee 
nur einen Teil derselben repräsentiert, oder sie ist identisch mit 
dem existierend erkannten unendlichen Sein d. h. mit Gott. Be- 
trachten wir zunächst diese letztere Möglichkeit, d, h. die mög- 
Uche Annahme, ich perzipiere jedesmal die Realität Gottes, wenn 
ich eine körperliche Idee mit Hilfe der Sinnesorgane an sich 
seiend erfahre, so daß ich gleichsam alle Objekte in Gott sähe. 
Wenn ich z. B. die Idee des Baumes empfindend denke, so wOrde 
idi in diesem Falle gar nicht einen wirl^cheA Baum an nch emp- 
finden resp. perzipieren, sondern Gott Dafi mir Gott wirklicfae 
Objekte so ^eichsam vorauberte, ohne sie wirklich geschaffen 
zti haben, das wflre angesichts semer Allmacht wcM möglich. Ich 
wOrde mich dann aber tauschen, wenn ich, einer natttrKchen 
Neigung Folge leistend ^ körperliche Objekte als Empfindungs- 
ursacfaen annähme. Ich wOrde mich zwar nicht iiren in der An- 
nahme, dafi den Ideen in mir eine wirkliche Realität aufier mir 
entspricht — denn Gott existiert ja — sondern in der Annahme, daß 
sie in jener bestimmten Realitit existieren, in der ich sie khr md 
deutUcb an sich seiend denken mi]6. Gott hitte mich dann g«- 
tttischt, nicht deshalb, weil er mir kein Mittel gegeben hätte, dies 
wahre Veiliflltnis zwischen Ideenwelt mid Wirklichkeit zu erkennen, 
sondern weU er mich im Gegenteil mit Erkenntnismitteln ausge- 
stattet hätte, die mich etwas zu denken zwiqgen, was nicht wahr 
ist Die Täuschung wäre zudem dne ewige Täuschung. Gegen 



') Vn 966^3 (Rep. «nx Obj. V)^ 



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62 



KAPITEL III. 



diese Möglichkeit spricht nun aber meine Perzeption Gottes als 
unendlich vollkommenes Wesen. Seinem Wesen kann kein Fehl, 
kein Mangel zugedacht werden, dafür aber jede mögliche Voll- 
kommenheit, Obwohl (ij.s laubclicn können als Zeichen eines 
scharfen und entwickelten Verstandes angesehen werden muß, 
das läuschen- wollen bezeichnet zweifellos doch eine gewisse 
Sciiwäche, eine Heimtücke, einen Mangel an Wahrheitsliebe und 
kann infolgedessen Gott nicht zugeschrieben werden. Ein un- 
endlich vollkommenes Wesen lügend zu denken, schließt einen 
logischen Widerspruch in sich. Gott, als unendlich vollkommenes 
Wesen, kann nicht tauschen wollen; das ist ein unerschQtterlicber 
Fundamentalsatz, ein Axiom.') Damit fallt aber die Annahme 
als logisch unmOglicfa dahin, daß wir die Dtnge in Gott selie% 
dafl uns Gott die kOrperiicfae Wdt nur wie ein Zaubeier 'Vor> 
tausche, und logisch wklerspruchsfrei, also denkbar, bleibt nur 
die eine Möglichkeit, daft den mit HBlfe der Sinnesoigane denk* 
baren Ideen in mir wirkliche körperliche Objekte aufler mir ent» 
sprechen. Die mit Hilfe der Sunesoigane Idar und deutlich 
I existierend denkbaren Ideen mOasen als adäquate Abbilder wirk- 
lich existierender kOrperlkher Objekte angesehen werden. Die 
'Möglichkeit der Smneserfahrung, des sinnlichen Denkens, bildet 
das Kriteriiun der Existenz meiner körperlich gedachten Ideen.*) 
Damit sind nun die Cbhnaren logisch notwendig als nicht 
existierrade Ideen auageschieden; sie sind wohl logisch wahr, aber 
nicht seins-wahr.^ Ich erCtdire weiter verschiedene Traumideen 
und glaube sie Idar und deutlich zu sehen, zu hOren, ja zu riechen, 
kurz, empfindeaid zu denken, und doch bin ich praktisdi voU und 
ganz aberzeugt, dafi dieselben keineswegs wirkliche körperliche 
Objekte repräsentieren, dafi sie kemeswegs als existierend be* 
urteilt werden können. So konnten schlieAlicfa alle sinnlich denk- 
baren Ideen nur Traumideen sein. Dieser Einwurf schwächt die 
Kraft unseres Ezistenzkriteriums nicht Mit Hilfe des Gedächt- 
nisses kann ich nämlich sofort die Traumideen von den wachend 
erfahrenen Ideen unterscheiden. Das Gedächtnis vermag niemals 



V 139, 3. 

*) Iii 359, ^. ~ VII 142 f. (Rep. aux übj. II). — C XI, 70. — (lettre k Vo€t.) 
0 Med. VL - Vli aa6,3. 367, 10. (Rep. aux Opj. IV, V). — iU 438,30. 
— S44f3»--IV xi^6 ~ V 049,31. — 57ayi& 
-)Me4n.-V 354,14, 



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ERKENITTNISTHEORIE. ^ 

Träunv" untt [ sich oder mit dem Inhalt des „wachenden" Lebens 
zu vereinigen, während es mit Leichitigki it und oft ohne unser 
Zutun alle Erapfindimgsideen kombmiert, die wir wnchf rid er- 
leben. Wenn mir wachend plötzlich eine Person erscheint und 
sofort wieder verschwindet, ohue daß mir das Gedächtnis sagen 
kann, woher sie gekommen und wohin sie gegangen, so schließe 
ich nicht ohne Grund auf ein Gehtmgespinst, ähnlich den Trug- 
gebilden, die sich in sriilafendem Zustande einstellen. Erinnere 
ich mich aber klar und deutlich sowohl des Ortes, wolier bie ge- 
kommen, als auch des Ortes und der Zeit der Erscheinung, und 
kann ich diese Perzeption lückenlos in den übrigen, perzipierten 
Lebensmlialt einzufügen, dann bin ich unerschütterlich davon 
überzeugt, daü ich wachend und nicht schiatead gesehen, d. h. ge- 
dacht habe, daß jener Perzeption resp. Idee ein wirklich existie- 
rendes Sein außerhalb meines Ichs entspricht Das Gedäclitnis 
bildet also das Kriterium, um meine Traumerfahrungen von den 
Erlahiungen des »wachenden" Lebens klar und deutiicii zu unter- 
scheiden.*) 

Zusammenfassend ergibt sich als Resultat, daß jede Idee, die 
ich unter Aufwand aller mir zur Verlugung stehenden Hilfsmittel: ^ 
Einbildung, Sinne und Gedächtnis, klar und deutlich existierend • 
denken kann, auch wirklich außerhalb meines Geistes existiert ' 
Dafi dem wirklich so ist, das IftBt sich direkt niemals kontroUiereo; 
denn' ich kann mich niemals meines Seins entftufiern; ich bleibe 
ich und habe nur meine Gedanken in meiner Macht Dafi ich 
mich aber bei diesem Blicke des Erkenntnisvermögens Uber die| 
Grausen memes Seins hinaus nicht täusche» das verbargt allein 
die Idee Gottes. Mit deren Hilfe allein können die gegen die 
Sinneserfahrung geltend zu machenden Einwtnde zurflckgeschlagen 
werden. »MlJgeii die hervorragendsten Köpfe diese Frage stu- 
dieren wie sie wollen, ich glaube nicht, dafi sie irgend ein Argu- 
ment finden konnten, das die Zweifel an der Ekistens der körper- 
lichen Objekte zu heben imstande wflre, es sei denn, sie setaen 
Gottes Dasein voraus.*) 



') Med. VL VH 196h 6 (Repu «nx Obj. m). — C XI 390 (»RMlierciw 

de b Verit«') 

»> VI 38, 12 - 39, 3 (Disc. IV). — VU 71,3 (Med. V). — Frinc l 3a— 
VD 141,9 — 151, 10 — 196, II — 047, 16 — S8l4,8 — 438, 1 — 431, 10 - 5481 

(Rcp. ans ofcjj. n, m, IV, V, VI, vii>. ' HI — m«* 



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64 



KAPITEL ///. 



Die Körperwelt existiert. Ein dritter fester Punkt ist ge- 
lunden, unti damit das Existenzproblem für DKSfARTF.s gelöst. 
Der zurückgelegte Weg ist durch unerschütterliche Marksteine 
gezeichnet. Ich perzipiere und bin geneigt, die Perzeptionen resp. 
Ideen als Repräsentationen außerhalb meines Geistes existierender 
Realitäten anzunehmen. Ist diese praktische Annahme logisch 
unbezweifelbar? Das ist unser Ausgangspunkt, unser Problem. 
Der Lösungsversuch führte mich zunächst auf die Idee meines 
Ichs, die in ihrer objektiven ReaUtflt identisch ist mit dem an sich 
seienden Ich; ich erfohre mich existierend. Daß ich eiisliere^ iü 
eine innere, unmittelbare und unbezweifelbare Erfahrung. Ich 
erfahre in mir weiter die Idee Gottes, die eine unendlich grOllere 
ReaKtflt repräsentiert als mein Sein; sie kann infolgedessen nicht 
Abbild meines Ichs sein, sondern mufi als Abbild einer unendlich 
vollkommeneren Substanz beurteilt werden. Die Annahme der 
Existenz Gottes ist logisch notwendig. Die Vollkommenheit Gottes 
verborgt mir nun «weiterhin, daß ich mich nicht tausche in der 
auf der Fähigkeit des smnlichen Denkens beruhenden Annahme 
existierender Körper aufier mir. Die Erfahrung meines Ichs als 
existierenden, unvollkommenen Seins bildet die Grundlage, auf 
welche sich die logische Sicherheit der Existenz Gottes stotzt, 
die ihrerseits die Richtigkeit der Annahme der Existenz der Körper^ 
weit logisch verbOigt. 

2, Brkeimtiiisprobiem. 

Es gibt Ideen, die als Abbilder wirklich existierender Objekte 
beurteilt worden mOssen; es existiert also eine von meinem Er- 
kenntnisvermögen imabhange Wirklichkeit; mdner gedachten 

^'Welt steht eine wirklich seiende Welt gegenüber. Erstere ver- 
tritt in meinem Geiste letztere, wie ein Gemälde die wirkliche 
Natur vertritt. Kann nun meine gedachte Welt als getreues 
Abbild angesehen werden? Dieser Frage habe ich oii<^ zuzuwenden. 
Die Zuverlässigkeit nit Ines Erkenntnisvermögens ist zu prtlfen, wo- 
bei die Frage der Entstehung dt i Ideen unberücksichtigt bleiben 
Soli; d. h. ich betrachte vorläufig die beiden Welten als vollständig 
voneinander unabhängig, ohne damit ein Urteil darüber gefällt 
haben zu wollen. Infolge der innigsten Verknüpfung der beiden 
Probleme halt es allerdings hin und wieder äußerst schwer, sie 



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ERKMM^TNISTHEORIE. ^ 

vollständig zu trennen. Das macht sich namtnüich geltend in der 
Anwendung dt:r Termini, die oft oder meist gerade^ im Hinblick 
auf die Entstehung der Ideen gewählt worden sind. 

Als denkendes Sein habe ich nui meine Gedanken in meiner 
Macht, nur logisches Wissen ist möglich. Die Welt an sich kann \ 
ich also nicht denken, sondern nur die dieselbe vertretende, ge- 
dachte Welt. Daß die an sich unerkennbare Wirklichkeit dann 
tatsächlich auch so beschaffen sei, wie ich sie klar und deutlich 
objektiv, d. h. an sich seiend denke, das lAfit sich allerdings 
direkt niemals kontrollieren. .Die Richtigkeit der Annahme wird 
aber verbfirgt durch die Erkenntnis eines unendlich voUkomuieaen 

wie ich 

es klar und deutUcfa existierend zu denken vermag, — da es ja 
auch mein Sein so geschaffen hat, wie ich es objektiv seiend 
erkenne, — das anderseits nicht ttuschen kaip, so dafi ich nicht 
fehlgehe in der Annahme, mein klar und deutlich durchdachtes 
logisches Weld>ild sei ein getreues Abbild, sofern kh mich 
aller meinem Erkenntnisvermögen zur Verfügung stehender Hilfs- 
mittel bedient habe. Allerdings verborgt die Wahrhaftigkeit Gottes ^ 
keinesw^, daB ich die Welt an sich denke, sondern nur, dafi 
ich ein getreues, g^hfOrmiges, adAquates Abbild derselben be- 
sitze.^ 

In erster Linie habe ich mich der Hilfsmittel meines Ei^ ^ 
kenntnisvermOgens zu versichern; deren Betrachtung hat der 
eigentlichen Untersuchung voranzugehen. Die Gedanken sind 
logische Realitäten, und auch ohne unser Zutun reibt sich Ge- 
danke an Gedanke. Dieser geistige Lebensflufl wird für Momente 
von meinem natOrlichen lichte bdeuchtet; d. h. er wird fär Mo- 
mente bewufit; ich perzipiere. Das Perzipieren ist also ein Sehen, ' 
und will ich klar und deutlich sehen, so mufi ich das Perz^tions- 
bild anhalten und damit gleichsam gegen den Ansturm anderer 
Ideen schützen. Zur Erleichterung dieser Aufgabe stehen mir 
drei Hilfsmittel zur Verfügimg: Imagination, Gedächtnis und ' 
Sinne.*) Will ich z. B. die Idee des Baumes Ifingere Zeit denken, 

Med. VI - VII 226 (Rep aux Obj. IV). — III 474. 13. — 476^ 8. — 
478» a, 8. — 375,25. — 436. — Clcrseus«} Pr6f. de* lettres, 1664. 

*) C XI 96i, 247 (Reg. 8, 2). An «nderer Stelle da> R^nUe (C XI ao) 
werden nur Imagination und Einbildung aufgezählt. Das Gedächtnis wird als 
Spezialfall der Imagination dieser in der Aufzahkug untergeordnet. 



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66 



so stelle ich sie mir in der Iraaginaiiua koiperlich vor; ich iialte 
sie im körperlichen Gehirne fest, indem ich mir da eine früher 
entstandene, adäquate körperliche Idee reproduziere oder selbst 
eine solche bilde. Ich kann aber weiter gehend den Baum auc\\ 
den Sinnen vorfüliren und dadurch ein neues, lebhafteres \ or- 
stellungsbild schaffen. Durch diese Verkörperlichung resp. Ver- 
sinnlichung eines Gedankens wird gleichsam ein Keil in mein 
Gedankenieben hineingetrieben, der Fluß desselben gewaltsam 
fOr einige Zeit angehalten oder wenigstens vom „Blickpunkt* 
der Interenen abgdeiikt Dieser kflfperiichen Hittnmttiel werde 
idi mir, wenn immer mOgücli, bedienen. Dabei bleibt aber zu be> 
achtoni M es sieb immer um die nämitdie Geistesknrft handelt, 
die erkennt, obwohl sie verschieden benannt wird, je nachdem 
sie sich des einen oder anderen dieser vom KOiper zur Verfügung 
gestellten misroitlcl bedient Man nennt sie z. R ^'inteUigience 

* pure* und bezeichnet den Akt als intelligere (comprendre ou en^ 
tendre), wenn sie sich gar keines Hilfsmittels bedient, soodeni» 
sich in sich selbst zurQckziebend, den Gedanken in sich umfaflt 

* Sie wird aber «Imagination'' genannt man spricht von imaginäre 
vd oondpere (conoevoir), wenn die körperliche EinbikKing zu 
Hilfe genommen, die Idee körperlich vorgestellt wird.<) Wir 

•sprechen von Gedächtnis, von .souvenu* et resouvenir*, wenn 
eine irfiher entstandaie und in der Imsginadon aufbewahrte körper- 
liche Idee zur Fixierung resp. VerkOrperlicfaung des Gedankens 
Verwendung findet. Man bezeichnet die Erkenntniskraft endlich 

I als Sensibilitö und ihre Tätigkeit als sehen, hOren usw., wenn sie 
sich der Sinne bedient, d. b. wenn die Idee sinnlich gedacht 
wird.«) 

Einbildung, Gedächtnis und Empfindung bezeichnen ver- 
schiedene Formen der einen Erkenntniskraft; es sind durch die 



') Med. VI wird aach die Tätigkeit der reinen Intelligenz als ,conce- 
voir" bezeichnet. Dabei ist aber zu beachten, daß im lateinischen d. h. im 
Originaltexte allenthalben dafür gesetzt ist; yintelUgere*, das im Gegeosatze 
sieht zu yiniaginare*. Wir kAiuieii dio <Ke«eii Ueimm WMerBprach de« 
frmsStiMlieii Textes der «Medttationes" mit den „Regulae" auf Konto des 
Übersetzers schreiben Descarte'^ hat den Unterschied in cipr Niederschrift 
der Med. klar festgehalten; in der Korrektor der Übersetzung ist der Lapsus 
wibeschtet geblieben. 

■) Reg. la. — Med. VI, II— VII 17B, 19 (Rep. «nz 01^. DI). — Princ. 
I 19. — Psss, I 17 ff. — V 5jA 10 — t37,6 ~ ai9, 19. — IV 216^6. 



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ERKENNTNi^THEORJEL 



«7 



Natur der Hilfsmittel bedingte Modi des Erkennens, des einteiligere". 
Betrachten wir das Verhältnis noch etwas näher. Die Einbildung 
ist am leichtesten handbar. Bediene ich mich derselben, d. h. 
denke ich eine meiner Ideen in der Einbildung (im Gehirn), so 
wird sie «ur körperlichen Idee. Jede dieser Verkörperlichungen ; j*-.*- 
meiiier Ideen erfordeit eine gewisse Anstrengung, die keineswegs : 
notwendig ist für das mn geistige Denken derselben. Die Ur- 
sache liegt eben darin, dafi mein denkend existierender Geist m 
«n nicht mehr zu seinem Wesen gebarendes Sein hinfibergreift.^) 
Dieses Nichtpich scheint aber mit meinem Ich so innig verbunden i 
zn sein, dafi es geradezu als dessen Kehrseite angesehen werden | 
kann, so d^fi sich der Geist bei der i,Intellektion pure* gleichsam ' 
gegen sich selbst, bei der Einbildung aber gegen die AuSenwelt 
wendet Ich kann mich Uar und deutlich existierend denken ohne 
die körperliche Imagination. Diese gehört slso nicbt zum Wesen 
meines Geistes, liegt aber in dessen HachtsphAre; denn ich kann^ 
geistig wollend in ihr körperliche Gebilde schaffen. Oft entstehen 
aber köiperlicbe Ideen auch ohne mem Zutun, zuweilen sogar 
gegen meinen Willen. Die innere, unmittelbare Erfahrung lehrt 
auch also, dafi ich dieses Hilfsmittel nicht unbedmgt bebenrsche. 
Als ein auflerbalb meines Ichs exntierendes Sem ist es noch 
anderen Einwirkungoii ausgesetzt, die ich nicht immor zu paraUe> 
liaieren vermag. Es liegt wohl im Gebiet meiner Machtspbare; 
ich besitze aber kein absolutes Herrschaftsrecht darttber, wie ttber 
mein eigenes Sein, Ober das Reich meiner Gedanken. ^ Auch 
das Empfinden ist eine Form des Erkennens; ich erfadire es aber^ 
von meinem geistigen Sein vollständig unabhängig» Wohl kann 
ich durch existierende Körper meine Seele empfinden machen, 
aber Empfindungen aelbst kann ich keineswegs direkt, d. h. von^ 
meiner Seele aus, hervorrufen. Wohl liegen die Sinnesorgane als 
köiperlicbe Sein in meiner Machtsphäre; aber das Zustande- 
kommen des simüichen Denkens selbst setzt ein Sein voraus, das 
unabhängig von meinem Ich existiert — Das Gedächtnis dagegen 
erfahre ich wieder als ein der Machtsphäre meines Geistes imter- 
liegendes Hilfsmittel, wenn auch nicht in dem nämhchen Grade 
verfügbar wie die Einbildung. Die Gedächtnisidee ist eine in der 
körperlichen Imagination aufbewahrte körperUcbe Realität, die 



<) VU 305,7 <Rflp^ ans ObJ. V>, 



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68 



KAPITEL lU. 



von meinem Geiste, bti Gelegenheit, wie aus einer Vorratskanmier 
hervorgrnonimen werden kann. Dabei darf aber nicht unbeachtet 
bleiben, daß es auch ein geistiges Gedächtnis zu geben scheint, 
der Geist auch in sich selbst Id, rn aufzubewahr» n vermag. Dds 
ist eine innere, unmittelbare Erlahrung, dcihulb nicht abweisbar 
und, weil es sich dabei um einen rein geistigen Prozeß liandeit, 
körperlich nicht vorstellbär, oder doch nur per Analogie. \) 

Einteilung. Der Geist muß sich dieser körperlichen Hilfs- 
mittel allenthalben bedienen, wo dies mögUcb ist. Es gibt nflm- 
> lieh eine Anzahl von Ideen, die er ohne deren Hilfe, also rein 
geistig denken mufi. Es ist z. B. unmöglich, den Zweifel, die 
WoUung, die Seele usw. körperlich vonustellen, obwohl sie sich 
mcbtadestoweniger doch klar und deutlich in sich seiend denken 
lassen. Diese Ideen seien, weil sie sich nor vom „reinen Ver- 
stände* (l'intelligence pure) lenken lassen, intellektueUe, spirituelle 
oder immateridle Ideen genannt Ich kann sie allerdings auch 
per Analogie körperlich vorsteUen, mufi mir aber in den Schiufi- 
folgeningen wohl bewufit bleiben, dafi ihnen in der Wirkfichkeit 
keineswegs dne Körperlichkeit zukommt; ich darf keinen SdihiB 
ziehen, der eine Zugehörigkeit der Körperlichkeit zum Wesen der 
betreffenden Uee zur Voranssetzung hfttte. Im Gegensatz zu 
diesen gdst^en Ideen nenne idi jene Ideen, die durch Anwen- 
dung und eigentlich nur durch Anwendung dner oder mehrerar 
^dieser körperlichen Hilfinnitlel klar und deutScb denkbar sind, 
materielle, körperliche Ideen. Die Idee des Baumes z. E Isfit 
sich nur in der Einbildung oder sinnlich klar und deutlich ezi^ 
stierend denken. Die Mehrzahl aller meiner Ideen gehört zu 
dieser Grupp& — IMesen beiden Gruppen der rein geistigen und 
ran körperlichen Ideen stehen die geistig-kOrperlichen gegenOber. 
Dazu gehören in erster Linie jene Ideen, die zum Teil nur kOrper- 
t lieh und zum Teil nur rein geistig denkbar sind, wie die Idee 
des Menschen; dann Ideen, die sowcihl kOrperlidi als auch geistig 
Idar und deutlich gedacht werden können, wie die Ideen der 
Zahl, der Dauer, der Existenz; und es können endlich noch dazu 
gezahlt werden die Wahrheiten, die sowohl auf geistige wie auf 
rein körperliche Objektideen angewendet werden können, die die- 
selben gleichsam wie Bande vereinigen, imd auf deren Evidenz 



*) Med. VI. - Reg. XL - VI 37,-6 (Diic. IV}. 



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BREEtlNTNiSTHSORiMU 



die SicliertieH der logischen Schlufifolgerung beruht; also Ideen 
wie; Zwei Dinfe emem dritten g^di, sind unter sich gleidi; aus 
I^chts wird Wditi usw. 

Je nnch der Form, in welcher die Ideen Idar und deudich 
objebiv seiend denkbar sind» lassen sie sich also in drei Gruppen 
einteilen: rein geistige» rein kflrpeiüche und geistig-körperliche 
Ideen, und diese Snteilung möchte ich akzeptieren als Schema 
ftr die DutchfQhrung des Erkenntmsproblems.^) 

Ä. Erkenntnis einzelner Objekte« 

Die wirkliche Weit an sich bleibt imsrer Eitemtnis fürt 
immer verschlossen. Dagegen ist die dieselbe repräsentierende^- 
Ic^^he Welt erkennbar» und wie sie mit deren Hilfe klar und 
deutlich seiend gedacht werden kann» dies darzustellen bleibt 
tmsre Aufgabe. In erster Linie fasse ich die einzelnen Uoeil, 
denen mit logischer Notwendigkeit die wirkliche Existfaut zuer- 
kannt werden mufi, als isolierte Einheiten ins Auge und wende 
mich dann m zweiter Linie der Frage zu, ob sie wirklich von- 
einander unabhängige Sein repräsentieren. 

Körperliche Ideen. Einzelkörper. Jede Idee, die ich 
in der Imagination körperlich seiend vorstellen muß, um sie klar 
und deutlich zu erfassen, nenne ich eine körperliche Idee. Wirk- 
liche Existenz schreibe ich ihr aber erst dann zu, wenn sie sich 
weiterhin auch sinnlich denken läüt. Die Mehrzahl meiner Ideen 
sind solche Emphndungen oder sinnliche Ideen, wie ich sie der 
Kürze halber nennen möchte, womit aber keineswegs etwas über 
deren Ursprun": ausgesagt sein soll. Das Problem der Entstehung 
der Ideen bleibt voHständie: ausgeschaltet; ich fasse di^ Ideen als 
aktuell und, entsprechend der Vorbr iin i kung, als isoliert seiend 
ins Auge und betrachte die Empfindung nur als ein Mittel, mich» 
von der Existenz eines adäquaten Objektes an sich zu überzeugen. 
Eme dieser sinnlichen Ideen wähle ich als Gegenstand der fol- 
genden Betrachtung und zwar die Idee des vor mir auf dem 
Tische liegenden Stückes Wachs. Daß ich dieselbe habe, das ist 
6ine innere, unmittelbare Erfahrung. Ich perzipiere sie als existie- 
rendes Sein, und die Möglichkeit, sie sinnlich zu denken, zwingt 

') C rX. (Reg. 12. 8}. — Vn 130, 30. — 175, 15 (Rep. aux Übj. II et ITO. 
— C !X (lettre ä Voet). — III 375, a. — 393, 3. — 394, ^5. — asß, xo. — 
+26. — 479, 10. — V 138, 8. — 369, aS. — II 6aa, 13. 



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KAPITEL m. 



mich weiterlim zur Annahme, dafi dieser gedachten Exiafeenz der 
Idee eme wirUich seiende, wenn an sich auch uneriiennbare 
ReaUtflt aufler mir entspricht'). Nachdem ich so erkannt habe, 
dafi ich die Idee existierend denken mufl, bleibt noch festzu- 
stellen, wie ich sie existierend zu denken habe. Mit Hilfe des 
Peneptionsinhahes mufi ich das Objekt klar und deutlich eidstie- 
rend zu denken versuchen, das Objekt an sich gleichsam gedank- 
lich konstruieren. Dafi es dann wirklich auch so beschaffen sei, 
das ist direkt nicht feststellbar. Ich habe damit aber mein mög- 
lichstes getan, und die Wahrhaftigkeit Gottes verbflrgt das weitere, 
d. h. dafi ich mich nicht täusche. 

In erster Linie habe ich zu beachten, daß ich von diesem 
existierend erkannten Objekte mehrere, eigentlich voneinander un- 
' abhängige Perzeptionen resp. Ideen besitze, dafi sich die Idee des 
Stückes Wachs aus mehreren Teilidten zusammensetzt Ich per- 
zipiere es nämhch als ausgedehntes Objekt, ab gestaltetes Objekt, 
als gelbes Objekt, als hartes Objekt, als dauerndes Objekt usw. usw. 
Jede dieser einzelnen Perzeptionen ist eine innere, unmittelbare 
Erfahrung; es sind verschiedene Abbilder des einen Seins, ver- 
schiedene Formen, unter wdcben ich das unerkennbare Objekt 
an sich denke; es sind die Erscheinungsformen des einheitlich 
existierend gedachten Objektes an sich.*) Obwohl logisch von- 
einander trennbar, bilden sie doch eine unlösbare Einheit, eine 
Erfahrungseinheit; denn ich kann nicht willkürlich eine dieser 
Perzeptionen Sndern oder entfernen, ohne niirh sofort m Wider- 
spruch zu finden mit der innern, unmittelbaren Erfahrung: ich 
kann nicht willkOrüch eine Perzeption als dem Objekt zugehörend 
beurteilen.-) 

Das Objekt an sich läßt sich zwar in jedi. r dieser Formea 
objektiv seiend denken. Jeder dieser speziellen Ideen kommt also 
eine besondere objektive Realität zu , was das unkritische Denken 
dazu geführt hat, jeder dieser Teilideen eine besondere Existenz 
außerhalb des Geistes zuzuschreiben und damit das Objekt an 
sich als aus verschiedenen, gleichsam ineinander liegenden Teil- 
reaütäten, wie Wärme, Farbe, Bewegung usw. zusammengesetzt 

') Vn 3Sft 5 (Rep. anx Obj. V>. 

») Med. m. - VII 387. 16 (Rep. aux Obj. V). - Pfinc. I«a. — C X 99 
(NoUe). — III 435. 3. — CuRBEuntf Pref. des lettre« 

•) Praic. I '52. 



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ERKEHfiTNISTHSORlE. 71 

ZU betrachten. Will e$ dann diese seine Auffassung klar und 
deutlich durchdenken, so stellen sich sofort Schwierigkeilen dn; 
es wird schwankend und schreckt z. B. vor der Konsequenz 
zorOck, für die TeUideen des Geruchs» der Härte, des Tones usw. 
spezielle Realitäten ansunehmeD. Ist nun das der Idee des Stackes 
Wachs entsprechende Okjekt an sich wirklich eine Zusammen- 
setzung verschiedener Realitäten, verschiedener Elemente? Es 
hat während dieser meiner Reflexion seine Farbe geändert Auch 
das ist eine innere, unmittelbare Erfahrung und als solche un- 
bezweifelbar und unabweisbar, i^tspricbt nun diesem Wechsel 
einer Idee innerhalb des Erfahrungsverbandes ein Realitätswechsel 
innerhalb des Objekts an sich? Ist wirklich eine Realität gegen 
eine andre ausgewechselt worden? Direkt sind diese Fragen un- 
beantwortbar ; ich muß indirekt zur Erkenntnis vorzudringen ver- 
suchen durch eine genaue Prüfimg des Verhältnisses der Teil- 
ideen untereinander, wie auch zur PerzeptionseinlKit, also durch 
eine Durchbildung meiner Objektperzeption zur iüarbeit und 
Deutlichkeit. 

Ein Mechaniker sehe sich vor eine Menge von Rädern, 
Fidcrn, Schrauben usw. gestellt, die man ihm als Teile einer 
Irüher einheidichen Maschine bezeichnet. VVili er diese rekon- 
struit ten, so wird er sie sich erst in seinem Geiste klar und 
deutlich als Funktionseinheit vorstellen, die einzelnen Teile in 
diese gedachte Einheit hineindenken und jene Teile als nicht zum 
V\'t si n der Maschine gehörend ausscheiden, die sich nicht klar 
und deutlich hineindenken lassen, z. B. Teile, die in gar keiner 
Beziehung gestanden haben zur Maschine und nur per Zufall unter 
das Material geraten sind, oder Teile, die zur Dekoration gedient 
haben, ohne die aber die Maschine doch funktionierend gedacht 
werden kann. Dies Verfahren des Praktikers zeigt die Art und 
Weise, wie ich mit Hilfe meiner verschiedenen Perzeptionen resp. 
Teilideen die nicht erkennbare Objekteinheit gedanklich zu kon- 
struieren versuchen muß. Es handelt sich natürlich keineswegs 
darum, ein solches Objekt an sich zu konstruieren, sondern dm um, 
ein solches klar und deutlich existierend zu denken. Jede Per- 
zeption resp. Erscheinungsform des Objektes repräsentiert eine 
spezielle objektive Realität, und diese verschiedenen objektiven 
Realitäten mufi ich klar und deutlich in die gedachte Existenz- 
einheit hineindenke, diese damk in ihrer Eigmart konstituierend. 



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22 KAPITEL tlL 

Es sind also zwei Objektrepäsentadooen wohl zu unterscbeideo: 
Zunächst die Idee des Stückes Wachs alt Inbegriff resp. Summa- 
tion der verschiedenen, eigendich voneuifunder unabhängigen 

inneren, unmittelbaren Erfahrungen, wne Ausdehnung, Gestalt, 

Farbe, Geschmack, Gemch usw. Mit deren Hilfe konstruiere ich 
weiterhin gedanklich klar und deutlich die gedachte Existenz- 
einheit Teilideen, die sich nicht klar und deutlich in dies Ein- 
heitsbild hineindenken lassen, gehören nicht, zum wrnii^sien nicht 
in dieser Form, zum Wesen des Objektes. Das Kriterium der 
V Richtigkeit unserer Krkrnntrüs lu gt also nicht in der inneren, un- 
mittelbaren Erfahrung, sondern in der logischen Objektivierungs- 
möglichkeit derselben, in der Natur der objektiv seiend gedachten 
Idee. ») 

Der Fehler des nicht reflektierenden Denkens, das jede Teil- 
idee als Abbild einer besonderen, in dem Objekt an sich liegenden 
Teilrealitüt annehmen zu müssen glaubt, liegt nicht in der Objek- 
tivierung der Erscln inunL;bfurm, sondern darin, daß es die Teil- 
ideen resp. die ihnen zukommenden objektiven Realitäten kritiklos 
als gleichwertig annimmt. ObM'ohl es sich immer nur um gedachte 
ReaHtäten handelt, bestehen zwischen ihnen doch wesendiche 
RealiOtsimterschiede. Sehen wir za: Eine ganz besondere Stellung 
nimmt z. B. die Tei]id«e der Ausdehnung ein. Se Iflflt sich 
olme die andern idar und deutlich objelctiv seiend denken, wah- 
rend ohne sie das Objekt an steh nicht ezistieroid gedacht werden 
kann. Ich kann das Stack Wachs nur in der Form der Aus- 
dehnung existierend denken, so dafi die der Teifidee: Aus- 
dehnung zukonunende objektive Realität gleichsam das Objekt an 
sich gedanklich konstituierL Ind<mi ich das Objekt in der Fonn 
der Ausdehnung existierend denke, schaffe ich recht eigentlich 
das gedachte existierende SeuL Die Ausdehnung bezeichnet 
somit gedanklich das Objekt an sich. In ihr denke ich das Sein 
existierend, d. h. das Stück Wachs perzipiere, erkenne ich als 
ausgedehntes Sdn.^ 

Princ. 1 55. — Med. II Vi. — Vll 222,5 (i^^p. aux Obj. IV) 
^ Priac I 53 ff. ^ Med. VL — C X, 77 ff. (Notae). — C Xl, 999 (Reg. 
14). W 224,4 — 339,6 — Princ. I 6a: Die Unterscheidung von Sein nnd 
ausgedehntem Sein ist also eine rein gedankliche. Wir kAnnen das Sein as 
sich überhaupt gar nicht denken, wenn wir« es nicht ai» ausgedehntes 
oder dann als denkendes — Sein denken. Wo von der AnfTassungsform 
des ausgedehnten Seins gih, das gih anch von der AufTasenngribrm «Is da»* 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



73 



Auch die übrigen TeUideen lassen sicfa objektiv seiend deok^ . 
aber niemals ohne die Teilidee der Ausdehnung. Ich kann z. B. 
das Stock Wachs nicht klar und deutlich als gestaltetes Sein 

denkfH| wenn ich die Idee der Ausdehnung nicht wenigstens mit 
nnterhOre. Nur ein ausgedehntes Sein kann klar und deutlich 
gestaltet gedacht werden. Ich kann das StOck Wachs niemals 
klar und deutlich als bewegtes Sein existierend denken, ohne 
daß ich es zugleich auch als ausgedehntes Sein denke. Nur ein , 
ausgedehntes Sein kann als bewegtes Objekt erscheinend gedacht 
werden. Das nämliche gilt von allen übrigen Erscheinungsformen. 
Sie sind nicht klar und deutlich denkbar ohne die Teilidee der 
Ausdehnung, während aber unigekehrt das Objekt an sich in 
dieser einen Erscheinungsform klar und deutlich existierend denk- 
bar ist ohne die anderf^n Repräsentiert die Idee der Ausflrlmung v 
das Wesen des Objektes an sich, so können tiie übrigen ieii- 
ideen somit nur Modifikationen derselben repräsentie'-cn. Die 
Ausdehnuni; ist ein Attribut und die übrigen Teilideen suid die 
M<i<li les Objektes an sich. Die Modi unter sich stehen nicht 
miteinander in Verbindung; sie lassen sich getrennt voneinander 
existierend denken, ohne daß deren Klarheit und Deutlichkeit 
deshalb eine Einbuße^ erlitte. Ich kann z. B. das Stück Wachs 
als gcsialLcLi s ausgedehntes Sein klai und deutlich existierend 
denken^ ohne daß ich es deshalb auch als bewegtes oder far- 
biges ausgedehntes Sein denken müßte und umgekehrt. Ent- 
sprechende Unterschiede werden deshalb modale Unterschiede 
genannt*) 

Das Stack Wachs ist ein ausgedehntes Sein und unterscheidet 
sich insofern keineswegs von antrat Objekten. Die Modi be- 
dingen seine Eigenart ' Wie mufi nun das ausgedehnte Sein an 
sich differenziert gedacht werden, damit sich die weiteren Er- 
icfaeinungsforroen erklären? Wie mufi das Objekt an sich ezi- 
stierend gedacht werden, damit es gerade mit diesen modalen 
EigentOmlichkeiten perzipiert werden kann? Eine Antwort auf 



eradem. gesUÜetMn Sdn luw.; d. h. rach biet wt die Treminng von Daoer 
und Sein eineneitt» von Geatatt and Sein andendli nnr eine fcdanUidie, 
keine reale. 

') Priac. I 23,53 ff- 6a ff. — C X, 78 fl., 89 (Notaci. — 120, 12. — 
'76t9- — aa3ii- — 224,20 (Rep. wix Obj. I, III, IV). — III 455. 17. — 5i>3.ii3- 
IV ii9^SS' " 349>3> i63fS6b — V a66-'4e3,s6. 



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74 



. KAPITEL III. 



diese Frage wird sich ergeben, wenn wir erwdgen, wie die Modi, 
das ausgedrhntr Sein modifizierend, gedacht werden müssen, und 
diese Betrachtung wird wesentlich erleichtert werden, wenn ich 
zunächst feststelle, wie das gedachte ausgedehnte Sein überhaupt 
modifizierbar ist, welche Modifikationen denk-möglich -«ind Die 
idee der Gestalt bezeichnet die Begrenzung des ausgedehnten 
Seins. Das der Idee des Stückes Wachs entsprechende Objekt 
an sich re])räsentiert also ein gestaltetes ausgedehntes Sein. 
Dieses kann nun von einem Orte in einen anderen übergeführt 
werden, und diesen Zustand des Übergeführt-werdens des Vh- 
jektes an sich ist durch die Idee der Bewegung repräsentiert 
Diese vertritt also in meinem Geiste keine an sich seiende Rea- 
uUL, sondern einen Zustand, di ni das gestaltete ausgedehnte Sein 
an sich unterworfen ist, und weil es gleichzeitig und in der näm- 
lichen Richtung übergeführt wird, erscheint es eben als eine Be- 
wegungs- und damit als Erfahrungseinheit. Ich erkenne diese 
Einheit weiterhin als teilbar, und zwar in »unendlich" viele und 
in beiug auf Gestalt tmd Bewegung »imeiidtich* verschiedene 
Teile. Damit sind ^unendlich* vide DiflereiuaerungsmögUchkdteii 
gegeben, und jede deiselben ist klar und deutlich denkbar. 
Gestalt und Bewegung sind die eigentticfaen Modi des ausgedehnten 
Sems; iweitare Modifikatioosarten sind nicht denkbar, also denk- 
unmöglich. 

Halten wir das gewonnene Resultat fest: Das der Idee des 
Stackes Wachs entsprechende, existierend eiieannte Objekt an 
sich ist klar und deutlich existierend denkbar als em durch Gestalt 
undBewegung unendlich mannigfaltig difTerensierbares ausgedehntes 
Sein. Ich schreibe ihm aber auch Farbe, Geruch usw. zu, d. h. 
jene Peneptionen, die gew<»hnKch mit dem Terminus: Sinnes- 
qualittten zusammengefaflt werden. Es handelt sich auch da 
um innere, unmittelbare und darum unbeiweifelbare Erfahnmgeni 
Die SinnesqualitSten können also dem Objekte an sich nicht 
rundweg abgesprochen werden. Übrigens ist davon auch gar 
nicht die Rede. Unsere Frage lautet nur, ob sie getreue Ab- 
bilder der Wirklichkeit seien, oder, in erkenntnistheoretischer 
Fassung, ob und wie ich sie klar und deutlich existierend denken 
kann. Als Erscheinungsformen des Objektes an sich muß ich ae 
als wahr beurteilen; ich kann mich aber täuschen in dem Schlüsse, 
sie seien getreue Abbilder der Wirklichkeit leb kann die Sinnea- 



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ERKENNTNISTHEORiE. 



ISt 



qualitaten nicht klar und deutlich als solche existierend denken. 
Da aber .unendlich" viele, durch Gestalt und Bewegung bedingte 
DifTerenzierungsmOglichkeiten des auagedehnten Seins klar und 
deutlich denkbar sind, und infolgedessen jede Sinnesqualität in 
einer dieser Möglichkeiten klar und dettdich enstierend gedacht 
werden kann, habe ich gar keine Ursache, zu besonderen, logisch 
nicht klar und deutlich darstellbaren, also denk -unmöglichen, 
realen Qualitäten Zuflucht zu nehmen. Ich negiere die Sinnes-' 
qualitäten nicht, muß sie aber als quantitative DifTerenzierungen 
df'S Seins seiend denken. Eine absolute Sicfn rheit hs sitz«' ich 
natürlich keine, daß dem Objekte an sich wirklich nur quantitative 
Modifikationen zukommen. Da es aber gelingt und nur so ge- 
lingt, alle inneren unmitteiDarea Erfahrungen logisch widerspruchs- 
frei d. h. klar und deutürh zu denken, habe ich mein Möglichstes 
in bezug auf deren Erkenntnis getan und darf gestützt auf unseren, 
in der Erkenntnis Gottes als ewiger Wahrheit bestehenden 
Btlrgschein die Behauptung wagen, die Welt an sich sei so be- 
schaffen. 

Asf Gnnd der inneren, unmittelbaren Erüthrtmg errichte ich ao ein ■ 
klar und dendich gedacbtas Wdisyitem. SoIHen aber neue Erfahrungen ge- 

mnrht v.Trrtpn , die sich mit den, diesen Weltenbau tragenden Prinziiiien 
nicht erklären lassen sollten, dann würde er hinfällig und müßte neu auf- 
gebaut werden. Dafi solche Erfahrung möglich wären, negiert Descaatxs 
kdnmwaiii. (vide RegnlM 14, C XI, agft ff.V Er Ilflt sich aber nicht von 
dieser, jede Tatkraft lahmenden Möglichkeit leiten. Nichts ist Descartes 
ferner liegend. Al.s echtester Realitfitsdenkcr ignoriert er die reine Möglich- 
keit und baut auf den aktuell unbezwetfelbaren Erfahrungen. Die Prin- ^ 
dpien dieaer Weltkonstirdction liefert ihm aber der reine Veratand. DsscAm» 
ist von der untrOglichen Sicherheit derselben Oberzeuri Kr ist überzeugt, 
daß wir mit Hilfe unseres Verstandes die Wirklichkeit nicht anders zu denken 
vermögen und daß die Idee Gottes nur verbürgt, daß wir uns durch Anwendung 
der Ton flun fettefcrten PriaaipiNi aldit tAmichea in der WdleriMoiitiiia. 

Zusammenfassend: Ich habe festgestellt, wie mit Hilfe der 

verschiedeiieii inneren, umnittdbaren Erfahningen das der Idee 

des Stackes Wachs entsprechende Objekt an sich Idar und 

dentlicb existierend gedacht werden mufi, und was für diese eine 

spezielle körp^Uche Idee gilt, das gilt fOr alle körperlichen Ideen. 

Woher die die Grundlage aller Seinserkenntnis bildenden, inneren, 

umnittelbaien Erfahrangen stammen, das hatte ich hier nicht zu 

») Prmc. i 65 ff. — Med. VI - VU 440, aj (Rcp. aux Obj. VI). — UI 505, 4 — 
S0(S 10 -iao^a« — «48^8-06^11 -^00 — 3^7 -Va6^a© — «35,17 
— VI 42^30 — C XI,flfi!3. (Rcf. ift) 



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26 KAPITEL IIL 

untersuchen. Ich habe jede Erfahrung als aktuell seiendes, 
geistiges Erlebnis betrachtet, als Perzeption. Und wenn ich in 
der angegebenen Weise die körperliche Idee existierend denke, 

habe ich nichts anderes getan, als raeine Perzeption zur Klarheit 
und deutlich durch p;? bildet, so daß als Ziel des Erkennens be- 
zeichnet werden kann die «dara et distincta perceptio". 

Immaterielle Ideen. 

Die Ideen, die mittels der körperlichen Hilfsmittel nicht 
klar und deutlich gedacht werden können, habe ich immaterielle 
Ideen genannt und 7x\ einer zweiten Gruj)pe zusammengefaßt, an 
Zahl der ersten Gruppe der rein kr i [x i lichen Ideen weit nach- 
stehend. Es gehören dazu die Ideen meines Ichs, Gottes, der 
Engel,*) Ich habe dieselben nacheinander als Reprilsrntationen 
spezieller, wirklich existierender Realitäten zu betrachten, dabei 
die Frage vollsiaiidig unberücksichtigt lassend, ob Beziehungen 
zwischen ihnen bestehen oder nicht. 

Die Seele. Als erstes unbezvveifeibares Prinzip der Philo- 
sophie habe ich erkannt, daß ich existiere, d. h. daß der Idee 
meines Ichs ein wirklich existierendes Ich» objektiviert .Sede* 
gensxmty entspricht Wie ensdere ich? Wie ist die Seele exi- 
stiersDcl zu denken? Dss isl das PkoUem, mit dem ich mich lüer 
zu beschäftigen habe. Ich erfahre mich denkend, woUend, ver* 
neinend, bejahend, zweilSdnd, einbildend, empfindend usw. usw., 
d. 1l ich perzipiere die ezistierend erkannte Seele als d en ken d e» 
Sein, als woUendes Sem, als einbiktendes Sein usw. Jede dieser 
Perzq>tionen tesp. Ideen repr&sentiert meine Seele; diese erscheint 
somit in verschiedenen Formen.*) Entspricht nun jeder dieser 
Erscheinungsformen resp. Teilideen eine besondere Reslitftt, so 
dafi die Seele gleichsam aus verschiedenen TeilreaUtflfeen zusammen- 
gesetrt wflre? Zur Beantwortung dieser Frage mufi ich das Ver- 
hältnis der Teilideen resp. ihrer objektiven Reahtiten zueinander 
prQfen und mit deren Hilfe mdne Seele klar und deutlich ezi- 
stierend zu denken, mein Ich gedanklich zu konstruieren versuchen. 

Idk perzipiere meine Seele und muß annehme dafi sie 
ezistiert Ich erfahre weiterhin die verscfaiedenslea Ideen als 

»j VII 139, 7 - 133,8 — 385, »7. ^Kep. aux Obj. II, V). — ffl 393,9 — 
393i30 - 395t 10 — 3961 » — V 34a, 13 — aÖftaB — 270, 12 - 
*) VU 166 (xa Axiom) — VH 175, zi (Rep. «ix Obj. Iii), 



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ERKENNTNISTULüRIE, 

deren EnchemungafonneD. Jede dieser Fonnen reprttsentiert mir 
in ihrer Art die eine, nfladicbe Seele. Sie ist* in jeder fieier 
Formen objektiv seiend, d. h. existierend denkbar. Sehen wir 
zu wie: Betrachte ich die Seele als denkendes. Sein existierendi 
so habe ich das nflmßche getan, wie wenn ich die Seele existie- 
rend denke. Die existierend gedachte Seele ist identisch mit der 
gedacht existierenden Seele. Die Seele existierend gedacht, tmd 
die gedadite Existens derselben ist eines und dasselbe. Meine 
Seele ist also ein denkendes Sein. Dieser Gedankengang Iflfit 
sich mit emem leisen Anklang an die Körpeiiicbkeit veideutiicfaen; 
Ich sehe das ^d, die Idee memer Seele, und schreibe ihr eine 
bestimmte objektive Realität zu, d. h. ich denke sie existierend, 
kh persipiere resp. sehe nun weiterhin die Sede unter der Form 
eines denkenden Seins. Die dieser Teilidee zukommende objektive 
Realität ist gleich grofi wie die der Gesaratidec entsprechende 
objektive Realität. Wenn ich die Seele als denkendes Sein 
existierend denke, dann habe ich die nämliche objektive Realität, 
wie wenn ich die Idee der Seele existierend denke. Indem ich 
also die Idee der Seele als denkendes Sein denke, schaffe ich 
eben auch ihi Sein, Iwmstituiere deren Wesen. Mit anderen 
Worten: Die Existenz meiner Seele besteht darin, daß ich sie in 
der Erscheinungsform eines denkenden Seins denke; in der Er- 
scheinungsfprm eines denkenden Seins existiert die Seele. Sie 
kann nicht anders existierend gedacht werden als in der P'onn 
eines denkenden Seins; sie ist nur als denkendes Sein erkennbar.') 
Die Teihdee „das Denken", d. h. die Erfahrung eines den- 
kenden Seins, konstituiert meine Seele, bildet deren Wesen. Ohne 
sie kann ich darum die Seele nicht klar und deutlich existierend 
denken, wohl aber ohne die anderen Teilideen resp. Auffassungs- 
formen. Die Seele läßt sich klar und deutlich existierend denken 
oder denkend existierend machen, ohne die Teilideen des W^ollens, 
Verneinens, Empfindens usw. Umgekehrt aber kann ich die 
Seele unter diesen Formen nie klar und deuth'ch existierend 
denken, ohne sie zugleich als denkendes Sein aufzufassen. Ich 
kann z. B. die Seele niemals in der Erscheinung eines empfinden- 
den Seins denken, ohne sie zugleich als denkendes Sein zu 
denken; ein Empfinden ohne Denken ist eben undenkbar. Das 



Princ I 53 ff. — Med. II — C X 77 ff. (Notae). 



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KÄPitELttL 



Empfinden setzt das Denken voraus, urngdcehrt aber das Denken 
nicfat das Empfinden. Ich erfahre midi denke&df ohne dafl ich 
mich sugleidi empfindend eifidiren mflflte. — Ich kann weiter 
neme Seele nicht ab wollendes Sein auflaasen, ohne die Aof- 
lammg derselben als denkenden Seins wenigstens mit untere 
zuh<lren. Kur: Wahrend die Erscheinungsform meines Ichs als 
denkenden Seins das Wesen meiner Seele repräsentiert resp. 
konstituiert, beseicbnen die Qbrig:en Erscheinungsformen nur deren 
Modifikationen. Es sind die Modi der SeelenreaUtät, das Denken 
aber deren Attribut Aber durch die klare und deutliche Er- 
kenntnis eines Modus erkenne ich zugietcfa das Attribut und dap 
mit das Sein an sich.^> 

Die Seele ist ein denkendes Sein, das ich weiterhin be- 
jahend, verneinend, wollend, erkennend, zweifelnd, einbildend, 
empfindend usw. erfahre. Habe ich es da mit verschiedenen, 
d. h. \'oncinander unabhängigen ErschfMniin;::sfnrmen der Seele, 
also mit modalen Unterschieden zu tun? Entspricht jeder dieser 
Teilideen: bejahendes Sein, zweifelndes Sein, empfindendes Srin 
usw. eine von den andern zu unterscheidende spezielle Form der 
Seele, deren Wesen ja im Denken besteht? .Sehen wir zu: Ich 
kann die Seele nicht klar und deutlich als bejahendes, verneinen- 
des, begehrendes, strebendes Sein bcUaciiten, olme sie zugleich 
als ein wollendes Sein zu denken; in jeder dieser .Formen er- 
scheint die Seele als ein wollendes Sein. Bejahen, Verneinen, 
Erstreben, Begehren usw. sind also nur verschiedene Formen des 
Wollcns. Ich kann femer die Seele nicht klar und deutlich als 
verstehendes, einbildendes, empfindendes Sein betrachten, ohne 
sie zugleich als erkennendes Sein zu denken; in jeder dieser 
Formen erscheint sie als ein erkennendes Sein; die Seele kann 
nicht verstehen, empfinden usw., ohne eben zu erkennen. Ver- 
stdien, Einbilden, fonpfindwi usw. sind also nur venddectene 
Foimen des Erkennena Die Seele ist somit ein denkendes Sein, 
das unter versdiiedeiien Formen will und unter verschiedenen 
Formen erkennt Nur die Teilideen des Erkennens und des 
Wollens reprBsentieren Modi des denkenden Sems; die Obrigen 

') Princ. I 33 ff. — C X 79 ff. (Notae) — VII 31, 7 (Med. mi — \T1 121,10 
— 174,4 — 175-^5 ^77» 15 ~ ^2"^ I — 334,20 (Rep. aux Obj. I, III, IV) — 
III 433,35 — IV ^9,7 — V 221,21 — vergL aach Clekskukr, Pröf. dca 
lettnMH 1664. 



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ERKENNTNISTHEORIE, jj^ 

Erschdiinngsfocinen nnd gldcfasam Modi dte9er ModL — Das 
Wollen ist dn aktives, das Erkenaeo ein {»assives Denken oder* 
ein Erieiden. Die Seele kann aicb unter verschiedenen Formen 
aktiv betätigen, wie sie auch unter verschiedenen Formen erieidend 
perzipiert wird. Ab«r in jeder dieser Form^ erkenne ich doch 
die ganse Seele. Indem idi z. B, die Seele als sweifehides Sein 
pernpiere^ erkenne ich sie zugleich als wollendes und damit su- 
gleich auch als ein denkendes Sem; indem ich die Seele zweifelnd 
denke, denke ich sie zugleich sls wollend, denkend und damit 
ejDStierend. Kurz: die Seele ist «n denkendes Sern, das in zwei 
verschiedenen Modifikationen existieren kann, wollend und er- 
kennend, und weiterimi unter den veischiedenen Formen des 
Wollens und Erkennens perzipiert ynMJ) 

Das Wollen ist eine Seinsm6difikation. Ich kann aber nicht 
wollen, ohne zu erkennen, daß ich wUL Das Wollen ist zugleich 
ein Wissen des WoUens; das Wollen und dessen Perzeption sind 
eins. Es ist mcht nur t ir.e Aktion meines Seins, sondern zugleich 
auch eine Passion, ein „Sich-sehen". Mein Wollen ist zugleich 
ein Erkennen, d. h. mein Sein manifestiert sich im nämlichen 
Momente aow«^ als wollendes wie als erkennendes Sein. Da 
die Sprache ein Sein gewöhnlich nur seiner „edleren* Funktion 
nach ins Auge faßt, bezeichnen wir gewohnheitsgemäß diese Seins- 
manifestation nur als Wollung, obwohl ebenso giit auch von 
einer Passion, von einem Erkrnnen gesprochen werden könnte.-) 

Die Seele erkennt unter verschiedenen Können: rein intellek- 
tuell, einbildend, empfindend (d. h. sinnlich). Die beiden letzten 
Erscheinun8:sformen muß ich noch speziell ins Auge fassen und 
festzustellen versuchten, v/orin das Wesen der dadurch repräsen- 
tierten Seinsmodifikation besteht. Die Seele kann einbildend und 
empfindend erkennen. Ich kann sie aber nicht klar und deutlicii 
als einbildendes und emphndendes Sein denken ohne die Idee 
meines Körpers, also ohne die Idee eines ausgedehnten Seins. 
Wohl kann ich sie klar und deutlich existierend denken ohne 
diese Erscheinungsformen. Da mich aber die innere, unmittelbare 
Eriaiirung zwingt, sie auch unter ihnen existierend zu denken, 

>) Princ I S3ir. — Ftoi. f 17 ff. — C X 108,69 eic (Nmm) — Med. m 

bis VU 181 f., 195,5 (Rep. aux Obj. III) - IX 204,7 (Rep, ms Inrt,) — I 966 
— HI 372, 9 — 373, aa — vergL Cucrseueh, Pr6f. {664. 
Pa»s. § 19 — III 432,3. 



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8o 



KAPllLL III. 



muß ich ein ausgedehntes Sein als von der Sede abhfiogig be* 
'trachten. Reprisenttert infolgedessen die Idee der Anadefanong 
nicht auch einen Modus der Seele? Keineswegs. Wohl gehUrt 
zur Uaren und deutlieben Peneption meiner Seele ab einbilden* 
dem und empfindendem Sein die Teilperzeption eines ausgedehnten 
Seins. Das Verhältnis der Idee dieses amgedefanten Seins zur 
Idee meines denkenden Seins ist aber doch wesenüich venchiedeD 
vom dem VeibSltnis der Idee des «ollenden Seins s. B. zur Idee 
meines denkenden Seins. Ich kann die Idee des WoUens nicht 
klar und deutlich existierend erfassen ohne die Idee eines denken- 
den SeinSi wohl aber die Idee des ausgedehnten Seins. Zwischen 
den Ideen: Denken und Ausdehnung besteht logisch gar keine 
Beziehung; sie schlieflen einander vollständig aus. Damit ist nun 
keineswegs negiert, dad ich in der Eriahrung meiner Seele als 
empfindendem Wesen auch ein ausgedehntes Sein perzipiere. 
Wenn ich die Seele als einbildendes oder empfindendes Wesen 
klar und deutlich existierend denke, erkenne ich ein nicht zu 
ihrem Wesen gehörendes Element beigegeben. Ich erfahre ein 
ausgedehntes Sein mitseiend. Dasselbe modifiziert durch sein 
Zugleichsein die Seele, ist aber kein Modus derselben, gehört 
nicht zu deren Wesen. Einbildung und Empfindung sind also 
durch die Mitwirkiintr eines der Seele wesensfremden Seins be- 
dingte Modi der beclenrealität, oder: durch Zuhilfenahme des 
ausgedehnten Seins meines Körpers bedingte Formen des Er- 
kennens. 0 

Ich perzipiere meine Seele auch als dauerndes Sein, und 
diese Erscheinungsform verlangt eine besondere Betrachtung. Ich 
perzipiere mich seiend, existierend. Diese Perzeption ist ein 
momentaiKi. Sich-selbst-sehen, ein niuiiientanes Selbstbewußtsein: 
„pource que la iiature de Tarne est de n'estre qua^i qu un nioment 
attentiue ä une mesme cliose"."'') Die Existenz meiner Seele ist 
eine Erfahrungstatsache. In dem Momente, da ich mich existierend 
erfahre, existiere ich. Eine unbezweifelbare Sicherheit, dafi ich 
existiere, habe ich aber auch nur in dem Momente der Existenz- 



Princ. 1 60 — Med. VI— Vll 190,15 '3^* '9 ~ 9a^t — aafi^s — 
aaS^ao — 35i>2o — 354.22 — 174.17 —M6,a6 — 178,8 — 360,93 — ^isff. 

'Rep. aux Obj. I, II, III, IV, V, VI) - III 385,24 - 420.28 — 478,9 — 47ftlO 
~ 567, 10 — C X 89 (Notae) — Clerseuer, Prel. 1664, 

•) IV 116^6 — VU 246, 17 — 356,25 (Rep. aux Obj. IV et V). 



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I 



8i 



perzeption. Mit HW^t- des Gedächtnisses erkenne ich aber, daß 
ich mich schon mehrmals klar und deutlich existierend erfahren 
habe; mit Hilfe des Gedächtnisses bilde ich so eine Kette von 
Existenzperzeptionen, und das ist's, was ich mit der Idee der 
Dauer meiner Seele bezeichne. Ich perzipiere mich als dauerndes 
Sein, Wann habe ich zu existieren begonnen? Vielleicht erst 
in dem Momente, da ich mich zum erstenmal existierend erkannt 
habe, also vor wenigen Tagen, da ich im Verlauf ob^er Speku- 
lation die eine Wahrheit ais unerschütterlich erfahren habe, daß 
ich existiere, da ich in dem „cügiio ergo sum" das erste Prinzip 
der gesuchten Philosophie erkannt habe. Nein; denn das Ge- 
dächtnis sagt mir, daß ich schon existierte, ehe ich darüber zu 
reflektieren begonnen habe. — In jeder Perzeptionsform erkenne 
ich die Seele existierend. In welcher Form ich auch immer 
denken mag, die Perzeption meiner Sede als existierendem Sein 
ist immer mitgegeben. In welcher Form ich auch immer gedacht 
habe, jedesmal habe ich mich also existierend perzipieit, wenn 
auch nidit Idar wid denUich. Die Existen^erzeption hat immer 
in dem Konzeptionsverbande milgewukt, wenn sie auch nicht 
Idar und deutlidi als spezielle Teilidee zum Durchbnich gekommen 
ist Ich erfahre mich existierend, so lange ich denke und gedacht 
habe. Das Gedächtnis zeigt nun an, dafi ich schon Jahre und 
Jahre gedadit habe, also seit vielen Jahren schon existiere. Habe 
ich nun in jenem Momente zu existieren begonnen, in den mich 
meine erste Erinnerung zurQckÜDhrt? Bin ich in jenem Momente 
von dem unendlkh voUkommenen Wesen gesdiaffen worden, 
von dem ich mich abhangig erkenne? — Warum soll die Seele 
nicht schon vorher gedacht haben, schon im Mutterleibe? Der 
Umstand, daß wir uns dessen nicht erinnern, beweist nicht das 
Gegenteil; gibt es ja so viele Außerungsformen der Seele, d. h. 
Gedanken aus der Zeit der Reife, deren wir uns nicht mehr er- 
innern können. Es li^ nichts widersinniges in der Annahme, 
das Gehirn des Kindes sei noch unfähig, Eindrücke so festzu- 
halten, daß sie als piiysiologische Grundlage des Gedächtnisses 
dienen können. Hat die Seele schon vor ihrer Vereinigimg mit 
dem Körper existiert? In seinen Werken hat Descartes keine 
Andeutung hinterlassen, mit deren Hilfe unzweideutig festgestellt 
werden könnte, ob und wie er zu diesem Spezialproblem Stellung 
genommen hatte. Er hat es wohl beiseite gelegt; denn eine 

Juagmana, Reai Descutea. 6 



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82 



KAPITEL lU. 



widerspruchsfreie Lösung desselben war für den Realitüts- resp. 
Erfahrungsdtnker überhaupt nicht möglich. Dagegen verfolg:te er 
die weitere Frage: Wie lange w(Tde ich existieren? Ich erlvcnne 
Diich in diesem Momente existierend, und mit Hilfe Gedächt- 
nisses perzipiere ich n;ich als seit Jahren exi.sUerend, als dauern- 
des Sein. Werde ich mich aber auch in den folgenden Zeit- 
momenten existierend perzipieren? werde ich auch in der Zukunft 
existieren? Daß ich existiere, ist eine Erfahrungstatsache. Es 
kann mich also auch nur die Erfahnn^ lehren, ob ich z. B. nach 
Jahresfrist eiistierend sda werde. Sehen wir aber etwas naher 
zu: An anderer Stelle schon habe ich erkannt, dad meine Existenz 
nicht von mir abhängig ist, dafi ich also ftlr jeden folgenden 
Perzeptionsmoment wieder geschaffen, d. h. erhalten werden muB. 
. Ich erifiihre mich also in meiner Existenz von Gott abhftngig. Die 
unbezweifelbare Erkenntnis der Existenz Gottes verbflif;t keines* 
wegs meine Existenz in der Zukunft. Mufi ich auch Gott 
existierend denken, so mufi ich deshalb nicht auch mein Ich 
existierend denken. Die Exbtenz der Seele ist eine Erlabrungs- 
tatsache, keine logische Notwendigkeit Ich existiere; ich muß 
mich aber nicht exstierend denk^. — Gott habe ich aber als 
unendlich vollkommenes Wesen perztpiert, mufi ihm deshalb jede 
denkmögUche Vollkommenheit zuschreiben, also auch die ewige 
Unverflnderlichkeit. Diese göttliche Eigenschaft, dieses Attribut 
Gottes verbOigt mir, dafi jede Substanz, die einmal von Gott ge- 
schaffen worden ist, auch immer, in Ewigkeit in dieser Abhängt* 
keit von ihm existieren wird. Wenn ich also meine Seele auch 
nur einen einzigen Moment existierend perzipiert hätte, so mtkfite 
ich ihr dessenungeachtet doch in alle Ewigkeit die Existenz zu- 
schreiben. Weil von einem ewig unveränderlichen Wesen ab- 
hängig, kann ich die Seele als denkendes Sein mit logischer Not- 
wendigkeit als unsterblich betrachten.*) 

Gott Ich habe die Idee Gottes; das ist eine unbezweifel- 
bare, innere, unmittelbare Erfahrung. Ich habe weiterhin gesehen, 
daB diese Idee mit logisclier Notwendigkeit als Repräsentation 
eines wirkUch existierenden Gottes beurteilt werden muß, dafi der 

Med. 11, speziell l'abr^ge — III 423,33 — V'll 15^1. — 380, i — 431, aa 

(Rcp. mn Obj. II, V, VI): Ob die Seele einer ewigen GiAckseltgkeit teOhaflig 
werde nach diesem Lebeo, dieee Frtge gdiOrt in des Gebiet de* danbeos, 

d. h. der Theologie. ~ 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



83 



Idee Grottes in mir ein wirklich seiendes, von meinem Erkenntnis- 
vermögen unabhäng^es, göttliches Sein außer mir entspricht. 
Gott an sich bleibt unerkennbar. Ich kann ihn aber auf Grund 
meiner Perzeptionm , d.h. seiner Erscheinungsformen klar- und 
deuthch existierend zu denken versuchen, also gedanklich objektiv 
seiend konstruieren. Wie ich das tun mufi, dies darzulegen bildet 
den Inhalt des folgenden Abschnittes. 

Ich perzipiere Gott als ein unendlich vollkommenes Wesen. 
Das ist der ganze Inhalt der Idee Gottes. Daraus ergibt sich aber 
mit logischer Notwendigkeit, dafi ich Gott im einzelnen alle denk* 
möglichen Vollkommenheiten zuschreiben mufi. Jede denk-mfig« 
liehe Vollkommenheit muß als Erscheinungsform Gottes in meiner 
Seele betrachtet werden.*) So betrachte ich denn Gott als 
allmächtiges, allwissendes, ewiges, unveränderliches, nicht täu- 
schendes Sein usw., und besitze damit eine ganze Reihe von 
Denkformen, unter denen ich das an sich unerkennbare, göttliche 
Sein denken muß und unter jeder denselben auch existierend 
denken kann. Wenn ich auf diese W^eise Gott existierend zu 
denken unternehme, muß ich aber wohl beachten, daß ich ange- 
sichts der Beschränktheit meines Erkenntnisvermögens weder alle 
in Gott liegenden Vollkommenheiten zu perzipieren, noch die ein- 
zelne Vollkommenheit voll und ganz zu er- und zu umfassen ver- 
mag. Ich sehe die einzelne Vollkommenheit sozusagen nur ihrem 
Umfange nach, aber nicht ihrem ganzen Inhalt nach; ich berühre 
sie nur, kann sie nicht voll und ganz seiend umfassen; es handelt 
sich weniger um ein Erkennen (comprendre), als vielmehr um 
ein Wissen (savoir). Die Annahme wäre ferner auch unberechtigt, 
Gott kommen nur jene Vollkommenheiten zu, die ich so zu be- 
rühren vermag; denn wenn ich ihn auch unter außerordentlich 
vielen Formen perzipieren und existierend denken kann, so bleibt 
logisch doch die Möglichkeit bestehen, daß ihm noch weitere, 
nicht perzipierbare Vollkommenheiten zukommen. DeasenuQge- 
acfatet lafit sich aber doch von einer klaren mid deutlichen Er- 
kenntnis Gottes sprecheil, wie wir ja audi von einer klaren und 
deutlichen Erkenntnis emes Dreiecks sprechen, wenn uns auch 
noch nicht alle zur Natur desselben gehörenden Teilwahrheiten 



V 139,3 — Vn (Rep. niz Obj. ü). 

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84 



KAPITEL irr. 



bekannt sein, wenn wir auch noch nicht den ganzen Perzeptions* 
inbalt klar und deutlich analj^siert haben sollten. 

Wie ist Gott existierend denkbar? Wie niuü ich Gott klar 
und deutlich existierend denken? Fragen wir zunächst nach seinem 
Wesen. Ich habe zwt-i einander aussrhliel.ionde Wesenheiten er- 
kannt: Ausdehnung und Denken, ausgedehnte und denkende Sein. 
Unter welcher dieser h» iden möglichen Formen muß ich nun 
Gott existierend (itnktn? Das au^edehnte Sein ist teilbar. Die 
Teilbarkeit des Seins bezeichnet aber eine UnvoUkommenheit luid 
kann infolgedessen Gott nicht zugedacht werden. Gott kann also 
nicht ohne logischen Widerspruch als ausgedehntes Sein gedacht 
werden; das Wesen Gottes kann nicht in der Ausdehnung be- 
stehen. Für unser Denken bezeichnet das Denken dit- vollkom- 
menere Wesenheit, und ich muß deslialb annehmen, Gott sei em 
denkendes Sein wie meine Seele.*) 

Das denkende Sein ist nun, wie wir oben gesehen, in zwei 
Fonnen existierend denkbar, aktiv und passiv, wollend und er> 
kennend* Idi mufi somit micli Gott sJs wollendes und erkennen^ 
des Sein denken. Als erkennendem Sein sehe ich micfa allent- 
halben beschrankt; meinem Erkenntnisvermögen sind unflbersteig* 
bare Schranken gesetzt Gott mufi ich dagegen ein schrankenloses 
Erkennen zuschreiben; er ist allwissend. Erkennt Gott ancfa wie 
meine Seele unter der Form des Einbildens und Empfindens? Er- 
kennt, d. h. denkt Gott' auch sinnlich, unter Zuhilfenahme von 
Sinnesorganen, unter Mitwirkung eines seinem Wesen fremden, 
kOrpolicfaen Seins? Eine solche Annahme ist denk-unmOglidi. 
Obwohl der Besitz von Smnesoiganen fflr die menschliche Seele 
eine Vollkommenheit bezeichnet, zeigt sich aber doch gerade darin 
ihre Abhängigkeit von der Welt aufier ihr. Da ich aber Gott als 
vollkommen unabhängiges Sein denken mufi, kann ich ihn somit 
nicht ohne logischen Widerspruch mit HUfe von Sinn^rganen 
ericennend, d. h. als empfindendes und einbildendes Sein denken. 
Gott kann nur rein intellektuell, nicht sinnlich erkennend gedacht 
werden. — Das göttliche Sein ist fem«' aufzufassen unter der 



') Med. III — VII ii3f. — 140, 2 — 151, a — 189, 17 — 368, 21 (Rcp, aux 
Obj. J, U, III, V) — III 113, 5 — 29a, ?5 — 430, 3— 274, 14 — 283 — IV 313,^ 
— I 152, 7 — C X 99fl". (Notac). 

') Princ. I ^ — Med. UIU — VüiaSbtp — 188,7 — a (R«|». 
Ob]. U, JJl, V). 



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85 



Form eines wollenden Seins wie meine Seele. Sehe ich mich 
in meinem VV^irken oft gehindert, in meinem Wollen seihst bin 
ich dagegen vollständig fr^i, unnhhftnsfic^, also vollkommen. Gott 
kann somit in dieser Richtung nicht vollkommener gedacht werden 
wie meine Seele, D\f- Willensfreiheit ist aber die einzige der 
denkbaren Vollkommenheiten, die nicht nur Gott, sondern auch 
meiner Seele zukommt, worin ich denn auch am gott-ähnlichsten 
erscheine. — Der menschlich^ \\ ille ist wohl frei, muß sich aber 
in seinem Wirken allenthalben gehindert erkennen und begegnet 
oft unüberwindbaren Schwierigkeiten. Diese Beschränkung des 
Wollens bezeichnet unstreitig eine Unvolikommenheit des denken- 
den Seins meiner Seele, die also Grott nicht zugeschrieben werden 
kann. Für den göttlichen Willen ist keine Schwierigkeit im- 
überwindbar; sein Wollen begegnet keinen Hindernissen; was er 
will, das bewirkt er, das ist, das existiert. Gott muß somit nicht 
nur willensfrei, sondern auch „ wirkensfrei " gedacht werden; Gott 
ist dn allmächtiges Sein. — Daraus ergibt sich nun: Gott ist ein 
denkendes Sön, das erkemit und will Einbildung und Empfin- 
dung sind ihm aber nicht zususprechen. Er erkennt» was er will. 
Seine Erkennftnis ist ein Penipieren, ein Bewufltsein seines WoUmis. 
In Gott sind Wollen und Erkennen eins. Was er aber wül, das 
schafft er auch. Die menschlidie Dreiheit: WoUeOi Erkennen und 
Erschaffen sind somit in Gott eins und ein 2^1ei€h. Was Gott 
will, das erkennt er» und was er woUend erkennt, das erschafft 
er auch. Alles was existiert, ist von Gott geschaffen, gewollt Er 
ist der Schopfer alles Seienden. Ab unendlich vollkommener 
Schopfer kann Gott aber nicht gedacht werden wie em KOnig, 
der nach WUlkOr seine geschaffenen Gesetze wieder ändert; er 
ist ein ewig unverfinderlicher SchOpfer; was er denkend erschaffen 
hat, das ist seiend for alle Ewigkeit, Ewigkeitswerk.') 

Die Seele als wollendem Sein ze^ sich in ihrem Verhältnis 
zu anderoi existierenden Wesen oft unvcdlkommen. Dagegen mufi 
nun Gott auch in seinem Verhaltnisse zu den existierenden, von 
ihm geschaffenen und in Ewigkeit von ihm abhängig bleibenden 
Sein vollkommen seiend gedacht werden. Er kann sie z. B. nicht 
täuschen gewollt haben; denn er ist die unendliche Gflte und 

*) Princ. I aaff. 57 — VE xAi, la — 188, 9 — 191, 5 - 240, 27—369, 14 
377, 1 — 380, 1 - 435, 23 (Rqi. «IX ObJ, m, IV, V» VI). — I M9, a8 — 151.07 
153» « — U 3 — IV "9»9 — »73. 7- 



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86 



KAPITEL III, 



Wahrheit. — Weiter: Ich erkenne mich in meiner Existenz von 
einem fremden Wesen abhängig, geschaffen und erhöhen. Gc« 
sch.ilien sein, das ist unvollkommener als sich selbst geschaffen 
haben. Gott, als unendlich vollkommenes Wesen, kann also nicht 
als ersdiaffen gedacht werden, sondern nur als ein unerschaffenes 
denkendes Sein, als in sich seiend, als Ursache aeiiier selbst, als 
causa soL — Immerwährend existieren beseichnet eine grofiere 
VoUkDomenbeit als nur eine Zeitlang enstieren; Gott ist so» 
mit immerwährend, ewig eiisderend za denken. Ein nnendlich 
vollkommenes Wesen kann nur ab ewige Selbstursaciie, nner* 
schaffen und ewig dauernd, gedacht werden.^) 

Jede denk-mO^cbe Vollkommenheit reprtsentieft mir Gott 
an sich| und in jeder dieser Erscheinungsfonnen denke ich ihn 
existierend. Existiert er wirklich? bt mit der Tatsache, daß ich 
Gott existierend denken kann, auch notwendig gegeben, dafi er 
anfierhalb meiner Gedanken, an sich seiend, existiert? Wenn ich 
nämlich emen Lflwen vor meiner ZimmertOre seiend denke, so 
folgt noch keineswegs, dafi dem in der Tat so sei Seine Eadirtenz 
ist wohl möglich; er kann wohl, mufi aber nicht dort existlereii. 
Das eine wird ohne wdieres zugegeben werden, dafi die liVWi««» 
Gottes wenigstens ebensogut möglich ist wie die Eiistfms eines 
Löwen vor meiner TQre. Wflhrcnd ich nun aber den existierend 
gedachten LOwen auch nicht-exisderend denken kann, ohne mich 
deshalb eines logischen Widerspruches anklage zu müssen, kann 
ich aber Gott keineswegs nicht soicnd denken, ohne dadurch mit 
den Gesetzen des Denkens und damit mit meinem Sein in Konflikt 
zu kommen; denn ich kann z. B. Gott nicht die Existenz ab- 
sprechen und zugleich denkoi, er sei ein unendUch vollkommenes 
Wesen und als solches eine causa sui, d. h. existiere kraft eigener 
Natur, und zwar umnerwährend, ewig. Die Annahme der Existenz 
Gottes ist somit nicht nur m^lich, sondern denk-notwendig. Die 
Idee der Existenz bildet ein konstituierendes Element der Idee 
Gottes; die Existenz gehört zur essence Gottes. Wie Icein Rori^ 
ohne Tal, kein Dreieck ohne die Idee: die Winkclsumiuf 2R 
gedacht werden kann, so kann das unendlich vollkommen zu 
denkende Wesen niemals ohne wirkliche Existenz gedacht werden. 
Daß ich die Idee Gottes in mir vorfinde, das ist allerdings keine 

V 546, 7 Med. m, VI - Vn icSff. ~ ^f. (Rep. an Obj. 1* W). 
Princ 1 39ff. — Disc. IV. , 

I 

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1 



ERKENN^fNJSTHEORiE. 



82 



logische NotwttuiiglEeit Habe ich sie aber, dann mufi ich sie als 
Repräsentation eines entq>rechenden «irldichen Seins betrachten, 
d. h. dann mufi ich Gott odstieraid annefameni und dafl idi sie 
habe, das ist eine innere^ unmittelbare und darum unbezweifelbare 
Erfahrungstatsache.*) 

b der Ableitung der Existenz Gottes aus der Idee Gott« liegt des 

Wesen des sogenannten ontologischen Gottcsbewri- rs !n welchem Verhält- 
nisse steht er zu dem ersterwähnten Gottesbeweise DtscAKi ts'? In den i^Me- 
ditationea* wird «r in eweiter Linie durefagefOhrt, In den spBter entetendenen 
,Principia' aber voranfeHeHt. Ich glenbe nicht, dafl in dieser Tatsache ein 
Werhsfl in der Wertbeurteilung gesehen werden darf. Stellen wir die beiden 
Beweise einander gegenüber: Der ontologische Beweis rAsonoiert: Ich erfahre 
in mir die Idee Gottea, d. h. eines unendHcli voUkommenen Wesetis. Die 
Teilidee der Existenz bildet einen integrierenden Bestandteil dieser Idee; ohne 
logischen Widerspruch kann ich Gott niemals die wirklirhf Existenz ab- 
sprechen; ich mufi Gott existierend denken; also: Gott existiert. Der erste 
(Descurtessdie) Beweb dagegen argumentiert! Idi erfahre ^ Idee Gottes, 
eines unendlich vollkommenen Wesens. Ihre objektive Reelitit bedarf einer 
Ursache; denn aus Nichts wird Nichts. Sie kann nicht von der in erster T .inie 
existierend erkannten, unvollkommenen Seele geschaffen sein, mui^ also eine 
vollkommene ReslitAt snfier mir reprlsenttereo; Gott existiert Die beiden 
Beweise haben also den nftmlichen Ausgangspmikt: die Innere, unmittelbare 
Erfahrung der Idee eines unendlich vollkommenen Wf«rn'; Auch ihr Ziel 
ist das ntmltche: die Erkenntnis, dafl ich Gott existierend denken inuO, will 
idi mk den Denkgesetzen nidit in Konflikt kommen. Die Wege sind aber 
verschieden: Der ontologiscbe Beweis bedient sich — wenn ich so sagen 
darf — der Kategorie der Sn^r 'anz, des Seins, der erste Beweis der Kate- 
gorie der KausaHttt; dort handelt es sich um die Erkenntnis, dafl ich ein 
Sein niciht sugieldi adend nnd nieht«eiefid denken kann; hier, dafi nch ein 
Sein nicht als Wirkung eines Nichtseins denken llBt Da sich nur ein Sein 
denken läßt, erscheint der ontologiscbe B("v;pis nur in einer Form, w"ihrend 
der Kausalit&tsbeweis deren so viele annehmen kann, als es Erscheinungs- 
formen, d. h. denkbare Vollkommenheiten Gottes gibt.*) 

Engel. Zu den sinnlich nicht denkbaren Ideen gehören auch 
jene der Engel. Wie sind sie existierend zu denken? Muß ich 
ihnen überhaupt wirkliche Existenz zuschreiben? Das Problem 
wird in Descartes' Hauptwerken kaum oder doch nur leise be* 
rOhrt; dagegen laudit es hin und wiedo* anfieriuüb derselben auf, 
indes ohne jemals klar und deutlich durchgeführt zu werden, so- 
fern ich richtig sehe. Es scheint, als neige Descartes der An- 
nahme zu, die Engel an sich seien geistige, also denkende 
Sein, denen die Fähigkeit zukomme, wollend eme mensch* 

Princ. I 14 - Med. V — IX 310,3 (Rep. mux IttSt) — VI 13^13 
(Disc, IV} — Iii 433, 9 — 396, 4. 

*) Vn iflo, 9 (Rep. aux Obj. I) — C XI xfii (lettre k Voät)— IV in, la. 



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88 



KAPITEL UL 



liehe, d. h. körperliche Gestalt anzunehmen, wobei sich aber die 
beiden wescn^tremden Teile nicht wie im Menschen zu einer un- 
bedingten Einheit verbinden. Ist aber die Annahme von der 
Existenz von Engeln logisch notwendig? Eine Idee klar und 
deutlich objektiv seiend denkeii können, das verbürgt nocii nicht 
deren Existenz. Ich sehe keinen stichhaltigen Grund gegen die 
Annahme, die Ideen der Engel seien nur Gebilde meiner Ein- 
bilduug-skraft; kurz, es fehlt ein Existenzixi iterium. Das Probh-m 
liegt damit außerhalb der Grenzen des menschlichen Erkenntnis- 
vermögens; es gehört in das Gebiet der Offenbamng, der Theo- 
logie, das Descartes namentlich in seinen für die Öffentlichkeit 
berechneten Werken vorsichtig gemieden bat £s liegt übrigens 
auch volblindig aufierhalb der Rkfatlhiie seines Denlnns; lassen 
wir es deshalb — wie Descarixs — niit einem Fragezeicfa^ un- 
gelöst seitwiits liegen. >) 

Geistig-körperliche Ideen. 

Von den dieser Gruppe zuzuteilenden Ideen habe ich hier 
speziell jene zu betradilen, die zum Teil nur geistig, zum Teil 
nur körperlich klar und deutlich denkbar sind. Dazu gehört nun 
in erster Linie die Idee meines Ichs, d. h. meines Ichs als Mensch. 
Ich habe schon oben erkannt, dafi ich mich nicht klar und deut- 
lich als einbildendes und empfindendes Sein denken kann, ohne 
die Idee eines ausgedehnten Seins, d. h. meines Körpers. Wohl 
kann ich mich klar und deutlich ohne diese Modifikationen 
existierend denken und muß daraus schließen, daß mein Körper 
nicht zum W^'sen meines Seins gehört; ich bin ein denkendes 
Sein, !' h j^erzipiere mich, d. h. erfahre mich aber in diesen Er- 
scheinungsff)rmen; ich erkenne meine Seele mit ein«'in ausgedehn- 
ten Sein vereinigt. Das Verhältnis der Seele zum Körper darf 
keineswegs «o seiend gedacht werden wie das X'erhältnis eines 
Piloten zu semem Schiffe. Seele und Körper sind wesensver- 
schieden, bilden aber, an sich seiend, Inch ein einheitliches Sein, 
eine faktisch untrennbare Einheit, wie ich vor allem gesellen habe 
anläßlich d( r B<;trachtung meiner Seele als einbildenden und emp- 
findenden Seins.-) 

') Med. III - VII 138,27 — 4j«, 43 (Rep. m Obj. U, IV) — V 349,13 
— 40a, 1 - 405, 13 - 157. 

•) Med. VI — VII 319,18 — 387,34 — 388, 13 — 493,7 — 434, 25 ~443ft 
(Rep. «iz OI»j. IV, V, VI). — P3M. 130 — 01493,1— 908,3. 

I 

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ERKENNTSISTHEORIE, ^ 

Da ich mit dem Körper so imiig vereinigt bin, erfalire ich 
bestandig auch dessen Zustand. Diese Erfahrungen resp. Per- 
zeptionen werden gewöhnlich Gefühle genannt. Gefühle sind 
also spezielle Denkformen, bedingt durch die innige Vereinigung 
der Seele mit einem ausgedehnten Sein- Während ich mittels 
der Empfindungen Kunde erhalte von der außerhalb meiner 
geistig- körperlichen Einheit befindlichen Körperwelt, orientieren 
mich die Gefühle über den Zustand meines eigenen Körpers. 
Das FüJüen bezeichnet somit eine dritte Form des Erkennens, 
neben Empfinden und Einbilden. In den Grefühlen der Lust und 
Unlust ericenne ich gewisse Zustände meines Körpers als vorteil- 
haft als nachteilig for dessen Erhaltung. Auch die GelOUe 
des Hungers, des Durstes, des Schmeries usw. sind solche Zu> 
Stands- resp. Zustandsftnderangen-Anzeiger, und je nachdem mich 
die Einwirkung fremder Objekte angenehm oder unangenehm 
berührt, beurteile ich sie als gut oder schädlich für den aus- 
gedehnten Teil mdnes menschfidicai Seins. Ich bin aber nicht 
nur ein erkennendes, sondern anch ein wollendes Sein und kann 
mich dabei meines Körpers als Hilfemittel, als Werkzeug, be- 
dienen. Ich wiU z. B. den Ort verändern und marschiere mit 
Ifilfe spezieller Organe. Ich bin somit ein denkendes Sein, das 
sich eines K<Mpers zur Ausf&hrung seiner WoUungen bedient 

Mitmenschen, Tiere. Ich finde m mir die Ideen ver- 
sduedener anderer Meosdien, und mit Hilfe der Sinnesorgane 
Uberwuge ich mich von der Existenz entsprechender R e ali t äten, die 
ich alle in den nimlichen Encheinnngsfbnnen perzipiere wie mich 
selbst und deshalb nach Analogie meines Seins als geistig-körper- 
liche Wesen ezisderend denke. Ich erfahre nun weiterhin auch 
die Ideen von Tieren, und da ich sie sinnlich denken kann, 
zweifle ich auch keinen Augenblick an der wirklichen Existenz 
derselben. Wie sind sie aber existierend zu denken? Ich per- 
zipiere sie als ausgedehnte Sein, als bewegte Sein, als marschier 
rende Sein usw. Manche ihrer Bewc^fungen erwecken in ihrer 
VoUkominenheit den Anschein, als seien sie Ausflüsse verständigen 
Überiegens. Das unkritische Denken schreibt deshalb auch den 
Tieren eine Seele zu, denkt sie als geistig-körperliche Wesen. 
Da nun kein Grund ersichtlich ist, warum nicht für alle Tiere 

*) UtdVIVn 354,1 -*»7,a4(Rep.MizObj. V,IV) — Vl59f.(Disc.V) 

- m 493.10 - tt4,a3 - IV asAis- 



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KAPJTSL III. 



angenommen werden soll, was für einige angenomnun wird, so 
müßte konsequenter auch den niedrigsten Tierformen, den Mol- 
lusken, Schnecken asw. eine Seele zugeschrieben werden. Diese 
unabweisbare Konsequenz laßt die ganze Annahme als zweifel- 
haft erscheinen. Es gibt nun eine Eracheuiung^sfonn, die mir 
als beseeltem Wesen zukommt, in der aber kein Tier erMrea 
wird. Es gibt eine Modifikation meines Seins, der ich wohl 
bd allen Menschen, aber niemals bei den Heien begegne: das 
Sprechen. IKeses Iflfit sidi definieren als em Denken mit Hilfe 
bestimmter Körperteile, des Spracborganes. Ich kann sprechend 
denken. Besitst nun irgendein Wesen ein Sprachotgan» ohne 
dafl dasselbe 2um Sprechen benQftet wird, so kann resp. mufi idi 
schliefien, es fehle dem betrefienden Sein an sich die dasselbe 
im Mensdien beherrschende Seele. Ein Wesen» das nicht ab 
sprechendes Sem perzipiert wird, Idfit sich also nicht als denken* 
des Sein auffassen. Da die Tiere nicht sprechoi, obwohl ihnen 
das Spntchorgan keineswegs fehlt, mufi ihnen somit die Seele 
abgesprodien werden. Se sind als ausgedehnte, mcfat als b^ 
seelte, d. h. geistig-kOrperliche Sein existierend zn denken.^ 

B. VerhAltnia der Objekte zueinander; Substanzen. 

Ich habe bisher die IdeeOi doien mit logischer Notwendige 
keit die Existenz zugesprochen werden mufi, als isolierte Einheiten 
ins Auge gefaßt und dargelegt, wie sie klar imd deutlich existie- 
rend zu denken sind, wie die außerhalb m( ines Geistes existierend 
erkannten, aber an sich unerkennbaren Objekte gedanklich kon- 
struiert werden mOssen. Sind diese Sein an sich wirklich von* 
einander unabhängig oder bestehen Beziehungen zwischen ihnoi 
und welche? Auch diese Frage laßt sich nur indirekt beant- 
worten, durch ein Studium des Verhältnisses der Objektideen zii- 
einanclfT Eines steht bereits fest, daß sich denkende und aus- 
gedehnte Sein ihrem Wesen nach gegenseitig ausschließen. Da- 
mit ist der Weg für die folgende Untersuchung vorgezeichnet. 
Ich habe zunäch<;t festzustellen, ob innerhalb der beiden Seins- 
gruppen Beziehungen bestehen, um gestützt darauf das Verhältnis 
derselben zueinander klar und deutlich erfassen zu können. 

Körperwelt. Körperliche Ideen habe ich jene genannt, die 

') „De la formation du foetus" — \'l 59 f. (Disc. V) — Vll 358, 5 — 
462,8 (Rep. aux Obj. V, VI) - IV 5730. - V 275 ff. — 278, 18 — 345, i. 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



91 



nur mit Hilfe der Imagination klar mid deudich existierend denk- 
bar sind. Die Imaginationsideen an sich sind wirklich existierende, 
ausgedehnte Sein und lassen sich in zwei Gruppen einteilen; ent- 
weder sind sie von meinem Geiste hervorgebracht oder dann von 
Körpern, die außerhalb meines geistig-körperlichen Seins existieren. 
Zu dieser zweiten Gruppe gehören also alle Imaginationsideen, 
die auch sinnlich, d. h. mit Hilfe der Sinne gedacht werden können. 
Imaginalionsuieen, die nicht zugleich Empfindungsideen sind, wer- 
den nur irrtümlicherweise als Objektrepräsentationen angesehen; 
mein Geist iiat sie hen'orgebracht. Sie sind deshalb auszuschalten, 
wenn es sich um eine Erkenntnis des Verhältnisses der Objekte 
an sich zueinander handelt. Die Beziehungen zwischen Körpern 
feststellen wollen, heißt sie miteinander vergleichen. Sie lassen 
sich miteinander vergleichen in bezug auf ihre Größe wie in bezug 
aül liire iNaiur. Die Feststellung der Größenv.. 1 haltnisse bildet 
den Inhalt der Mathematik; die Vergleichung der erfahrbaren 
Sein in bezug auf ihr Natur dagegen gehört der Physik zu. Die 
Mathematik faßt die Erscheinungsformen, unbekümmert um die 
physikalische Seinserklärung, als einfache GrOfien. Wie nun das 
GrOfienverhaltiüs zmachen unabhängig voneinander penipierleQ 
Körpern festgestellt werden kann, das ist — wenn audi von 
einem anderen Gesichtspunlcte aus • in obigem Abschnitte Aber 
die Mathematik zur DarsteUung gekommen. IXe einfadie Er* 
wihnung mag hier deshalb genügen. Ich mufl dagegen fOr einen 
Moment auf jene anderen mflgUchen Fällen zu sprechen kommen, 
m denen eine Änderung der ursprfingticben Groflen vorliegt Ins 
Praktiscfae gewendet, heifit das Problem: Welches ist das Resuhat 
des Zusammentreffens verschiedener GrOfien. In erster Linie 
werden wir auch hier, unbekflmmert um die Wirktichkeit, die 
logisch möglichen Falle nebst entsprechenden Lösungen syste- 
matisch durchbilden. Sehen verschiedene FfiUe der Begegnung 
zweier K(Hper sind mOglidi, und fbr feden Fall ergibt «ch eine 
ganz ein&che R^el fbr die Lösung. In der Wirklichkeit wflrde 
sich die nflmliche Einfachheit zeigen, wenn sich absolute harte 
Körper in einem leeren Räume begegneten. Nun gibt es aber 
weder einen leeren Raum, noch absolut harte Körper. Im ein- 
zelnen Falle müssen also inuner Reibung und Strukturverschieden- 
heiten mit in Rechnung gezogen werden, weshalb das Resultat 



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ga , KAPITEL IIL 

der Begegnung zweier Körper von i-aii zu Fall empirisch fest- 
gestellt sein wUl.^) 

Bestehen zwischen den einzelnen Objekten an sich Seins- 
Beziehungen ? Die leee des Stückes Wachs, losgelöst von den 
anderen Objekten, habe ich erkannt als Repräsentation eines Ob> 
jektes an aich in «nem ganz bttthnmten Zekmomeitte, und indem 
kh weiterhin das Objekt klar und deuttich an sidi seiend dadiiie, 
habe ich es ab gerade m diesem bestimmten Zeitmomente so 
existierend erkannt. Ich perzipiere aber das Stock Wachs in 
verschiedenen, aufeinanderfolgenden Zeitmomenten, d h. ich per- 
apiere es als ein dauerndes Sem. Diese zeitlich aufeinander- 
fidgenden Repräsentationen stunmen nun keineswegs mite i nan der 
flberein; gewisse Änderungen im PerzeptionS verbände suid er- 
kennbar. Einige Teilideen, wie gelbe Farbe, eckige Gestalt usw. 
erfahre ich gegen andere ausgewechselt; aber die das Wesen des 
eastierenden Seins an sich repräsentierende Teilidee „Ausdeh- 
nung* ist die nMmlirhff geblieben. Die Erscheinung als ausge- 
dehntes Sein erfofare ich als konstanten Faktor, während die 
Obrigen Erscheinungsformen sich andern; das Attribut verharrt, die 
Modi wechsehi. Diese Modifikationsänderungen in der Zeit be- 
zeichnen dne neue Erscheinui^form des Objektes an sie Ii. eine 
neue innere, unmittelbare Erfahrung: Ich perzipiere das Stüde 
Wachs an sich als ein verftnderliches Sein und muß es audi 
in dieser Erscheinungsform klar und deutlich existierend zu denken 
versuchen. Die Objektivierung der klar und deutlich perzipiertoi 
Gestalt- imd Bewegungs&nderungen begegnet keinen Schwierig- 
keiten. Solche stellen sich aber ein in der Durchführung der 
Aufgabe, auch die Änderung der an sich schon unklaren und un- 
deutlichen Sinnesqualitäten seiend zu denken. Da die einzelne 
Qualität nur dnrr!-t eine quantitative Differenzierung des Seins er- 
klärbar bleibt, kann konsequenterweise auch die Qualitätsänderung 
nur durch einen Wechsel von Gestalt und Bewegung der ein- 
zelnen Teile gedacht werden, und dies für den einzelnen Fall 
durchzuführen, ist Sache der physikalischen Forschung. 

Ich perzipiere in diesem Momente ein Stück Eis und finde 
einige Zeit später am nämlichen Orte eine Menge Wasser, be- 
sitze somit zwei, inhaltUch ganz verschiedene und zeitlich vonein- 



V Frinc. U 17 — II 483,23 — 6aa,a6. 



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ERKENNTHtSTHEORlE, 



ander getrennte ld*'en: Eis und Wasser. Jede derselben kann 
ich sinnlich denken und muß ihnen Infolgedessen wirkiiche Exi- 
stenz zuschreiben. Da wie dort habe ich es mit einem existie- 
renden ausgedehnten Sein zu tun, im tlbrigen aber haben die 
beiden existierend zu denkenden Objekte keine einzige Erschei- 
nungsform mehr gemeinsam. Entspricht nun dieser zeitlichen 
Aufeinanderfolge ganz verschiedener Ideen eine Aufeinanderlolge 
verschiedener Objekte an sich, oder repräseiUit reu diese zeitlich 
getrennten und so verschiedenen Ideen wirkhch das nämUche 
Objekt an sich, wie mir der Praktiker glauben machen will? 
Beide Aunal.nuii bind denkmöglich. Welche derselben ist aber 
denk-notwendig? Nur weil die beiden Ideen sinnlich denkbar 
sind, ist die Annahme ihrer Existenz logisch notwendig. Da wie 
d<Mt erfahre ich ein ausgedehntes Sein existierend. Daß es 
ridi nun um das nämliche ausgedehnte Sein handelt, darQber 
kann mich doch auch nur die amnliche Eifahrung belehren. Kann 
ich zwischen diese beiden zeillicb*extremen Perzeptionsmomente 
eine seitlich kontinuieriiche Existenzperzeption emschalten, d. h. 
erfahre ich sinnfich das Stade Eis seidicfa-irontuiuieriich in die be- 
treffende Wassennenge sich vertndeni, dann habe ich keine Ur* 
Sache, die Richtigkeit der praktischen und logisch möglichen An- 
nahme zu bezweifeln» und die Annahme, daß es sich um zwei 
verschiedene^Objekte an sich handelt, enthalt dann einen logischen 
Widerqmich, ist also undenkbar, unmöglich. Laßt sich Oberhaupt 
eine körperliche Idee kontinmerüch in der Zeit sinnlich denken, 
d. h. sinnlich als dauernd effahren, dann bin kh anzunehmen ge- 
zwungen, daß es sich immer um das nfimliche Sein handelt, so 
groß audi die Modifikationsanderungen im übrigen sein mOgen. 
Das zuerst in der Form des Eises perzipierte Sein an sich per* 
zipiere ich später in der Form des Wassers. Das Objekt an 
sich bleibt seinem Wesen nach erhalten, ändert aber seine Er» 
scbeinungsformen : dem Ideenwechsel entspricht somit kein Seins-, 
sondern nur ein* Modifikationswechsel. 

Damit ist auch die Frage des Entstehens und Vei^ebens von 
Einzelkörpem erldäit. Das Eis verschwindet; das Wasser ent- 
steht Ich perzipiere das Eis als entstehendes und vergehendes 
Sein wie auch das Wasser. Diesen sinnlich verifizierbaren, 
inneren , unmittelbaren Erfahrungen entspricht nicht ein Ent- 
stehen und Vergeben des Objektes an sich seinem Wesen 



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• 

94 



KAPITEL III. 



nacli. Das in irgend einer Form existierend pcrzipierte Sein an 
sich kann seinem Wesen nacij nicht untergehen; denn es ist in 
' seiner Existenz von Gott erschaffen und erhalten , also immer- 
während, ewig existierend. Wenn icli also ein Objekt als ver- 
schwindendes, vcrgängUches Sein perzipiere, d. h. wenn ich ein 
einmal existierend perzipiertes Objekt mit Hilfe der Sinne später 
nicht mehr existierend zu perzipieren vermag, dann darf ich keines- 
wegs auf eine Wesensvemichtung des Seins an sich schließen, 
aoadem muß es in eine andere Eiacheinungsfonu Qbergegangea 
denken, in der es mit Hitfe der Smnesorgane nicht iMehr exi- 
stierend erkannt werden kann. Perzipiere ich umgekdirt einen 
EinadkOrper als entstehendes Sein, so ist die Annahme der Ent- 
stehung eines Seins an steh k>giach unhaltbar, und denkbar bleibt 
nur die andere Möglichkeit, ein frOher infolge Mangelhaftigkeit 
unserer Sinnesoigane nicht eiistierend perzipierbares Sem an sich 
habe nun eine Form angenommen, in der es mit Hilfe der Sinnes- 
organe gedadit werden kann. IEm kann also nur m bexug auf 
unser Erkenntnisvermdgen von emem Entstehen und Vefgeben 
von ElnzelkOrpem gesprochen werden. 

Ich pendpiere nicht nur ein zeitliches Nachemander von 
Ideen, sondern auch em seitliches Nebeneinander. Ich erkenne 
die varschiedaiarttpten Ideen gleichzeitig existierend. In dem 
nämlichen Momente, da ich z. B. das Stück Wachs existierend 
perzipiere, erfahre ich auch die Ideen des Tisches, des Schranke, 
des Fensters usw. existierend, also scheinbar unabhängig vonein^ 
ander zugleich-seiend. Diese verschiedenen, koordinierten Ideen 
erkenne ich aber als Teile der Objektidee des Zimmers, und diese 
Idee sehe ich weiterhin als TeiHdee der Idee des Hauses einge- 
gliedert, diese der Idee der Stack, diese der Idee des Landes, 
diese der Idee der Erdkugel, di^te endUch der Idee der Körper- 
welt, als der alle körperlichen Ideen umfassenden Perzeptions- 
einheit. Die unzählige Menge einzeln existierend perzipierbarer 
Ideen bildet so ein hierarchisches System immer universellerer 
Ideen. Keine körperliche Idee kann diesem Systembau entgehen. 
Dies Abhänfjigkeits\'erhältnis der körperlichen Ideen voneinander 
ist eine mncre, unmittelbare Erfahrung, und ich habe zu prüfen, 
wie dasselbe klar und deutlich objektiv seiend gedacht werden 
muÜ. Jeder einzelnen, sinnhch denkbaren Idee n.tsj iicht ein 
Objekt an sich. Die Ausdehnung bezeichnet das Wesen desselben; 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



die übrigen Erscheinungsformen repräsentieren durch Gestillt und 
Bewegung erklärbare Modifikationen. Die Bewegung ist ein Zu- 
stand, ein gleichzeitiges Übergeführtwerden der entsprechenden 
Quantität. Jede EinzeUdee repräsentiert also eine Bewegungs- 
einheit. Wenn ich nun verschiedene einzelne Ideen als Teile einer 
anderen Idee perzipiere, so läßt sich das Verhältnis nicht anders 
denken, als daß die ihnen entsprechenden Sein an sich gemeinsam 
Obergeführt werden und so eine, der umfassenderen Idee ent- 
sprechende Bewegungscinheit bildeiL Ich erfahre so immer uni- 
vendlffire BewegungseinlidteB iind in der Idee der KBrpenwdt 
die nniverwihte derselben. Umgekehit enKhemt diese absolute 
Eiiiheit der Körperwelt durch immer weiter fortschreitiende Difie- 
renzierungen mkbds ifar Bew^ung in unendfidi viele, einidii 
perzipietbare Teile aufgelöst Ein ungegliederter Teil wflre ein 
absoluter Einzdkörper, der, den verschiedenslen einander Ober* 
geordneten relativen Einheiten eingegliedert, m der absoluten 
Einheit des körperiichen Seins existiert 

Dies Abhingit^e i tsveriutftnis bleibt nun keineswc^ konstant 
Den Einzelkdrper erfahre ich bald dieser, bald jener höheren £r- 
iahrungseinheit angegliedert Das Blatt wird aus der Einheit des 
Baumes losgelöst und in die Bewegungseinheit des Flusses ge- 
worfen, wobei es aber weder seine Gestalt noch die, seme wei- 
teren Eiicheinungsfonnen bedmgende innere Struktur vertiert 
Obwohl also einer neuen, umfassenderen Einheit eingegliedert, 
hat es doch seine Erscheinungsselhständigkeit nidit vollständig 
eingebüßt. Dagegen: geht der Fluß ins Meer über, so verliert 
er damit seine bisherige charakteristische Erscheinungsform; der 
Fluß als EinzelkOrper verschwindet, wenn or auch seinem Wesen 
nach nicht untergeht. Das Meer seinerseits verschwindet in der 
umfassenderen Einheit des „Wassers* Oberhaupt; Meer, Flufi und 
Bach sind verschiedene Erscheinungsformen dieses einen speziell 
differenzierten ausgedehnten Seins. Was ich einen Einzelkörper 
nenne, bezeichnet also nur eine sprnelle Modifikation einer um- 
fassenderen Wesenseinheit. Kurz, ich muß zur Erklärung der 
zwischen körperhchen Ideen bestehenden Beziehungen eine ein- 
zige, alle Einzel -Ohjekte umlassende Wesenseinheit annehmen. 
Dies: :il)sn!iite Einheit des ausgedehnten Seins ist von Gon ge- 
schalten und erhalten, darum auch unze rstörbar existierend zu 
denken, ewig seiend. Dieses ewig existierende Sein perzipiere 



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KAPITEL in. 



ich nicht nur als Einheit, sondern auch in immer wechselnden 
Formen. Keine Modifikation erfahre ich als konstant seiend, 
sondern erkenne ein beständiges Entstehen und \ ergehen der Er- 
scheinungsformen , ein immer sich erneuerndes, durch die Be- 
wegung bedingtes Geschehen. Nirgends Ruiie, überall Bewegung. 
In ihrer Gesamtheit bedingt die Bewegung die Erscheinungsform 
der körperlichen Welt als Wesenseinheit; sie repräsentiert deren 
Zustand und ist wie sie ewig seiend. Die Quantität des ausge- 
I dehnten Seins und der Bewegung sind die beiden konstanten 
' Faktoren ün WeltengeschdiaL £s gibt also ein einziges, ein* 
heitliches ausgedehntes Sein, in aufierordentlicb ▼erschiedenen, 
durch Gestalt und Bewegung bedingten Ersdieinui^fomien 
denkbar. In seinen Erscheinongsfonnen xeitlicb, vergänglich, 
seinem Wesen nach ewig, in seiner Existenz vom Gott ge- 
schaiFen und erhallen, erfahre ich es aber unabhängig von jeden^ 
anderen geschaffenen Sein, und m diesem Sinne spreche 
ich in der Folge von einer ausgedehnten Substanz. In jeder 
einzelnen, sinnlich denkbaren Objektrldee perzipiere ich also diese 
eine Substanz, deren Wesen durch die Idee der Ausdehnung re> 
präsentiert ist*) 

Die ausgedehnte Substanz an sich. Ich muß eine 
einzige, einheitliche ausgedehnte Substanz existierend denken und 
die einzefaien KOrper als deren spezielle Enchemungslormen be- 
trachten. Ist diese ausgedehnte Substam: an sich endlich oder 
unendlich? Die Ezistenzeikenntnis ist Sache des sinnlichen 
Denkens. Dieses hat aber noch kein Ende erreicht, und ein 
»oldies ist auch nicht denkbar; denn die Erfahrung weist immer 
weiter und weiter. Die Frage der Endlichkeit kann ich somit wedof 
bejahen noch verneinen. Anderseits aber die Unendlichkeit be- 
jahen oder verneinen wollen, wäre angesichts der erkannten End- 
hchkeit imseres Erkenntnisvermögens ein vermessentliches An- 
sinnen. Ich sehe also kein Moment, das mich für eine der beiden 
Möglichkeiten zu entscheiden zwänge. Das Problem bleibt somit 
für unser Erkenntnisvermögen unl(')sbar; die Ausdehnung der 
körperlichen Substanz ist unbestimmbari an Stelle des „infini" 
oder „fini" setze ich ein „indefini".') 

*) Med. II VI, BpesieU r«br«g«. — VU aaa (R«p. ans Obj. IV). - I 
154,1 — Princ. I 47 ff. — 

0 Princ. 1 a6, 11 ai ff. — Vll iia, 17 (Rep. aux Obj. i). — J 86, x — 

I 
I 



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57 



Die ausgedehnte Substanz erkenne ich weiter als teilbares 
Sein. Ist sie endlich oder unendlich teilbar? Für das sinnliche 
Daiken ist das Ende der Teübarkeit bald errdicfat Zeh weifi 
aber, dafi meine Sittnesorgane höchst gebrechlicfa und unvoU* 
kommen sind. Deren Urteil kann infolgedessen nicHt als ent* 
scheidend angesehen werden, ist also nicht stichhaltig gegen die 
Logik, die mich immer weiter und weiter weist Es kann aber 
natOrlich auch die Annahme der unendlichen Teilbarkeit weder 
bejaht noch vememt werden. Kurz, auch hier mufi ich ein „un* 
bestimmbar* an die Stelle eines unbezweifdbaren Urteiles 
setzen. Der Weise halt sein Urt^l zurQck, wo er nicht eine 
logisch widerspruchsfreie Erkenntnis erlangen kann.^) 

Die ausgedehnte Substanz erbbre ich in ihrer Existenz voll- 
ständig von meinem denkenden Sein unabhängig. Da ich sie 
aber ihreiseits doch als unvollkommenes Sein perzipiere — denn 
ein vollkommenes Sein kann nicht teilbar gedacht werden — 
muß ich sie in ihrer Existenz von dem existierend erkannten, un- 
endlich vollkommenen Wesen abhängig, geschaffen und erhalten 
denken. Aber gerade die Erkenntnis dieser Existenzabhangigkeit 
von Gott verbürgt mir, da& sie ihrem Wesen nach unzerstOrtiar 
ist und daß die Bewegungsquantität konstant bleibt.*) 

„Unendlich" verschiedene und ^unendlich* mannigfaltige Be- 
wegungen sind denkmOglich. Infolgedessen läßt sich die eine 
ausgedehnte Substanz „unendlich" mannigfaltig differenziert denken, 
und es kommt der speziellen Physik zu, die in den existierend 
porzipierten Einzelkörpern vorliegenden Modifikationen resp. Diffe- 
renzierungen derselben klar und deutlich zu denken. 

Geistige Substanzen. Ich existiere, und zwar als geistig- 
körperliches Sein. Meinen Körper muß ich nun als eine Modi- 
fikation der einen ausgedehnten Substanz auffassen. Er ist wie 
jeder andere Einzelkörper veränderlich und vergänglich. Ich kann 
mich aber klar und deutlich existierend d( nken ohne diesen 
Körper, ohne die ausgedehnte Substanz überhaupt und muli mich 
infolgedessen als nicht-körperliches, iUs denkendes oder geistiges 



14Ä,8 — III 293,25 - IV 3;i3.i" - V 51,23 - 344,6 — 274,5 — 356, i — 
3^9. C X 193 ff. (Notae). 

') Princ. II 20 ff., 34. - C IV 225 ff. <j,Le Monde"). » Hl 191,16 — 903, 
^ — 477 3 - V 273, 7 — VI 238. 

*) IV 328,25. - V 403ff. — 347 — '35»aa- 
Ju|;k««ii, ttad DttmU». 7 



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KAPITEL IIL 



Sein existierend beurteilen. Als solches eriahre ich mich der 
numnigfaclisten Modifikationen fähig; denn ich jicrzipicrc mich in 
den mannigfachsten Erscheinungsformen. Sind nun auch mehrere 
denieUien durch meinen KOrper bedingt, vermag also die aus- 
gedehnte Substanz mein Sein zu modifizieren , meine &islenz 
kann sie nicht beeiniliisseii. In meiner Existenz erkenne ich mich 
nur von Gott abhangig und gerade die Erkenntnis meiner Ab- 
hängigkeit von Gott verbürgt mir die Unsterblichkat memes Ichs, 
d. h. meiner Seele. Mogen infolge Absterbens meines Körpers 
mehrere Erscheinungriormen meiner Seele auch unm(Sglich wer- 
den, mein Sem wird dadurch nicht berohrt. Kurz, ich eikenne 
mich von Gott geschaffen und erhalten, im übrigen aber m meiner 
Existenz weder von der ausgedehnten Substanz noch von einem 
anderen geschaffenen Sein abhflngig. Ich bin somit eine Substanz, 
speziell eine denkende Substanz.') 

^bt es noch weit^ geschaüene, geistige Substanzen? Idi 
erfahre mich von vielen Menschen umgeben, perzipiere sie unter 
den nämlichen Erscheinungsfonnen wie meinen Körper und neige 
deshalb dazu, sie als beseelte, d h. als geistig*körperliche Sein 
zu beurteilen. Im Gegensatz zu den Tieren erkenne ich sie als 
sprechende Sein und mufi ihnen darum eine Seele zusprechen; 
denn ich sehe kein Moment mehr, das dieser Annahme im \\ 
Stande. Im Gegenteil, von allen Seiten werde ich auf sie als die 
wahrscheinlichste, sozusagen einzig mögliche hingewiesen. Ich 
habe als erkennendes Sein mein Möglichstes getan, und Gottes 
Wahrhaftigkeit verbürgt, daü ich mich dabei nicht täusche. Es 
existieren somit noch andere Seelen, und damit scheint auch fest- 
gesetzt zu sein, daß es viele geschaffene geistii^c Substanzen gibt, 
während ich nur eine einzige ausgedehnte Substanz existierend 
erfahre. 

Direkt findet sich die:>er Gedanke in Descartes Hauptwerken nirgends 
klar und dendich durcfagefohrt und, sofern ich mich nicht tausche, aneii in 
den sein Geistesleben schärfer reflektierenden Briefen nicht. Er kommt aber 
indirekt (negativ) da 2ur Dar!itcllung. wo Dfscartes die Tiere als nur körper- 
liche öein beiuteiit. Den 1 ieren die öeeie absprechen, weil sie nicht sprechen, 
hei6t doch die Ezistcni anderer raenocbUclier Seelen bejahen. Und moB 
icli meine eigene Seele als nnabbSngig von jedem anderen geschaffenen 
Sein existierrnd denken, dann mti6 auch jede andere existierend erkannte 
Seele als denkende Substanz aufgefaßt werden. Doch — wie gesagt — 
D£SCARTi8 luflert sich nicht klar und dentlich, und seine letzten Gedanken 

•) VII 153,11 - 443 ff. tRep- an« Obj, U, VI). 



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99 



uozweideutig feststellen wollen, wo direkte Anhalupunkte fehlen, bleibt fAr 
immer mim0|^ch. Die Frage liegt abrigens «ach wiSeiludb der Riditliiii« 
seines Denkens. Nicht die Metaphysik ist sein Ziel. Sein Problem lautet: 
Wie ist die Physik als Wissenschaft möglich? und wenn er in seinen 
Werken der ausgedehnten Substanz, als dem Objekte der Physik, eine 
denkende Sebctenz gegenabertteUt, m dtlrfoi wir nur an das erkennende 
„Ich" denken und müssen die weitere Frage, ob es noch andere geschafTene 
denkende Substanzen gibt, wie Dbscamtis alt nngelAet, vielleicht weil nnUlebar, 
beiseite legen. 

Auch Gott perzipieie ich als denkendes Sein. Er ist wesens- 
gleich meiner Seele, aber im Gegensatz zu ihr unendlich voll- 
kommen. Er ist Ursache seiner selbst und sich selbst erhaltend, 
in seiner Existenz somit von keinem anderen Sein abhängig, also 
eine unerschaffene denkende Substanz.^) 

c) Verhältnis der Substanzen zueinander. 

Ich erkenne eine ausgedehnte und viele denkende Sub- 
stanzen existierend. Das Verhältnis derselben zueinander muß 
noch näher beleuchtet werden. Sofern mit Substanz ein von 
aUen anderen Sein unaUiängig existierendes Sein bezeichnet 
werden soll, gibt es eigentlich nur eine einzige Substanz, Gott 
Denn nur Gott ist eine causa sui; aUe flbrigen, exiati»end er- 
kannten und auch Substanz genannten Sein perzipiere ich in ihrer 
Existenz von Gott abhängig, erschaffen und erhalten. Sie sind 
aber gegenseitig voneinander unabhängig. Wenn sie auch auf- 
einander einwirken und sich gegenseitig zu modifizieren vermögen, 
in bezog auf ihre Existenz schliefien sie einander aus und werden 
deshalb gewohnlich auch Substanzen genannt Die Zweideutig- 
kett des Terminus: .Substanz* will aber wohl beachtet sein,*) 

Die Perzeption Gottes als unendlich vollkommenes Sein ver- 
bfligt, daß die von ihm geschaffenen Subsunzen ihrem Wesen 
nach unzerstörbar sind. Ich erkenne eine ausgedehnte und viele 
denkende Substanzen seiend. Gibt es noch Substanzen anderer 
Art, Substanzen, die weder geistig noch körperlich sind? Die 
Annahme, Gott habe eine unendliche Mannigfaltigkeit von Sub- 
stanzen geschafTen,erscheint logisch wohl möglich; denn ich er- 
kenne ihn als allmächtiges Sein, imd die Zweizahl der Substanz- 
arten gehört keineswegs zum Wesen seiner Natur. SoUte er aber 

») Princ I 54 — man beachte I 353. 

^ P inc. I 51. — Vü aast, 15. — 337, 9. — 434, aa (Rep. »uz Obj. IV, VI.) 
1U4^8. 

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lOO 



wirklich noch andere Substanzen erschaffen haben, so müßte ich 
auf eine Erkenntnis derselben verzichten, es sei denn, mein Er- 
kt-nntnisvennögen würde erweitert. Denn eine Substanz an sich 
läßt sich nur durch ihre Erscheinungsformen » xistien-nd erkennen. 
Als geistig-körperiiches Wesen kann ich aber nur die Attribute 
der geistigen und der körperlichen Substanzen perzipieren. Die 
Frage, ob n<"ch Substanzen anderer Art existieren, übersteigt 
somit das menschliche Erkenntnisvermögen; sie ist unlösbar.*) 
Soweit ist Dkscartes' Anschauung über das X'erhältnis 
Gottes zu den geschaffenen Substanzen wohl unzweideutig gegeben. 
Weiterhin fehlen aber sichere Angaben. Dkscartes hütet sich 
für gewöhnlich, zu diesen eigentlich „theologischen" Fragen in 
semen Werken und Briefen direkt Stellung zu nehmen.») Nur 
dann und warm rindet sich eine leise Andeutung, daß ihn das 
Problem beschäftigt hat. Um aber festzustellen, ob und wie er 
dasselbe in seinem Innersten klar und deutlich zu Ende gedadlt 
hat, hierfOr fehlen scheinbar unzweideutige Anhaltspunkte. Wenn 
ich also, den „läatn* Andeutungen folgend, noch etwas weiter 
vorzudringen vemiche, so betrete ich bewufit das Gebiet der 
Hypothese: Ich habe nur meine Gedanken in meiner Macht Das 
Sein an sich erkenne idi nur in seinen Erscheinungsformen, und 
deren Betrachtung zwingt mich zur Annahme einer unerschafTenen 
und vieler von ihr erschaffener Substanzen. Wenn Descartes 
nun weiter einerseits ausfahrt, dafi das Erhalten ein Schaffen sei 
und ich infolgedessen in jeder einzelnen Perzeption eines Seins 
einen Sch6pferakt pendpiere, wenn er anders^ts darl^, dkft 
Gott keinesw^ wie ein römischer Jupiter ab ein Uber und aufier' 
halb der geschaffenen Substanzen stehendes Wesen gedacht 
werden kOnne, so scheint damit doch der Gedanke durchzuleuchten, 
dafi diese geschaffenen Substanzen in Gott existieren, dafi ich 
durch jede Perzeption der geschaffenen Substanz zi^Ieich Gott 
existierend perzipiere, dafi ausgedehntes und denkendes Sem nur 
vei9chiedene Auffdssungsfonnen dieser einen, unendlich voll- 
kommenen Substanz seien. Dieser panth« istische Gedanke liegt 
außerordentlich nahe, ja vollständig in der Richtlinie Descartesschen 
Denkens. Hat er ihm in seinen philosophischen Grüblerstunden 
gehuldigt? Ich glaube kaum, wenigstens nicht in dieser Form. 

') Princ I ag. — Med. IV. — C XI, 99|. (Reg. I4>) — 
•) V I»«. - 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



Denn dessen Konsequenz, nämlich die Auffassung Gottes als Sein 
schlechthin mit Ausdehnung und Denken als sul)j(_'kten und zu 
verobjektivierenden Erscheinungsformen stände in Widersj)rucli 
mit seinen früheren Konzeptionen, speziell mit seiner Auffassung 
Grottes als denkendem Sein. Spricht aus dieser Interpretation der 
göttlichen Substanz vielleicht »seine Ehrfurcht" vor dem kirchlichen 
Denken, Furcht vor der Inquisition? Man ist in der Desc artes- 
Interpretation allenthalhen mit dieser Ausflucht bereii, wohl mit 
Unrecht, wenigstens in der Form, in der das gewöhnlich geschieht. 
Als Denker ist Descartes im eigentüchen Sinne des Wortes vor- 
urteilsfrei. Er baut auf eigenem Boden und schreckt vor keiner 
OenkkoQsequeoz zurack. Wo er sich dabei mit dem kirchlich 
sanktioiiiertea Denken in Widospruch sieht» da n^ert er keines- 
wegs das Denken, zeigt sieb aber 2turadchalteiid und fluflerst vor* 
sichtig, sowohl in seinen VerOffendidiungen wie in seinen Briefen. ^) 
Wenn er nun aber ausfflhrlich» klar und deutlich Gott als den- 
kendes Sein beurteilt, so kann darin kein Verzicht auf persönliches 
Denken zugunsten des kirchlichen Denkens gesehen werden, 
sondern eine Konsequenz seines Denkens» die mit jenem in 
Emklang steht: Ich perzipiere Gott als unendlich vollkommenes 
Sem und mu8 ihm deshalb jede denknOgliche Vollkommenheit 
zuschreiben. Erkennend» und zwar allwissend zu sein beseidmet 
unstreitig eine Vollkommenheit und mufi deshalb Gott zukommen. 
Was ich als erkennendes Sein perzipiere, perzipiere ich damit 
zugleich als denkendes Sein. Gott kann also nur als denkende 
Substanz gedacht weiden. Mit diesem logisch notwendigen Schluß 
ist aber der Annahme der Weg versperrt, Gott als «Sein 
schlechthin' zu fassen, Denken und Ausdehnung, resp. denkende 
und ausgedehnte Sein als dessen Perzeptionsformen zu beurteilen. 
Kurz: Scheinbar löst sich das ganze Descaitessche Denken in 
eine pantheistische Weltauftassung auf oder ruht auf einer 
solchen. Ich sehe aber keine Möglichkeit, unzweideutig fest- 
zustellen, ob und wie er dieselbe klar und deutlich durch- 
gebildet hat*) 

*) Hier^'ür charakteristisch sind namentlich zwei Stellen. 

a) III 291,31 wo er Mersemne mitteilt, „enure aou8"| die Med. bilden 
nur die Grundlage der Philosophie. 

1>) V 139, 8k Bemericung, dafi er gewöhnlidi nicht so weit vorcttdringen 

pflege. 

0 1 130,7 - 353 - 1" 465.9 - IV 113, 18 ~ 608 - V 139!. — Med. m.- 



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If» 



KAPITEL HL 



3. Bntotehimg der Ideen» 

A. Idealismus (Phänomenalismus). 

Ich bin ein denkendes Sein und erfahre mich in jeder Per* 
zeption existierend Jede Perzeption, jede innere, unmittelbare 
Erfahrung schließt das Bewußtsein der Existenz des Ichs in sich, 
wenn dasselbe auch meist lucht klar und deudich zum Durch« 
bruch kommt Sofern ich die entsprechende Modifikation meines 
Seins als denkender, geistiger Realität ins Auge fesse, spreche 
ich von einem Gedanken. Gedanken sind Seinsmodifikationen, 
und die Formen, in denen ich sie seiend erfahre, werden als Ideen 
bezeichnet Es gibt, wie wir gesehen haben, viele Ideen, in denen 
ich nicht nur mich selbst existierend erkenne, sondern weiterhin 
audi aufier mir existierende Sein zu erkennen glaube. Ich erfahre 
viele meiner Seinsmanifestationen als Abbilder wirklich existierender 
Objekte, habe auch ein Mittd zur Hand, um im einzelnen fest- 
zustellen, ob ich mich dabei tausche oder nicht und sehe mich 
deshalb zur Annahme gezwungen, dafi meiner gedachten Welt 
eine wirkliclie Welt außerhalb meines Geistes entspricht. 

Meine gedachte Welt ist allerdings nicht die Welt. Ihr 
kommt aber nichtsdestoweniger doch eine von der Wirklichkeit 
an sich unabhängige, geistige Existenz zu. In jeder Idee denke 
ich mich selbst, jede Idee ist eine Manifestation meines eigenen 
existierenden Seins. Ich existiere denkend. Ich kann nur mich 
seihst denken und niemals ein Nicht-Ich, ein firemdes Sein, weder 
ein körperliches noch ein geistiges. Ich kann mich niemals meiner 
eigenen Realität entäußern, sondern bleibe immer »Ich" und habe 
nur mein i^eistip^es Sein und dessen Modifikationen, die Gedanken, 
in meiner Macht. Die außerlialf-) meines Geiste«; existierend er- 
kannte Welt an sich hleibt mir für immer verschlossen: nur 
logisches Wissen ist möglich. Diese von der Natur unserem Geistes- 
vermögen gezoi^enen Grenzen müssen wohl beachtet werden. 
Irrtümer entstellen vornehmlich dadurch, daß der Geist, von 
einem blinden Eifer getrieben, das Reich seiner Gedanken verlaßt, 
daß er, geblendet von einer gewissen AhaUchkeii iwisi hen seinen 
Gedanken und der V\ elt außer ihm, die von der Natur gezogenen 
Schranken ignoriert und die Objekte an sich zu erkennen und zu 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



denken glaubt ,£s bedarf allerdings langer Übui^ und oftmaliger 

Überlegung, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß außer 
unseren Gedanken nichts vollständig in unserer 'Gewalt steht."*) 

Ich porzipiere mich existierend, und zwar in Formen, die 
ich als Repräsentationen außerhalb meines Geistes existierender 
Sein beurteilen mufcl. Denke ich nun eine sogenannte geistige 
Idee, z H. die Idee Gottes oder die Idee einer anderen Seele, 
j-o denke ich in meinem Sein zugleich pin fremdes Sein, ich denke, 
objektiv betrachtet, eine Seins — vviederhohmg. Die den geistigen 
Ideen zukommenden objektiven Re;ilitäten sind ihrem Wesen nach 
identisch mit der Realität meines denkenden Ich. Die körperlichen 
Ideen dagegen repräsentieren die webensfrenide ausgedehnte Sub- 
stanz. Die gedachte körperliche Welt ist ihrem Wesen nach ab- 
solut versciiieden von der an sich seienden körperlichen Welt. ^) 
Wiil ich aber die körperlichen Ideen klar und deudich denken, 
so niuLt ich, als geibUg-körperliche Einheit, sie mit Hilfe der Ein- 
bildung exlstiei cnd denken, alsu in Eoinien, die als Scinswieder- 
hülungen anzusehen sind. Ich denke aber doch immer nur meine 
Gedanken und spreche von einem adäquaten, konformen Erkennen 
und Wissen der Wirklichkeit dann, wenn das Verhältnis der so 
gedachten Ideen zueinander identisch ist mit dem Verhältnis der 
existierenden Sein zueinander. Es handelt sich um eine Oberein- 
stimmung der Verhältnisse, nicht um eine Übereinstimmung des 
Seins. Daß ich mich dabei in der Wirklichkeitserkenntnis nicht 
täusche, daß ich nicht fehlgehe in der Annahme, die wirkliche 
Wdt sei so beschaffen, wie ich auf Grund meiner Ideen glaube 
annehmen zu mflssen, das verborgt nur die Wahrhaftigkeit Gottes, 
direkt läßt sich die Übereinstimmung und damit die Richtigkeit 
meines Wissens nicht kontrollieren.'') 

Die außerhalb meines Ichs existierende Wirklichkeit an sich 
ist unerkennbar. Das bleibt unerschütterlicher Fundamentalsatz 
Descartes', auch dann, wenn er auf Grund der inneren unmittel- 
baren Erfahrungen, seiner Ideen, die an sich seiende Welt klar 
und deutlicb existierend zu denken versucht- Der subjektive 
Charakter der Welterkenntnis wird keineswegs modifiziert, wenn 



'} VI 34,22 - a6,aa ~ II 36,4 — 
— 478,2. 

>) VII 367,8 (Rep. «IX Obj. V.} 
') Siehe Anmerkiuig i , Seite 65. 



37,4 " 374»5H - 474, 13 - 4A9 



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KAPITEL UL 



er ihr weiterhin mit Hilfe der Idee Gottes den Stempel der ob- 
jektiven Richtigkeit, der Seinserkenntnis, der Seinswahrheit auf- 
drückt. Wie wenig Gewähr übrigens diese göttliche Bürgschaft 
seihst Dkscaktks besitzt, das geht nicht nur aus dem Epilog 
der „i^nncipiae philos." hervor, sondern auch aus der so olt 
wiederholten Bt nieikung, daß die Welt an sich vielleicht doch 
anders beschaffen und entstanden sei, als wir dies zu erkennen 
vermögen. „Zwei LUuen können einander vollständig gleichen, 
die Stunden gleich gut angeben und dabei in ihrem Inneren doch 
eine ganz andere Zusammenstellung der Räder besitzen." Es 
bleibt also möglich, daß die wirkliche Welt anders beschaffen ist, 
als ich zu erkennen vermag, als ich denken muß. „Ich gebe dies 
bereitwilligst zu und bin zufrieden, wenn nur mein Wissen der 
Art ist, daß damit alle Naturerscheinungen erklärt werden." 
„Mehr hat auch Aristoteles nicht geleistet und mein gewollt; 
denn er erklärt ausdrücklich, daü er über das den Sinnen Wahr- 
nehmbare glaube genügend Gi ünde und Beweise beigebracht zu 
haben, wenn er zeige, daß das Wahrnehmbare nach seinen Voraus- 
setzungen so h&tte geschehen können."^) Der Subjektivität aUes 
Wissens ist sich Dcscartes voll und ganz bewußt und auch 
immer bewußt geblieben. Denker, die in diesem Sinne die dem 
menschlichen Erkenntnisvermögen gesetzten Schranken nicht aber- 
schreiten, also nur sich selbst denkend die Welt denken» hat man 
Kritizisten oder Erkenntnistheorettker zu nennen begonnen mid in 
Gegensatz gestellt zu den Dogmatikem, die sich der subjektiven 
Schranken gleichsam entftufiem (ob bewufit oder unbewußt, das 
tut keinen Eintrag), die kQhn den Sprung in die Welt an sich 
wagen und «subspecie aetemitatis* denken, um den entsprechenden 
Ausdruck Srnozas anzuwenden. Descartes hat den Boden kri- 
tischen Denkens nicht verlassen; er ist Kritizist, nicht Dogmatiker. 

B. Empirismus. 

Jede Idee repräsentiert eine besondere Manifestation meines 
geistigen Seins, und jedem Ideenwechsel entspricht ein Modi- 
fikationswechsel meiner Seelensubstanz. Das körperliche Denken 

') Princ. lV203ii. 199. II 43 ff. — , Lc Monde". Chap, I. — I 561,7. — 
Ii 142 — 367.21 — 378,6 — III 212 — IV 124 — 690,23 — V ÄQ,8 — 273, 18 
_ vgl Dn.THBY in ..Archiv f. Gesch. d. Ph.** ßd VI 353 und dessen bioc.- 
liL Gnindrifi p. 95. 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



zur Veranschaulichung heranziehend, heße sich sagfii. Wie das 
Stück Wachs verschiedene Formen annehmen kann, die die ver- 
schiedenartigsten Objekte repräsentieren, so kann auch die Scelen- 
substanz verschiedene Seinsfornien annehmen, dii- die an sich un- 
erkt-nnhitrcn Objekte vertreten, so daß dem Idrcnwechsel gleichsam 
ein Formenvvechsel der Seclensubstanz entsj)räche. In der ein- 
zelnen Idee manifestiert sich nicht nur ein Teil meiner Seele, 
sondern die Seele ihrem ganzen S< in nach. Die einzelne Idee be- 
zeichnet eine besondere Form der untrennbaren Seeleneinheit, 
wie die einzelne Wachsfigur eine Erscheinungsform des einen 
Stückes Wachs an sich.*) Und wie nun alle Formen, die das 
Stück Wachs anzunehmen imstande ist. gleichsam als Möglich- 
keiten mit ihm selbst gegeben sind, so sind auch die verschiedenen 
Seclenmodifikationen resp. die verschiedenen Ideen als Möglich- 
keiten mit ihrer Natur selbst gegeben. Jeder Denkakt, jeder Ge- 
danke und damit jede Idee liegt als Möglichkeit, als Fähigkeit in 
meiner Seele, und in diesem Sinne sind alle Ideen als ein- 
geboren, innatae, zu bezeiclinen. -) Damit ist aber nicht gesagt, 
sie seien ininier>seiend in mir vorhanden; sie sind nur als Mög- 
lichkeiten eingeboren und werden in Perzeptionsmomeiiteii alc* 
tueH seiend eriahren. Daß aber diese Möglichkeiten zu Aktuali* 
taten werden» dafi sich die Sede in diesem Momente gerade so 
seiend manifestiert » daß sie in dem Perzeptionsmomente gerade 
diese Form annimmt und nicht eine andere, das mufi eine Ursache 
haben; denn aus Nichts wird Nichts.*) Diese Ursachen festzu- 
Stetten, das bildet den Inhalt dieses Abschnittes. Es bandelt sich 
dabei nicht um eine Seinsursache, sondern um jene Ursache, die 
die Möglichkeit aktuell seiend macht. Da die Seele Gewalt Aber 
sich selbst hat, konnte jede ihrer Modifikationen von ihr selbst 
bewirkt sein. Es ist also zu erwigen, ob nicht alle Ideen nur 
Perzeptionen ihres eigenen Willens seien. Wir haben in der 
Tat auch viele Ideen ericannt, die frei-woilead von mir bewirkt 
worden sind, in denen sich also wohl mein „Ich" seiend mani- 
festiert, aber kein außer mir existierendes Olijekt an sich. Andere 



«) VII 177, 15 (Rep. aux Obj. W.) — IV ii3,as. 
*) Vü 363, 10 (Rep aox Obj. V.) — 

•) Hed. VL — Vn 188 (Rep. ans. Obj. III ) — C XI 170, 173 f. (lettre 
k Vo«.) — C X, 94«". rc6. (Notae) - III 383, a — ^ 13 431. »o. - IV 
— ii3»fla — id7,ai — 383.9. — VQ 375, 14. (Itep. «ix Obj. V). 



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io6 



KAPITEL m 



Ideen stt^Uen sich aber ohne mein Zutun, ja oft geradezu geg:en 
meinen Willen ein. Was nicht in meiner Macht liegt, kann nicht 
von mir bewirkt sein. Ich bin eben kein rein geistiges Wesen, 
sondern eine geistig-körperliche Einheit und als solche Einflüssen 
unterworfen, die ich nicht iniiiipr oder überhaupt gar nicht zu 
beherrschen \eritiag. So habe ich z. B. im „Empfinden" eine 
Form uiui damit eine J-ilhigkeit iiit ines denkenden Sems kennen 
gelernt, die nicht voll.stündig in niemer Gewalt steht und ohne 
äußere Einflüsse eigentlich unbenützt. leer bliebe. Auch außer 
mir liegende Realitäten können also bewirken, dafi ich in diesem 
Momente gerade in dieser Form denke, d. b. daß ich in dieser 
bestimmten Form denkend existiere, dafi ich in diesem I tomeni e 
gerade diese Idee besitze und nicht eine andere.^) Sehen wir im 
Einzelnen zu: 

Ideae adventitiae. hi meiner Existenz bin ich nur von 
Gott abhAngig, mu8 aber von Seite der anderen geschaffenen 
Sein die mann^achsten, den Zustand meines Seina modifizierenden 
Einwirkungen erleiden. Auch dies Erleiden ist ein Denken, spe- 
ziell Erkennen genannt Ich erkenne vor allem den Zustand des 
mit meiner Sede sozusagen zu einer Einheit verbundenen Körpers, 
dann aber auch durch dessen Vermittlung die Einwhkung anderer 
körperücher Objekte. Dort sprechen wir von Geftthten, hier von 
Empfindungen. Ich fdUe den Zustand meines geist^-kürperlichen 
Seins; ich empfinde aufier mir existierende körperliche Objekte. 

Soll eine Empfindung zustande kommen, so muß ein KOrper 
an sich auf mein Sein einwirken.*) An derOberflftche des Körpers 
enden die von einer bestimmten Partie des Gehiina, der Zirbel- 
drOse, ausgehenden Nerven. Die Haut der Nerven achliefit feine, 
gespannte Faden und eine äufierst flüssige Masse (les esprits ani- 
maux genannt) ein. Wirkt nun ein Objekt auf den Körper ein, 
so entsteht in den entsprechenden Nervenenden, z. B. in der 
Netzhaut des Auges, ein Abdruck wie vom Siegelringe im Wachse. 
Dies körperliche Abbild wird im nämlichen Momente durch 
Vermittlung der feinen Fäden auch am Ausgangspunkte des 
Nervs, also in der Zirbeldrüse sichtbar, wie ja auch das von der 
Federspitze beschriebene Bild zugleich am Federende beobachtet 

') Med. m VI. - C X. 9& (NoU«) - III 248 — IV ita^aau 

') Med. III VI — VII 249, 14 — 251, 14 — VII 249, 14 — 434, 17. (Rep. am 
Obj. IV, VI.) - Pas», aaif. - Princ IV 189 - C IV. 34« („L'hommc"). 



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ERKENNTNISTHEORIE. 107 

werden kann. Die Übertragung des Abbildes ist also eine zeit- 
lose, und es findet dabei auch keine Übertragung irgend einer 
Nervensubstanz statt. Weü nun alle Nerven an der nSmlichen 
Stdle des Gehirns einsetzen, bilden sich in ihr alle in den ein- 
zelnen Sinnen entstantteiMAJkOrperlichen Abbilder, weshalb sie 
auch „Genieinnsinn* genannt wird. Dieser spielt seinerseits die 
Rolle des Siegelringes gegentlber den übrigen Partien des 
Gehirns, Imagination genannt.') In ihr entstehen somit Repro- 
duktionen des vvirkhchen Objektes. „Figuren" oder Körper-Ideen. 
Sie ist so groß, daB mehrere solcher „Figuren" nacheinander ein- 
gedrückt und auch für längere Zeit aufbewahrt werden können. 
Ist letzteres der Fall, dann nennen wir die Imagination speziell 
Gedächtnis.^) Infolge dieses körperlichen Geschehens im Gehirn 
werden nun gewisse Poren mehr geöffnet als andere; es kann 
darum ein größeres C>üantum der reichlich vorhandenen, sehr 
leicht beweglichen Flüssigkeit (esprils animaux) in gewisse Nerven 
eindringen, was eine Bewegung entsprechender Muskeln zur Folge 
hat. Auf diese Weise entstehen die mannigtachsten körperlichen 
ßewegungserscheinungen, gleichsam als Reaktionen gegen Ein- 
flüsse von außen. Der ganze Prozeß erfolgt reiu uitjchanisch und 
unterliegt wie jedes andere körperliche Geschehen mechanischer 
Gesetzmäßigkeit.") Da Seele und Körper so innig vereinigt sind, 
dafi sie sozusagen eine Seioseinheit bilden, wird durch diesen 
körperlichen Vorgang auch die Seele in Mitleidenschaft gezogen. 
Sie mufl das durch Einwirkung eines Objektes bewirkte kör- 
perlicbe Geschehen mit^denken. Mit dem Körper wird auch ae 
modifiziert Wohl ist die Seele mit dem ganzen Körper zu einer 
Einheit verbunden; die innigste Seinsdurchdringung scheint aber 
im Gehirne zu bestehend) Hier sdieint das in der, Imagination 
genannten Partie entstandene körperliche Abbild des Objektes an 



') C IV, 998 (»rbomme*), wo er sehreibt: La gliade — oft en la 

de l'imagination et du sens cotnmun. — III 48,7 heißt es prazisicrrnri • niais 
U crois que c est tout le reste du cerveau qui sert ä la memoire, principaie- 
nemtses panies interieurs, et mesme ainsi que tous les nerfs et les muKles y 
peavent servir; vgl. auch III ao, 4 — 89^ 19 — 1316^7 — IV 114 — V 57,3 — 

») C XI, 263 ff. 436 (Reg. 12) - Pass § 34 ff y^ rog ff. f„Diop- 
trique* PV) — II 591,9 — IV 114 — C IV, 427, 398, 350 (.rhommc«) — C IV, 
436 (^Formation da foeius") — Med. II — Princ. I 32. — 

•) Pbss. § IX ff. - C IV, 34? ff. asofL («L'hoinme''). 
VD 3881, 13. (Rep. am Obj. V.) 



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KAPITEL UL 



sich auf die Seeir einzuwirken, wie der biegrli ing auf das VV'aclis. 
Der Vergleich dar! allerdings nur per Analogie verstanden werden; 
denn die Seele ist ein rein geistiges Sein, und wie dieses modi- 
fiziert wird, das können wir uns körijerlich nicht klar und 
deutlich seiend denken. Kein geistige Vorgänge lassen sich kör- 
perlich niemals vorstellen oder doch nur per Analogie. Vor allem 
darf nicht daian gedacht werden, als handle es sich bei dieser 
Einwirkung des Körpers aui die um eine tJbenragung der 

körperlichen Bewegung auf die Seele. Die Bewegung bezeichnet 
eine Modifikation der ausgedehnten, nicht der denkenden Substanz. 
Mein Denken ist keine Bewegung; aber infolge der innigen Ver- 
einigung mit dem Körper wird die Seele veranlaßt, die Bewegung 
gleichaatn denkend mit>zu -erleben. Sie erieidet somit infolge 
Einwirkung des Körpers eine besHminte Form, die die Bewegung 
eben repräsentiert. Es entsteht infolge Einwirkung des Ot^ktes 
an sich vermittelst der Sinnesorgane in meiner Sede ein geistig^ 
Abbfld desselben, so unvollkommen es ihm gegenflber auch sein 
mag.^) Die körperliche Reproduktion des Objektes im Gehirn 
kann wohl auf die Seele einwirken, mufi es schembar aber nicht; 
denn es gibt erfahrungsgemäfi viele körperliche Imaginationsideen, 
die sich in Körperbewegungen auslösen, ohne die Seele tu beein- 
flussen; es sind gleichsam Unter-Erkenntnisakte (ich darf nicht 
sagen UnterbewuStseinsakte), rein automatische Vorgflnge wie 
%, B. die Reflexbewegungen. Manche körperliche Vofgftnge, die 
frOber jedesmal auch erkannt worden sind, d. h. geistige Ab- 
bilder bewirkt haben, volhsiehen sich jetzt meist oder immer rein 
automatisch, wie das Essen, Marschieren und ähnliche körperliche 
Gewohnheitshandlungen. Alle ^Handlungen" der Tiere sind solche 
automatisch sich vollziehende Vorgänge. Wohl haben auch die 
Tiere einen Gemeinsinn und eine körperliche Imagination, in der 
sich Objektreproduktionen bilden; auch das körperliche Ge- 
dächtnis kann ihnen nicht abgesprochen werden. Dies körjierliche 
Geschehen wird aber nicht von einem Denken begleitet, d. h. es 
bewirkt kein Denken. Es entstehen keine geistigen Abbilder des 
Objektes an sich, keine Ideen.*) 

Pabb. § ~ Princ I 17 — Kcg. 12 — 41,26. (Med. lU). — VII 
436, aS. (Rep. anx Obj. VI.) ^ C IV 916. <,Le Monde* Cbap. I) C 10.97 

(NoUie) — III 392 f. - 285, 19. — 433. 4 — '9, 1 2 - VI 34, 6 — J 12 — IV 166, 14. - 
'\ PMS. § 13 ff. — C XI a66 (Rcp. laj. — C IV 433. (»Form, du 

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ERKENNTmSTHEORJE, 



109 



Zu einer speziellen Gruppe innerhalb der körperlichen Ideen 
mttssen zusammeDgefaßt werden die Traumideen und jene Ideen, 
die ich wachend erlebe, wenn die Gedanken sich selbst Qber* 
lassen sind und keine äußeren Ol^ekte auf den Körper einwirken. 
Ihr Entstehen erklflrt sich durch die Annahme, dafi die feine 
Nerven- resp. Gehicnflflssigfceit (les esprits animauz) zufällig von 
frflheren sinnlichen Voigttngen herrOhrende Traoes durchstreifen 
und dadurch in meiner Seele die Ideen von wirklichen Objekten 
hervorrufen. Gegenttber den primären, durch direkte Einwirkung 
der Objekte vermittelst der Sinnesorgane entstandenen Ideen 
mangelt ihnen, die Scharfe; sie erscheinen {^ichsam als deren 
Schatten oder schwache Abdrttcke. Sie können an sich nicht 
als falsch beurteilt werden, veileiten aber zu der intOmüchen An- 
nahme, sie seien von auflerhalb meines geistig'köyperlichen Seins 
extstierenden Objekten verursacht worden, ich hatte also in den 
betreflfenden Perzeptionsmomenten wirklidi seiende Körper an 
sidi erfahren.') 

Es gibt weiterhin eine spezielle Gruppe körperlicher Ideen, 

als deren Ursache ich meinen eigenen Körper resp. gewisse 
Körperteile annehmen muß. Dazu gehören die Ideen des 
Schmerzes, des Hungers, des Durstes usw. Ware meine Seele 
mit dem Körper nur so vereinigt, wie der Schiffer mit seinem 
Schiffe, dann wOrde ich als denkendes Sein einfach erkennend 
sehen, daß mein Körper Nahrung und Flüssigkeit bedarf, und 
nicht durch die in bezug auf die Erkenntnis unklaren und un- 
deutlichen Gefühle des Hungers und Durstes darauf aufmerksam 
gemacht v. '-rd' n; ich würde dicWunr]f» am FuBf klar und drutüch 
erkennen und nicht durch den bchmerz beständig daran ermnert 
werden; ich würde weiterhin aber auch keine Töne, keine Farben, 
keine Warme d. h. keine Sinnesqualitäten empfinden, sondern klrir 
und deudicli die entsprechenden quantitativen Differenzierungen 
meines Körpers sehen. Gefühle wie Sinnesqualitäten sind unkhire 
Oenklormen, in ihrer Eigenart bedingt durch die Seinsvereinigung 
von Seele und Körper. Sie orientieren weniger mein Krkenntnisver- 
niög(!n, d. h. sie orientieren nicht klar und deutlich über das Sein 
an sich, zeigen mir aber klar, deudich und aufdnngüch an, welcher 

foetus - ) - V I - ff (Disc IV). — I 573»ia — IV 573,1» — V »76,96 VH 
229. (Rep. aux Übj. IV.) 

•) Pass. § 21,26. ~ vgl. 111 20,4. 



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HO 



Zustand meines Koipers und welche Zustande der auf ihn ein- 
wirkenden Objeicte fQr meine Erhaltung als geistig-kOrperlidte 
Einheit vorteilhaft sind und welche als schädlich beurteilt werden 
mOssen.*) 

Spezielle Aufmerksamkeit verlangen die Leidenschaften. 
Sie werden gewöhnlich auf die Seele allein bezogen und als von 
ihr verursacht beurteilt. Wenn kh sie aber klar und deudich 
seiend denke, erkenne ich sie verursacht, unterhalten und ver* 
stärkt durch gewisse Bewegungen der feinen Nerven- resp. Gehirn* 
flOssigkeit (les esprits animaux).*) 

Alle Ideen, die als Abbilder wirklich existierender körperlicher 
Objekte beurteilt werden müssen, sind durch deren Einwirkung 
auf die Seele entstanden zu denken. Die Sinnesorgane sind Tore 
des Geistes, wenn auch nicht die Tore, wie wir in der Folge 
sehen werden. Die Sinne nur orientieren uns über die außerhalb 
meines Seins existierende Kürperwelt. Auch die Ideen von Farben 
z. B. sind gedachte Gebilde, d. h. durch Einwirkung der Objekte 
auf die Netzhaut aktuell seiend gewordene Denkmöglichkeiten. 
Sie könnten d- shalb auch von der Seele selbst, ohne äuüere 
Einwirkung, g(-l)!'Het sein. Es läßt sich also die Möglichkeit nicht 
rundweg ablehnen, daß der Blindgeborene Kraft semer Geistes- 
fähigkeiten doch die kh^en von Far ben besitzt. Dann wüßte er 
aber nicht, daß diesen, von ihm selbst E^esrhaftVneii, psychischen 
Gebilden wirkliche Sem außerhalb seines Gcihtcs entsprechen: ihm 
fehlte das Kriterium, das festzustellen erlaubte, ob er es mit Chi- 
mären oder mit Scinsrepräst iitationen zu tun habe.'') 

Die Seele empfindet; aber die Eigenart der sinnlichen Er- 
laiiiung ist bedingt durch die innige V'ereinis^uni.^ derselben mit 
dem Körper. Die Sinnesorgane sind uu\uilki nriiii' n, wie die Er- 
fohrung lehrt. Die Nervenfäden sind zu derb, als daß mit deren 
Hilfe von den fein differeozierten Objekten an sich in der Ima- 
gination klare und deutliche körperliche Reproduktionen entstehen 
könnten; wir erhalten also nnvoUkommene Seinsabbildungen.«) 
(Bei diesem Anlasse mag zwar erwähnt werden, daß wir gerade 

') Med. VI. — Pass. § 24, 29 — ül 493, 10 — 
*) Pass. f 35. 27 ff. 

^ C XI, 294, 299, 225 i Reg. 14.5). - Ol 433. 19. ~ VII 3163, 10 375, 14 
" 387. 15- '^^ep. aux Obj. Vj. — 

Princ. III 5. IV aoi — I 118, i - 142, 20 — tio, 10 C V 455 (,Cora- 
pendiuiD musicM*) 



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ERK£t/ATMSTH£OiiI£. 



III 



dieser für die RealitätserktmiLnis ^bedauerlichen" Unvollkommen- 
heit unseres geistig -körperlichen Seins eine Menge dasselbe 
fördernder, ästhetischer Genüsse verdanken: die Harmonie der 
Töne wie die belebende Farbenpracht,^) Die Sinnesqualitäten 
sind an sich nicht falsch, aber unvollkommene Al)bilder der Wirk- 
lichkeit, und für unser Erkenntnisvermögen erwächst die Aufgabe, 
dieselben zur Klarheit und Deutlichkeit einer Seinaericenntnis 
durchstibiidett. Es handelt sich somit weder um eine Negsdon 
noch um eine Korrektur der sinnlidien ßfahrung, sondern um 
em klares und deutliches Durchdenken derselhen. Auf dem 
Boden der sinnlichen Erfahrung mOssen wir ein klares und deut- 
liebes logisches Wellgebflude errichten, wobei wir uns mit Vorteil 
von der Analogie leiten lassen werden. Die unvollkommenen Ab- 
bilder sind nach Analogie der an sich klaren und deutlichen sinn- 
lichen Erfahrungen sur Klarheit und Deudichkeit durchzubilden. 
Es ist zu bekannt, welche Rolle die Anak>gie in Descartes' phy- 
sikaliscfaerFcHrschung spielt, als dafl auf spezielle Falle aufiaaerksam 
gemacht werden mfifite.^ Die sinnliche Erfahrung bildet die 
Grundlage unserer Erkenntnis der Korperwelt, und es verfehlen 
sich alle Philosophen gegen die Grundregel der Seinsforschung« 
die die Eifahrung vernachlässigen und glauben, die Wahrheit werde 
aus ihrem Gehirn hervorgehen wie Mmerva aus dem Haupte 
Jupiters.^ 

Les idees necs avec moi. Wie sind nun jene Ideen ent- 
standen, die als Abbilder geistiger Sein beurteilt ¥ferden müssen? 
Mit jeder inneren, urnn tu Ibaren Erfahrung erkenne ich meine 
Seele seiend. Die Idee der Seele, mit allen ihr zugehörenden 
Teilideen, bezeichnet somit ein Bewußtwerden ihres eigenen Seins; 
woraus sich als Konsequenz eingibt, daß die Idee der Seele mit 
dem Sein derselben gegeben, mit ihm entstanden ist. Es handelt 
sich dabei also nicht mehr um eine idca adventitia, sondern um 
eine „id^e n6e avec nioi" — „naturelleiuent enii)reinte en nos 
änies." " Wie oben ausg<"führt wor den ist, kann die Idee Gottes 
kein Produkt nietner Seele sein; sie kann aber auch nicht den 



') VI 113,6 (^Dioptrique IV'.» 

•» Princ I 60 — C XI, 242. (Reg. B), - U 367,21 — 598,31. 
') C XI 225, 274 (Reg 5, la). — Med. VL — Priuis. I 75. — C XI, 34s 
f ^ech. d. la v^ritö) — C X, so7<NotM) — niaö?,»? — 33,1 - 96^x9 — IV 



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IIS 



KAPITEL ilL 



hinzugekommenen Ideen (l adventitiae) beigezftfalt werden, da sie 
sidi erfiihningsgemaS nie gegen »einen Willen einstdlt Es bleibt 
also nur die eine Annahme tfbrig, sie sei, wie die Idee meiner 
Seele, mit dieser selbst entstanden. Es kann auch gar nicht be- 
fremden, daß der SchOpfer meines Ichs diese, sein Sein ver« 
tretende Idee mir eingeprägt hat, wie der Werkmeister seinem 
Werke seinen Stempel als Kennzeichen aufdruckt. Die Idee Gottes 
ist also in bezug auf ihre Entstehung als mitgeboren zu beurteilen, 
»nte et produite avec moi*. Sie ist von einer außerhalb meiner 
Seele existierenden Realitftt bewirkt wie die ideae adventitiae, 
unterscheidet sich aber von diesen dadurch, daß sie nidit durdb 
die Sinne entstanden, sondern im Momente der Entstehung meiner 
Seele hinzugekommen ist, so daß sie also wie die Idee meiner 
Seele gleichsam zu deren Sein gehört i) (S. Anmerkung.) 

Wie jede andere Idee, t>ezeichnet auch die Idee Gottes eine 
Modifikation meines eigenen Seins. Das Verhriltnis der Seele zu 
ihren Ideen habe ich mir veranschaulicht durch das Verhältnis des 
Stückes Wachs zu deren verschiedenen Figuren. Per Analogie 
ließ sich so sagen, die Seelensubstanz nehme wie das Stück Wachs 
verschiedene Formen an. Das Bild laßt sich aber nicht uhne lo- 
gischen Widerspruch zur Veranschaulichung des Verhältnisses 
der Seele zu der mitgeborenen Idee Gottes anwenden. Denn: 
jede Idee ist eine Perzeption einer entsprechenden Seelenmodi- 
fikation und ist so lange aktuell seiend, als die Seele in dieser 
speziellen Form existiert, so lange der dieselbe bewirkende Einfluß 

Attmerkuiif . Dieser EigentOmlichkdt, dieMm Zwhterveihliuuf ia besag 
auf die Idee Gottes ist Redmting getragen in der Obenetsimg des IsteiiUMbeil 

Textes der „Mffiitationes" , Hie deshalb al^ Kommentar dienen kann. Der 
Ausdruck: .ideae adventitiae" wird flbersetzt durch: elles ,ine semblent ötre 
«itrengires et vetür de dehora*.*) Durch dss beigeiügte Attribut ^ttre etrtn- 
geres' wird das ^adventitiae" enger geüafit und dte Idee Gottes aus dieser 
Gruppe ausgeschieden; sie ist wohl von auBen gekommen aber mein'^r Nattir 
nicht fremd. — Weiter mu0 auch das fraiuösische: „nee et produite avec 
moi* als Idterpretstiaii des latetnischen «Jaoata* angesehen werden,^ ab 
eine Erweiterung des Begriffes, die gestaltet, die Idee Gottes dieser Gmf^ 
beizuzählen rhrii^ens ist diese Erweiterung auch im lateinischen Texte ge- 
geben durcii den Folgesatz: «Et sane non mirum est, Deum me creando ideam 
iUam mild ludidisse." 

') Med. III V. — VII 133, 17 — 137, 15 — 189^1 ~ taa«' i«5,aa (ftcp. 
aus Obj. II, III, 1.) - IV 112, 10 - V 354.9^90 — C XI, 175 (Nolae.) — 

') Vgl VII 37, a9 mit IX ag (38). — 

•J Vgl. VI 39,29 mit IX 29 38J — cbeAM» VU 51, 13 mit IX 41 (58). — 



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"3 



andauert, oder so lange ich will. Die Idee Gottes ist nun so 
wenig wie die anderen Ideen immer aktuell seiend in mir vor- 
handen, Daß ich aber Gott in diesem Momente seiend denke, 
kann nicht von ihm direkt bewirkt sein, sondern ist ein treier 
Akt iiieiner Seele. Ich erinnere mich freiwollend der Erfahrung 
Gottes, der ersten und einzig direkten Einwirkung des wirklich 
existierenden, voUkoinmenen Wesens auf nuMne Seele. Ks handelt 
sich also immer nur um eine Gedächtnisper/eptiun. Nun sind 
Erinnerungsbilder immer nur Schatten gegenüber den direkten Er- 
fahrungsperzeptionen, und verbleichen immer mehr, um schließlich 
ganz zu verschwinden. Die Idee Gottes aber repräsentiert sich 
immer in der nämlichen Klarheit und Schärfe. Will ich also das 
Bild beibehalten, so komme ich in Widerspruch mit der Erfahrung. 
In den Meditationen verzichtet Descartes denn onch auf jegliches 
Bild Er fOhrt da aus, es sei keineswegs notwendig anzunehmeni 
die Idee Gottes sei von der Seele resp. der Seelenrealitftt ver- 
schieden. Die Tatsache, daß Gott mich erschaffen hat, mache 
anch wahrscheinlidi , dafi er meine Seele nach seinem Bilde ge- 
schaffen hat, so dafi ich durch die Erkenntnis meines Selbst 
zugleich auch meine Ähnlichkeit mit Gott und eben damit Gott 
seUnt perapiere.*) 

Ideae a me ipso factae. Die hinzugekommenen wie die 
mitgeborenen Ideen sind durdi direkte Einwirkungen ait^wediender 
Objdcte an sich entstanden. Dmen stehen nun jede Ideen g^gen* 
Aber, die meine Seele als freiwollendes Sein selbst erzeugt hat 
Es kann sich natflriich auch dabei nur um Ideen handeln, die als 
Möglichkeiten mit ihrer Natur berdts gegeben sind. DaB sie 
aktuell werden, nur das ist die Tat meines Ichs, und in diesem 
Sinne nur kann ich selbst Ideen bilden, entweder auf Grund und 
in bezug auf die existierend erkannte Wirklichkeit oder aber auch 
vollstf^nrlii; unabhängig von ihr. 

Modi cogitandi (des id6es g^n^rales). Wirkt ein Objekt 
auf die Seele ein, so erfahre ich gleichsam einen Knäuel ver* 
schiedener, einzelner Perzeptionen , der entwirrt, zu einem klaren 
und deutliclien Gedankenbau durchgebildet werden soll. In 
erster Linie erkouie ich nun in jeder Objektperzeption die Teil« 

') IV 03.96. - 

*) Med. III. - VII 372 f. - 133, 17 - 137,8. Kep. aux Obj. V, IL) — 
C X, 97 ff to6 ;Notae). — 11 6^,3 — Hl 430 — V 139,24 — 156. — 

JuBgmann, Ken« I>e»c«Tte*. 8 



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114 



KAPITEL III. 



perzeption des Seins, der Substanz, dann aber auch die Teilideen 
der Dauer, der Ordnung und der Zah! Dif-^e vier Teilideen 
bilden gleichsam den Fond einer jeden Objekiperzcption; es sind 
die allgemeinsten Ideen, des idees generalt-s im eigentlichen Sinne 
des Wortes, (Es ist zu beachten, daß dieser Terminus erst in der 
Übersetzung^ der „Principiae Phil.** erscheint.) In den meisten 
Objektideen finde ich weiterhin immer die Teilidee der Aus- 
dehnung, in den übrigen an deren Stelle immer die Tcilidee dt^s 
Denkens. Ausdehnung und Denken sind somit ebenfalls „Allgemt in- 
Ideen", wenn auch weniger allgemrin als die vorhin erwähnten, 
die durch sie, wie durch die übrigen Teilideen der Gcstcdl, der 
Bewegung, des Wollens, des Erkennens usw. niodifizierl werden.') 
In den verschiedensten Objektideen erscheinen eigentlich immer 
wieder die nämlichen, sie konstituierenden Teilideen; nur die Kom- 
binationra wedisdn. Ich perzipiere mich seiend p d. h. ich habe 
die Idee eines an ach exilierenden Seins, einer Substanz. Idi 
perzipiere nun weiterhin ein Stock Wachs und da diese PerBeptkm 
nicht von mir verursacht sein kann, muß sie als Erscfaeinungsform 
dnes anderen existierenden Seins beurteilt werden. Ich denke 
deshalb eine Substanz als Ursache dieser Erscheinungsform, wende 
also die bei der Perzeption meines Seins erkannte Teilidee der 
Substanz auf diese neue Erfahrung an, und die ntmliche Ober- 
tragung wiederholt sidi bei jeder neuen Objeklperzeption, so daft 
die nämliche Idee meiner Substanz in allen Perzeptionen figuriert 
Das existierend erkannte Stack Wachs erschemt als ausgedehntes 
Sein. Ich «kenne also die Idee der Ausddmung als zum logischen 
Verbände der Objektidee gehörend. Sofern nun ein anderes aus- 
gedehntes Sein an sich auf meine Seele emwirkt, bildet sich kekie 
spezielle, neue Idee der Ausdehnung, sondern die früher ent- 
standene wird aus ihrem Verbände herausgelöst. Der nämliche 
Vorgang wiederholt sich bei jeder Perzeption eines Einzdkörpers. 
Die eine und selbe Idee der Ausdehnung erscheint immer wieder, 
in den mannigfachsten Kombinationen. 

Dem Stacke Wachs an sich entsprechen in meiner Seele 
mehrere Tdllideen. Es sind verschiedene Auffassungsforraen des 
einen an sich unerkennbaren Seins, oder, von dessen Seite aus 
gesehen, verschiedene Erscheinungsformen; ja, sie konstituieren 



Prtnc. I 48» 51 ff. — Ref. 14. 



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ERKENNTNISTHEORIE 



"5 



in ihrer Gesamtheit die Objektidee. Was unter dem Gesichts- 
punkte der Wirklichkeit, indem Momente der Perzeption wenigstens, 
eine Einheit bildet, erscheint logisch als eine Zusammensetzung. 
Logisch einfach sind die Teilperzeptionen , d h. jene Ideen, die 
logisch nicht mehr weiter geteilt werden können, wie die Ideen 
der Substanz, der Dauer, der Beweglichkeit, der Ausdehnung, des 
Woiiens usw. Dabei bleibt nun aber zu beachten, daß diesen 
logischen Elementen in der Wirkhchkeit keine besonderen Rea- 
litäten entsprechen. Es smd nur verschiedene Denkformen, modi 
Cügitandi. Vv <j1i1 lassen sie sich logisch voneinander trennen und 
auch isoliert betrachten. Soll aber meine Erkenntnis seinswahr 
bleiben, dann darf ich den Boden der Erfahrung nicht verlassen, 
also keinen SchluLi ziehen, der eine Isolierung einer dieser Denk- 
formen zur Voraussetzung hätte. Logisch sind z. B. die Ideen: 
Substanz und Ausdehnung zu trennen, so daß der Schluß: „Die 
Ausdehnung ist keine Substanz", logisch richtig wäre. Er ist aber 
nicht seinswahr; denn ich erfahre niemab eine Ausdehnung 
getrennt von der Siibstanzy sondern immer nur tm ausgeddmtes 
Sein, d. h. in der Wirklidikeit bezddmen die Ideen Ausdehnung 
und Substanz das nflmliche Sein an sich, das aber von ver> 
aehiedenen Seitai aus betrachtet, gedacht werden kann.^) Die 
Idee des Raumes repräsentiert dnen Korper <^e die Erschei- 
nungsform des Seins, gleichsam eine Ausdehnung ohne Substanz, 
ohne Inhalt Rem logisch ist diese Scheidung wohl richtig; sie ist 
aber nicht seinswahr; es existiert kern Raum an sich. Es gibt 
keine Perzeption ohne die Teilidee des Seins; ich kann ein ^Ntcht- 
sein* nicht eadstierend perzipieren; denn ein Nichts kann keine 
Erscheinungsfonn haben. Die Idee des Raumes bezetcbnet somit 
eine besondere Art, die Objekte zu denken; der Raum ist ein Ab- 
straktum, dem, als togisch isoliertem Sein, keine Realitflt aufier 
mir entspricht^ Die Zahl. Die vor mir Hegende Bflcheigruppe 
perzipiere ich als fünfteiliges Sein. Die Teilidee resp. die Zahl 
5 bezeichnet eine charakteristische Erscheinungsform des Seins 
an sich und ist insofern auch seinswahr. Präsentiert sich in der 
Folge ein anderes Objekt mit dem nflmUcben Ordnungsverhftltnis, 
so entsteht keine neue Idee 5, sondern die vorhin entstandene 

*) C ZI, aa7, ^fS.^V. (Reg. 6^ la, 14).— VII 1410A (Rep. m« Obj. II). 
— DC 216,4. (Rep. auz InstJ — Dl aa6, 16 — 349,6 — IV 475 — V 970^ 4a 
•) Pnnc. Ii loff. I 5a — IV 994,4 — V 371 f. — 345,9. — 



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ii6 



KAPITEL in. 



Teilidee wird aus ihrem Erfabningsverbande herausgelöst, und da 
-dieser Vorgang sich immer wiederholt, erbAlt die Idee 5 logiach 
eine gewisse Selbstftndigkeit Sofern idi sie nur als Erscheinung»» 
form eines Seins an sich fasse, d. h. in und mit der Erfahrung 
bleibt sie immer Wirklichkeitsidee. Isoliert, als logisch selbstän- 
diges Gebilde aber ist sie ein Produkt meines Denkens, ein Ab- 
straktum, dem keine formale Realität außer mir entspricht Ich 
erfahre wohl fünfteilige Sein existierend, aber niemals eine Zahl 
5 schlechthin. Gezählte Objekte existieren, aber keine Zahlen.^) 
Die Zeit. Jedes Sein an sich wird als dauef nd' s Sein perzipiert, 
und zwar dauert es so lange, als ich es exisuerend per/ripiere. 
Will ich nun die Grötie der Existenzdauer feststellen, so bedarf 
es einer speziellen Dauer als iMalJ, und hierfür wählt man mit 
Vorteil die Dauer gewisser regelmäßiger Bewegungen, wie des 
1 ages, des Jahres usw. Dies Maß der Dauei nun wird Zeit ge- 
nannt. Die Idee der Zeit repräsentiert sonnt nur einen modus 
cogitandi, eine Art, die Objekte an sich 7x\ denken. Die Zeit ist 
ein vom Denken willkür lich gesetztes Mali zmw Messen der Dauer 
der Objekte, ein vom menschlichen (iciste in die Realität hinein- 
getragener Faktur zur GröUenbestinnnung, dem kein Sein an sich 
entspricht. ') 

Die »id^es gcnerales" sind seinswahr als Erscheinungs- 
formen; in ihrer IsoHerung aber bezeidmen sie Gebilde meosch- 
liehen Denkens, denen keine Realitäten an sich eni^reehen. Ihnen 
stehen die Uni Versalien nahe, d. h. jene Uee, deren wir uns 
bedienen, um mehrere einzelne Objekte zugleich zu denken, ^ 
in bezug auf gewisse Erscheinungsformen mitemander flberein- 
atimmen, zwischen denen also gewisse Beziehungen bestehen.^ 
Die Universafien sind somit auf der Erfahrung aufgebaute Re» 
sultate des vergleichenden Denkens.*) Die Großzahl der existierend 
perzipierten Sein an »cb erscheint als ausgedehnte Sein, und 
insofern lassen sie sich alle zu der Einheit der ausgedehnten Sub- 
stanz zusammoifaasen, die alle einzelnen EHahrungaeinheiten 
gleichsam als Teile in sich schlieflt Alle existierenden Sein, die 



= Princ. I s5. 58- 

Princ. 1 57 il 12 — VII 110, 12 — 369,26. iRep. aux Obj. 1, V.) 
■) Princ. I 59 ff. — C XI, 295 f. (Reg. 14». — C X, 94 ff. (Notacj. — 
Vn 140^6 — 300, 14. iRep. aax Obj. D, V). 
*) VII 140,88. <Rep. «US Obj. II). 



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117 



ich uls bewegte Sein perzipiert habe, bilden unter diesem Ge- 
sichtspunkte die lo^sche Einheit des bewegten Seins oder der 
Bewegung schlechthin; es existicii aber keine universelle Be- 
wegung als StMnseinheit; ich erfahre nur einzelne bewegte Sein 
existierend. — Die Universalidee: Gestalt umfaßt alle gestaltet per- 
zipierten Sein. Besitzen nun weiterhin verschiedene einzelne Ob- 
jekte die n<lm liehe Gestalt, so lassen sie sich auch unter diesem 
Gesichtspunkte zu einer speziellen Einheit zusammenfassen. Alle 
Objekte 2. B., die ich unter der Gestalt der Krone seiend perzi- 
piere, vereinigt die Universalidee: Krone, ni(^en sie im einzefaien 
klem oder grofi, eisern, silbem oder golden erscheinen. Die 
einmal entstandene Idee der Kronengestalt repräsentiert somit alle 
Oberhaupt perzipierbaren Kronen, so verschieden ihre librigen 
Erscheinungsformen auch sein mOgen. Es ist eine Universalidee, 
ein Gebilde des veif^eichenden Verstandes; logisch wahr, aber 
nicht seins-wahr.*) Verschiedene Objekte an sich lassen sich auch 
zu logisdien Emheiten ziwammmlawen, insofern und insoweit sie 
sich in den nflmlichen SinnesqualitBten repillsentieren, d. h. in- 
sofern sie gleichartig differenziert suid. Es tut dabei nichts zur 
Sache, ob ihre Struktur einheidich sei od^ nicht; nicht die Art 
der Differenzierung, mmdm die Differenzierungsabereinstimmung 
kommt in Betracht. Das Stück Wachs sei z. B. klar und deutlich 
objektiv seiend gedacht worden. In der Folge begegne ich der 
nflmlichen Konstitution noch bei anderen einzelnen Objekten und 
fasse sie deshalb zu einer alle diese einzelnen Stücke umfeusenden 
logischen Einlieit, der Universalidee: Das Wachs, zusammen. 
Ihr entspricht keine an sich seiende Existenzeinheit; wir haben 
es zu tun mit einer vom Geiste geschaffenen Einheit. Es gibt 
kein „Wachs* schlechthin; dieses existiert nur in und mit den 
einzehden, existierend erkannten Stücken Wachs.*) Verschiedene 
Sein an sich lassen sich auch insofern zu einer logischen Einheit 
vereinigen, als sie einzelne SinnesquaHtäten miteinander gemeinsam 
haben. Die Idee „rot* z. B. umfaßt alle einzelnen Objekte, denen 
diese eine spezielle Erscheinimgsform zukommt, mögen sie in bezug 
auf alle anderen Sinnesqualitäten nocii so verschieden sein. Damit 
ist ohne weiteres ersichtlich, daß sich auch Universalieii der 
Universaüen, d. h. Synthesen der Synthesen bilden lassen, weiter, 

■) C XI, 295 f. fReg. 14.) 

*) Med. II — C XI, aa8. (Kcg. 6). 



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9 



H8 KAPITEL III. 

daß sie in bezug auf ihren Umfang miteinander übereinstiromen 
können, ohne daß dies der Fall zu sein braucht. Die Universal- 
idee der Krone z. B. umfaßt alle einzelnen Sein an sich, die in 
der Kronengestalt erscheinen, welcher Art die übrigen Erscheinungs- 
formen auch sein mögen. Mit dieser auf der Gestaltüberein- 
stiiiuiiung fußenden üniversalidee der Krone kreuzt sich unter 
anderem die Üniversalidee: Gold; denn diese uiulaLii alle einzelnen 
Körper, die die nämliche, der Sinnesqualität; „Gold" entsprechende 
innere Struktur besitzen, unbekümmert um ihre Gestalt, unbe- 
kümmert darum, ob ich sie als Kronen oder Becher existierend 
erfahre usw. 

Es gibt filnf Arten von UniveraaKen: gern», tpedes, diffe- 
rentia, proprium, accidens. Ein Objekt erachdne in der Form 
eines Dreiecks. Diese TeiUdee reprSsentiert in der Folge alle 
dreiseitigen Sein an sich, so verschiedai sie im Obrigen auch per- 
adpiert woden mögen. Bei näherem Zuadien sogt sich, dafl ein 
Teil dieser Erfahrungs-, Oberhaupt aller möglichen Dreiecke einen 
rechten Wmkel bentzt Dies fohrt zur Bildung der diese spe- 
ziellen Dreiecke umfassenden Idee des rechtwinkligen Dreiecks. 
Auch sie ist eme Üniversalidee, wenn auch weniger universell als 
die Idee des Dreiecks schlechthin. Diese umfassendere Synthese 
bezeichnet eine Üniversalidee des „genus*, die weniger um- 
fassendere des rechtwinkligen Dreiecks repräsentiert eine , species* 
und der rechte Winkel die »differentia* der beiden einander 
ober- resp. untergeordneten Ideen. Als eine der Idee des rechte 
winkligen Dreiecks, und nur ihr, zukommenden „proprietas* er* 
kenne ich den Satz: das I lypothenusenquadrat gleich der Summe 
der Katbetenquadrate. Da ich femer ein Dreieck ohne die Idee 
der Bewegung klar und deutlidi existierend denken kann, be- 
zeichnet die in der Perzeption gewisser dreieckiger Sein mitentp 
haltene Bewegung nur ein accidens des Dreiecks, eine mit- 
seiende, aber nicht zu ihrem Wesen gehörende Idee.*) 

Die Universalien sind Produkte des vergleichenden Denkens, 
Resultate des die sinnliche und geistige Erfahrung verarbeitenden, 
menschlichen Geistes. Sie repräsentieren keine selbständigen 
Realitäten außerhalb desselben, können aber doch, insofern und 



') Princ. I ^9 

*) IX ap5,a5. (Rcp. aux Inst.) 



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119 



insoweit sie in den einzelnen Erfahrungseinheiten liegen, als seins- 
wahr beurteilt werden. 

Diesen vom Verstände auf Grund der Erfahrung gebildeten 
Ideen stehen nun jene gegenüber, die er ganz willkOriich bildet, 
unbelcommert um die ihn umgebende Realität, unbekOmmert darum, 
ob ihnen ^wirkliche Eiüstenz zukomme oder nicht Dazu gehören 
die Chimären, dann aber auch die Gebilde der auf die Gröfien» 
betracbtuDg wirklicher Sein voiberdtenden Schulmathemattk. Die 
logische Wahrheit kann ihnen nicht abgesprochen werden. Ich 
kann mich aber täuschen in der Annahme, ihnen komme wirkliche 
Existenz auBerhalb meines Geistes zu. Sie fallen deshalb aufier 
Betracht, wenn es sich um eine Erkenntnis der Welt aufler mir 
handelt, obwohl auch sie, wie die Wirklichkeitsideen, Gegenstand 
derVei^eichung bilden und damit zur Entstehung neuer logischer 
Einheiten Veranlassung geben können.^) 

Einen ganz speziellen Charakter innerhalb der vom Geiste 
selbst gebildeten Ueen besitzen die sogenannten Axiome, die 
die einzelnen Erfahrungsideen wie Bande umfassen, und auf deren 
Sidierheit und Wahrheit die ganze logische Schlußfolgerung 
beruht« also Sätze wie: Aus Nichts wird Nichts; Zwei Dinge 
einem Dritten gleich, sind unter sich gleich usw. Deren Wahrheit 
leuchtet an sich ein, und weil sie von jedermann sofort klar und 
deutlich als Wahrheiten erkannt werden, der sich den EUick 
bierfar durch Vorurteile nicht getrObt hat, werden sie auch com- 
munes noti(mes genannt. Ihre Zahl ist grc^. Von einer Auf- 
Zählung kann aber abgesehen werden, da ich sie zu erkennen 
nicht ermangle, wenn die Gelegenheit sich bietet, sie zu denken, 
wenn ich Wirklichkeitsideen denke. Sie selbst repräsentieren 
zwar weder Sein an sich, noch Modifikationen solcher. In den 
Sinnen finde ich kein Element, das deren Entstehung bedingen 
könnte. Sie müssen infolgedessen schon vorher in der Seele ge- 
legen haben, von der Seele selbst hei Anlaß des Seins-denkens 
hervorgebracht worden sein. Sie sind — und darin besteht ihr eigen- 
tümlicher Charakter — nicht wie die anderen, von der .Seele ge- 
bildeten Ideen, nur möglich, sondern denknotwendig. Ich kann 
ihr Gegenteil nicht denken und muß dcsiialb die einzelnen Ideen, 
und damit die ihnen entsprechenden Sein an sich, ihnen unter- 

») Med. III - VII 369,5 — 3B0 f. — 3^,4. (Rep. m Obj. V). — C XI, 

ao8 (Reg. a). — V i6a — 



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* 



lao KAPITEL Iii 

worfen denken Es sind von der Seele in die Erfahrung hinein- 
getragene Klenit^nte. 

Zusammenlassend ergibt sich, dat^i Dfscartf.s das Problem 
der Entstehung der Ideen folgendermaßen löst: Ihrem Sein nach 
sind alle Ideen eingeboren, als Denkmöglichkeiten mit der Seele 
selbst gegeben. Daß sie aber aktuell werden, bedarf einer Ur- 
sache und als solche muß teils die freiwollende Seele, teils aber 
die anfier ihr existierende WiHelichkeit angenommen werden. Die 
an sicli unerkennbaren Sein wirken modifizierend auf die Seelen- 
realität ein und verursachen die sie repräsentierenden Seelen^ 
modifikationen» die ich als Wirklichkeitsideen perzipiere. Die 
Seele liefert so gleichsam das Sein der Idee, die Wirklichkeit 
außer ihr bedingt durch direkte Einwirkung die Form derselben. 
Wahrend nun fOr die Hauptzahl der existierend zu beurteilenden 
Ideen die Form vermittelst der Sinnesorgane entstanden ist (ideae 
adventitiae), mflssen einige Ideen auch in bezt% auf die Form als 
mit der Natur der Seele gegeben, also in bezug auf Inhalt und 
Form mitgeboren betrachtet werden (ntes et produites avec moi). 
— Sofern unter Empirismus jene Denkrichtung verstanden wird, 
die die Erkenntnis der Wirklichkeit als eine Folge direkter Ein- 
wirkung derselben auf das erkennende Subjekt annimmt, ist 
Descartcs unbedingt Empirist Er verwirft allerdings einerseits 
den konsequenten Empirismus, da es nach seinem DafOrhalten 
auch Erkenntniselemente gibt (die Axiome), die nicht aus der Er- 
fahrung stammen, und bekämpft anderseits den konsequenten Sen- 
sualismus; denn nach seiner Überzeugung bezeichnen die Sinne 
nicht die einzige Quelle der Erfahrung.') Und um nun zum 
Schlüsse den Grundton seines Denkens auf ein Schlagwort zu 
prägen, finde ich keine bessere als die Kantsche Formel: Em- 
pirischer Idealismus. 



'j Prioc. 1 488. — C X, 96 (Notae) — Heg. 12 ^d. 1701 p. 37: ,,hti'- 
etiam referendae soot communes ilU« notiones, quae sunt veluti vincuU 
quaed*m ad «Hm nAtnra« simplie«« inter se conjungendas, et 
quarumevIdcntiS nititur quidquid ratioctnando co&eladimus: haec 
scilicet, quae sunt eadem uai tertio, sunt eadeni inter sc; item, quae ad idem 
tertium eodem modo referri non possunt, aliquid etiam inter se habent di- 
v«»ani, etc. et qnldan hae communes ponunt vd ab inteDectu ptiro eog- 
noacl, vel ab eodeni tmagtnes rerum materialium intaente'*. C Xt, a7if. 
(Reg. la) — II 629, 13 — rv 418,3 — V 193,22. — 

»j C Xi, »71 (Lcure k Vo€i; -- 11 598,21 — III 433,15. 



I 



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I 



ERKENNmrSTHEORIE. 



4. La Recherche de la yMtl»: Das Brkeimeiu 

Lrlalirung und Räsonnement. 

Erfahrung: Nur solche Sein sind erkennbar, die direkt auf 
meine Seele einwirken. Der planmäßig Forschende wird deshalb 
zunächst alle Formen sammeln, in denen das zu prüfende Objekt 
an sich erscheinen, d. h. perzipiert werden kann. Die Erfahrung 
bildet die Grundlage der Seinserkenntnis, das Fundament des 
Wissenschaftsaufbaups. ') Das Tatsachenmaterial sei zuverlässig! 
Wer von unverstandene n , unklaren Erfalirunt^en ausgeht, gerät 
leicht auf Irrwege. -) \'or allem sind jene Tatsachen auszu- 
schalten, die nur vom Glauben einzelnei- abhängen und nicht von 
jedermann und zu jederzeit wiederholt werden können. ') Ich 
darf mich auch keineswegs beschränken auf das Sammeln zufällig 
gemachter Erfahrungen, sondern muß fehlende, aber mögliche 
Erscheinungsformen selbst hervorrufen.*) Auf eine Anfrage, wie 
E.xpenmenie gemacht, wie Tatsachen gesammelt werden sollen, 
verweist Descakils auf Bacon, da er den t ntsj)rechendf n Aus- 
führungen nichts beizufügen habe,*) Daß Dksc arif.^ sell)st ein 
unermüdlicher Tatsachenforscher und Experimentator war, wird 
kaum ernstlich bezweifelt werden können. Wenn die fürs „.Schau- 
fenster* berechneten Hauptwerke auch leicht darüber hinweg- 
täuschen, die, einen genauen Einblick in seine „Werkstätte" ge- 
stattenden Briefe zeigen klar und deutUch, mit welcher Sorgfalt er 
emjHiisdi forschend sidi eine solide Gnindlage fOr die Seinser- 
kenntnis zu schaffen bestrebt war. Er schöpfte allerdings mit 
vollen Hlnden aus dem reicfaen Tatsachenbestande, den die Em- 
piriker seiner und iroherer Zeit zusammengetragen hatten, nahm 
aber die einzelne Tatsache nicht ohne weiteres hin, sondern 
prüfte experimentierend nach und suchte sich im Widerstreit der 
Ansichten durch eigne F<»schungen zu einer selbständigen An* 
achauung durchzuringen.*) 

') C XI. a8i, 20Ö (Reg. 12,2} — i a8s,ai». 
•) C XI, ao7f. (Reg. 2). 
•) I 85, 1. 

«) V99ff. -IV57i.a8^aa4»SB. 

») I I9f5. 28 — 351, 17. 

I 243, 19 — 370,20 - 250,2 — III 590.7 - 338.4 — 33. ' — 36, II 
aB;i9 — flo^ii — «10^7 — 176. 16. — IV 1316, 15 - aacMa— aa4,as — afiovs 
— 407, 16 ' 442,8 ^ 571,98 — V sso^ao — C XI, 341. 



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laa KAPITEL UL 

Das Sammeln der Tatsachen war für Dkscartes abrr nicht 
Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Mit deren Hilfe suchte 
er zu einer Erkenntnis des Seins an sich vorzudringen, von der 
aus die einzelnen Erscheinungsformen klar und deutlich erklärt 
werden konnten. Oft sah er sich genougi, experimentierend 
immer wieder neue Anfragen an die Natur zu stellen, oft aber 
enthüllte schon eine einzige Tatsache deren Rätselgestalt.*) In 
diesem Zusammenhange wird verständlich, weshalb Descartes 
den Experimentatoren seiner Zeit so skeptisch gegenüberstand.») 
Er bekämpfte weder das Experiment als solches, noch die em- 
I pilische Forschung Oberhaupt Er wandte sich aber gegen jenen 
I Emphismus, der in der Tatsadienansammlung glaubt eine ßr- 
' kenntnis der Welt gewonnen zu haben. Versdbidlich wird von 
da aus auch sdne Stellungnahme 2u Galilel WoU anerkennt 
er (fie Resultate seiner Forschui^, wirft ihm aber vor» der 
klarung einzelner, spezieller Erscheinungen seine Aufmeik* 
samkeit zugewandt zu haben, ehe er den Zusammenhang der- 
selben, ehe & das Wesen der Natur Oberhaupt ergrOndet habe, 
und somit ohne Fundament baue.*) Das Ziel der tfaeoretischett 
Wissenschaft besteht nicht in einer klaren und deutUdien Er- 
kenntnis einzelner Erscheinungsformen, sondern in der Erkenntnis 
des Wesens der sie bewirkenden Natur. Ich muß die Ursache 
kennen, ehe ich die Wirkung sicher fassen kann. Nur von dieser 
Hochbuiig der Eikfioninis aus kann nach Descartes* Anschauung 
der Praktiker die einzelne Erschemung zielbewußt studieren und 
zu deren Beherrschung gelangen. Und gerade darin erblickt er 
den Vorzug seiner Physik, daß darnach alle Erscheinungen aus 
einem cinbeitlichenPriii ip heraus erklärt werden k(Hmen, während 
alle bisherigen Versuche deren so viele bedürfen.*) 

Räson nement: Ein Farbentechniker sehe sich vor ein 
GeraSlde gestellt. Au^ehend von der Überzeugung, dasselbe 
habe nur mit Hilfe der allgemein bekannten Grundfarben ge- 
schaffen worden sein können, sucht er klar und deutlich die Farben- 
kombination festzustellen, die die Naturahnlichkeit des Gemäldes 
bewirkt. Er zerl^ gedanklich das Gemälde in seine Farben- 

') IV 337,33 — V 550, ao — C XI, 240. 

■) I 195.90 - C XI, 341. 

T 392,9 - 305,8 - II 380, 1. 

*) I 5^3*3 — U I99> *5 ~ 111 39i 1 — 303,23 ~ ^ 



- 388.4. 

I 

j 

j 

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ERKENNTNISTHEORIE^ 123 

demente. Dies Verfahren des Praktikers veransdiauiidit das Vor- 
geben des kritischen Denkens. Das an sidi unerkennbare Objekt 
ist in meinem Geiste durch eine Idee repräsentiert, die nur eine 
Kombinaten der bekannten kigisch •einfachen Ideen sein kann. 
Die ganze Wissenschaft besteht nur darin, zu ergrOnden, wie die 
kgiscben Einheiten zu den Objdctabbildem zusammenwirken.^) 
Ich mufi das einzehie geist^ Gemfllde in dfe dasselbe konsti- 
tuierenden Bestandteite zu zerlegen suchen, d. b. die Objektpei^ 
zeption zur Klarheit und Deutlichkeit durchbilden. Ist dies ge- 
sdiehen, dann habe ich mein Möglichstes getan, und die Wahr- 
haftigkeit Gottes verbOigt, daß in Wirklichkeit das Sein an sich 
auch so aufgebaut ist oder so aufgebaut sein kann, wie das sie 
repr&saitierende geistige Abbild. Daraus ei^ibt sich aber die 
Forderung, zunächst die Grundfarben speziell zu prttfen, die lo- 
gischen Elemente an sich klar und deutlich zu fassen, um sie 
nacbho' um so leichter in den Wirldichkeitskompositi<men wieder 
zu erkennen. Dem Seinsstudium muß somit eine rein logische 
Untersuchung vorausgehen, und zwar eine Prüfung der Ideen in 
doppelter Richtung: Die einzelne Idee an sich muß klar sein, dann 
aber auch ihr Verhältnis zu den anderen logischen Elementen, 
d. h. deren Kombinationsmöglichkeiten, und zwar unbekümmert 
darum, ob sie in der Wirklichkeit existieren oder nicht. 

Eine PrOftin^ der logisch isolierten Idee der Zahl „7" führt 
mich zur Erkenntnis der in und mit ihr gegebenen Wahrheit: 
54-2 = 7, und diese räsonnierend erworbene Erkenntnis wäre 
auch dann wahr, wenn in der Wirklichkeit niemals fünf und zwei 
Objekte zusammengefügt würden. Ein Studium der Idee der Be- 
w^ung folirt mich zu den drei Bewegungsgesetzen und sieben 
Bewegungs- resj). Stoßregeln. Sie sind in und mit der Idee der 
Bewegung gegeben, in und mit ihr denknotwendig, also logisch 
unhezweifelbar und wahr, wenn sie in der Wirklichkeit auch nie- 
mals seiend erfahren werden sollten. Betrachte ich ferner die Idee 
des Dreiecks, so erkenne ich eine Menge in ihr liegender Teil- 
ideen, wie: Der größeren Seite liegt der größere Winkel gegen- 
(Iber; die Winkelsumme gleich a R. usw. Anlftfilich meiner ersten 
Dreiecksperzeption habe ich diese Tdlideen nicht perzipiert Ich 
kann sie aber audi nicht sdbst gebildet haben, obwohl es in 



') II 198, 8 — ra 665, 25 — C Xi, aöo f., 241. 



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KAPITEL in. 



meiner Macht j>tcht, sie 7m fleuktn oder niclit Sic wären auch 
wahr, wenn niemab ein Dreieck an sich, d. h auBri mir exi- 
stieren wüifle Die Wahrheit dieser Ideen ist also mein nur von 
der Ertalii luig unaliiiaiitjig, sondern auch von meinem Erkenntnis- 
vermögen. Weder repräsentieren sie wirkliclie Sein an sicli, noch 
können sie von mir selbst geschaffen sein; es sind Wahrheiten 
schleclitliin, und zwar ewige Wahrheiten im eigentlichen Sinne 
des Wortes. — In ähnlicher Weise mOssen alle logischen Elemente, 
Oberhaupt alle logischen Ideen als isolierte, logische Sein genau 
geproft werden. Die in und mit ihnen gegebenen Wahrheilen 
sind herauszulösen, wozu es oft großen Scharfsinnes (perspicadt)^) 
bedarf.^) 

Die logischen Elemente lassen sich logisch beliebig kom- 
binieren. Betrachten wir sie aber als Seinsreprflsentationen» d. h. 
denken wir sie existierend, dann mttssen notwendige und zuver- 
lässige Verbindungen unterschieden werden. Ich spreche von 
einer notwendigen Verbindung, wenn eine Idee nicht klar 
und deutlich existierend gedacht werden kann, sobald sie von der 
anderen getrennt wird. Die Idee der Gestalt z. B. Ulfit sidi wohl 
logisch isolieren, aber nicht existierend denken ohne die Idee des 
ausgedehnten Seins. Es ist unmöglich, eine von der Ausdehnung 
befreite Figur objdctiv seiend zu denken, wie es auch unmO^ch 
bleibt, eine von der Idee der Dauer losgelöste Bewegung zu 
denken usw. Die Verbindung der Idee der Figur mit der Idee 
der Ausdehnung ein« i^« its, der Idee der Bewegung mit der Idee 
der Dauer anderseits ist notwendig. Solcher notwend^er Ver- 
bindungen gibt es nicht nur unter den materiellen, sondern auch 
unter den geistigen Ideen. Wenn Sokrates z. B. sagt, er zweifle 
an allem, so sind mit der einen Idee des Zweifels notwendig 
andere verbunden, z. B. das Wissen, daß er zweifelt; weiter die 
Erkenntnis, daß es einen Unterschied gibt von wahr und falsch. 
Ich zweifle; ich weiß, daß ich zweifle; das Wahre iäüt sich vom 
Falschen unterscheiden - diese Ideendreiheit bezeichnet eine not- 
wendige Ideenkombination. 

Die Verbindung wird zufällig genannt, wenn die eine Idee 
klar und deutlich existierend gedacht werden kann ohne die 
andere. So ist die Verbindung der Ideen „Mensch" und „ICleid" 

') Med. V - vn ^ 14 - 436^». (Rep. m Obj. V., VL) — C XL 
»73,349 (Reg. ia,9). — 



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ERKENNTNISTHEORIE. 125 

in der Grsamtidee: „beklHdrtff M<'nsch'* zuf.lllig, wie auch die 
Verbindung dtr Ideen „Körper" und „Seele" in dem Satze: Der 
Körper ist beseelt; denn ich kann jede dieser Ideen ohne die 
andere klar und deutlich existierend denken. Gewisse Verbin- 
dungen werden nun als zulällig beurteilt, obwohl sie notwendig 
sind. So ist x. B, die Vereinigung der Idee der Seele mit r 
Idee Gottes zu dem Satze: „Ich bin; also Gott existiert" nicht nur 
zufällig, sondern notwendig. ICs bleibt allerdings zu beachten, 
daß manche notwendige Vetbindung in ihrer Umkehrung als zu- 
fällig beurteilt werden muß. Die Idee der Bewegung ist notwendig 
verbunden mit der Idee der Ausdeiinung, aber nicht diese mit 
jener. Icli muW mit logischer Notwendigkeit von der Existenz 
meiner Seele auf die Existenz Gottes schliefen; der Schluß von 
der Existenz Gottes auf die Existenz in ein er Seele ist dagegen 
keineswegs notwendig, sondern zufällig. Die Idee Gottes kann 
mit der Idee der Existenz meiner Seele verbunden sein, muß es 
aber nicht Weiterhin darf nicht unbeachtet bleiben, dafi es oft 
leichter ist, eine Itteenverbindung zu erkennen, als die sie k(»i8ti- 
tuierenden Elemente. So kann ich B. ein Dreieck klar und 
deutUcb existierend denken, ohne daß ich alle, das Verhältnis der 
Seiten und Winkel zueinander feststellenden Teilwahrheiten erkannt 
hatte, und ich glaube es jetzt klar und deutlich erfafit zu haben, 
obwohl vidleicht noch andere EikenntnispElemente in ihr li^en, 
die uns momentan noch en^;ehen.') 

Welches ist nun das Verhältnis von Erfahrung und 
Rftsonnement in bezug auf die Erkenntnis der Wirklichkeit? 
Der springende Punkt des Problems liegt in der Frage, ob durch 
das Räsonnement auch Semserkenntnisse gewonnen werden: Die 
Erfahrung bildet die Grundlage. Nur durch eine direkte Ein- 
wirkung der Wirklichkeit an sich auf meine Seele w^de ich über 
ihr Sein orientiert. Ob dies vermittelst der Sinne geschehe oder 
nicht, es handelt sich dabei immer um eine innere, unmittelbare 
Erfahrung, um ein Denken. Ist nun das Erfahrungsbild an sich 
klar und deutlich, dann bietet die Aufgab- I is Objekt an sich 
seiend zu denken, keine Schwierigkeit. Aber infolge der Mangel- 
haftigkeit der Sinnesorgane einerseits, infolge der innigen Ver« 
einigüng der Seele mit dem Körper anderseits entsteht in vielen, 



*) C XI, a73 (Reg. la). — C X, (NoUe). — 



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• 



ia6 KAPiT£L Iii. 

oder gar in den nifisten FalU-n kein klares und deutliches logisclies 
Abbild des Objektes an sich. Hier, wo die Erfahrung versagt, 
hat das Räsonaemerit interpretierend einzusetzen. Die Sinnes- 
qualitäten z. B. sind nicht klar und deuthch seiend zu denken. 
Die vernünftige Überlegung zeigt mir nun, dati das ausgedehnte 
Sein nur durch Gestalt und Bewegung diffcreiuiert gedacht werden 
kann. Vermag ich nun die Sinncsqualitäten in solchen quantitativen 
Seinsdifferenzierungen klar und deutlich objektiv seiend zu denken, 
dann habe ich keine Ursache, unverständliche Seinsformen anzu- 
nehmen. In dieser Art und Weise mufi ich räsonnierend die Er- 
fahrung logisch klar und deutlich durchzubilden versuchen.') 

Alle Ideen sind Denkmöglichkdten, und die iußere Er* 
fahrung bedingt nur ein Aktuellwerden derselben. Durch die 
dir^te Einwirkung der Wirklichkeit werden nun aber nicht nur 
die ihre Realität repräsentierenden Ideen aktuell seiend, sondern 
auch Ideen, denen in ihr eigentlich nichts entspricht: die Axiome. 
Obwohl ich nicht ermangle, sie zu denken, wenn ein Objekt auf 
meine Seele emwirkt, steht es doch in meiner Macht, sie zu 
denken oder nicht Sie sind an sich wahr, und ich kann nicht 
anders, als in und mit ihnen die Wirklichkeit seiend denken. 
Sie nur ermöglichen eine unbezweifelbare logische Schlußfolgerung 
und bezdchiien den von der Sede gelieferte Erkenntnisbeitrag. 

Betrachten wir das Problem noch von der entgegengesetzten 
Seite, d. h. von der Seite des erlceimenden Subjektes aus. Ich 
bin ein denkendes Sein. Mag die auf meine Seele einwirkende 
Welt an sich beschaffen sein wie sie will, ich kann sie nicht 
anders klar und deutlich seiend denken, als in den möglichen 
Denkformen. Die Wahrhaftigkeit Gottes verbüigt, daß ich mich 
dabei nicht täusche, d. h daü die wirkliche Welt so beschaffen 
ist, wie ich sie als denkendes Sein erfahre resp. denken kann. 
Ich bin deshalb auch überzeugt, daß das durch ein wirkliches 
Objekt verursachte Erfahrungsbild, so kompliziert es erscheinen, 
so unklar und und undeutlich es sein mag, doch nur aus den be- 
kanntt-n logischen Elementen zusammengesetzt sein kann. Noch 
ein weiteres ist damit gegeben, daß nämlich die logische Gesetz- 
mäßi!:::keit durch die Erfahrung nir!it aufgehoben werden kann, 
sondern umgekehrt diese durch jene mterpretiert, ja durch sie erst 



M VU 439» u. (R^ aux Obj. Vi). — (Envres iatd, 60 f. 



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, ERKENNTNISTHEORIE. xV} 

zur Seinserkenntnis durch- und ausgebildet winl*) Dabei darf 
sich der Verstand aber nicht von der Erfahrung befreien, sondern 
miifl eben die ErEahning an »ch denken: Das einzelne Sein wird 
in verschiedenen Formen perzipiert; in und mit diesen kann ich 
dasselbe klar und deutlich existierend denken, d. h. mit Hilfe der 
verschiedenen Perzeptionen resp. Teilideen bilde ich ^e Er- 
fahrungseinheit zur Klarheit und Deutlichkeit durch. Jede Teil- 
idee Ittfit ach einzeln aus dem Erfahrungsverbande heraudteen, 
emzeln aus dem realen Hinteigrunde herausheben und isoliert 
prüfen. Auch -dies rein formale Denken kann zu Seinserkennt> 
nissen fähren; aber gar zu leicht entwischt der Inhalt seinen 
Banden, und leere Gedankenschlflsse, Sophismen, smd die Folge. 
Sie sind formal-logisch, aber nicht sach- logisch unanfechtbar. 
Zu unbezweifdbarer Seinserkenntnis kann nicht das formale, 
sondern nur das Seinsdenken ftthren, nicht das OberflAcben-, 
sondern nur das Tiefsidenken.^ 

Im Interesse der Deutlichkeit fasse ich in der Folge speziell 
das Studium der Körperwelt ins Auge. Wie oben durchgeführt 
worden ist, mufi ich das einzelne Objekt als eine spezielle Diffe» 
renzierung der ausgedelinten Substanz denken. Sofern verschiedene 
Objekte gleich differenziert sind, lassen sie sich zu einer logischen 
Snheit zusammenfassen. Die Physik zeigt nun weiterhin, dafi 
diese verschiedenen Differenzierungseinheiten einander sachlich 
Ober- resp. untergeordnet sind. Die Körperwelt in ihrer Gesamt- 
heit repräsentiert logisch ein natürliches System auseinander her- 
voi'^chendrr Dififerenzierungseinheitcn. Logisch läüt sicii also jede 
Gruppe (ün-kt oder indirekt aus der absoluten Einheit der aus- 
gedehnten Substanz ableiten. Ein einzelnes Objekt kann darum 
nur dann als verstanden betrachtet werden, wenn es gelingt, 
dessen Wesen aus einer höheren Einheit heraus als Wirkung zu 
erklären, also direkt oder indirekt aus der obersten Einheit zu 
deduzieren. 

Mit dieser LfK-nntnis taucht die Frage auf, ob dieser logischen 
Ableitungsmöglichkt it nicht auch eine Abteilung in der Zeit ent- 
spreche, ob die logische Entwickelung nicht eine Scinsentstchung 
in der Zeit repräsentiere. Nur die Erfahrung kann eine Antwort 

•j IV 478, 2 

») C XI, 255, 3%, 303 (Reg. 10» 14) — VI 17, 15. 
») ra 474, ao. 



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KAPITEL III. 



geben, die Erfahrung in dt r Zeit, die Geschichte. Alle mich um- 
gebenden einzelnen Körper perzipiere ich als veränderliche Sein; 
niiigends begegnet mir ein starres Sein auf der Erde, nirgends 
Ruhe, flberdl Veriiiderung, überall ein Entstdien und Vergeben.^) 
Sollten nun die anderen Himmelskörper, sollte die höher stehende 
Erfahrungseinheit des Sonnoisystems unverftnderlidisdn? Ein «ge- 
nflgendes* Tatsachoimateriat für eine befriedigende Antwort fehlt 
allerdings. Ich erfahre die momentanen Bewegungen der Himmela- 
köiper; aber nur wenige Erscheinungen können als Zeichen der 
Veränderung in der Zeit gedeutet werden. Wohl hatte die Re* 
naissance die starren, aristotelischen Sphflren durchbrochen und 
war mit Hilfe des Femrohrs hineingedrungen In den unendlichen 
Weltenraum, wohl hatte Giordano Bruno denselben mit dich- 
terischer Kühnheit zu beleben gewußt; fOr den nttcfatemoi Reali- 
tatsdenker fehlten aber die den Entwickelung^edanken notwendig 
seinswahr machenden Erfahrungstatsachen. Umsonst hidt Des- 
CARTCS Umschau; umsonst wünschte er sich Tabellen mit mathe> 
matiaeh genauen Angaben darüber, ob und wie sich die Himmels* 
körper verändern.*) Noch waren die Saturnringe nicht gedeutet 
als im Werden begriffene Monde; die Astronomie wußte noch 
nidits von verschiedenen Stadien der Nebelflecken, Versteine- 
rungen hatte man noch nicht als Zeugen verschwundener Zeit- 
perioden erkannt, noch wufite keine Geologie von historischen 
Erdschichten zu berichten usw. hi Ermai^elung hinreichender 
Tatsachen blieb der Gedanke, unser Sonnensystem sei eine in 
der Entwickelung begriffene Erlahrungseinheit, also ein veränder- 
liches Sein, eine kühne Hypothese und konnte von Descartes, 
als gewissenhaftem Erfnhrungsdenker, nur als „Schatten der Dar- 
stellung" akzejjtiert werden.') Ob die logische Notwendigkeit, 
die Welt der Krscheinuns^f n aus der Einheit der au^edehnlen 
Substanz abzuleiten, eine Entwickelung derselben in der Zeit re- 
präsentiere, ,,ich will die Frage lieber unentschieden lassen;* 
vielleicht ist die Welt doch anders entstanden, als ich zu erkennen 
vermag^) Man hat auch hinter diesen Worten Descartes' nur 



C IV, («Le Moode* cbai». III). — V 347,37. 

»j I 251,13, 

•) VI 4a, 13 (Disc. Vj — Princ. III 44, IV »04 — I 561, 7. 
♦) Princ, III 44. 



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ERKENSTNJSTHEOlUE. 



.RQcksichten*, fromme Scbeii und Furcht vor den Fangarmen 
der Inquisition gewittert; scheinbar aber doch mit Unrecht. 

Anmerkungsweise sei auf eine Eigentümlichkeit aufmerksam gemacht. 
In der organischen Welt verfolgt Descakiks die Entwii kclung der einzelnen 
Art als solcher, die Eatwickelung des einzelnen Tieren vom Ei bis zur voU- 
•tflndigea organischen DurchbOdimg. Wenn er sich dabei auch auf die ver- 
gleichende Anatomie stflfzt. von einer Entwickelung im heutigen Sinne des 
Wortes, als einer Artenncubildung, finde ich keine Andeutung. Dat^egen 
wirkt dieser Gedanke in seiner Astrophysik. Hier zeigt er die Entwickelung 
nener am bestehenden Arten, tind swar als Prodokt eines «Kamiifes nms 
Dasein". Für die Beleuchtung der historischen Durchbildung philos^)htBCher 
Gedanken mag diese Tatsache vorgemerkt bleiben. 

Zusaninien fassend ergibt sich: Mit Hilfe der Erscheinungs- 
formen resp. Perzeptionen müssen wir das Objekt an sicli klar 
und deutlich existierend zu denken versuchen. Wo die Erfahrung 
versagt, hat das Rüsonneiiicnt interpretierend einzusetzen. Er- 
fahrung und Räsonnetnent sind die beiden zur Erkenntnis der 
Wirklichkeit füiirenden Wege. Die Erfahrung liefert das Funda- 
ment, das Räsonnement gleicht die Unvollkommenheiten unserer 
Erkenntnishilfsmittel aus.') 

b) Das Erkennen. Intuition; clara et distincta per- 
ceptio. „Le bon sens," d. h. die Fälligkeit, das Wahre vom 
Falschen zu unterscheiden, kommt allen Menschen im nämlichen 
Grade m. Die Verschiedeididt der Ansdiauungen erklSrt «ch 
dadurch, daß wir auf verschiedenen Wegen zur Wahrheit vor* 
dringen oder nicht die nämlichen Dinge denken.^ Was ist aber 
wahr? „Man bat wohl verschiedene Mittel, eine Wage zu prOfen, 
ehe man sich ihrer bedient, aber keines, um zu erlernen, vras 
Wahrheit ist.* Ich muß sie als solche erleben; ich moA die 
Wahrheit als Wahrheit sehen.*) For die Erkenntnis der Wahr* , 
heit als Wahrheit wird durch logische Erklärungen und Defi- * 
nitionen nichts gewonnen; im Gesentefl, die Klarheit der Kon- 
zeption kann dadurch nur zerstört werden.*) Dies Perzipieren \ 
einer Erkenntnis als Wahrheit bezeichnen vnr als Intuition. Jede 
Erkenntnis, die intuitiv als wahr erkannt wird, ist unbezweifelbar, 

•) C X! 207 fReg. a) — Princ, (lettre k Elia) — m 173,6 — 33, i — 

IV 559. i9 - W^i. I. 

*) VI 3,96 — 1, 17 — a,8 (Disc I, II) — Piinc. I 50 — C XI a6i, 343, 

A46 (Reg. I, 2, 8). 

*( Med. III Vil 422, 4 fRep. aux Obj. Vi) - ii 597. 
*j Princ. I 10 — II 597 — V 138,5 — C XI 214 (Reg. 3) — IX ao6, ao 
(Rep. «nz Inst.) 

J«.C»»iiil»MD«cM. 9 



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KAPITEL tlL 



evident, und man sollte sich daran gewöhnen, nur das als ver- 
standen zu bezeichnen, dessen Wahrheit an sich seiend perzipiert 
worden ist.*) 

Die intuitive Erkenntnis der Wahrheit schließt aber zwei 
' ijpistige Akte in sich: ein Erkennen und ein Urteilen, d. h. ein 
Erkennen und ein Wollen.^) Die Seele ist ein denkendes Sein, das 
will und erkennt. Als erkennendes Sein wird sie speziell Ver- 
^ stand oder Intolligcnz genannt Das Erkennen ist ein Schauen.') 
' Das Geschaute, als Erkenntnis bezeichnet, ist an sich weder wahr 
noch falsch, aber entweder klar und deutHch nd<"r unklar oder 
undeutlich. Ich spreche von einer klaren Erkenntnis, wenn das 
Geschaute seinem ganzen Inhalte nach offen vor mir liegt, von 
einer deutlichen Erkenntnis, wenn ich dasselbe in seiner Eigen- 
art erfaßt habe, wodurrfi es sich eben von anderen P>kennlnissen 
unterscheidet *) Was h [, nun klar und deutlich so seiend erkenne, 
muß ich als wahr lu niu-ilen, oder meine Natur negieren'), d. h. 
jede denknotwendige Erkenntnis mulJ als wahr angenommen 
werden. Der gesunde, durch Vorurteile nicht verdorbene mensch- 
liche Geist wird sich auch keineswegs widersetzen, sondern sofort 
beistimmen.*^] Irrtümer entstehen nur dadurch, daü der freie Wille, 
von einem blinden Eifer getrieben, eine Erkenntnis als wahr be- 
urteilt, ehe sie klar und deutlich durchdacht ist. Ich darf mich 
weder von der Neigung meines blmden Willens, noch von 
der Kraft der anstQrmenden Ideen zu verfrOhten Urteilen hin- 
reiflen lassoi, sondern muß nach alten Seiten hin das freie 
Urteil, die logische Selbstandigiceit zu wahren suchen.*) Wer 
klar und deutlich denkt, erkennt damit die Wahrheit, Ist wissend. 
Wer zweifelt, ist nicht wissender als jener, der niemals gedacht 
hat; ja er ist noch weiter von der Wahrheit entfernt, weil er sich 



«) C XI aiaflf., 249, aft7 (Reg. 3, 9. 13) - H 597 ff- 
*) Med. m — IX 904,7 (Rep. anz inst) — ni 
•) IV 116,33 — n SW»a8 — »Ä4 — C XI a6i. 
♦) Princ I 45. 

*) Med. m, V — Vll 460, 13 (Rep. aux Obj. VU) — IX ao6, ao (Rep. aux 
Inst.) — C XI 270, 249 (Reg. 12,9). 

Princ. I 50 — \\ I ff. (Disc. I f ~ IV X14, u — DI 431, x — 691^3 — 
I 101,18 — C Xi 217, 279, 303, 336, 346. 

0 C XI 345 recherche de 1» v^rite) — C XI ao6 — Paas. % 27 ä., 
41, 46 — VII 39<Sk9o — 368^x5 (Rep. aux Obj. V) — IX 904 (Rep. ans bat; 
— n 37,ax — IV 4ix,& 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



131 



durch Vorurteile das natOriiche Sehen der Wahrheit als Wahr- 
heit erMhwert, die Wirksamkeit seines natOrlichen Lidites ver* 
unmOcfUcht hai^) Ich kann aber auch nur das als wahr an- 
erkennen, was ich klar und deutlich ak wahr zu erkennen ver- 
mag. Auf die Kraft des eigenen Verstandes mOssen wir ver- 
trauen, auf jegUcben Autoritätsglauben verzicbtend.*) Mit dem 
positiven Kriterium der Wahrheit: Klarhdt und Deudidikat des 
Denkens (dara et distincta perceptio), ist ztq^ch ein negatives 
mitgegeben: Eine Erkenntnis, die nicht denknotwendig ist, ist nicht 
klar und deutlich, logisch nicht einwandfrei, schließt somit einen 
k^fbchen Widerspruch in sich. Also; Was einen iogischen Wider- 
spruch in sich schließt, ist nicht wahr. Ich kann den logischen 
Widerspruch nicht seiend denken. Wissenschaft bedeutet logisch 
widerspruchsfreies, also unbezweifel bares Erkennen.*) Bei der 
Prüfung der Erklärungsmöglichkeiten frägt Descartes denn auch 
immer, ob sich dieselben logisch ohne Widerspruch durchdenken 
lassen otler nicht, und jede derselben, die in ihrer Konsequenz 
auf einen Widerspruch führt, wird als deokunmöglicb beiseite 
gelegt, sach-logisch als falsch beurteilt.*) 

Deduktion; Induktion: im Gegensatz zur Intuition be- , 
zeichnet die Deduktion eine p^ewisse Bewegung des Geistes. Soll 
sie zu unbezweifelbaren Erkenntnissen führen, so muß sie klar 
und deutlich sei noder, in der Sprache der „Rej^ulae*, ich niu6 drei 
Momente zugleich intuitiv als wahr erkennen: das Ause:angsglied, ' 
das Ziel der Bewegung und diese selbst. Die gewonnene Er- 
kenntnis ist eigentlich nicht an sich wahr, sondern nur in und 
mit dem intuitiv als an sich wahr erkannten Ausgangsgliede. Aus 
der deduzierten Wahrheit kann ich eine dritte WahrheiL ableiten, 
aus dieser eine vierte usw. Die Evideni^ des einzelnen Deduk- 
Uonsresultates ist gegeben in der Evidenz des entsprechenden 
Ausgangsgliedes. Das fünfte Glied der Deduktionsreihe ist nur 
wahr, insofern es im vierten gesehen wird, dieses nur, insofern 
es im dritten geschaut werden kann usw., so dafi die Evidens 
der ganaen Reihe auf dar Evidenz des ersten Gliedes beruht 



*) C XI ao4 (R«g. a). 

^ IX 204, 7 (Rep. «ux Inst). 

•) III 476,8 — 47!, 13 — 118, 6 — V 275, 15 — »23, 31 — 27a, 18 — 476,8. 
*> VII 141,3 — 190,34 — 240, ao — 343, 1 (Rep. «ux Obj. II, III, IV) — 
m 496,8 — IV i^as — — V aa^9 — asa»3i — i«- 

9» 



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KAPITEL IIL 



Dieses ist an sidi wahr, die anderen Glieder sind nur in ihra* 
direkten oder indirekten Abhängigkeit von jenem als wahr er- 
kennbar. Bildet also eine selbst sdion abgeleitete Wahrheit den 
' Au^angspunkt einer Deduktion, so mufi ich gedächtnismafiig fest* 
halten, daß sie selbst nur in einem anderen Gliede als wahr erkannt 
worden ist Nur mit Hilfe mehrerer GedAchtnisakte sehe ich so 
die Wahrheit des letzten Gliedes in dem an sich wahren Aus- 
gangsgliede. Das Aufzahlen der einzelne», vom Gedächtnis auf- 
* bewahrten Deduktionen und deren Zusammenfa^ung zu einer 
einzigen Wahrheit wird speziell Induktion genannt. 

Das Gedächtnis ist aber schwach und vergeßlich \'on Natur. 
Die mit dessen Hilfe deduzierten Erkenntnisse sind deshalb immer 
bezweifelbar und in immer höherem Grade, größer die Zahl 
der Zwischenglieder. Unb^zweifelbar bleibt nur jen'^ Erkenntnis, 
die ich mit einem Bücke mluitiv als wahr erkenne. Um die 
Fehlermöglicbkeit der Induktion auszuschalten, muß ich f\\^ ein- 
zelnen Deduktionen oft und rasch aufeinanderfolgend wiederholen, 
bis es mir gelingt, das ganze AbiiangigkcitsverhJillnis mit einem 
Blicke zu umspannen, das letzte Glied in dem an sich wahren 
Ausgimgsgliede als wahr zu schauen, kurz, bis es mir gelingt, das 
Gedächtnis vollständig auszuschalten. Das „Blick!' Id" der Intui- 
tion ist dabei künstlich erweitert worden, der Lichtsiiahl der Evi- 
denz iällL für einen Moment über die ganze Reihe; die Induktion 
wird zu einer Intuition. Das „Blickfeld" läßt sich aber niciit ins 
Endlose erweitem. Trotz aller Übung wird es nie gelingen, zu 
lange Deduktionsreihen mit einem Blicke zu umspannen. In 
diesem Falle mufi ich mich mit der Sicherheit der Induktion be- 
gnügen. Wohl läfit sich die Fehlennflglicfakeit durdi hftufige und 
rasche Wiederiiolungen auf ein Minimum reduzieren; abo* der 
Charakter der unbedingten Wahrheit, der Unbez weif elbaikdt, wird 
nicht mehr erreicht 

Die hiduktion ist eine Aufzftbhmg alles dessen, was zu der 
gesuchten Wahrheit in Beziehung steht. Durch ihre Synthese 
wird also nicht nur eme Wahilieit' abgeleitet, sondern zugleich 
unser Wissen, die Wissenschaft vervollständigt. Drei Möglich- 
keiten sind nun zu unterscheiden: Soll die Anzahl der Körper 
festgestellt werden, die unseren Sinnen zuganglich sind, dann 
mufi ich alle KOrper dnzebi aufzahlen. Eine vollständige In- 
duktion ist notwendig; denn die Synthese wäre falsch, wenn auch 



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ERKENNTNISTHEORIE, 

nur ein einziges Glied übersehen worden wäre. Will ich aber 
beweisen, daß die vernünftige Seele nicht körperlich ist, dann 
brauche ich keineswegs alle einzelnen Körper klar an sich seiend 
zu denken, aber deutlich in der sie von der Seele unterscheidenden 
Eigenart. Die Induktion ist für die Erkenntnis dieser Wahrheit 
genügend, wenn sie deutlich ist (une enum^ration distincte). Oft 
bedarl £>ie weder der Vollständigkeit noch der Deutlichkeit. Will 
ich z. B. beweisen, daß die Oberfläche des Kreises größer ist als 
die Oberfläche aller übrigen Figuren mit gleichem Umfange, so 
beweise ich das an einigen Fallen und bin dann von der Wahr- 
beit des Satzes aberzeugt, obwohl ich die anderen Figuren weder 
voUsttndig noeh deutlich erkannt babe.M 

Kurz: Die Intuition bezeichnet ein Schauen der Wahrheit, | 
die Deduktion ein Ableiten von Wahrhetien aus Wahrheiten. In 
dieaem Sinne repräsentieren Intuition und Deduktion die beiden 
einzigen zur Wahrheit führenden Wege. Die deduzierte Erkenntnis 
ist nur dann unbezweifelbar, wran ich sie untor Ausschaltung der ^ 
die Deduktion charakterisierenden Bewegung in der Ausgangs- 
wahriieit intuitiv als wahr erkenne. Sofern dies nicht mehr mOgy 
lieh ist, mOssen wir uns mit der Sicherheit der auf das Gedächt- 
nis sich stutzenden Induktion begnOgen.*) 

c) Die Sprache. Ich denke und besitze im ^rachorgan 
ein bequemes Mittel, die einzelnen Gedanken körperlich darzu- 
stellen. Die Sprache ist ein System vom menschlichen Geistfe 
willkflriich erzeugter 2^ichen fOr seine Gedanken. Sie setzt eut 
denkendes Sein voraus. Keine Seele, keine Sprache! und um- 
gekehrt: keine Sprache, keine Seele! Das Ziel des menschlichen 
Geistes ist ein klares und deutliches Denken. Für die einzelnen 
klar und deutlich durchgebildeten Ideen schafit sich ganz be- 
stimmte lautliche Zeichen, Wörter, die sich entsprechend der natür- 
lichen Abhängigkeit der Ideen voneinander in natürliche Reihen 
sollten zusammenstellen lassen, wie die Zahlen. Eine solche Uni- 
versalsprache sollte mOglich sein und würde, einmal durch- 
gebildet, wohl sofort den Weltkreis erobern wie die Zahlensprache. 
Sie würde sich wie diese mit Leichtigkeit erlernen lassen und zu 
klarem und deutlichem Denken anleiten. Täuschungen blieben 

0 C XI ^K., 9^9, (Reg, 7, Ii). 

*) C XI 9isi, 97B (Reg. 3, 4« 9, la) — VH 196^ 11 (Rep. ütx 

Obj. III). 



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ausgeschlossen, und mit deren Hilfe könnte auch der einfachste 
Bauer leichter zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen als heute 
die Philosophen. Denn vornehmlich die »Undeutlicbkeit* der 
Sprache, die Vieldeutigkeit der WOrter erschwert es heute, an ein 
klares und deutliches Denken sich zu gewohnen und sich die von 
der Menschheit bisher erworbenen Wahrheiten anzueignen. »Les 
mots que nous auons n*oot quasi que des significations confusesi* 
sei es, dafl sie von unwissenden, d. h. nicht klar und deutlich 
denkenden Personen gesetzt worden sind, oder durch den Gebranch 
wie alte Mdnzen ihre ursprOnglich scharfe Pk-agung verloren haben 
(.de Ja corruption de l'usage*).') Diesem m einem Briefe an Mer- 
SENNE 1629 durchgefohrten Gedankengang entspricht auch die 
Praxis Descartes*. Er hfilt sich wohl an den überlieferten, kon- 
ventionellen Wortbestand, gibt aber jenen Wörtern, die in meh- 
reren Begriffen schillern, eine scharfe Prfignng, indem er sie auf 
ganz bestimmte BcgrilTe einengt Auf diese Weise hat er sich 
eine subjektive Sprache und damit ein konformes körperliches 
Ausdrucksroittel fOr sein klares und deutliches Gedankenleben 
geschaffen.*) 

5. WissenachaftMysteiii. 

a) Erkenntnistheorie: Zur Erkenntnis der Wirklkhhdt 

gelange ich nur durch die Erfahrtmg. Wohl ist das logische 
Weltbild als DenkmOglichkeit eingeboren; als seinswahr kann 
I es aber nur dann beurteilt werden, wenn es als Abbild der 

Wirklichkeit an sich, d. h. von dieser bewirkt, perzipiert 
wird. In bezug auf die Erkenntnis der Wirklichkeit außer ihr 

Jst die Seele somit anfänglich eine tabula rasa, in welche 
\die die Wirklichkeit repräsentierenden Ideen nach und nach ein- 
geschrieben werden. Vier verschiedene Meister arbeiten an 
diesem Werke: die Sinne, die Neigungen des Geistes, die Lehrer 

und die Intelligenz. Die unzuverlässigsten sehen wir zuerst am 
Werke: die Sinne und die Neigungen des Geistes. Die Intelligenz, 
der eigentliche Baumeister wird sich erst spät seiner Aufgabe be- 
wußt und muß auch dann noch eine Lehrzeit von mehreren Jahren 

') I 77,9 — 81,25 - VD 35^^i (Rep. am Obj. V). 

*) Princ. I 74 — VIl 174.17 — 178,24 — 184,16 — 353,29 {Rep. aux 
Obj. III, V) — C XI 267. 287. 212. 300 (Heg. 12. 13, 3, 14» — I Soff., 103,4, 
m6,i — n 597 — III 4'7.25. 499.5. 604, 10 — IV «74, 15 — VI 572. 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



üuichmachen, dem Beispiele und den Angaben der Lehrer fol- 
gend.*) Es kann deshalb nicht verwundern, uaij sich eine Menge 
falscher Ideen mit eingeschlichen hat, und will die endlich zu 
selbständiger Betätigung herangereifte und die Herrschaft über ihr 
Reich flbernehmende Intelligenz eio haltbares Werk bauen, so 
miifi ne zmtfclut den ungewollt auffenamnenen ErkennHusbesiand, 
das Baamaterial, auf seine Braudibärkeit bin prafen. Jede einzelne 
Idee vor das Fonim des kritischen Verstandes ziehen zu wollen, 
wäre eine »unendliche* Arbeit, kaum durchlobrbar, und ist auch 

r 

keineswegs notwendig. Ich prOfe nur die Erkenntnisquellen, über« 
haupt mein Erkenntntsvenn4^en; denn von ihm hangt die Er- 
kenntnis ab und nicht umgekehrt das &henntnisvennOgen von 
den Erkenntnissen. Ich zahle genau die zu Wahrheiten fahrenden 
Wege auf und markiere mit Sorgfalt die möglichen FehlerqueUen. 
Habe ich so einerseits erkannt, welche Grenze dem erkennenden, 
menschlichen Geiste von Natur aus gezogen sind, anderseits 
welcher Erkenntnisse er Oberhaupt fidiig ist, dann flbe ich erst 
die eben erkannten Erkenntniakrafte durch ein klares und deut- 
liches Durchdenken der bereits als wahr erkannten Erkenntnisse, 
und habe ich sie auf diese Weise zu bequem handbaren Werk- 
zeugen durchgebildet, dann erst darf ich an die Erforschung der 
Natur herantreten, damit die natürliche Methode der „mecha- 
nischen'' Berufe, z. B. des Schmiedes nachahmend, der sich erst 
aus dem ihm zur Verfügung stehenden Material Werkzeuge schafik 
und sich der Handhabung derselben versichert, ehe er fQr andere 
zu arbeiten beginnt. 

Wer ohne Prüfung seines Erkenntnisvermögens an die 
Lösung der Probleme herantritt, gleicht dem Baumeister, der ohne 
Prüfung des Baugrundes sein Haus auf Sand erbaut, oder jenem 
schatzgierigen Menschen, der ziellos herumirrend, Umschau hielt, 
ob vielleicht ein Wandrrcr ein Kleinod verloren habe. Das Ge- 
lingen eines solchen Wahrheitssuchens ist vollständig vom Zu- 
falle abhängig, die Arbeit meist fruchtlos. Dessenungeachtet be- 

C XI 345 f-. ao? (.Recherche de la verite"). DsacAiois aksepdert 

hier Hrn Terminus „tabula rasa", legt demselben aber eine ganz andere Be- 
deutung bei als 111409,7, wo er ihn bekämpft. Der Terminus ist richtig oder 
falsch, je nach dem StaDdpankt — VI 17,3 — 13,2 (Disc H) — Princ. I 75 
— Med. I - C XI 207 lR«g- 2) - ^^ 

») Princ. I I, 75; lettre k Eiis. — Med. I — VII 536,28 (Rep. aux Obj. 
Vü» — C XI »43 246 (Reg. 8) — C XI 334 ff. (Recherche) — I 144,5. 



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KAPITEL III. 



folgen aber doch alle Cbemiker, die meitteii Geometer und eine 
SroBe Anzahl von Phfloaopfaen diese iinnatorticlie Bfethode. Za 
ihrer Entschuldigung mufi allerdings beigefügt werden, dafl sie 
durch ein »unbändiges* Streben nach Wahrheit auf diese Wege 
getrieben werden. Blindlings folgen sie dem Triebe ihrer Natur 
und werden damit in Labyrinthe gefOhrt, aus denen es kern Ent- 
rinnen mehr gibt.') 

Die geforderte natOrlicbe Metbode ist übrigens schon längst 
in hervorragenden Geistern wiricsam gewesen, ohne dafi sie sich 
derselben klar und deutlich bewufit geworden wären, namentlich 
in dem einfachen und naiven Altertum, da die wahre Natur noch 
nicht von einem Wüste falscher Kenntnisse tagtäglich bestOrmt 
worden ist, sondern frei sich entfaltend die Erkenntnistätigkeit 
leitete. Ungewollt und unbewußt gelangten die Weisen des Alter- 
tums zu Wahrheiten, die h utc noch unser Staunen erregen. Daft 
nun gerade Geometrie und Arithmetik als solche zufällige FrOchte 
der natürlichen Betätigung des Geisteslebens entstanden sind, das 
erklärt sich ohne weiteres daraus, daß wir es da mit den ein- 
fachsten Verhältnissen zu tun haben, während dem Erkenntnisv«-- 
mögen in den anderen Wissenschaften bedeutende Schwierigkeiten 
entgegentraten. Es ist unsere Aufgabe, die naUirliche, die 
Schranken und Fähigkeiten des Erkenntnisvermögens genau be- 
achtende Methode zuerst in der Mathematik bewußt anzuwenden 
und mit deren Hilfe auch die anderen Wissenschaften zu voller 
Entlaltung zu bringen.') 

Wer malt, ist ein Maier. unbekünuuert darum, wie und was 
er malt. Jeder Denker, der sich in irgend emer Form mit dem 
Erkenntnisproblem abgefunden hat, muß Erkenntnistheoretiker 
genannt werden. Daß Duscartfs in diesem Sinne Krkenntnis- 
thcoretiker ist, wird kaum bezweifelt werden können. Auf die 
beiden erkenntnistheor(»tischen I k\uptj)!()bleme über das Wesen 
und den L^rsprun;^ dei Erkenntnis hat er besluiimte Antworten 

• 

gegeben und sicli im Widerstreit der Anschauungen zu einer 
selbständigen Theorie durchgerungen. Auf die Frage nacli dem 
I Wesen der Erkenntnis antwortet er: In bezug auf die Erkenntnis 
der Körperwck behält der Phänomenalismus recht: Ideen und 

•) C XI ajsff (Reg 4) — C XI 351, 355 (Recherche de la v.). 
^ C XI ai8 tt. (Keg. 4) — VI a6 17 — 19, 16 (Disc Ii) — Vll 15^ 17 (Rep. 
BQX Obj. U\, 



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körperliche Objekte an sich flind unvexigleichbar, volktändig von- 1 
einmider veracfaieden. Dagegen bleibt der Realismus zu recht be-< 
stehen in bezogt auf die Erkenntnis der iramateriellen Welt: die 
diesdUie reprSsenderenden Ideen «nd wesensgleich, Seinswieder- 
holungen. Welches ist nun der Ursprung der Erkenntnis? \ 
Seinserkenntnis gibt es nur, insofern es Erfahrungen gibt «Durch 
Sammlung und Bearbeitung der Erfahrung entsteht ^^Hssenschalt* 
Dieser Empirismus Descartes' ist weiterhin in bezug auf die Er* 
kenntnis der körperlichen Wdit ein Saisualismus; fflr die Ei^« 
kenntnis der maleriellen Substanz sind die Sinne die Tore des 
Geistes, aber keineswegs fflr eine &kenntnis d^ immateriellen 
Welt, hl dem Erfahrungsdenken und damit in der Seinserkenntnis 
wirken nun allerdings auch Elemente mit, die nicht von derV 
Wirklichkeit an sich bewirkt sein kOnnen, also nicht aus der «Er* 
fehrung* stammen, sondern als Zutaten des Geistes angesehen 
sein wollen, und insofern kommt auch der Rationalismus zu 
seinem Rechte.*) 

Kritizismus: Sofern ich mich nicht täinche, wird in den 
philosopbiehistorischen Darstellungen Descartes sozusagen durch- 
gängig zum Antipoden Kants gestempelt: Hie Kritizismusl hie 
Dogmatismus! Natorp hat diese Anschauung in s^ner «Er> 
kenntnistheorie Descartes*" (1882) angegriffen, dann aber in 
einem anläßlich der vierhundertjährigen Erinnerung an die Geburt 
Descartes' erschienenen Artikel den Rückzug angetreten. Ist 
Descartes Dogmatiker oder Kritizist? Die Termini werd^^n so 
widersiM'f chenri angewendet, daß eine begriffliche Fixierung der- 
selben unumgänglich vorausgehen muß, sollen Mißverständnissp ver- 
mieden werden Kritizist kann ein Denker wohl nur dann gen nnt 
■werden, wenn er jede Erkenntnis oder Erkenntnisgru[)pc aut liire 
Erkenntnis hin prüft, oder, um Kants Bild zu gebrauchen: Der 
Kritizist prüft zuerst die Tragfähigkeit seines SchifTes. bestimmt 
die dessen Leistungsfähigkeit gesetzten Grenzen und handelt je 

• 

nach dem Befunde. Der kritische Denker beginnt mit einer vor- 
urteilsfreien Prüfung seines Erkenntnisvermögens und bleibt sich 
der Resultate derselben bewußt; er überschreitet die seiner Natur 
gesetzten Schranken nicht. Es ist und bleibt Subjektdenker. Ob 
er weiterhin dann dies sein subjektives Wissen beurteilt als 

' ) Für diese Zusammenstellung akzeptierte ich das Schema von Paui sen: 
yEinlcitung in die Philosophie" : Probleme der Lrkcnninistheorie S. 3^ t. 



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KAFiiLL III. 



wesensgleich der Wirklichkeit, oder ob er als Phinomenalist 
Denken und Sein als völlig unvergleicbbar bezeichnet, das Ändert 
seinen Charakter als Kritizisten nicht. Es ist nun allenüngs nicht 
notwendig, daß die Erkenntnistheorie klar und deutlicb durch- 
gebildet sei, wie denn z. B. nach Descartes* Annahme die von 
der Natur geleiteten Weisen des Altertums die Schranken des 
Erkenntnisvermögens beachtet hatten, ohne sich theorelisdi klar 
und deutlich darOber Rechenschaft abgelegt zu haben. Sie waren 
also unbewußt Kritizisten. Descartes stellt sich die Aufgabe, 
I »bewußter* Kritizist zu werden : Er bekämpft vor allem den Dog- 
I matismus, der die dem Erkenntnisvermögen gesetzten Schranken 
durchbricht und die Welt an sich zu denken unternimmt, bewußt 
wie Spinoza oder unbewußt wie das naive Denken. 

Descahtk<5 h l' tr- sjrh seiner Forderung cemäß „einmal" in seinem Leben 
mit den Problcmeu der Lrkenntnistheohe abgefunden, den dabei gewonnenen 
Suuidpunkt des KritizisiDUB m der Folge dann aufgegeben: das ist die Tbese 
Natori-s. Nach Vorgängern Kants forschend, hat er in den „RegulM* Dup 
CARTEs phänoinenalistische Klange gefunden, die einen Dogmati>nius reinen 
Schlages ausscblietten. In bezug auf dessen übrigen Werke akzeptiert er 
aber die hergebrachte Anschauung, so daß nach aemem DafOrlutllen in Dn- 
CARTEs' Denken zwei Perioden unterscliiedeii werden mOaaen: eine kritische 
und eine dogmatische; die Idee Gottes soll zu dieser Umbiegung des 
natOrlidiea Denkens geführt haben.'; Er weist dann weiter auf mehrere 
Stdlen der Meditationen hin, in denen der PhlnoRienalisimw der »R^ulae* 
noch naehwiike. Es handelt sich dabei aber wohl nicht um Nachwirkungen, 
sondern am Ausdrucksformen des närnhcht-n Fundamentes. Die Rcgulae- 
gedankcn bleiben grundlegend fOr alle spateren Werke; Descakies hat den 
dies Fragment beherrsdienden kritischen Standpunkt nicht aufgegeben, soi>> 
dern ist Kritizist geblieben. Wie kam Natorp zu seiner cigentQmlichen These? 
Durch sein Ziel und die dadurch bedingte Methode. Er geht von Kaht aas 
und sucht nach dessen Vorgängern zur Feststellung der Entwicklung des in 
Kant Uar und deutlich sich manifestinenden philosophischen Gedankens. Er 
prüft zu diesem Zwecke die Werke Descarte.s' mit der Kantbrille. Der 
Kantsche „idealistische Rationalismus" ist der Maßstab, niii dem Dkscartes 
gemessen wird. Scheinbar hat Natoki* auch nichts anderes gewollt, da er 
seine Arbdt als eine hisioriseh'krltische angesehen wissen nvüL Damit ist 
er aber Descartes ungerecht geworden, er wttrdigt dessen eigenartige Form 
des Kritizismus nicht und inu6, Descartes von einem iVemden Gesichts- 
punkte aus beurteilend, ihn der bedenklichsten Wider^prüctic anklagen.*) 
Er hat vor allem die Bedeutong der, übrigens schon in den „Kegulae", nicht 
erst in den , Passionen" durdigefohrten Wahrnehmungstheoric flbenehen, 
mit der die Hegels Geist atmende Philusophie^eschichte ttberhaupt wenig 
anzulangen gewu6l hat und deshalb einlach ignoriert. 

' Natokp. a) „Descartes* Erkenntnistheorie", b) Revue de Met. et de 
Morale 1Ö96; deutsch in: »Archiv für Gesch. d. Phil. Bd. X. 

*) Siehe besonders Archiv f. Geach. d. Phil. fid. X i5ff., «3. 



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£SK£NNTNIiiJH£OiiJ£. 



b) Das Wissenschaftssystem. Ist sich der menschliche 
Geist durch eine Prüfung sein^ Erkenntnisvermögens seiner 
Fahlgkeneti kUr und deutlich bewufit geworden, d. h. hat er die 
Erkenntnistiieorie, die in der ersten Regel geforderte „science 
univeradle** (universale sapientia) durdigebüdet und seine Er* 
keuntnlskrflfte durch die Losung einfacher Probleme 2u leicht 
handbaren Werkzeugen durchgebildet , dann kann er an die Ver- 
voUständigimg seines WissoM denken, d h. alle jene Erkenntnisae 
zu enreichen suchen, deren er überhaupt fähig ist Diese erreldi» 
baren Kennbuisse worden Qbersichtshalber in verschiedene Grippen 
oder SpezialWissenschaften ebgeteilt Die einzebe Wissenschaft 
bezeichnet somit den Inbegriff der in einer bestinunten Richtung 
erworbenen und erwerbbaren Idaren und deutlicfaen Erkenntnisse.^) 
Sie unterscheiden sich nur in bezug auf die Richtung, in der äch 
das Erkennen betätigt In bezug auf das Erkennen selbst besteht 
kein Unterschied zwischen ihnen. Keine Wissenschaft ist dunkler 
als die andere^, wenn in deren Durchbildung auch eine gewisse 
Reihenfolge beachtet sein will. Die Erkenntnistheorie liefert die 
Grundlage, bildet aber als Wissenschaft meines Seins, als er- 
kennendem Sein, einen Bestandteil der universellepen Wissenschaft 
der immateriellen Welt ttberhaupt, Metaphysik genannt Dieser 
steht die Physik g^enOber, die Wissenschaft der materiellen 
Welt, die sich in zwei Teile mit mehreren Unterabteilungen 
gliedert, in eine Physik Hrr anorganischen und eine Physik der 
organischen Welt.") Ich erfahre micli als psycho-physisches Wesen; 
Seele und Körper bilden eine Existenzeinheit, und das Studium 
derselben bildet den Inhalt einer dritten, Metaphysik und Physik 
an die Seite zu stellenden, bisher unbekannten Wissenschaft, fl^r 
Psycho-Physik.-') Die Mathematik kann unter dem, diese tin- 
teilune brdingenden Gesichtspunkte nur als Hilfswissenschaft ein- 
geghedert worden; sie liefert kerne Seinserkenntnis, ist aber das 
vorzüglichste Mittel, zur klaren und deutlichen Erkenntnis der 
physikalischen Körper vorzubereiten.*) 

') C XI 204 (Rep. 2). - VII 14 r, 3 {Riep, «nx Obj. Iii 

») C XT ü8of. ;Rep, 12). - Iii 665. 25. 

•) Prmc. (lettre au trad ) — Med. Prtl. — I 144,8 — II 141, ^22 — ÜI 692, 10. 
*) Ol 691 f. — 664f. — P«M. § I. — In der «cheiiiaiücfa«!! DtnteUuiig 

der „Princ ipia" wird die Ttydbo-Fhyak. noch nicht al» besondere IMwen» 
Schaft aufgeführt. 

*) Iii 6Ö6, 11 — 691«, 1^ — 173, jo — VI ai, 81 (Disc Iii. 



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140 



KAPITEL lU, 



Ich bm nidit nur an erkennendes, soadem auch ein wollen- 
des Sein. Zur Erkenntnis, zum Schauen der Wirklichkeit muft 
sich deshalb noch die Sicherheit des WoUens gesellen. Den 
Wissenschaften stehen die Kflnsfe gegentkber oder, da das Wollen 
zugleich ein Wissen ist, den interesselosen theoretischen stehen 
die praktischen Wissenschaften g^nOber, deren es drei gibt: 
Mechanik, Medizin und Moral. Die Mechanik mit ihren mannig* 
fachen Unterabteilungen, wie Dioptik, Akustik usw., erstrebt l in 
sicheres, zielbewußtes Eingreifen in die Körperwelt behufs Er- 
leichterung menschlicher Arbeitslast und sicherer Durchführung 
der Künste im engeren Sinne des Wortes. Die Medizin umfafit 
die für die Erhaltung der Gesundheit des Körpers notwendigen 
Erkenntnisse und die entsprechenden praktischen Vorkehrungen. 
Die Moral endlich ist die Wissenschaft der praktischen Lebens- 
führung überhaupt. Sie hat die übrigen Wissenschaften alle zur 
Voraussetzung, beleuchtet die klar und deutlich erkannten Sein 
und subjektiven Handlungs.lußerun^en In ihrem Verhältnis zu 
memem eigenen Sein und beurteilt sie als gut oder schlecht, je 
nachdem sie dasselbe fördernd oder hemmend beeinflussen.^) 

Die theoretischen und praktischen Wissenschaften vollstänthg 
durchgebildet, das ist die Weisheit und deren Studium nennen 
wir Philosophie. Diese kann also einem Baume verglichen 
werd«'!!, der in der Metaphysik das Halt und Sicherheil gebende 
Wur^elwerk btrsitzt Von der Physik, als dem mächtigen Stamme, 
gehen als Astr die vielen praktischen Disziplinen aus, die sich in 
drei Gruppen zusamnunfassen lassen: Mechanik, Med.izin und 
Moral, diese als dem letzten Grade mcnüchlicher Weisheit.*) 

c) Entstehung und Durchbildung. Df.scartes' Wissen- 
schaftssystem ist keineswegs auf einen Schlag entsLandcn. l)ess("n 
allmähliche Durchbildung läüt sich in den HaupLzügen genau ver- 
folgen. Hierbei möchte ich die märchenhaften Ausführungen 
Baillets Ober Descartes' Jugend- und Studienjahre vollständig 
aufier acht lassen und da einsetzen, wo er, der Leitung der Lehrer 
enthoben, dem Studium der «lettres* den Rücken kehrt, um sich 
den exakten Wissenschaften zutuwenden. Die methodischen Er- 

■) C XI 344 (Recherche). — C XI aoi (Reg. i). — Princ, leitre au trad. 

— VI 61 ff. (Disc VT) - Med I - VU 247. »4 — 35^ ai (Rep. aux Obj. IV, V) 

— siehe auch Baillki Bd. I 165. 

*) Princ. leure sn trad. 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



141 



wägung^ führen ihn zu den bekannten vier Regeln. Mögen die- 
selben anfänglich auch noch nicht in die überlieferte knappe Form 
geprflgt worden sein, deren Geist belebte doch seine ganze folgende 
wissenschaftliche Tätigkeit. Um sie auf ihre Richtigkeit hin za 
prüfen, wendet sich Descartes für kurze Zeit dem Studium der 
Mathematik zu, enthüllt deren Seele und gibt damit scheinbar den 
entscheidenden Anstoß zu deren fruchtbaren Entwickelung. Ver- 
mittelst der so erprobten Methode hofft er nun auch in den 
anderen Wiss^-nsrhaften zu unbezweitelbaren Wahrheiten gelangen 
zu können. Kine Pln'sik mit un bezweifelbaren Waiirheiten als 
Gr'jndiage der mathematisch sicher operierenden, mechanisrhr-n 
Künste wird Descartes' Ziel. Die Welt der immateriellen Sem 
bleibt außerhalb seines Interessenkreises; nicht nur die 1 heologie 
mit ihren das menschliche Erkenntnisvermögen ül)erschreitenden 
Wahrheilen, sondern auch die Metaphysik ist auszuschalten. Da- 
mit ist der Gesichts^ unkt gezeichnet, der DEbCARTEs' Forschen ge- 
leitet zu haben scheuiL bis zum Jahre 1628, da er entsprechend 
eigener Angaben daran ging, zur Kegründuiig der Physik in dem 
Widerstreite philosophischer Anschauungen festen Boden zu fassen. 
„Niemand hat mich bis jetzt eines Wissens aul philosophischem 
Gebiete rühmen hören." M 

Sofern wir Baillet Glauben schenken dürfen, hat Descartes 
schon im Sommer 1628, da er sich wfthrend 5 — 6 Wochen aus 
dem Kreise seiner Bekannten in die Vorortemsamkeit zurflckge- 
zogen hatte, «quelque chose sur la divinitä* in Angriff genommen, 
indessen ohne zu reOssieren.*) Da seine späteren Ausführungen 
ober die Idee Gottes nur ein Moment seiner Erkenntnistheorie 
büdec, mufi in dieser Mitteilung das erste Zeichen seiner erkenntnia* 
theoretische Untersuchungen gesehen werden. Im SpAtsommer 
und Herbst finden wir Descartes dann in La Rocfaelle. »Pour le 
Samt Martin* (11. Nov.) kehrt er nach Paris zurQck, wo bald 
nachher die Versammlung beim Nuntius stattgefunden haben muß.") 
Der Wortlaut des Descartesschen Votums ist nicht bekannt, aus 
den Berichten lassen sich aber Sinn und Geist desselben feststellen. 
Es spricht daraus in erster Linie ein Protest gegen die Scholastik, 



VI 557- 

'} Baout Bd. I 171 — vgl I I44f aa 
^ Baillbt Bd. I issff. 



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142 



DRITTER ABSCHNTTT. 



gegen die formale Logik als MethcKle des Forschens.') Descartes 
wendet sich gegen dip Dialektiker, die im Vertrauen auf die Form 
allein Wahrheiten zu tinden glauben und die Zuhörer durch logisch 
unwid'-rW^e^bare Gedankengebriude zu blenden verstehen. Fr cha- 
rakterisiert die fonnale Logik als ein vorzügliches Mittel, bereits 
erkannte Wahrheiten darzustellen, das aber, wie in der Kunst des 
Lulhis, auch dazu verlühre. formell unbezweifelbar über Dinge 
zu sprechen, von denen man keine Ahnung besitze. Der ge- 
schickte Sophist vermag — argumentiert Descarte.s weiter — niit 
Leichtigkeit 'das Falsche überzeugend als wahr, das Wahre als 
falsch darzustellen, den Zuhörer durch die Kralt tonnaien Denkens 
Ober die Seinswahrheit huiwcgzutäu.schen. Wohl kann die formale 
Logik per Zufall gelegentlich zu neuen Walu lieiu-n luhren, die 
sich dann aber nur sehr schwer aus dem Wüste von Irrtümern 
herausschälen lassen. Sie liefert im Ganzen aber nur Möglichkeiten, 
Wahrscheinlichkeiten, keineswegs ein unbezweifelbares Sach- 
wissen.') Fflr dieses kämpft Descartes im zweiten Teile seines 
Votnms, wie anlaßlidi der penOnlichen Unterredung mit dem 
Nuntius, wobei er auch auf die eminent praktische Bedeutung 
einer solchen natflrlichen Methode fOr Medizin und Moral hinweist. 
Woom auch etwas versdi Wommen, so ist damit doch schon sein 
ganzes Gedankensystem gezeichnet Bald nachher, an^gs De- 
zember, verlsflt Descartes Paris, um fem den gesellschaftlichen 
Verpflichtungen sein Problem durchzudenken.*) Ende Mftrz 1609 
finden wir ihn m Holland, wo er in der ersten Zeit die „meta* 
phynscfae und ungewöhnliche** Grundlage wtasneac Phjrwk konzi- 
piert^, aber erst später zur Klarheit und Deutlichkeit durchgebildet 
zu haben scheint Sie beschiftigt ihn Dezember 1609, wie auch 
Ende Norember 1630, wie die Briefe verraten.') Im Disoours de 
la Methode (cbi^. 4) skizziert er dann semen LOsungsversuch, 
um ihn endlich in den „Medilationes" und im ersten Teil der 
„Prinzipia", zum Teil erst in den „Passionen" ausführlicher dar- 
zustellen.^ Die Briefe beweisen auch hinlänglich, daß ihn das Er- 



*) Vn i56->ao5 (Rep. aax Obj. II, V). 

<) Bauxet Bd. I 162 — vgl. C XI 206, ai7, 055, 095 (Reg 9^ 4, XC^ 14). 
^ C XI lao <lctire ä Vo€t). — Disc. UL 

«) Ditc IV — 1 laa, la 

*) I 86, 1, man beachte auch I ^5,9 (g. OkL itfag) — I zte, 13. 
*) Siehe unten: »Werke*. 



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H3 



kenntnisproblein immer wieder beschäftigt hat, daß sich immer 
und immer wieder Gelegenheiten ergaben, die ihn auf dasselbe 
zurOckzukommen zwangen^); aber den eigentlichen Mittelpunkt 
seiner Interessen, eigentliches Forschungsgebiet scheint es doch 
nur während der Jahre i&zS'^g gebildet zu haben. 

In der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Holland habe er 
grundsätzlich dazu Stellung genommen.-' Wir haben keinen Grund, 
an seiner Angabe zu zweitein, er habe sich demselben erst 1628 
zugewendet, anderseits wissen wir aber auch, daß er bereits schon ira 
Süiiuner 1629 die Physik in Angriff genomin^^n liat '> Mit der gnmd- 
sätzlichen Durchbildung seiner Krkenntnisilicui le muü sein ganzes 
Wissenschaftssysteni als gedanklich durchgebildet betrachtet werden, 
wenigstens stnveit es in den „Prinzipien", d. h. in dem als \ üi wort 
dienenden Briefe an den Übersetzer skizziert wird, in der Form, 
in der es auch als Arbeitsplan für den im Herbste 1629 in An- 
griff genommenen, aber nicht durchgeführten ,,Le Münde" gedient 
zu haben und in dem Fragmeuie; „La Recherche de la verit^** 
erhalten zu sein scheint/) Später erst, nach der Durchbildung der 
„Prinzipien", ist auch noch die Psycho-Physik als selbständig 
WisBenschaft in den Systemzusammenbang eingegliedert worden. 

Wie ist die Physik als Wissenschaft möglich? Diese Frage 
bildet den Ausgangs- and Mittelpunkt der erkenntnistheoretischeiL 
Unteraochungen Descartes*. Zur Losung des Problems muß er 
Aber ein frOher der Theob)gie sugewiesenes Gebiet des Herr- 
schaftsrecfat der Philosophie erklären. Er nimmt eine Grenischei- 
dung vor, teilt das von der Theologie in Anspruch genommene 
Gebiet m zwei Teile: einen noch im Bereiche allgemein mensch- 
Ucfaen Ericenntoisvennflgens lieg!enden und einen dieses Ober- 
schreitenden Teil Ersteren bezeichnet er als Hetaphysiki letzteren 
als Theologie hn engeren Sinne.*) Ab sich Descartes den Fragen 
der Ezbuenz Gottes und der Unsterblichkeit der Sede zuwandte, 
war sein 2äel kein theobgisch-moraUscfaeSp sondern «n erkenntnis- 
theoretisches. Der Gottesbeweis bildet nur ein Glied seines, das 
Eristenzial- und das Erkenntoisproblem losenden Gedankenganges. 



•) Disc. IV. 

I »3.3 - 70.8 «nr. 
^ S. imteii* jfWnkc*. 



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»44 



KAPITEL Iii. 



Ist dieser sach logisch unanfechtbar? Ich Henke keineswegs zu 
fragen, ob er für uns unanfechtbar sei, sondern ob vr unbe- 
zweifelbnr gewesen sei für DLbCARiEs, und die Antwort lautet: 
^ Ja und Nein. Die Existenz der Körperwelt ist so evident, daß 
nur ein Wahnsinniger praktisch daran zu /.weifein vermöchte. 
Nur logisches Wissen ist aber nK'güch. Ich bin ein individuelles 
denkendes Sein und bedarf deshalb einer logischen, d, h. meta- 
physischen Sicherheit, dalJ eine wirkhche Welt außer mir existiert, 
I Descartes bezeichnet nun seinen Beweisgang, mit der Idee Gottes 
als Hauptglied, als den einzig möghchen. Der Atheist wird des- 
halb niemals zu einer. Wissenschaft, d. h. zu einem unbezweifel- 
baren Wissen vorzudringen vermögen, sondern dem Skeptizismus 
verfallen, sofern er konsequent denkt*) FOr Descartes handelt 
CS skh dabei im Grande gaMmunen nur um eme Bestätigung 
'der inneren, unmittelbaren Kfahrung . Diese war zu sdiQtzen gegen 
die Konsequenzen seines Grundprinzips, dafi ich eine Substanz 
bin, deren Wesen im Denken besteht. Von der Seite der Erfahrung 
aus betracbtet mag deshalb der Beweis als genügend angesehen 
werden; er war es scheinbar aber nicht fiSr Descartes als reinen 
Logiker. Fflr diesen war er nur der best-mOgliche Beweis, aber 
nicht der unbezwdfelbare, uneracfadtterlicbe. Nachdem er z. B. 

« 

im '„Disoours", in den „Meditationen" und im ersten Teile der 
„Prinzipien" mit Hilfe der Idee Gottes alle Angriffe auf die Sicher- 
heit des Wissens zurQckgewiesen hatte, bricht im Epilog der 
„Prinzipien" doch wieder der Gedanke durch, die Welt sei viel- 
leicht doch anders beschafien, als wir sie zu erkennen vermögen, 
unsere Welterkenntnis sei nur Wahrscheinlichkeit^ Diese sicep- 
tische Stimmung gegenüber seiner „unbezweifelbaren'* LOsimg des 
Existenzialproblems kommt auch in seinem letzten Werke, in den 
„Passionen" zur Geltung, wenn er § aB z. B. schreibt: „Es gibt 
Perzeptionen , die wir auf aufier uns li^eade Objekte beziehen, 
und diese bilden die Ursache unserer Ideen, sofern unsere An- 
nahme nicht falsch ist." Dieser Bedingungssatz wird der sacb- 
k^ischen Wahrheit: cogito eigo sum niemals beigefügt. 

Die Physik war Descartes' Ziel, und nur zu deren „befrie- 
digenden'' Durchfiahrung sah er sich veranlaßt, auf das Gebiet 



■) VII 428. 1 - 548fl. - 348,» (Rep. <M' VI, Vn, V). 
') Siehe Amnerkg. 1, S, 104. 



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ERKENNTNISTHEORIE. 



der Metaphysik hinüberzugreifen. Seine Mita[ hysik wai ( ii;f nt-|| 
lieh Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Dies kommt deutlich 
zum Ausdruck, wenn er seine , Meditationen" als Grundlage seiner 
Physik bezeichnet'), oder wenn er schreibt: „le principal hut de 
ma Metaphysik est de faire entendre quelles sont les choscs qu'on 
peut concevoir distinctement".^) In der ersten Zeil seines Auf- 
enthaltes in Hulland l^aL Df.scartks eine Abiiandlung über die 
Metaphysik in Ani^nft gcnomüieji, aber bald nachher beiseite ge- 
legt und erst 1639 40 durchgebildet. Wäre wirkiicli die Meta- 
physik sein Ziel gewesen, wie ließe sich dann ungezwungen er- 
klären, daß er durch das für einen Metaphysiker so unbedeutende 
Phänomen der Nebensonnen zu diesem zehnjährigen Unterbruch 
seiner «metaphjrsiscben* Studien gefohrt worden wäre, nachdem 
ihm eben die Ezisieiu: Gottes ebenso evident geworden war wie 
nur irgend ein geometrischer Beweis?*) Dafi sich Descartes im 
Gegenteil nm* mit einem gewissen Unbehagen diesem Gebiete 
menschlichen Denk«» zugewendet hat, beweisen einige Brief- 
stellen ^ Einleitung des vierten Teiles des »Discours 
de la Methode" spricht wohl keine Ironie*^ wenn es heiflt: i»Un- 
gern nur gehe ich auf die Betrachtungen ein, die ich anstellte, wie 
ich hierher gekommen bin. Sie sind nämlich so metaphysisch und 
so ungewöhnlich, dafi ste nicht nach jedermanns Geschmack sein 
werden. Damit sich aber jedermann ein Urteil bilden kann, ob 
die Grundlagen meiner PhikMophie hinreichend sicher sind, mufi 
ich davon sprechen." 

In diesem Zusammenhange wvd denn auch erkürlicb, warum 
sich Descartes in saner »Metaphysik* auf so waiige Punkte be- 
besdir&nkte. Obwohl er in den Briefen dann und wann einen 
Schritt aber die sich selbst gesetzten Schranken hmauswagt, in 
seinen fbr die OfTentlichkeit bestimmten Werken hüllt er sieb 
vollständig ins Schweigen in bezug auf alle metaphysischen Fragen, 
die dem Erkenntnisprobleme fene stehen oder dasselbe nur 



<) Med. Pref. - Med. V (Schlufi) - VI 31,18 (Dwc IV)^ m 992,31 - 

*) m ifA3 (3a SepL 1640). — vgL i 390^9^ 

*( I 144 n. 

I 86, 8 143 — W ^• 
*) Natorp in „Archiv f. Gesch. d. Ph." X p. ao. 
JongBiaan, R«b^ De«cartei>. 



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146 



KAPITEL in. 



tangiereii. Die Ericenntnistheorie bildet for Descartes einen Teil 
der Metaphysik; er ist Hetaphysiker nur insofern und insoweit er 
Erlrenntnistfaeoretilcer ist^, so dafl sich — um Mißverständnissen 
vorzubeugen — vieUeicbt Oberall der Terminus »Erkenntnistheorie* 
einsetzen liefie, wo er von Metaphysik spricht 



Piinc Otttf« M truL). 



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Kapitel IV. 



Die Wissenschaften. 

L IMe theoretischen WiMenechaften. 

A. Die Metaphysik. 

Sie lafit tkh definieren als Wissenschaft der inunaterieUens 
Wdt Die geistigen Sein bilden den Gegenstand ihrer BeCmch- 
Inng, insdeni und insoweit sie dem menschlichen Erkenntnis-' 
v er m ö g e n aberhaupt zugänglich sind. Anfänglich scheint Des- 
CARTES dies Gebiet vollständig aus dem Krase seiner Forscher- 
Mtii^eit ausgeschaltet und nur dem Zwange der Notwendigkeit 
gdUNTchend, d. h. gegen seinen Willen, sich demselben zugewendet 
SU haben. Um die Physik als Wissenschaft zu begründen, mußte ' 
er Metaphysilcer werden. Die Metaphysik im Sinne und Geiste ' 
Descartes bildet nur die notwendige Grundlage seiner Physik 
und ist auch nur soweit durchgebildet, als sie Erkenntnistheorie 
genannt werden kann. In dem Systemzusammenhang erscheint 
sie aber als selbständige Wissenschaft neben der Physik und 
wird in den „Meditationen" auch unter diesem, der Richtlinie 
seines Denkens eigentlich fremden Gesichtspunkte des System- 
zusammenhanges beleuchtet, befreit von den Spuren der Forscher- 
tätigkeit, herausgelost aus dem Wissenschaftsbetrieb, an sich 

lO* 



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148 



KAPITEL jy. 



seiend, isoiitrt, zur Klaiiioi und Deutlichkeit durchgebildet. Wir 
dürfen uns durch die Form nicht läuschen lassen. 

Diese hat auch dazu geführt, Descartes als den eigentUchen 
Zweifler, als Skeptiker aufzufassen. Nichts steht ihm aber femer 

^il« (fie Skepsis. Sein Zweifel beteidmet kein Zweifeln an der 

f Wahrheit, soodern itt du Aindnid^ krttiaebefli Dealnnsi ein 
Mittel, jun die Vorurteile leichter mCmdeckeii und damit ndieref 
Äur Wahrheit zu gelangen. Descartes zweifelt mcbt; er krici- 

Uiert, prüft, Qberlegt, und in den «Meditationes* wie im ^iaoonrs' 
zwingt er den Leser durch die Kraft der DarateUung, krititch 
ttberlegend mit ihm durch das Gestrüppe falscher Anschauungen 
zur Wahrheit v<»7udnngen. Er stellt in diesen Werken mcht 
einfach die Resultate seines Denkens dar, sondern deren Werden. 
Wir sehen nicht starre Sein, sondern ein Gesche h en; aber ob 
diesem Geschehen resp. Miterleben vengifit man gar zu leicht den 
hihalt Das Geschehen, das Zweifeln erscheint ab Hauptsache, 
man Qbeisieht darab die Wahrheiten, die wie an einer Leitsdmur 
gleich Ferien aneinander gereibt werden. Wir dflrfen uns durch 
den kOnsderischen Faktor seiner Darstellung nicht verfahren lassen, 
sondern müssen die Form durdbbrechend das »unpoetische* Sacb- 
denken herausschälen; denn nur um dieses ist es ja Descartes 
zu. tun. Ob dem Literaten Descartes dflrfen wir den Philo- 
sophen nicht vergessen. >) 

Die Metaphjwk ist eine Wissenschaft des reinen Verstandefli 
de rintelligence pure, d. h. sie mufi ohne Zuhilfenahme der körper- 
lichen Erkenntnishilfsmittel: Einbildung und Sinne, durchgebildet 
werden. Damit erklärt sich denn aber auch die Erfahrungstatsache, 

, daß wenige Personen ebensogut metaphysisch wie physisch zu 
denken ^^r^lö^;('^, daß hervorragenden Physikern und Mathe- 
matikern dir Faliif^krii des reinen, „unkörperhchen" Denkens bei- 
nahe abt^rht, \\ähr' nd umgekehrt jene meist nur unbeholfen und 
mangellKilt korp^rrlich denken, die die i*aliigkcit des reinen, ab- 
strakten Denkens zur h(H [istt n tnttaitung durchgebildet haben -) 
Wer ernbüich nach der Wahrheit strebt, muß einmal in seinem 
Leben die erkenntnistheoretischen, d. h. die dem menschlichen 

*) i3S<^ii — ass«. — u 38.39 — 0147:^8 — IV 536,30 - 63,36 — 

<S".5 — 407.5 — C 10,107 (Notac) — Vn 171,18 — 849,1 — 460^10» 481,4 
— 54^.3 (Rep- »ux Obj. III, IV, VU). 

*j Phnc (lettre ii EUs.) — II 570, 18 — 596, 2a — 602, 13 — IV 46^6. 



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DiE msSENSCHAFTEN. 14g 

Geiste zugänglichen metaphysischen Probleme durchdenken. Es 
•cheint aber kein Vorteil zu sein, sich zu lange damit zu beschif» 
tigen, die Fflbigkeiten des einbildenden und empfindenden Denkens 
zu lange auszusetzen. Man denke sich dieselben einmal klar 
und deutlich durch und verwende, die gewonnenen Resultate ira 
Gedächtnis festhaltend, den Rest des Lebens auf das Erforschen 
jener Wahrheiten, die nur mit Hilfe der Einbildung und der Sinne 
erworben, klar und deutlich gedacht werden können '1 

Df.scartes' Metaphysik darstellen wollen, hieße wiederholen, 
was in dem vorhergehenden Kapitel von dem sein Forschen 
leitenHen Gesichtspunkte aus zur Darstellunt; L;rkoTTimen ist Ich 
kann mich deshalb hier auf diese allgemein orientierenden Be- 
merkungen beschränken. 

B. Die Physik. 

a) Erkenntnistfaeoretiscfae Grundlage: Ich bm ein den», 
kendes Sein und erkenne mich als solches wesensverschieden von 
jener Substanz» Ober welche ich nur mit FfiUe des einbildenden 
und empfindenden Denkens orientiert werden kann. Es handelt ^ 
sich dabei um ein ausgedehntes Sein, an sich unerkennbafi aber 
perzipierbar und in diesen Erscheinungsformen auch denkbar. 
Das ist Descartes' Antwort auf die Frage: wie ist die Physik als 
Wissenschaft mOgüch. 

Ehe ich mich derselben selbst zuwende, suche ich die ein«^ 
zehien, auf die KOrperwelt sich beziehenden Denkelemente klar 
und deutlidi zu denken, unbekQnuiort darum, wie sie erfahren 
werdeu. Neben den allen Substanzen zukommenden Ideen der» 
Substanz, der Zahl, der Dauer usw. gibt es nur einige wenige 
Denketemente, in denen die materielle Substanz weiter noch seiend 
erkannt wird und die als die sie charakterisierenden Erscheinungs- 
formen angesehen werden mOssen: die Ideen der Ausddmung, 
der Gestalt und der Bewegung.*) Diese sollen vorläufig speziell 
geprOft, klar und deutlich durchdacht werden, wobei aber nicht 
veigessen werden darf, daß sie niemals isoliert existieren, sondern 
eben nur verschiedene Denk-, d. h. Erscheinungsformen der Er- 
fahrungseinheit repräsentieren. 

Die sinnlich existiwend erfabrbare Substanz erscheint immer 

*) m «^9 — Princ. I 4R. 



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KAPITEL m 



unter der Form der Ausdehnung in die Länge. Breite und 
Tiefe, so verschieden auch die übrigen Perzeptionsinomente sein 
mögen. Sie repräsenliert das Wesen d' r Substanz, des Seins an 
sich. Wohl perzipiere ich auch Subslajueii, die nicht ausgedehnt 
sind, aber niemals habe ich die Perzeption der Ausdehnung ohne 
die Perzeption einer Substanz. Einem Nichts kann niemals ein 
Attribut seiend zugeschrieben werden ') Logisch lassen sich zwar 
die beiden Ideen; Ausdehnung und Substanz (oder Sein) klar und 
deutlich trennen. Die Scheidung ist auch üblich, und die isoliert 
gedachte Idee der Ausdehnung wird speziell Raum genannt. Sie 
kann aber niemals existierend gedacht werden ohne die Idee des 
Seins, d. h. der Substanz. Für den Realitätsdenker repräsentiert 
also die Idee der Ausdehnung immer ein Sein an sich; für den 
Sacblogiker schließt die Annahme eines leeren Raumes einen 
logischen Widerspruch in sich; denn das hiefie ein Sein nicht* 
seiend denken. Das Vakoiim ist somit denkunmOglich, nichtseieiidi 
ein Unding, eine Chimftre. Handelt es sich aber dabei nidit um 
eine Tatsache der Erfahrung? Keineswegs; das Wort Jeer* hat 
nur rdative Bedeutung. Wir noanen einen Raum leer, vrenn 
wir in demselben nicht jene Objekte finden, die wir erwarteten, 
oder wenn die Bewegung eines Körpers in demselben weder ge- 
hemmt noch gefordert wird.^ 

WanrELL berichtet in seiner .Geschiebte der indakt. WisMBicInlfeeB*, 
Bd. II 139 — allerdings ohne den Gewährsmann ztJ nennen — Descawtks 
habe seine Physik anfiknglich auf die Hypothese des leeren Raumes aufjgebaut 
und sefai System splter umgearbeitet Diese Angabe erhilt eine aicfaere 
Stütze in dem ßricTe vom 8. Oktober tSag an Mersenne*), wenn et dftheiflt: 
„Pour la Rar^faction, je suis d'nrford avec ce Medecin*), et ay maintenaat 
pris party toucbant touales fondemeos de la Philosophie; inais peut-estre qae 
ie n'ezplique pas V Aeiher «mime luy*. Daraus geht doch nnzweidetttig her» 
vor, daß Descartes den das Vakuum ersetzenden Äther frtther noch nicht 
in seine Physik aufgenommen hatte. Damit i.st aber keineswegs gesagt, er 
bitte froher das Vakuum akzeptiert, obwohl er als echter, der Philosophie 
noch ferne sieheader Empiriker resp. .mathematischer Physiker* demaelben 
nidit abhold gewesen sein möchte. Betonen wir die Mittetinng des .Discoura*, 

') vidc p. 71 ncbbt Anm. 2. p. 72 — Prmc. 1 52 — V 40-^ 
Prine. I i6rr., III lao, lao IV ai — IV 399^ 6 - aa^^ 4 — V ajif. — 
345» 9 — vgL I 140. 6 — 294, II — II ai I, 24 — ni 75, ao — 60 — IV ^1 — 
700, II — V 223, 30 — 403, 12 — C IV 934, aga 

*) 1 35, 9 an Mersenme. 

*) Man wird dabei wohl an Cmaionmix tu denken haben, den Referenten 
der Versammlung beim Nuntius. Ich sehe kcmeawega dUi warum Tauhbiiy 
1-30 einen anderen Mediziner sudit 



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DiE, WiSSENSCHAFTEN. 



er habe sich erst in Holland in bezug auf die philosophische Grundlage der 
Physik 2U befriedigender Klarheit darcbgenmgen, vorher, d. b. vor 1609 habe 
ihn nieaiand eines Wissens aof philosophischem Gdiiete sich rflbmen hflnen, 
so erscheint die Annahme wahrscheinlicher, er hüte sich frflher aber diese 
Frage Oberhaupt gar nicht entschieden. Witfwfi.i.s Bemerkung wird also 
in der Hauptsache wohl zu recht bestehen bleiben, nur der „gehässige'' 
Ton ist ihr la nehmen, wie er namendich ans dem Folgesatz spricht, Ites- 
CARTEs hatte den leeren Raum deshalb anfg^eben, weil er in Paris nidit 
mehr Mode gewesen sei. 

Lasswitz, „Geschichte der Atomistik", Bd. 11 96, bekämpft vor allem 
diesen gefaisngen Ton, dann aber auch die llitleiinng selbst, weil me sich 
auf keine Beweise stütze. Es kennt aber scheinbar obige, entscheidende 
Bricfötell«^ nirht, und seine Gegenbeweise sind unr jrrichend. Die Bemerkung: 
fJCine Vorliebe wird er für den leeren Raum kaum je gehabt haben*', beweist 
so wenig wie iS» Fortsetzung: „Bd seinem Fortgange von Paris hatte er a^ 
jedenfsBa schon gegen denselben entschieden: denn damals war die Gnuld» 
läge seines Systems bereits festgestellt und diese schloß den leeren Raum 
aus.** Übrigens bricht Lxsswrrz selbst die Kraft seiner Behauptung, wenn er 
ans dem Briefe vom 15. April 1630 il 140. 6J noch glanbt einen Zweifd 
DiBGARns' in der Vakuumfrage heraushören zQ mflsaen; zwar mit Unrecht» 
namentlich wenn man fiifsc Briefstellc im Zusammenhang liest mit der un- 
streitig damit in Zusammenhang stehenden Stelle 1 119^ 2. — Gegen seine 
These argumentiert Lassmiz weüeiliin andb, wenn er Bd. II 93 bemerkt, hl 
fjbt Monde" von 16,^ werde die Möglichkeit des leeren Raumes wohl be> 
stritten, der Ausdruck sei aber viel hypothetischer gehalten al- 7. B. in den 
nPrinzipia". £r stOtzt sich dabei auf die Stelle C 4, 334. Von einer hypothe- 
tischen Fassnng in seineni Sinne Icann hier aber Icanm die Rede sein. Dn- 
Cantsa sagt doch nur, daO die verlier anfgeslhlten, von den Sinnen klar und 
deutlich gelieferten Tatsachen zwar noch nicht beweisen, daß es keinen 
leeren Raum gebe, daß die Abhandlung aber zu umfangreich würde, wenn 
er die eigentlichen, die Negation dessdben verlangenden Grflnde anflHhreii 
wdlte (vgl. 1 140, 9, 15). Daraus spricht doch sadiHch kein Zweifd. Kann 
man tlbrigens die Annahme des Vakuums auch formell schärfer verurteilen, 
als dies wenige Seiten vorher imd nachher geschieht? C 4, 231, 2^ wo es 
«. Bi. heifit: «4^ vide — n'est en effet qn* nne chimaire". llaa 1 238, 9 
(Oktobo* oder Nov. Mais ie eroy qn*on ne sqturoit supposer le vnüle 

Sans rrmir Km?.: Descaktls ^nt erst 1629 gegen das Vakuum Stellung 
genommen : in den spAter entstandenen Schriften begegnen wir in dieser Be- 
xiehung keinem Sehwanken mehr.*) 

In jeder sinnlichen Erfahrung finde ich die Teilperzeption 
eines ausgedehnten Seins. Die sinnlich erfahrbaten Dojekte sind 
also ihrem Wesen nach gleich. Die Himmt-l sind wesensgleich 
der Erde, und wenn es auch unt^e^nhlte Welten geben sollte, ich 
würde sie immer unter der iiamlichen Form der Ausdehnung 
seiend erkennen. So weit meine Sinne reichen, erialire ich immer 

VI 557. 



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KAPiTEL JK 



die eine, nämliche Substanz seiend '). Ist sie endlich oder unend- 
lich? Die Erfahrung gibt darauf keine Antwort, ebensowenig das 
Raisonnemeat. Die Erfahrung bat noch kein Ende erreicht; ich 
kann aber aiidi kern Ende «knken; denn gedankUdi werde ich 
hmner weiter und weiter gewiesen. Umgekehrt Iflfit rieb aber 
audi angesichts der «kannten Endlichkeit meines cjicenntnis* 
Vermögens die Unendlichkeit weder bejahen noch venwinen. 
Weder die Annahme der Endlichkeit noch jene der Unendlichkeit 
der aasgedehnten Substanz ist deoknotwendig, das Problem so- 
mit unlösbar. An Stelle der Alternative: ,fini ou infini* setze ich 
ein «indefini*, ein »unbestimmbar**). 

Mittels der Sinne erfahre ich eine einzige ausgedehnte Sub- 
stanz, eine Wesenseinheit ezisti«'end. So verschieden die Obrigen 
lErscheinungaformen sein mOgen, sie können nur als Modifikationen 

• der Ausdehnung seiend gedacht werden und niemals Wesensvei^ 
schiedenheiten repräsentieren. Qualitative Unterschiede sind nicht 
denkbar ohne logischen Widon^ruch; rie sind denkunmöglich, 
ntcbt-seiend^ PrQfen wir nun, wie die eine ausgedehnte Sub- 
stanz difFerenziert gedacht werden kann. ErfahrungagemflB und 

* gedanklich erkenne ich sie als teilbar Ob endlich oder unend- 
lich, auch diese Frage bleibt unbeantwortbar. Die unendliche 
Teilbarkeit bejahen oder verneinen wollen angesichts der End- 
lichkeit meines Seins wflre ein vermessenes Ansinnen. Aber auch 
die Annahme der Endlichkeit ist nicht denknotwendig: denn so 
weit ich gedanklich teile, gedanklich sind die Teile immer noch 
weiter teilbar; eine Grenze der Teilbarkeit wird logisch niemals 
erreicht. Also auch in bezug auf die Teilbarkeit der ausgedehnten 
Substanz sind die positiven Angaben: „endlich oder unendlich" 
durch ein „unbestimmbar" zu ersetzen. Daraus ergibt sich als 

^Konsequenz, daß Atome als letzte, unteilbare Teile gedanklich 
zwar wohl möglicli, aber nicht denknotweiidig sind. Für unser 
menschliches Denken scliUeÖt deren Aonabme somit einen logischen 
Widerspruch in sich^). 

') V ide p. 95 . IV 570, 13. 

*) vidc p. 96. 

■) in 6.^, 4 ~ 500, 10, 24 - 505, 4 — 430. 24 — VI 42, 30 — 1 109, 6 
— aitf^ai — VII 255, 21 — 44off. (Rcp. aux Obj. IV, VI). — C XI, 2638". — vide 
auch p. 75. 

*) Princ. II 2off., IV 20a ff. — VI 238, 27 — III 370, 3 — 191, 16 — 
V 273, ao ^ C iV aarjS etc. — . VII 107, 1 — iia, l^ (Rtf. aux Obj. I) 



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DIE WISSENSCHAFTEN. 



Die Teilung der ausgedehnten Substanz bedingt die ver- 
schiedenen Gestalten. Die Idee der Gestalt bildet ein Element 
einer jeden Objektperze{)tion. Ich kann keine Gestalt an sich • 
existierend denken ohne die idee der Ausdehnung; nur ein aus- 
gedehntes Sein läßt sich gestaltet existierend denken. Umgekehrt 
aber ist die Idee der Ausdehnung klar und deutlich existierend 
denkbar ohne die Idee der Gestalt. Das ausgedehntp S^^in muß 
also nicht, kann aber gestaltet sein. Das logische Element: „Ge- ' 
stalt" repräsentiert somit eine Modifikationsniöc^lirlikeit der aus- 
gedehnten Substanz. Die Zahl der möglichen Gestalten bleibt 
unbestimmbar, und ebensowenig wie die Annahme von Atomen 
ist die Annahme konstanter Gestalten eine Denkaotwendigkeit; 
sie schließt einen Widerspruch in sich'). 

Während ich mit der Idee der Gestalt gleichsam die Resul- 
tate der Differenzierung des ausgedehnten Seins perzipiere, repräsen-^ 
tiert die Idee der Bewegung das Differenzieren selbst, also k(Mn 
Sein an sich, sondern einen Zustand, deni die ausgedehnte Sub- 
stanz unterworfen ist, ein Übergeführtwerden von einem Orte in 
emen anderen. Was gleichzeitig übergeführt wird, perzipiere ich 
ab EinzelkOrper. Unbeschadet der eigenen Bewegung kann ein i . 
Körper zugleich an mehreren anderen Bewegungen beteiligt sein;' 
wie 2. Bw die Rflder der lAir des Seemanns die Bewegung des 
ManneSf des ScbiiFes, des Meeres und der Erde zugleich mit* 
machen, ohne daß ihre Eigenbewegungcn dadurch beemflufit 
würden. For ein volles Verständnis der Seinszusammenhflnge 
mossen diese Komplikationen entwirrt werden. Betrachtet man 
aber den einzelnen Körper unabhängig von den anderen Er- 



Sept. 1640 (III 19X, i6j bezeichnet DncjfliTES die Annahme von Atomen 
als eine contradictio in adjecto In ,1 »• Monde" Ton ißT|^ wo er auf seine 
Korpuskeln, tl. \\. aul die tauäclilicli anzuuehinendeu, gedankiicli und de fakto 
immer nodi weiter teQbaren kleinsien Teflcheo so sprechen kommt (C 4, 397), 
heißt es aber: „Si vous daignez regarder ces petits corps qu'on nomme com- 
munement des atomes", und einige Seiten vorher und nachlier (C {, 231,239) 
nennt er dieselben direkt Atome. Angesichts der Bnetstellc i 140, 3 (15. April 
S09o): „fl ne f«ut pts imaginer comme des atomes** darf aber aus der ^Le 
Monde-Sprache" kaum erschlossen werden, Descaktes habe sich erst nach 1633 
gegen die Atome entschieden. Wie die oben zitierte Stelle C 4 -z-i-] d^-ntlich 
beweist, verwendet er in diesem, im Konversattonsstii durchgeiuhrtcu Werke 
wohl deo herkAmmfichen, allgemdn gebriuchlichen Terminus, unterschiebt 
Oun aber seine tqwddlo Bedeatung. 

») Prfac I 53t, n 90^ 34 — DI 475, I — C IV aas 



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154 KAPITEL jy, 

fahrungseinheit(-n, so ist natürlich nur der ihn charakterisierende 
Zustand ins Auge zu fassen*). 

Jede Erfahrungbcinheit repräsentiert eine Diffcrenzierungs- 
d. h. Zustands- oder Hewegungseinheit. kann also kein Einzel- 
körper existierend gedacht werden ohne die Idee der Bewegung, 
und ich perzipiere ihn als solchen, so lange er in diesem Zustande 
verharrt. Ein ruhender Körper ist eigentlich undenkbar. Mit dem 
Begriffe der Rahe bezeichnen wir nur ein ViThältnis, eine Rela- 
tion. Denke ich mich z. B. auf einem Einzelkörpcr seiend, so 
bleibt er im Verhältnis zu meinem Sein ruhend, während mir alle 
anderen Objekte als bewegt erscheinen werden. Er wird mir 
abtf mfcnt audi als bewegtes Sein erscheinen, wenn idi mich auf 
einem anderen Körper seiend denke. Sachlogisch gibt es also nur 
bewegte, keine ruhenden Einzelkörper 

Die eine, ezistiereiid eriahrbare ausgedehnte Subatanx er^ 
kenne ich als ein im Zustande der Teilung seiendes, d. h. be- 
wegtes Sein an sich. Repräsentiert die Idee der Ausdehnung 
deren Wesen, so repräsentiert die UmversaUdee der Bewegung 
deren Zustand. Wie die Erhaltung derselben als Sein, so wird 
. nun auch die Unverflnderlichkeit ihres Zustandes verborgt durch 
' die Erkenntnis, dafi deren Schöpfer Gott ist, d. h. dn unendlidi 
vollkommenes, also ewig unveränderliches Sein. Die Quantität 
der Bewegung ist somit ein konstanter Faktor im WeltengesdiehenO> 

— Eine nShere Prflfung der Idee der Bewegung führt uns zur 
Erkenntnis mehrerer, immanenter Wahrheiten, Bewegungsgesetze 
genannt«):*!. Sie rq>ra8entiert weder ein Sein noch eine intensive 
Grofie, sondern einen Zustand des Seins an sich. Der einzelne 
Körper bewegt sich nidit aus eigenem Antriebe, Sondern mufi in 
diesen Zustand versetzt, d. h. bewegt werden*). Da es keinai 
leeren Raum geben kann, muß jeder bewegte Körper auf einen 
anderen stoßen; damit bildet sich eine Kette bewegter Objekte, 
die immer wieder auf den Ausgangspunkt zurOckfObrt, in weicher 

') Pnnc. 11 23ff. — C IV, aogff., aaoflf. — C Xi, 193 fl. — III 648 - 650, 3 

- V 4fQ. afi. 

') Damit war Descar ies auch die MQig^chkeit gegeben, den helio- 
zemrischen Standpunkt in den »Principia" einigermaßen zu verkleiden, ihr 
die Schroffheit der Erscheinung zu nehmen. Princ ili 29— V 550, 8. — Princ II 37. 

•) Princ. ü 3(6 — n 543 — IV 398, «5 — V 403, aB — 405. a. 

«) Princ. II söff. -IV yAtVS— 468ff. 

*) Princ. — CJV, 804 — HI «iSff. 



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DIE WISSENSCHAFTEN. 



155 



Form das immer geschehen mag*). Der einzelne Körper ver- 
ändert seinen Zubiand nicht aus eigenem Antriebe, sondern ver- 
harrt iii demselben, bis ein iVnstoß zur Veränderung erfolgt. Das 
ist seine natürliche Trägheit'). Diese wird je nach dem Gesichts- 
punkte Widerstands* oder Bewegungskraft genannt. Betrachte ich 
nlmliGli einen Körper als einen Anstoß erleidend, dann nenne ich 
ihn ruhend und seine natflriiche Trflgheit Widerstandskraft Be- 
trachte ich ihn aber ala einen Anstofi bewirkend, dann bezeiduie 
idi ihn als bewegtes Sein und seine natfliliche Trfl^ieit als Be- 
wegungskraft. Ich kann aber auch zwei Körper als bewegte Sein 
ins Auge fassen und sage dann, dafi sie aufeinander einwirken» 
sich aber audi gegenseitig Widerstand leisten. Ihre Bewegungs- 
kraft ist also zugleich Widerstandskraft, d. h. sie leisten sich 
Widerstand nach dem Mafle ihrer Bewegungskraft. Durch den 
Terminus: JCraft* darf man sich aber nicht beirren laasen, Son- 
den muß sich dessen wohl bewuflt bleiben, dafi damit kemeswegs 
eine intensive GrOfie bezeichnet sein will, sondern nur ein Zu* 
Stande* a. Erhilt ein Körper einen Anstofi, so bewegt er sich 
im Sinne des Anstofles in gerader Richtung und behält diese Rich- 
tungstendenz so lange bei» bis er durch äufiere Beemflussung ab- 
gelenkt wird*). 3. Ist die Bewegungskraft eines Objektes kleiner als 
die Widerstandskraft eines anderen, ihm in den Weg tretenden 
Objektes, so wird tr anstofien und zurOekprallen, d. h. die Rich- 
tung Andern, ohne etwas von seiner Bewegung einzubOfien. Ist 
aber seine Bewegungskraft größer, dann wird er denselben mit 
sich fortreißen und dabei von seiner Bewegung so viel verlieren, 
als der andere zur Mitbewegui^; bedarf. Sieben verschiedene Fälle 
der Begegnung zweier Körper sind mö|^cb, und für jeden der- 
selben ließe sich der Effekt der Begegnung durch eine einfache 
Addition resp. Subtraktion der Bewegungs- und Widerstandskräfte 
feststellen, wenn es sich dabei um vollständig harte Körper handeln 
würde, die sich im leeren Räume begegneten. Diese Bedingungen 
sind aber in de^* Wirklichkeit nie erfüllt. Die Verschiedenheit der 
Aggregatzustände und die als Reibung bezeichnete Wirkung der 
mit-seienden Körper macht die mathematische Berechnuog im Ein- 

') I 301, 4 — in 75, ao. 

•) m 6i9> xo ~ 648, 5 - n 543f, - V I35f. 

•) m 649. T2 - 653 15. 
•) III 619, 10 — 648, 2. 



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156 



KAPITEL ly. 



zelnen äubcrst schwierig') Es sei deshalb nur ein für die Er- 
klärung der Naturerscheinungen äußerst wichtiger Gedanke aus 
der s3"-stpmatisch-matheniatischen Darstellung herausgehoben: Ein 
sehr kleiner, wenn auch iiuß^M-st rasch beweerter Körper stoße auf 
einen großen, langsam bewt-gien. Da seine Bewegungs- resp. Stoß- 
kraft trotz der äußerst raschen Bewegung doch kleiner ist als die 
Bewegungs- resp. Widerstandskraft des größeren Kör[>ers, wird 
er zurückprallen, d. h. seine Richtungstendenz ändern und bei 
seiner Rückbewegung so weit vorauseilen, als seine Bewegung 
größer ist. Der große Kinzclkörper erleidet also durch den An- 
stoLi kleiner, rascher bewegfter Teile keine Einbuße seiner Be- 
wegungsgröße; es ist ein Riese, dessen Zustand diu'ch das leicluer 
bewegliche Zwei^geschlecht nicht beeinflufit werden kann. Kommt 
aber ein EinzelkOrper in eine flufierst fein differenzierte Gegend, 
so wird er in seiner Aktion weder gehemmt noch gefördert, d. h. 
er findet keinen Widef9tand Damit ist das Vakuum erkUbt; 
denn .leerer Raum* wird jene Substanzpartie genannt« die so 
differienziert ist, daß sie den Bewegungszustand einet eindringen- 
den Körpers keineswegs beetnflufit*). 

b) Die Grundformen physischen Geschehens; die all- 
gemeinen physikalischen Erscheinungen. Nach dieser logi- 
schen „Vorschule" kann ich an das Studium der Wiridtchkeit heran- 
treten, d. h. auf Grund der sinnlichen Erfahrung ein klares und 
deutliches, also denk-notwendiges Weltgcbflude zu errichten suchen. 
Jede Erfahningseinheit repräsentiert eine bestimmte Modifikatnn 
der einen ausgedehnten Substanz. Eine Naturencheinung erklaren 
heifit also, die diese speziellen Denkfonnen bewirkende Difieren- 
zierung der ausgedehnten Substanz klar und deutlich feststellen. 
!Die sinnliche Erfahrung bildet die Grundlage und mufi rftaonnie- 
rend zum klaren und deutlichen Denkgebilde durchgebildet werden. 
Descartes war unermüdlich ' im Sammeln und NachprOfen des 
empirischen Materials und hat dieses durch selbständige Forschungen 
zu bereichem versucht. Ob und wie weit ihm letzteres gelungen 
ist, dies festzustellen ist Aufgabe der Geschichte der Naturwisscn- 
schalten und liegt volistflndig außerhalb meines Zieles. Sofern 
eine allgemeine Orientierung nicht täuscht, scheint Descartes voll 
und ganz durch den damaligen Bestand der Einzelwissenschaften 

') II 622. 26 — III 601, 8 — Princ II 45, 53. 
' JV iB^i. - n 48B, 33 — Princ. n 17. 



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DIE Wl^SENSCHAFTMM. 



bestimmt gewesen zu sein. In zwei Richtungen hatte die Re- . 
naissance mit kühnem Wagemut die beengenden Schranken scho- 
lastischen Denkens durchbrochen. Sie war hineingcdi ungen einer- 
seits in die Unerm^licbkeit des Universums, anderseits in die 
Wunderwelt des neoschlichen Oi ganismus, dort mit KopEstNiKus, 
KxPFLER und Galilei, hier mit Vesalüs, Fabrizeus und Harvey 
als Fohrern, und auf diesen durch die Freude an der Realitit 
belebten Forschungsreisen hatte sie eme Fflile empmscher Tal- 
sachen entdeckt, die Descartes sorgfoltig sammelt, um mit deren 
Hilfe sem einheidiches, großzügiges Weltsystem durchzubilden. 
Ihn am Werke, d. h. allmAhlich zur Klarheit und Deutlichkeit der 
von ihm der öflenUichkeit Obctsebenen Darstellungen fortschrei- 
tend zu zeigen, soU in folgendem versucht werden. 

Die Grundform physischen Geschehens; Astrophysik. 
Mit welcher Sorgfalt Descartes die von der Astraoomie seiner 
und froherer Zeiten gewonnenen Forschungsresultate registrierte^ 
beweist vor allem die erste Partie des dritten Teiles der ,JPrin- 
zipia'*,^) Sie interessieren ihn zwar nicht an sich, sondern als 
Mittel, die geheimnisvolle Natur zu entschleiern. Hmter der „Er- 
scheinungen Fhichf * sucht er die Welt an sich zu fassen. DÄese 
erscheint uns in drei vollständig vondnander verschiedene Formen: ^ 
Lidit-qpendend, Licht-übermittehid und Licht reflektierend, d. h. als 
Sonnen, als Himmel und als Planeten. Jedes Erfahrungsobjekt 
läfit sich einer dieser drei Gruppen zuteilen. Dieser Dreizahl der 
Erscheinungsformen muß eine £>reiteilung der einen ausgedehnten 
Substanz entsprechen. Ich muß also drei, nicht durch ihr Wesen, 
sondern durch die Verschiedenheit der Düferenziemng sich von- 
räiander unterscheidende Substanzpartien annehmen, Elemente 
genannt: Sonnen-. Himmels- und Erdelement. Sie charakterisieren 
sich durch Gestalt (Größe) und Bewegung der Teilchen. Die Teil- 
chen des Sonnenelenientes') sind kleiner und rascher bt wf gt als 
die Teilchrn des Himmelselenientes, und diese sind ihrerseits 
kleiner und rascher bewegt als die Teilchen des Erdelementes, 
so daß also dem Grade der Differenzierung entspreclxend das 
Sonnenpleraent auch erstes, das Hiiii iiieiselement zweites, das Erd- 
element endlich drittes Element genannt werden kann. Aber auch 

•) Vgl. I n», 19 — 113, 1 ~ X — &I5, ai ?50, 18 — as'i «5« — 

Princ. III lao usw 

*J C IV 338 \jLJt Monde") auch Fcuerelement genannt. 



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Ig8 KAPITEL m 

die TeUcben dieses dritten Elementes sind noch so auflerorden^ 
lieh klein anzunehmen, daß das kleinste SandkOrnchen noch MU^ 
üonen derselben enthalt Um Dcscartes' Elementenlehre also 
richtig zu edassen mid zu wOrdigen, ist zu beachten, daS er Ele- 
ment nennt, was wir gemeinhin unter dem B^jiffe Äther seiend 
denken. Die drei Elemente sind drei verschiedene Äther, oder 
richtiger: Descartes denkt sich die ausgedehnte Substanz als 
Äther in drei verschiedenen Formen oder Stadien an sich seiend. 

Die denknotwendigen Erkenntnisse, daß es kernen leeren 
Raum gibt und daß die BewegungsqusntitiU konstant bleibt, ver- 
langen die Annahme von Umlauisbewegungen, «des mouvements 
drculaires*. Deren sind aber unendlidi verschiedene und unend- 
lich viele denkbar, also auch möglich. Gewisse kosmische Er« 

\ sdieinungen , speziell das Verhältnis der Planeten zu der Sonne, 
lassen sich nur durch die Annahme von Wirbeln ungezwungen 

I erklären. Die Sonne befindet sich im Zentrum eines solchen 
Wirbels und wird von den in dem Himmeisdemente' schwimmen- 
den Planeten umkreist. Zur Erklärunc^ der Acbsendrehung der 
Erde, der Bewegui^ des Mondes um die Erde, der ErscbeinungS' 
formen der Jupiter- und Satummonde (die Satumringe hatte 
Keppler äls Monde gedeutet) und ähnlicher Erscheinungen müssen 
innerhalb des Sonnenwirbels kleinere Wirbel, mit den Planeten 
als Zentren, und innerhalb dieser Planetenwirbei noch kleinere 
Mond Wirbel angenommen ^YP^den, so daß die Einheit des Sonnen- 
wirbels sechs Planetenwirbei einschließt, die ihrerseits siebten 
kleinere Mondwirbel in sich bergen. Jeder Fixstern ist wie die 
Sonne ein nnbpwpglicher Lichtspend^r und muß wie sie als Mittel- 
punkt eines eigenen Wirbels existierend gedacht werden, so daß 
es also wenigstens so viele Wirbel geben muß, als Himmelskörper 
seiend erfahrbar sind. Dabei bleibt zu beachten, daß die Sonnen- 
resp. Fixsteniwitbel unabhängig voiieinander nebeneinander exi- 
stieren, während die Planetenwirbel Teile eines Sonnenwirbels, 
die Mondwirbel Teile von Planetenwirbeln sind. Wie erklären 
sich weiter die eigentüiiilichen Erscheinungstüniien der Kometen? 
wie die Tatsache, daß Sterne verschwinden und zum Feil wieder 
erscheinen? wie das Entstehen und Verschwinden der Sonnen- 
flecken? Diese Tatsachen lassen sich deuten als Zeichen der Ver- 



*) C IV 



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DIE, mSSäM SCHÄFTEN. 



ISS 



änderlichkeit des Kosmischen Systems. Es sind deren allerdings 
nur wenige; sie bieten aber doch einen gewissen Anhaltspunkt; 
und wie sich Descartes auf Grund derselben, sie erklärend, die 
Weltentwickelung glaubt denken zu müssen, soll zunächst ver- 
gegenwärtigt werden. 

Kosniogonic.') Denken wir uns in jenen Moment zu: lol:- 
versetzt, da die ausgedehnte Substanz geschaffen worden ist. 
Kein starres Sein liegt vor uns, sondern eine gleichmäßig diffe- 
renzierte, d. h. gleichmäßig bewegte Masse. Sie erscheint in jener 
Form, in der wir noch jetzt die Himmel ezntierend perzipieren. 
Es gibt also nur eine Snbstanzform, nur ein Element, Himmds- 
dement genannt. Wir sdien aber den unerme^dien Wdtenraum 
in unzählige Wirbel eingeteilt Verfolgen wir die Entwickelung 
des uns zunächst liegenden Wirbels. Die Wirbelbewegung be- 
acfareihend, reiben sich die femoA Teilchen und sdileifen sich ab, 
die eben etwas mehr, die anderen etwas weniger. Die losgelösten 
Stückchen sind außerordentlich viel kleiner und bewegen sich viel 
rascher. Se füllen die vorhandenen Lacken aus und bUden in 
ihrer Gesamtheit das erste Element Die Wirbelbewegung bewirkt 
die Tendenz aller Teilchen, sich vom Zentrum zu entfernen. Sie 
folgen derselben um so leichter, je grOfier, je massiger sie sind. 
Sind also mehr Teilchen des feinsten Elementes entstanden als 
zum Ausf&llen der Locken notwend^ dnd, dann werden sie kon- 
sequenterweise von den intensiver nach der Peripherie drängen- 
den Teilchen zweiten Elonentes nach dem Zentrum zurückgedrängt, 
wo sie sich ansammeln, eine Sonne bildend. Diese wird immer 
gritfer, da infolge der Reibung immer neue Oberfläsaige Teilchen 
ersten Elementes entstehen. Auf ihrer Wanderung nach dem 
Zentrum, namentlich lAngs der Drehungsachse der Sonne, ver- 
einigen sie sich leicht zu grOfieren Stücken, d. h. zu Teilen des 
Erdelementes. Diese werden von dem feurigen Sonnenkörper wie 
Schaum in kochendem Wasser ausgestoßen und werden, wenn 
sie ma^enhaft auftreten, als Sonnenflecken perzipiert') 



Prmc IJl 1 -146. 

. *) £. Lkbon uoterBcbeidet in «»«iDen AusfQhrungen aPour l'Histoire des 
hypothteet tur fai nature de« Taclics du Soldl* ^Rapport et C r. du IL Congrä« 
int de Phil. p. 943) tmter aaderai eine Schaum- und eine Schlackentheorie, 
als Begründer der ersteren Descartks, nl^ Rin^Tflndfr der zweiten de i.a Hirb 
annehmend. Es handelt sich dabei aber kaum um 2wei verschiedene TheorieOy 



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KAPITEL ly. 



Wird die Sonne durch solche Flecken vollständig eingehüllt, 
80 leuchtet sie nicht mehr: der Fixstern verschwindet für das 
menschlidw Auge. Die feurige Sonnensubstanz vermag dieselbe 
aber meist wieder aiilziilOsen in Teile ersten und zweiten Ele- 
mentes, wie ja auch die meisten kochenden Flflssigkeiten bei 
längerem Kochen den anfänglich ausgestofienen Schaum uMer 
aufsaugen: der Fixstern leuchtet neuerdings. Ist die Flecken- 
schicht dagegen zu dicht, dann wird die Auflösung derselben tm- 
mOglich: der Fixstern bleibt for immer erloschen, was natfiriidi 
nicht ohne EinflaS bleiben kann auf die Wirbelbewegung. Eine 
Sdiwacfaung der Aktionskraft ist die Folge. Der Wirbel leistet 
den Nachbarwirbeln nicht mehr den nflmtichen Widentand; seine 
ftufiersten Teilchen werden von diesen mitgerissen. Immer mehr 
und mehr Teilchen lösen sich ab, und schliefilich wandert auch 
das Zentrum, die erioschene Sonne, mit dem Reste ihres Wtrbds 
in einen dieser Nacbbarwirbel Qber. Hier wird sie natOriich sofort 
von der Wiibdbewegung erfoSt und mufi mit dem Hhnmels- 
demente die betreffende Sonne umkreisen. Je weniger dicht sie 
ist, d. h. je kleiner die Quantität des einhflUenden dritten Elementes, 
desto weiter wird sie von dem sie umgebenden, intensiver nach 
der Peripherie tendierenden Himmelselemente nach dem Zentrum 
zurQckgedrängt, bis sie endüch in einer ihrer Dichtigkeit entspre> 
chenden Umgebung zur Ruhe kommt, um dann in regelmäßigen 
Bahnen, von der Wirbelbewegung getragen, die Sonne zu um- 
kreisen. Der ehemalige Fixstern ist ein Planet geworden, der als 
Wahrzeichen seiner frflhcrcn Selbständigkeit die Drehtti^ um die 
eigene Achse beibehalten hat. Auf diese Weise hat unser Sonnen- 
wirbel als stärkster im Kampfe sechs verschiedene Nachbarwirbel 
mit sich fortgerissen; drei derselben: Jupiter-, Saturn- und Erd- 
wirbel hatten ihrerseits schon früher sieben anderen Wirbeln das 
nämliche Schicksal bereitet, deren ehemalige Sonnen sie jetzt als so- 



sondern om zwei verschiedene Ausdrucks- resp. OarstcUangjsformen der 
Bttmticlwn H^rpotliete. DsacAnns verwendet das Bild der SduumbUdniig 

zur Veranschaulichong der Fleckenentstehung. Die ausgeschiedenen Massen 
bestehen auch för ihn aus den eroberen , ehemals im SonnenkArper vor- 
baadenen ieiichen, und ob sie nun biidlich bchaum oder Schlacken geuannt 
werden, beteicfaiict dodi keinen tadiUehen Untendried Obrigene nigi 
gerade die angeffthrte Belegstelle ans den Darstellungen de la Hires die 
sachliche Obereinstimmiuig achier Theorie mit deijenlgen DsscAitns, resp. 
es ist wohl dieselbe. 



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DIE WISSENSCHAFTEN. 



l6l 



genannte Monde uirlcrcisen, so dafci die ause;« fiehnte Substanz, 
die unser Sonnensysteir i ef^rftsentiert, anfänglich in wenigstens 
14 selbständige Wirbel eingeieilt gewesen sein muß. — Je dichter 
ein Planet ist, desto weniger weit sinkt er in den Wirbel ein, 
desto weiter vom Zentrum entfernt wird er verharren. Ist nun 
ein Planet, d. h. eine mitgeri^sberie ehemalige Sonne zu dicht, deren 
Fleckenschicht zu groß, rlann wird sie dessenungeachtet docii in 
den Wirbel eindringen und auch sofort von der Wirbelbewegung 
erfaßt werden. Da aber die dadurch bedingte Tendenz, sich vom 
Zentrum zu entfernen, ungleich größer sein wird als die entspre- 
chende Tendenz eines gleichgroßen Quantums des sie umgeben- 
den HiiMiielselementes, so wird sie dieses zurückdrangen, d. h. 
ungehindert ihrer Richtungstendenz folgen, also aus dem Wirbel 
herausgeschleudert werden imd in einen neuen Wirbel eintreten, 
in dem sich der nämliche Prozeß wiederholt, so daß die ehemalige 
Sonne in regellosen Bahnen, aber doch nach mechanischen Ge- 
setzen, den Wdtcnraum durchwandert; sie ist zu einem Kometen 
geworden. 

Mit Hilfe der Wn btltheorie und der Dreizahl der Elemente 
lassen sich niclit nur alle kosmischen, suiidcrn alle Erscheinungs- 
formen der ausijedehnten Substanz überhaupt ungizivungen er- 
klären; ja, üLicu Eiklciiung ergibt sich daraus von selbst.') Die 
allgemeinsten, d. h. die allen Objekten der Erfahrung zukommen- 
den, seien speziell herausgehoben: 

Der Schall: Wenn wir sprechen, wird durch die Bewegung 
der Sprachwerkzeuge eine Bewegung der Luft hervorgerufen, und 
diese Bewegung wird mechanisch gesetzmäßig von Luftteil auf 
Luftteil übertragen. Lächerlich wäre die Annahme, aus dem 
Munde des Sprechenden kommende Luft treffe auf das Ohr des 
Hörers; die Bewegung wird fortgepflanzt, nicht die Substanz. 
Der Ton ist also eine durch die Luft loi igepflanzte Bewegung 
irgendeines Körpers, die die Gehörnerven affiziert. Daß infolge 
der Bewegung der einen Glocke mehrere Töne zugleich gehört 
werden, lOfit sich so erklären, daB sich die verscbiedeiien Partien 
der Glocke verschieden bewegen. <) 



*) Princ. n d| I iosha6 II T99, 16, 

^ I 390 - 109, 8 ~ III, 13 — xAi, 19 — lU 646 — IV II ~ 699, 13. 

C. IV 217 ~ vgl. I jd-].-! — 87^ la — 996^97. 

JnofBtaun, Rm^ Desrartcs. II 



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KAPITEL 



Dfs( ARTLs' Liciittheoi ie, „grandeinenn nouvelle*, wie sein 
Zeitgenosse Morin bemerkt'). liltSt sich am kürzesten definieren 
als die vom Erd- auf da.-. Mimmelselement übertragene Lehre vom 
Schall. Daß dies auch genetisch der P^all sei, ist möglich, läßt 
sich aber kaum beweisen, obwohl Descartes einem Einwurie 
MoRiNs auf seine Lichttheorie mit einem Beispiel aus der Schall- 
lehre begegnet.*) Der Schall ist die vom Erdelemente übcnmttelte 
Bewegung eines irdischen Körpers, die unser Ohr trifft; im Lichte 
perzipierea wir die vom Himmelselemente übertragene Bewegung 
eines leuchtenden Körpers ^), weshalb deon auch nnterschiedea 
werden muß zwischen »lux*, d. h. der Bewegung in den leocb- 
tenden Körpern, und dem «lumen*, d. h. der Bewegung in dem 
Himmelselemente.*) Abgesehen von der Verschiedenheit der sie 
bewirkenden Elemente unterscheiden sich Licht und Schall in 
zwd Richtui^n: Dem Gegensatze von Licht und Schatten ent* 
spricht icein Erfahningsgegensatz in der Akustik; das Licht »be- 
wegt* sich in geraden Linien, während der Schall ebensoleicht 
auch Kurven besdir^bt*) Im weiteren ist die LichtHbertragung 
im Gegensatze zur Fortpflanzung des Schalles zeitlos. Diese 
EigentQmlichkeit des Lichtes lafit sich durch die Annahme von 
Whrbeln aufs genaueste, ohne solche aber durchaus nicht erldftren. 
Die Wirbelbewegung bewirkt ein Streben aller Teilchen des 
Himmelselementes vom Zentrum nach der Peripherie, und zwar 
in gerader Linie, da jeder Körper neben der Quantität auch die 
Richtung seiner Bew^ung im Sinne des Anstoßes beizubelialten 
sucht Diese Tendenz wird allerdings von der Wirl rlbewegung 
selbst wieder at^eleitet. Die einzeln n Teilchen bleiben aber 
nichtsdestowemger doch disponiert, sich in gerader Linie zu ent* 
fernen wie der am Faden schwingende Stein, und diese Tendenz 
des Himmelselementes, diese Spannung perzipieren wir als Licht 
Oumen). Die im Zentrum des Wirbels die Sonne bildenden 



') II 289, 10. 

*) II 365, 18: man vgl. auch II 364 mit C IV 4^. 

•) Prittc m64lVsB — Is49,3 — 0»i — 39S,4 — 4flBff. — 57« 

— III 82 — \T 87. Als Eigeniamüchkeit mag vermerkt werden, daß V^y^~ 
CARTES in der .Dioptnk" von 1637 (VI 86,6), aber auch nur hier, die von 
Fabrizius vertretene Ansicht akzeptiert, in den Augen der Katze befmde sich 
ein lenchteader Korper ^ vgL Fabmiii»» ed. KntatHSM ftaia. 
♦) II a03ff. 441 

i as9,ix — a!SS»6 — III Sa. 



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DIE WISSENSCHAF TEN. 163 

Teilchen des ersten Elementes bew^en sich außerordentlich rasch, 
und zwar im nämlichen Sinne wie die Teilchen des zweiten Ele- 
mentes, d. h. auch sie streben, sich vom Zentrum zu entfernen 
und erhöhen damit die durch die Wirbelbewegung bedingte natür- 
liche Spannung des Himraelselementes. Diese Spannungserhöhung 
perzipieren wir speziell als S(^nn(*r!licht (lux). Sie macht sich auf 
allen in geradei* Richtung vom Zentrum zur Peripherie des Wirbels 
führenden Spannungslinien geltend, und zwar auf der ganzen Linie 
zugleich, wie Ja auch der ganze {gespannte Faden sich im näm- 
lichen MomriU'' mit dem schwingenden Steine bewegt, wenn der 
Angriffspunkt auch nui leise verscbobea wird, d, h.: die Fort- 
pflanzung des Lichtes ist zeitlos.') 

Durch die Annahme der Wirbelbewegung erklärt sich auch 
das Phänomen der Schwere ganz ungezwungen und damit der 
Fall der Körper nach dem Mittelpunkt der Erde. Die Erdkugel 
bildet das Zentrum eines eigenen kleinen Wirbels, des Restes 
seiner ehemaligen Selbständigkeit. Eine aus dem dritten Elemente 
bestehende dichte Schicht uaigibt einen feurigen Kern, den ehe- 
maligen Fixstern. Die Hauptraasse des Wirbels wird gebildet 
vom zweiten Elemente, das natürlich auch Träger der Wirbel- 
bewegung geblieben ist Die Erdkugel bewegt »ch nicht von 
selbst; sie wird vom wirbdndoi Himmelseiemente mitfeiiisen za 
einer Drehung um die eigene Achse in 24 Stunden. Das Himmels- 
element selbst bew^ sich aber ungemein rascher; infolgedessen 
ist audi seine Zeatrihigalkrafti d. h. die Tendenzi sich vom Zen- 
trum des Wirbels zu entfernen, ungleich grO0er als die durch die 
Drehung um die eigene Achse becUngte Zentrifugalkraft der Erd- 
schicht Je poröser deshalb ein irdischer KOrper ist, d. h. je 
mehr Teilchen des Himmelseleroentes er in sich enthalt, desto 
kraftiger wird w von der Whrbdbewegung mitgerissen, desto 
leichter erscheint er. Je dichter umgekehrt ein KOrper ist, desto 
weniger leicht vermag er der Tendenz zu folgen, sich in gerader 
Richtung vom Zentrum nach der Peripherie zu bew^^ — Das 



*) I 308,18 — 116, i: die SonnenatralileD sind keineswegs parallel. 

in 180, 8 — Princ. ITI 55 ff. — C IV 300 ^ Zur Veranschauüchang der zeit- 
losen Lichtübertragung hat Descartes neben der Schleuder noch eine Menge 
anderer sinnenfäliiger Erscheinungen zur Hand: Wasserwirbel C IV 971 — 
Stock det Bünden II — 815 — 906 — 1 154,9 45^1 11 — VI 84C 
Wein in Kufen VI 86 ~ D aiz etc. 

II» 



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164 



Problem mufl auch von der entgegengesetzten Seite aus betrachtet 
werden: Das Himmelselement besitzt als Trager der Wirbel- 
bewegung mehr Bewegung als notwendig ist, die Erde um ihre 
Achse drehen zu machen. Seine Teilchen bewegen sich viel 
rascher, und zwar in allen Richtungen. Jr poröser nun ein 
irdischer Körper ist. desto weniger Widerstand leistet er deren 
Bewegungstendenzen, desto weniger kräftig wird er zurQck- 
gestoßen. Umgekehrt, je dichter ein Körper und je größer seine 
Widerstandsfläche ist, desto rase In 1 und intensiver wird er nach 
dem Zentrum zurückgedrängt, desto schwtrer erscheint er. Die 
Perzt'ption der Schwere resp. der Leichtigkeit repräsentiert also 
weder eine besondere Realität noch eine besondere Qualität des 
einen Seins, sondern einen Zustand, dem die körperlichen Ob- 
jekte unterworfen sind.') 

Härte; Dichtig i< ei t; Fassen wir die Erdschicht als solche 
ins Auge. Sie besteht aus Teilchen des dritten Elementes. Ob- 
wohl diese so klein zu denken sind, daß es deren Millionen be- 
darf zur Koiii>Liiuiion eines Sandkcirnrhens, so erscheinen sie 
gegenüber den Teilchen dos ersten und zweiten Elementes doch 
sehr groß und sehr langsam bewegt. Obwohl weiterhin das Erd- 
element den beiden anderen Elementen gegenüber als homogene 
Masse erscheint, an sich betrachtet sind doch große Verschieden- 
heiten in bezug auf Größe wie in bezug auf Bewegung der 
Teilchen möglich, wodurch die Erscheinung dieser Erdschicht in 
so außerordentlich verschiedenen ßnzelkOrpem ungezwungen sich 
erklärt Je bewegter die den EinzelkOrper konstituierenden 
Teildien des Erdelementes sind, desto leiditer lassen sie sidi 
voneinander trennen^ desto leichter kann ein anderer Kdrper in 
ihn eindringen, desto flOssiger erscheint er also. Umgekehrt wird 
dn Körper nm so harter erscheinen, je weniger bew^ seine 
Teile sind. Wflrden sie sich gar nicht bewegen, so daß der ganze 
EinzdkOrper eine undifferenzierbare Seinseinheit ohne jeglichen 
Zwischenraum darstellte, dann wflre derselbe absolut hart; denn 
„man kann sich keinen Leim denken, der die einzelnen TeOe 
fester verbände als die Ruhe*. Solch absolut harte, d. h. un* 
differenzierte EinzelkOrper scheint es aber keine zu geben. Wir 

•) ,Lc Monde", Chap. I — Princ IV 20 ff. — C XI 396 — VII 44off. 
^Rcp. MO. Obj. VI) — I 71. 17 — 3iH, 3 — 323 f. — 573. 15 — — m »Mf 
— 44«i4 - i9«i3 - - IV 197,14 - •joevii - V aaa,«. 



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DIE mS SRNSCHA FTEN. 165 

erfahren nur mehr oder weniger liarte odei^ umgekehrt, mehr 
oder weniger flüssis^e Körper.') Mit dieser Erklärung der Aggre- 
gatzustände suid zugleich deren Wränderungen erklärt. Alle 
irdischen Körper besitzen Poren; denn sonst wären sie ja absolut 
hart.*) Da es keinen leeren Raum geben kann, sind die Poren, 
d. h. die Lücken zwischen den Teilchen des Erdelementes mit 
Teilchen des t^rst'^n und zweiten Elementes ausgelüllt zu denken. 
Treten nun aus irgendwelchem Grunde mehr solcher Teilchen in 
einen irdischen Körper ein, so werden die dessen Erscheinungs- 
form charakterisierenden Teilchen dritten Elementes weiter von- 
einander getrennt; sein Gefüge wird lockerer; wir erfahren eine 
Verdünnung desselben. Es vollzieht sich dabei der nämliche 
Prozeß, den wir sinnlich klar und deutlich verfolgen, wenn ein 
Schwamm infoige Eindringens von W'as.^er in seine Poren die 
ursprüngliche Härle verliert und größer wird.') Durchziehen nun 
verhältnism iIjil; sehr viele Teilchen ersten und zweiten Elementes 
einen Körper, dann bewirken sa ein gewisses Erzittern des ganzen 
Gefüges und diese Erregung empfinden wir als Wärme, die zu 
Feuer wird, wenn die Bewegung der durchziehenden Teilchen 
80 groß ist, daß sie den Körper nicht nur erzittern machen, son« 
dem dessen Teilchen mit sidi fortreißen. Diese mitgerissenen 
Tdicheo des Erdelementes bedingen den Schmerz, den wir beim 
Beiflhren des Feuers empfinden. Je weniger aber umgekehrt die 
durchziehenden Teilchen den kOrperitchen ZuMmmenhang m be- 
einflussen vermögen, desto kalter erscheint der Körper. Objekte, 
deren Poren so eng sind, daß nur noch wenige der aUerfemsten 
Teilchen des ersten Elementes durchzuziehen vermögen, die sein 
GefQge kaum oder gar nicht mehr zu erregen vermögen, sind 
darum auch die kältesten, wie Marmor, Metalle usw.*) Das Ver- 
dunsten des Wassers muß als ein Verbrennungsprozeß angesehen 
werden; die das Wasser bildenden Teildien des Erdelementes 
werden durch die durchziehenden feineren Elemente vollständig 
voneinander getrennt und mit in die Höhe fortgerissen.*) Bei« 



■) C IV aaS ^ Princ. II 53 — I 119, 15 — 140, 4 — 994,9 — Hl <Soi,8. 
N VI 234 ff. - U ai6 — Princ. IV 29, 41. 8off. 
*) VI 86,31 - I 140,13 - IV ai6,8 

♦) I 140, 13 — 3^37 — Princ iV 29,46 — VI 335 — U 485 — UI 257,9 

— rv 572, 15. 

•) VI ^ff. 



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l66 KAPITEL IV, 

läufig nur sei bemerict, daß ein Objekt um so durchttcbtiger er- 
scheint, je mehr Teilcheii eivteii und zweiteii Etementes es eiiip 
MbUefit«) 

Et fd mir ui dieser Stelle gestattet, Ober meiB Ziel hineariilidGeiid, 

der physikgeschichtlicben Betrachtung einen Gedanken zu unterbreiten. Die 
eifrrntfjmliche Übereinstimmung Descartes' mit Basso i-i bezug auf die Er- 
kiArung mehrerer physikalischer Erscheinungen ist auiialiend. Basso lehrt: 
de» Feuer beüeht »aw inflerst feineii und scberfen Korpmikeln und dem 
Spirittis" (radi Feuerelement geuannt); die Feuerteilchen dringen in das 
Wasser ein, treiben die Teilchen auseinander und reißen sie mit sich in die 
Hdhe; das durch Aufnahme der Feuerteilchen dOnner gewordene Wasser ist 
damit audi durchsichtiger geworden; Fallen und Steigen der KArper eridlren 
»ich durch das VorheffTSchen des einen oder anderen Elementes; das Wasser 
wird leichter, wenn es vom eindringenden Feuerelemente ausgedehnt und 
nach oben gefOhrt wird. — Ich entnehme diese Angaben der ^Geschichte 
der Atomistilt'' (Bd. 1 472 AT., II 88) von Lamwui, der scheinbar vmi der An- 
nahme einer historischen Abfaftngigkeit Obscakiis* von Basso doch abstrahiert. 
\\'rrpn diese Anschauungen vielleicht Allgemeingut, ZeitideenV Welchen 
KUnK Bassos tarnen in der damaligen Gelehrtenwelt besafi, beweisen Des- 
CARRS' Briefhotiz 1 158, ao und die Schraten anderer aeitgcnflssit c h< r l)enker 
(Labswitz I 467). Basso hat den Äther bewufit von den Stoikern abemom- 
men (idem 1 474). )'Sr ihn nhAp keineswegs ^ich einem geistigen Prinzip die 
Körper durchdringcu, sondern teilt ihm die Aufgabe zu, den Raum zwischen 
den Atomen auszufallen und diese zur Wirlcsamkeit anzuregen. Der Äther 
iat also ftr ihn das belebende Sein, der Erreger des mecbaniacfaen Ge> 
schehens, ohne selbst der mechanischen Gesetzmäßigkeit unterworfen zu sein. 
Auch Descartes nimmt den hergebrachten Äther in sein System auf, beraubt 
ihn aber jedes geheimnisvollen Charakters, denkt ihn wohl als eine spezielle 
Substantform, indesaen weaenag^ch der herkAmmbchen Materie und wie 
diese den Gesetaen nwchaniadken Gesefaens tmterworfen. 

Durclibildung der allgfniein«'n Prinzipien. 

Wirbeltheorie und Elementen lehre bilden das Zentrum der 
Descartesschen Physik.') Erst in den „Principia" von 1644 hat 
er sie, zur Klarheit und Deutlichkeit durchgebildet, der Ütienliich- 
keit übergeben; d^n^n allmähliche Durchbildung laßt sich aber 
an Hand der früheren Werke und Briefe ziemlich genau ver- 
folgen. 

Dioptrik: Durch die in der ersten Zeil seines Aufcntiiakes 
in Holland durchgeführten erkenn tm^-tlieoretischen Untersuchungen 
hatte er sich die geforderte philosophische Grundlage für seine 
Physik geschaffen, so daß gemflfi eigener Angaben im „Discours* 
die eigentlich „physikalische* Periode seiner Forschertaiigkeit erst 

' 1 109. 5 — II 369 — Princ. IV 16. 

*} II 15 — saB, ao — 371, xo — i ad^ 14 etc. 



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DIE mSSENSCHAFTEN. 



167 



in Holland einsetzt und sozusagen seinen ganze n weiteren dortigen 
Aulenthalt umfaßt. Es ist aber doch notwendig, etwas weiter 
auszuholen. Aus der Abhandlung über die iMusik von 1618 wie 
aus dem Tagebuch von 1619 spricht schon der Physiker Des- 
e AKTES. Wenn es auch kaum möglich sein wird, sich über seine 
damaligen Tendenzen und Ziele ein klares Bild zu machen, so 
muß doch (cstgehalten werden, daß schon damals Mechanik, 
Akustik und Physik im Vordergrunde seiner Interessen gestanden 
zu haben scheinen. Wie weiterhin seine Briefe aus der ersten 
Zeit seines AufenthalUa in Holland zur Genüge dartun, beschäf- 
tigten ihn auch während seines Pariser Aufenthaltes von 16:25 
1628 die Akustik und .scheinbar in besonderem Üradc die Diop- 
trik, vornehmlich die Konstruktion von Linsen. ,Dic Entdeckung 
derselben verdanken wir, zum Hohne der Wissenschaft sei es 
gesagt, dem Zufall"; „obwohl seither mehrere bedeutende Geister 
manches zu deren Vervollkommnung beigetragen haben, die 
Dioptrik entbehrt doch noch der sicheren mathematischen Grund- 
lage*. >) Indem Descartes diese zu liefern sich vornimmt, war 
dies ein Ziel für sich oder our ein Mittel zum Zwecke? Welches 
war damab die Rtditimie seines Denkens? Daehte er viel* 
leicht daran, wie Tamnery annimmt*), durch eine VervoUkomm- 
nuQg des HilCunittels den fkirentinisclien Mathematiker in seinen 
Entdeckungsfahrten in unbekannte Femen zu Obertreffen, Tat- 
sachen zu finden, die bisher noch kein menschliches Auge ge- 
sehen? Diese Annahme erhält eine gewisse StQtze durch jene 
Eriefstelle, wonach er so weit zu kommen hofift, mit Hilfe des 
Fernrohres lebende Wesen auf dem Monde zu erkennen, sofern 
wdche vorhanden seien.*) Dabei darf aber nicht flberseben 
werden, da0 dieser Brief in Holland geschrieben worden ist und 
somit kaum als Belegstelie angefOhrt werden kann. Läflt sich 
aber auch aber seine eigentlichen Ziele nichts sicheres feststellen, • 
so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß er sich bereits m Paris 
in einer Richtung forschend betätigte, in welcher wir ihn in 
Holliusd in erster Linie engagiert sehen werden. 

Die mathematische B^rOndung der Linsenkonstruktion fahrte 
zum Lichtbrechungsgesetz. In der achten Regel zeichnet 

«) VI 86, 17. 

*) Revue de M^tapbysiqae et de Morde 1896, |». 479. 



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i68 * KAPITEL i^. 



Descartes, wie ^la ligne anaclastique* gesucht werden mflsae 
und gefunden werden könne. Darf daraus vielleicht erschlossen 
werden, er hatte sie zur Zeit der Abfassung dieser Regel noch 
lücfat gekaimt? Da die EatstehunKSttit der „Regulae' aidit ab- 
solut sicher feststellbar ist, warde auch eine unzweideutige Ant- 
wort auf diese Frage nicht weiterfuhren. Dbscartes berichtet 
aber direkt, er habe diese Linse ida? durch i^rationation*' gefun- 
den und das Resultat sei experimentell, d. h. durch eine danach 
durchgeführte Konstruktion verifiziert worden.*) Angaben aber 
den Inhalt dieser Entdeckung fehlen nun allerdings, so da6 nur 
das eine als unbezweifelbar feststeht, dafi sich Descartes schon 
1637 mit einem Problem beschlftigt hatte, das zum Lichtbrechung»- 
gesetze führen konnte. In einem Briefe von begegnen wir 
dann einer ersten Formulierung desselben.*) Wie Tannery an- 
merkungsweise beiffl^, spricht aber daraus m)ch nicht jene 
Vertiefung des Problems, wie aus der Form des Snellius, der 
wir dann auch in der „Dioptrik* von 1637 hegten.*) Smillius 
war Professor der Mathematik in Leyden, wo Descartes am 
27. Juni 1630 immatrikuliert worden ist>) Wie neuere Unter- 
suchungen von KoRTEWEG*) ergeben, kann Descarigs das Manu- 
skript des Snellius vor der Drucklegung der Dioptrik gesehen 
haben. Es ist, also wohl möglich, dad die in der AusftUurung 
von 1^7 gegenüber der Darstellung von 1633 konstatierfaare Ver- 
tiefung des Problems eme Frucht der Kenntnisnahme des Manu- 
skriptes des Snellius ist. Zugegeben; dann fragt sich aber, 
wie Descartes zu seiner ersten Fassung gekommen ist. An- 
gesichts der Tatsache, daß ihn das Problem schon 1627 beschäftigt 
hat, ist die Annahme nicht rundweg abzuweisen, dieselbe sei das 
Resultat rigenen Forschens auf dem in den „Regulae" vorgezeich- 
neten Wege. Mit demselben Rechte läßt sich aber auch die An- 
schauung verfechten, das Verhältnis Descartes' 7.\ir Entdeckung 
dieses Gesetzes entspreche seinem Verhältnis zur Entdeckung des 
Blutkreislaufes. Er erzählt in den „Regulae", er hätte schon in 
seiner Jugend jeweils versucht, wichtige Entdeckungen selbst- 

*) I 239 - 135. 2<? — Vgl. nt 483, 7 — I 50, 27 — II — 66,35. 

') I 255,25 neb!>t Anmerkg. der Herausgeber. 
*) I 356^ Antnericg. Taanerys. 
«) Archiv f. Gesch. d. Ph. Bd. 14, p. 93. 
*) Revue de M. et d. M. 1896, p. 499 IT. 



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DI£ msSENSCHAFTEN, 169 

forschend nachzuentdecken, nachdem er von ihnen gehört habe, 
um! sei er auf ein Buch gestoßen, das durch seinen Titel eine 
Entdeckung versprochen habe, so hätte er dasselbe ungeleseti 
beiseite gelegt und versucht, durch eigenes Nachdenken zu etwas 
Ähnlichem zu 8;elangen, „et ce!;i me reussit tant de fois"M. Aus 
KoKTKWEGs Angaben über du lltu leckung des Snelijlts-'i ergibt 
sich, daß Df.scartfs schon in der ersten Zeit seines Auff^nthn!t'»s 
in Holland von dei selben gehört haben kann. Hat ihn d;is Hören- 
sagen vielleicht seiner Praxis entsprechend tmt Nachentdeckung 
und damit 2Ü der abweichenden Formel von 1632 geführt? Am 
18. Juni 1629 schreibt er an Ferrikr: „Depuis que ie vous ay 
quitt^, i'ay beaucoup appris touchant nos \ ^n-es, en sorte qu'il y 
a moyen de faire quelque chose qui passe ce qui a ianiais este 
veu".') Muß vielleicht auch das Brechiingsgesetz diesem „Ge- 
lernten" beigezählt werden? Kurz, es gibt keinen triftigen Grund 
gegen die Annahme von Huggens und Lkihniz, Snellius sei der 
Entdecker des Lichtbrechungsgesetzes in seiner endgültigen Form. 

Die Physik bat Descartks schon vor 1629 lebhaft be- 
schäftigt. Die vorhandenen Traces stehen keineswegs im Wider» 
sjMuche mit seiner Angabe im „Discours", ei" habe sich ihren Pro- 
blemen während der Jahre 1620 bis 1628 nur \on dem Gesiclits- 
punkte der Mathematik aus zugewendet*). Er erstrebte damals 
eine mathematisch genaue Erkenntnis der Naturerscheinungen als 
solcher, nicht eine Erklärung derselben. Erst nach der erkenntnis> 
theoretischen Grundlegung setzen seine eigentlich physikalischen 
Forschungen ein, die ihn zur Erkenntnis der die Erfahrung be> 
wirkenden Körperwelt an sich fahren sollten*). Im Sommer 1609 
hort er von dem Phaenomen der Nebensonnen^. Der Erkiflrungs* 
versncfa fahrt ihn von kosmischer Erscheinung zu kosmischer Er- 



') C XI 252, Reg. 10. 
*) Revue 1896, p. 498. 

*) I 23. 1- 
♦) Disc. III. 

') Das Licbtproblem hat Descartes übrigens fraher schon bescha/tigi. 
So lewn wir in dem Tagiebnch von 1619 (intfd. I 9, 11, 15, 47}, die Entstehung 

des Lichtes sei an die Materie gebunden, so daß es folgMch einen dichten 
Körper Icic-hter durchdringe als einen lockeren. .\ber umsonst forschen wir 
in einem solchen Ausspruche nach emem Anklänge seiner eigentlichen Licht- 
dieorie« * 



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KAPITEL /K 



scheinung; allf physikalischen Probleme scheinen ihn zugleich zu 
beschäftigen'). Im Sommer des folgenden Jahres hebt er das 
Lich'4 noblem, das Zeitj)roblem der Physik*), aus diesem Zu- 
sammenhange heraus zum leitenden Forschungsprobleme, von dem 
aus alle anderen Probleme ihre Lösung finden sollten"). Das 
Lichtproblem wird eigentlicher Aubgangspunivt der Descarttibbchen 
Physik. Es ist auch ganz natürlich, daß der Physiker Dlscartes 
auf jenem Spezialgebiete vertiefend einsetzte, das früher schon im 
Vordergründe seiner Interessen gestanden zu haben sdieint Hatte 
er a]s Matbematiker in seinem EHoptriktstudien den JLicbtstrahi als 
Linie gefaßt, so sucht er jetzt als Physiker das Wesen dieser Er- 
schemung au erfassen. Am ^ Noveinl>er teilt er aber mit, diese 
Aufgabe halte ihn langer bin ab er je gedacht habe, dafi aber 
durch deren Lösung und Durchbildung die ganze Physik sur 
Darstellung kommen mOsse«), und einen Monat apiter schreibt er, 
er sei eben damit bescbSftigt, das Lidit aus dem Chaos hervor* 
gehen zu lassen; eine Aufgabe, die ihn wegen ihrer Schwierigkeit 
wohl noch längere Zeit hinhalten werde, daß er deshalb wahrend 
der folgenden zwei Monate durch andere wissenschaftliche Pro* 
bleme nicht behelligt zu werden wOnsche*). Doch auch diese 
zwei Monate s<^ten noch nicht zur Lflsung fflhren. In den Briefen 
des folgenden Jahres, 1631, wird das LichtproUem Oberhaupt nicht 
mehr erwähnt; es scheint fallen gelassen zu sdn, um dann im 
Fmhling 163a plötzlich wieder aufzutauchen, und zwar in einer 
Form, die den betreffenden Brief als dirdcte Fortsetzung der 
.Lichtbriefe* des Jahres 1690 erscheinen Mt Descartes teilt 
nämlich mit, bereits zwei Monate ,im Hunmel* engagiert zu sein 
und fahrt in eintf gewissen Siegesstimmnng fort, er sei in bezug 
auf die Natur des Himmels, derSleme und verschiedener anderer 
Erschdnungen nun zu Erkenntnissen gelangt, die er nodi vor 
wenigen Jahren fOr unerreichbar gehalten habe; er sei sogar zu 
der Kühnheit verführt worden, die Ursache der Verschiedenheit 
tler Fizstemstellungen anzugeben, imd die Erkenntnis dieser ge- 

') I aa, IX vgl 1 33ft 30 — 23, 9 — loa, 10 — loa, 19 — J09, 23 — 
113, X — 113, 18 — 113, ^ — . Amniacbalten sind natfirlich alle jene Stetteiif 
in denen er auf Anfragen ÜEitsiMiin antwortet 

i 540, 8. 
•) I 179, 1 — Disc. V. 

*) 1 194, 13 (45- Des. iCtgo). 



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DIE WISSENSCHAFTEN, r^i 

fundenen Weltordnunp; bilde den Schlüssel und das Fundament 
der vollkommensieiJ issenschaft, die in bezug auf die malcrielle 
Welt erreicht werden könne, einer Wissenschaft, die die ver- 
schiedensten Naturerscheinungen a priori abzuleiten, d. h. aus einem 
Prinzipe heraus zu erklären errmgliche*). Wir kennen diese 
Ordnung: die durch Wirbelbewegung und Dreizahl der Elemente 
bedingte Grundform alles physischen Geschehens-). Die Licht- 
erscheinungen licaicii sich nur erklUrrn lassen durch Annahme der 
Wirbelbewegung"^) und einer, der Dreiteilung: Lichtspender, 
-obermittler und i fflektoren entsprechenden Dreizahl der Elemente. 
Mit sachlicher Notwendigkeit war die Ljclutheorie zu einer Er- 
klärung aller kosmischen Libcheinungen und damii zu einer Kos- 
mogonie geworden. Frühling 1632 war diese durchgebildet, und 
damit waren jene Prinzipien gefunden, die die Einheit in die un- 
^dHcfae Mannigfaltigkeit der Erfabrungstatsachen brachten. Nach 
zweijähriger Stockung rOckt nun die Arbeit rascb vorwärts, so 
dlafi er schon Ende Juni seine Abhandlung flb«r das Licht als ab- 
geschlossen eridären konnte, so weit darin die unorganische Welt 
zur Darstellung kommen sollte*), d. h. der erste Teil des «Le 
Monde ou tratt£ de la lumi^e* von 1^33. 

Die Entstehung der in Descartcs* Lichttheorie vorliegenden 
Problemverschlingung läßt sich noch etwas nftber verfolgen. Des- 
GARTEs gibt einen direkten Wegweiser durch die Bemerkung, er 
sei vornehmlich durch das Studium der Komet^erscbetnungen 
zu seiner Lösung gefohrt worden*). Die Kometen sind wie die 

•) I 250, 15 (la Mai 1635») — I 343 — vgl, I 561, 7. Das »apriori" hat 
hier natOrlicb keineswegs Kantscbe Bedeotuiig. Descartis will damit doch 
nnr mgen, die ErklSrniig der Ersc&dnaiigen sei mit den Prinsipien schon ge- 
geben, rcsp. dieselben lassen sich alle ungezwungen erklären. 

Ich glaube kaum, daä diese Annahme bezweifelt werden kann; denn 
t. Beinahe die nämlichen Worte hören wir im 7. Kapitel deh „Le Monde*, 
a. Wenn DascART» in dem Briefe sagt, diese Erkenntnis niadie ancfa die 
\'erb:chicdenheit der Fixstcrnstellungcn erklärlich, so bezeichnet er anderseits 
in den Princ. II! 6Ö die ursprüngliche l^n^ieiolihcit der Wirbel ab Ursache. 
3. I 109, 21 verlangt er ein einheitliches Prinzip, mit dem sich alle Sinnes- 
qnsUtlten erldlren fausen. Wenn wir nun bedioiicen, dsB er splter alle Er- 
scheinungsformen der ausgedehnten Substanz mit Hille der Wirbeltheorie 
und der Dreizahl der Flcmrntr rrklflrt. ?o kann in diesem, die T-ösung an- 
kündigenden Briefe doch kaum von einer anderen ^Ordnung" des Universums 
die Rede sein D 573 mit C IV, 989?. — I 307^ 

») Princ. III 6B. 

*) I 254. 9 

») 1 351, j. — vgl I 350, 13. 



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KAPITEL /K 



Planeten Lichtreflektoren. Sie eracheinen pl5tzlicb, regellos, wer- 
den aUmflhlich großer, um aHmflhlicfa auch wieder zu ver- 
schwinden; Dauer und GrOfie ihrer Erscheinung sind verschieden. 
Wie erklären sich diese Lichterscheinungen? Unser Sonnensystem 
steht in Kontakt mit anderen Wirbehi. Da es keinen leeren 
Raum geben kann, mufi »ch der Wirbel zur AusfdUung der 
Lflcken an der Peripherie bald verengen bald erweitem. Es mn8 
also an der Peripherie eine 2Ume verhflltnismaflig rascher be- 
wegter und kleinerer Teile des Himmelselementes angenommen 
werden, die allmählich flbergeht in die Hauptzone dieses Elementes, 
bestehend aus den verhältnismäßig grOfiten und am langsamsten 
bewegten Teilchen. Mit der nAmlichen Kraft, mit der der Komet 
aus dem froheren Wirbel herausgeschleudert worden ist, dringt 
er in die äuflere Zone unseres Wirbels ein, und wird um so 
weiter gegen die Hauptzone vordringen, je weniger dicht er ist 
bi diese selbst vermag er aber nicht einzudringen; denn sonst 
wäre er ja ein Planet geworden. Er findet schon vorher an der 
CentrifiqjpalkrBft des vor ihm liegenden Himmelselementes eine 
undberwindbare Widerstandskraft und wird deshalb nach einem 
mehr oder weniger weiten VorrOcken zurückprallen, d. h. seine 
bisherige Bew^jungsrichtung ändern, den Wirbel allmählich wieder 
verlassen und mit dem Eintritt in einen anderen Wirbel für uns 
unsichtbar werden <). Physikalisch betrachtet stellt die Erklärung 
der Kometenlaufbahn einen Spezialfall des Schwereproblemes dar; 
den innigen Zusammenhang dieser beiden Probleme beweisen die 
Darstellungen hinlänglich*). Das Sdiwereproblem hat Descartes 
scheinbar während des Jahres 1631 beschäftigt. Er unterhält sich 
darüber mit Reneri») am 2. Juni 1631, und im Herbste des näm* 
liehen Jahres ist das die Lösung enthaltende, mit „De la pesan- 
teur" überschriebene Kapitel 11 des „Le Monde" entstanden*). 
Obwohl also das Lichtproblem in den Briefen des Jahres 1631 
niemals zur Sprache kommt, es hat Descartp:s in der Form des 
Kometen- d. h. des Schwereproblems auch wühn nd dieses Jahres 
beschäftigt. Es ist leitendes Forschungsproblem geblieben vom 



Priac ni ix9ff. ,Le Monde*, chap. to^ ct. 
*} vkle z. B. Princ. III laou 
■) I «05. 

«) I M2, 13 (Okt. 1^1). 



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DIE iVISSENSCHAFTEN. 



Juni 1630 bis Mai 1632, wenn es auch in der Fülle der Detail* 
arbeiten den Blicken des Zuschauers zeitweise entschwindet. 

Die Werke und Briefe ermöglichen weitertiin, sich auch über die 
allmähliche Durchbildung seiner Elementenlehre ein klares 
Bild zu machen. Ich habe oben dai^^legt, dati Descartes bis 
i6a9 der Annahme des leeren Raumes nicht vollständig fern ge- 
standen, zum wenigsten, daß er vor 1629 keine definitive Stellung 
zu diesem Probleme genommen zu haben scheint. Die Durch- 
bildung der erkenntnistheorelischen Grundlage führte ihn zu dessen 
Negit rung und zur Aufnahme des Äthers, So teilt er am 9. Oktober 
1629 mit, in bezug auf die V'rrdünnungserscheinungen nun im 
Einklang zu sein mit dem Mediziner, daß er aber den Äther nieht 
erkläre wie diesen <). Wie dieser ihn erklärt haben mag, bleibt 
für die Erkenntnis Descartes' schließlich gleichgültig; sehen wir 
aber, wie Descartes ihn an sich seiend denkt. Entsprechend 
seiner philosophischen Grundlage muß er ihn wesensgleich der 
Erdsubstanz annehmen. Da sich die „materiellen" d. h. die irdischen 
Körper in ihm bewegen, ohne Widerstand zu finden, muß es sich 
dabei um eine seiner difi'erenzterten Substanztormen handeln. Dem 
Erscheinungsgegensatze von Erdmaterie und Äthersubstanz ent- 
sprechend muß neben der „mati^re" eine „matiere subtile" exi- 
stierend gedacht werden. Mit dieser Zweiteilung der einen aus- 
gedehnten Substanz hat Descartes vielleicht wäiirend des Winters 
1629/30 die physikalischen Erscheinungen zu erklären versucht'). 

Eine w(^sentliche Änderung dieses St: [uipiiiiktes wurde erst 
notwendig, wie er sich speziell der Eiklasuni^ des Lichtes zu- 
wandte. Nun erscheint die Erdmaterie als LicJiireflektor, die feine 
Materie, der ehemalige Atiier, als weUerfüUender Lichtüberträger, 
und zur Erklärung der leuchtenden Sonnen bedarf es einer neuen, 
noch feineren Substanzform, des Sonnen- oder Eeuerelementes. 
Der Erdmaterie stehen nun zwei neue Substanzformen gegenober: 
die früher bekannte »matiere subtile* und die neuere „matite 
inooroparablement plus subtQe" oder ,1a mati^e trts fluide Wir 
haben also drei, nur durch den Grad der Differenzierung sich 
voneinander unterscbeidettde Substanzformen, kurz Elemente ge- 
nannt, anzunehmen. Da es keinen leeren Raum geben kann, sind 

•) VI 86, ai — a33t 10 — 1 119^ 10 — aog, 1 — 137, 17 — ^ 6 — 

U 56a, 9 etc. 

«j n - 4^3, 5 - 564 - 1 3^ 13. 



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174 



die Zwischenräume des Krdelementes durch Teile des HiuinieU- 
und Sonnenelementes die Zwischenräume des Fiimmelselementes 
durch die unendlich feinen Teile des Sonnenelenientes ausgefüllt 
zu denken. Auf den Einwurf Morins, daß auch dieser Erklärungs- 
versuch die Annahme des leeren Raumes verlange, da sich ja die 
zu Kügelchen abgeschliffenen Teilchen nur an mathematischen 
Punkten berüiiren, antwortet Dkscartes, er denke sich die Teil- 
chen des ersten Elementes so klein und so rasch bewegt, da«5 
V'erhältnis zwischen Oberfläche und Geschwindigkeit derart, daß 
ihre Gestalt durch jene der Poren bedingt werde, daß sie über- 
haupt keine konstante Gestalt mehr besitzen, sondern in best^- 
diger Veränderung begrifTen seien'). 

Das Licbtproblem hatte nicht nur zu einer Erklärung des 
Weltenbaues, sondern auch zu einer Darstellung der Entstehung 
desselben geführt Damit war audi die Frage nadi der Uraadie 
dieser Dreiiahl der Stabstanifonnen zu beantworten. Ist der Untier* 
schied an ursprQi^licher oder ein gewordener? Descartes hat 
auf diese Frage zwd verschiedene Antworten gegeben. Sehen 
wir zunächst jene von 1633 Das das unendliche All erföUende 
Himnidselement bildet quantitativ die mächtigste Subatanzform, 
der gcgenQber die Quantitäten des Erd- und des Sonnenelementes 
eigentlich verschwinden. Mit dieser räumlichen Prioritit des Him- 
melselementes war zugleich die zeitliche gegeben. Es bildet das 
Hauptelement schon am Anfange der Welt Infolge der Reibung 
achliffen sich seine Teilchen ab, und es entstand so alhnlhlich das 
die Lacken erfllllende und die Sonne bildende erste Element 
Dieses ist also ein Abkömmling des Himmrfselementes » keines- 
wegs aber das Erddement: Bei dot ursprOngHcfaen Differenz 
zierung der Substanz in die Teilchen zweiten Elementes sind noch 
grOfiere, ungeteilte Stacke abrig geblieben, die in dem die Wirbel* 
bewegnng tragenden Himmelselemente schwimmen und sich leicht 
zu größeren Kugdn, den Planeten und Kometen zusammenballten. 
Das Erdelement erscheint also gegenaber dem Himmelselemente 
von Anfang an ab trAge Masse und dessen Quantitttt ist ein koo^ 
stanter Faktor im Wdtengeschehen. Der Gegensatz von Erd« 
und Hinunebdement ist nicht nur ein ursprOnglicher, sondern 

0 I 139. as - U 483 - VI 86fl. 
■}l5H-aaS«-409.5-S64.ma36k4. 
0 C IV; a«^ a6S (.Le Monde«). 



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DIE WISSENSCHAFTEN^ £7g 

auch ein immt'nvShrender , ewiger. Dieser Dualismus durchzieht 
die ganze Kosmogonie Descartes', wie sie in ,Le Moade" voa 
1633 zur Darstellung kommt. 

Im Streben nach Einheit wird später diese Scheidewand ab- 
gebrochen. Im Briefe vom 9. Januar t6oq finde ich zum ersten 
Mal den Gedanken erwShnt, das Er<ii [- ment könne auch zum 
S niir Ii- und Himmelselement werden und umgekehrt diese zu 
jenem, so daß also im ('nivei'sum keine SubsLmzt )rm existiere, 
die nicht nach und nach alle anderen Formen annehmen könnte'). 
Mit diesem Prinzip war die Grundlage geschaffen für die Einheit 
im Werden der Welt. Damit erhält denn auch die Bemerkung 
vom folgenden Juni einigermaßen Kelief, „Le Monde" sei eine 
Frucht, die man auf dem Baume reifen lassen müsse und nie spät 
genug pflücken könne; denn in der Umarbeitung des „Le Monde", 
d. h. in der Kosmogonie von 1644 zeigt sich die Konsequenz 
dieses neuen Prinzips. Hier wird nämlich angenommen, am An- 
fange der Welt hütte es nur ein Element gegeben, das in außer- 
ordentlich viele Wirbel eingeteilte Himmelselement. Alle Teilchen 
waren sowohl in bezug auf Größe, wie in bezug auf Bewegung 
gleich. Sie schliffen sich allmählich ab und wurden rund. Die 
losgelösten Teilchen füllten die Lücken aus und bildeten die 
Sonnen. Bei ihrer Wandenmg vereinigten sie sich oft 2U größeren 
Stflckcheni die in ihrer Gesamtheit das dritte Element bilden. 
Aus dem zweiten Element entstand das erste, aus diesem das dritte, 
das seinerseits wieder in Teile ersten und zweite^ Elementes auf- 
gelöst werden kann, so dafl auch unter den Elementen ein ewiger 
Kraslauf besteht*}. Kur: In „Le Monde* wie in den »Principia" 
ruht die Kosmogonie auf der Annahme von drei Elemraten; 
wahrend aber ,Le Monde* einen Substanzdualismus an den An« 
fang setzt, entwickelt dch in den »Principia* die Dreihdt aus 
einer ursprünglichen Einheit Die fibrigen Unterschiede dieser 
beiden Darstellnngen der Kosmogonie sind nur Konsequenzen 
dieses einen prinzipiellen Gegensatzes. Einer derselben sei be- 
sonders hervoigefaoben: Wie Descartes im , Discours* erzBhlt*), 
hat er in ,Le Monde* ein Chaos an den Anfai^^ gesetzt, wie es 
von den Poeten nicht verworrener hatte vorgestellt werden können, 

*) U 485, 24 - 635i »5 

•) U 553. 4- 
VI 49, as — C IV, «4». 



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176 



und dann gezeigt, wie sich aus demselben infolgie der der aus- 
gedehnten Substanz immanenten Naturgesetie allmählich der Kos* 
mos in setner heutigen Gestalt herausbilden mufite. In den »Prin- 
dpia* weist er aber darauf bin» dafi ein solches Chaos nicht klar 
und deutlich gedacht werden komiei dafi er sich deshalb nun 
die Materie ursprOnglidi in gleich gestaltete und gleich rasch be- 
wegte Teile differenziert denke. Allerdings, auch diese Annahme 
ist nicht denknotwendig, so daß ich mich damit tauschen kann. 
Sollte aber die ausgedehnte Substanz ursprOnglidi auch anders 
differenziert gewesen sein, unsere Annahme würde doch keinen 
Irrtum in der Naturerkenntnis nach sich ziehen; denn wie sie 
differenziert gewesen sdn mag, nach und nach mufiten jene Formen 
entstehen, in denen wir sie jetzt vermittelst der Sinne seiend er» 
fahren 1). 

Zusammenfassend ergibt sich also: Sachlich und genetisch 
bildet das Licbtproblem den Mittelpunkt der Descartesschen Physik. 
In den Hauptlinien bereits 163a durchgebildet, hat sie vor den 
Veröffentlichungen in den »Prindpia* von 1644 mehrere, zum Tdl 
nicht unwesentlidie Modifikationen erfahren. 

Ausgehend von zwei Substanzforincn wird DrscAKTts durch das Licbt- 
problem zur Annahme der izah! rVr F.lemente geführt, wie sie bereit«; in 
,Le Monde* von 1633 vorliegt. Dabei darf niciit verge&sien werden, daii ,Le 
Monde* von DtscAnns nie verMTendicht worden itt, d«B eeine Zeitge no ee en 
von Kiner Elementenlehre also erst zehn Jahre später Kennini«^ erhielten 
durch die „Principia", ein Umstand, der einige obiger Auj^ffthrung widerspre- 
chende Tatsachen zwanglos erklärt. Die ^Essays** von 1637 kennen eigentlich 
nur zwei Elemente: hi msd^re et Ui nuiti«re subtile.*) Die Dreiteilung ist aber 
doch schon angedeutet und zwar gleich im ersten Kapitel der „IHoptcik', 
wenn da unterschieden wird zwischen dem Sonnenmedium und d(»n ,corps 
trani.parens*, die die von jenem verursachte Bewegung zur Erde übertragen.*) 
Deren klare md deudiebe Durehbüdung wurde aber erst notwendig zur £r> 
klSmng der Katur des Lichtes und diese hat Descartcs voUtHadig aua den 
Essays auspeschieden, um «eire Prinzipien nicht veröfTentlichen zu müssen.*) 
In t^iopthk" und |,Meteoren" handelte es sich 11 ui um die Betrachtung 
irdischer Körper, also des Erdelementes, dem gegenOber erstes imd zweitea 
Element gemeinschaftlich die Rolle des leeren Raumes spielen, d. h. wohl 
klsr und deutlich seiend gedncht, abfr i-.irht klar und deutlich erfahren werden 
können. Auch in der Folge bezeichnet Ukscartes erbtet» und zweites Element 
geroeinsam mk dem Termiaiu: .matitee aabtUe*» wenii es sich um ^ En 
klaruncen irdischer K4)fper bandelt, aelbst auch dann noch, da die Durch» 

') Princ. III 47. 

*) VI 86, ai — 933, la 

») VI 84. a8. 



I 



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122 



büdang der Drcitrilung unzweideutig feststeht.') In einem ersten Briefe mnrht 
MoRW darauf aufmerksam, daß die „matiöre subüle" der Essays den .leeren 
Raimi*' keineswegi» erkläre, da sich die betreffenden KQgelchen — so klein 
sie immer auch angenommen werdm mfigen — immer nur an mathematiscben 
Punkten berühren. Darauf antwortet De^caktes*), es sei nicht seine Absicht 
gewesen, sich in den Essays über diese leine Materie klar und deutlich aus- 
zusprechen, er habe sich nur gegen den Schluß der |,Meteoren", und auch 
da nitr gaiit aUgemeiB, darflber ra iaflern sich veranlaflt geadien. Von der 
Kugelgestalt der dort erwähnten feinen Materie brauche nicht auf ein Vakuum 
geschlossen zu werden: denn diese Lücken können von einer anderen Seins- 
iomi autigelüUt sein, worüber er sich dort keineswegs erkläre. In dem folgen- 
den Briefe (Sept tH^'i nimmt er dann klar nnd deatlkh die Scheidung vor 
zwischen der „matiöre subtile" und einer die Sonne bildenden „matiire tr^ 
flwde", und noch deutlicher exponiert er diesen Gedanken in dem folgenden 
Briefe an Meksenme (9. Januar 1639), und zwar in Jener Form, in der wir ihn 
aus den .Principia* kennen. Dafl DisauiTis erst 1638/9 in seinen Briefen 
von der Dreizahl der Elemente spricht, berechtigt aber keineswegs zu dem 
Schlüte** habe dies Prinzip damals erst konzipiert. Es ließen sich ohne 
Schwierigkeit mehrere Falle feststellen, in denen Descartes eine Idee erst 
Iftngere Zdi nach deren Koozeptioii sdnem Freunde mitteilt Dies trifft hier 
um so eher zu, als er direkt beifttgti er hitie von dieser Dreiteilung nicht 
froher sprechen wollen, um sie ganz fflr seinen {eigentlich zu veröffent- 
lichenden «Le Monde" zu reservieren.*) 



Die speziellen Erscheinungsformen. 

Nach der Erklärung der allen sinnlich erfahrbaren Objekten 
zukommenden Erscheinungsformen sind die die einzelnen Objekte 
charakterisierenden Perzeptionen klar and deutlich durchzubilden. 
Die Grundform physischen Geschehens, d. h. Wirbeltheorie und 
Elementenlehre, bleibt als Basis aller Erklärungsversuche bestehen, 
und Descartes erklärt in seinem letzten Lebensjahrei noch keine 
Naturerscheinung gefunden zu haben, die sich mit diesen Prinzipien 
nicht erklären ließe.') Soweit ausgedehnte Substanz existierend 
erfahren wird, herrscht unbedingte mechanische Gesetzmäßigkeit; 
dieKOrperwelt ist ein gesetzmäßig funktionierender Mechanismus*), 
und so verschieden die Erscheinungsformen der Einzelkörper sein 
mögen, diese lassen sich nur als quantitative Modifikationen des 



>) U 572, i6 — 373, 9 — 593, 18 — JU Mb 

») II 207, 7. 

») II 364 ™ I 365, ». 

*) II 485, 24 — vgl. Lasswitz II 90. 

*) V 347, 9 (9 avril 1649) — Princ. IV 199 — II 535, 16. Vgl, II 199, 15 
— III 39. I — 212, ^ — IV 224, 22 — 398, 4, 

•) u 542, la 

Jaaf aasB» Jtca« PliimUi. 19 



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178 



einen ausgedehnten Seins an sich seiend denken. Sie scheiden sich 
zwar in zwei Erscbeinungsgruppen : entweder tragen sie das Prinzip 
ihrer speziellen Erscheinungsform in sich oder diese ist vollständig 
durch Einflüsse von außen bedingt; dort ?^prf'chon wir von organi- 
scher, hier von anorganischer Weh Die Erklärung der anorga- 
nischen Sein l)[.iütlit uns hier nicht mehr zu beschäftigen; denn, 
soweit sie nicht bereits sdion i\tr Darstellung gekommen sind, 
handelt es sich nur um Modifikationen der Grundform physischen 
Ges Ii hens. Sie wären an sich wohl interessant; durch deren 
Bt ti achtimg wird aber für die Erkenntnis der Eigenart Descartes- 
sclien Denkens nichts ablallt ii [^esondeie Aufmerksamkeit ver- 
langen dagegen seine AusführunL^' n über die organische Welt. 
Auch sie bildet einen Teil (h-^ universellen Weltmechanismus. So 
verschieden die einzelnen Ürganismen existierend erfahren werden 
mögen, sie lassen sich nur als Mechanismen an sich seiend denken, 
und zwar im Unterschied zu den anorganischen Körpern als Me- 
chanismen, die das Prinzip ihrer charakteristischen Erscheinungs- 
formen in sich tragen, d. h. als Auiomaten und im einzelnen 
Falle hat man auf Grund der sjseziellen Perzeptionen eine Sub- 
stanzmodifikatioa objektiv seiend zu denken, aus der sie sich als 
Wirkungen erklären lassen. 

Die Organismen lassen sich in zwei Gruppen einteilen: 
Pflanzen und Tiere. Daß die Erklärung des pflanzlichen Or- 
ganismus Descartes lebhaft beschäftigt hat, beweisen die Briefe 
hinlänglich. 1639 wendet er derselben seine spezielle Aufmerk- 
samkeit zu*), und an der Sammlung des empirischen Tatsachen- 
materials beobachten wir ihn, wenn er am 11. Juni 1640 schreibt, 
^das Buch des bbtaoiadien Gartens' enthalte mir Namen, wtiirand 
er Tatsachen suche. In dem Fragmente: JPresaiins Pena6es* 
findet sich eine kuize Einlage Qber doi Pflanzenorgamsmus>) Als 
ChandcterisUkum desselben wird bezeichnet, dafi sich die Um Icon* 
ttituierenden Teilchen in einer Flache ausbreiten, während sich 
die Teilchen des tierischen Organismus in allen Richtungen be* 
wegen, eine Sphflre bildend. Es handelt sich dabie aber doch nur 



*) III 566 — II 39, 15 — Baillbt I ag9L 

•) U 595 - II 619, II. 

») in 73,a Vgl. m 40, 6 — 47, 3 — 5 — 78^ aa — iTö^ 17 — 193, 18. 
IV 44a, 8. — Baillkt II 279. 

*) C XI 417 ~ vg). FoocuR de C, in^ I p. ha 



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DIE WISSBNSCH^EV. 



um Andeutungen, nicht um eine klare und deutliche Darstellung 
eines Prinzipes, und da zudem Ober das Resultat setner spateren 
Forschungen jeglicher Anhaltspunkt fehlt, kann uns diese Seite 
•eines Denkens nicht weiter bescbftfUgen. Durchsichtig sind da* 
gegen die leitenden Tendenzen seiner ErldArui^ des tierischen 
Organismus (dem auch der menschliche Körper beigezählt wird)^X 
obwohl auch in dieser Richtung kein (lurchgebild<"tes Werk vor- 
liegt. Die Anatomie hat die Tatsachen, also die Erkenntnisgrund- 
läge zu liefern.*) Seine Nachforschungen führen Descartes zu 
der Überzeugung, daß die Anatomen bereits alles genau erkannt 
haben, was sich sehen lasse, daß die Meinungen nur da weit aus* 
einandergehen , wo es sich um die Erklärung dfeser Tatsachen 
handle.") Kr ist indes überzeugt, daß sich eine unbezweifelbare 
Lösung finden lasse, wenn die vor unseren Augen sich abspie- 
lende Entstehung der tierischen Organismen ebenso klar gesehen 
werden könnte, d. h. wenn neben dem anatomischen auch das 
entwickelungsgcschichtliche Tatsachenmaterial vorläge. Eine klare 
und deutliche Erkenntnis des ausgebildeteti Organismus durch 
eine Erkenntnis seines Werdens, dies Ziel schwebte Descartes 
während seines ganzen Aufenthaltes in Holland vor Augen Sf»ine 
diesibezüglichen Forschungen scheinen aber zu keinem beJriedigen- 
den Resultate geführt zu haben; ein durchgebildi t -s Werk ist 
nicht gelungen; dagegen sind Fragmente erhalten aus den Jahren 
1630, 31, 32, 37, 39, 48.*) Sellen iür seinen „Le Monde* von 1633 
hatte I 'fx ARTES eine entwickelungsgeschichtliche Darstellung des 
tierischen Organismus in Aussicht genommen «) Für eine solche 
Synthese hatte aber die Embryologie der Zeit noch nicht genügend 
vorgearbeitet. Descakie.s fühlte den Mangel eines genügenden 
Tatsachenmaterials, weshalb er sich in diesem Werke auf eine 
einfache Erklärung des ausgebildeten Organismus beschränkte.«) 

'} M 56, 3 — 59, a — Pa«8. 7. — C IV ^tt,, 494. — latd, I 35. 
in 121, 16 — 136, aß — 163!. — IV 408, 10. 

*) Fofucm d. C Gnۊ. I) spricht in der Vorrede mit Unrecht von 
einem Übergang von der Anatomie zur Physiologie, lofeni dnmt eine In- 
trrcscenverschiebung bezeichnet werden soll. Die Anatomie Wir fttt DC8> 
CART&ä nie Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. 

•) C IV 406, 336 — vgl. VI HO, la 

*) 1630: Premi^res Penetes. — 1632: Tbomme. — 1637: in6d. I 1091» — 
i(S45: De la form, da foeins. -~ £648: in^d. I 109. U C6, 96, 134. 

*' I »54. 5- 

•) I 254, 8 - II 535, 24. ~ D»c. 5. — IV 566, 84 — V 112, 19. 



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i8o 



Die dieselbe leitenden Prinzipien sollen zunächst iestgestellt 
werden. 

Physiologie. Die griindle(Tpnden, anaiomisrhen Kenntnisse 
schöpft Descaktes aus dem Kultur besiize der Zeit. Er stützt sich 
dabei vor allem auf Vksalius und die von dessen Geist»' belebte 
Anatomie.^) In dem Widerstreite physiologischer Ans liauunyt^n 
verficht er dagegen im Anschluß an das bisherige Denkt ti selb- 
ständige Ansdiauungen , und zwar in der Erklärung der beiden 
Haupifunktionen, der Ernährung und der Bewegung. Das Er- 
nährungssystem! Das Herz muß als eigentliches Zentrum des 
tierischen Organismus angesehen werden. Es ist der Sitz der 
natürlichen Wärme, eines Lichtes ohne Eeuer, des eigentlichen 
Prinzipes körperlichen Geschehens.') Durch diese Wärme wird 
das eindringende Blut erwärmt und infolgedessen auch verdünnt 
Die dadurch bedingte V'olumvermeiirung bedingt eine Erweiterung 
des Herzn]usk(_ls und der Arterien, also die Erscln inung des 
Pulses. ^) Auf diese Weise in alle Teile des Körpers liinausgetrieben, 
gibt das Blut seine Wärme und seine Nährstoffe ab; derselben 
beraubt, kehrt es zum Herzen zurück und nimmt auf diesem 
Rtkckwege, vomehmHch in der Leber, die aus den Gedärmen 
kommenden NAhretoffe auf>) 

In wdcfaem Verlilltiiis steht Duaurns mr Entdedraog des Blotkrei*- 
lau^e^ .^ Im Jahre 1638 hatte Harvey tciiie Entdeckung in dem lateinisch ge- 
schriebenen; „de motu cordis* weiteren Kreisen bekannt gemacht*) und da- 
durch einen jahrelang dauernden Kampf der Gelehrten entfacht/] Descartes 
ergreift Pwid für den engiMchen Medisiner. In aeinen Werken rAhmt er 
mciimuüs dessen Entdeckertat und wendet sich vor allem gegen jene Gegner, 
die ihm durch die Autorität der Alten für t-n Sehen der Talsarhen erblindet 
encbeinen.') — Diei>c, sachlich wohl unbe^weifelbar richtige, weil von Des- 
CAKnts settMt gegebene Aaffutung seines VerMUtnine« sor Emdeefcang 
Harveys hat von Seiten wohlmeinender Komnenutorcn Anfechtungen Cf^ 
litten*), scheinbar auf Grund eines Briefes vom Ende des Jahres 1632 an 
MsMSEMME, in dem folgender Passus sich findet: ^'ay veu le hure de motu 
cordii dont von» mVvies «ntrefoie parle, et ne «ois troiivd un pen differeat 
de ton epioion, qooy que ie ne l'aye vü qtt'apr^a nvoir achevd 

') II 525. 

») Pa*s. 8 — III laa, 16 — IV 695, 2. — C XJ 308, 380. 

') C IV 449 — II 501, 4-^inua~Vll430ki9 (Rep. anx Obj« IV). 

*) Pas.s. 7 AT. 

*J EditioD Massou 1892. 

"0 Haeser, , Geschichte der Mcüizm*. Bd. 11 344. 

0 VI 50^ as - IV »a^ 2« - 699^04 499 - 457 - paaa. 7. 

*) Poiason, j^emarque»" i4off. 



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i8i 



d'ecrire de cette matiere".') Dabei im nun in elfter Linie zu beachten, 
daß der Unterschied keineswegs die Entdeckung als solche, sondern nur die 
ErUInmg dendboi betrifft» spendl der HenknatraktMoen. DncAnns 
nimmt wie Harvey an, die im Herzen vorhandene natürliche Wärme ver 
dünne das durohflirOrndf Blut. Dann aber ':chHp6f er, entgegen Hakveys 
Annahme, die durcti die i^.rwarmung oedingte Ausdehnung des Blutes ver- 
«rMehe wach die Erweiterung des Heramuakels, die HersbmtralEtioiMii aeieii 
also Folgeerscheinungen.*) Die Bemerkung, er habe Harveys Werk erst 
Ende des Jahres 1632 gesehen und gelesen, wird kaum bezweifelt werden 
dilrlen, aber ebensowenig die iVngat)e, er habe früher schon von der Ent- 
dedning gelittit. Die Steile: adent vous m'aiviei antrefoie peri^ «cheint auf 
eme mandliche Mitteflong zarOckzu weisen, wobei jedenfalls nicht an Des- 
CARTES* Pariser Atifenthalt von 1625 bis Anfang Dezember 1628 gedacht 
wmien dürlie; denn das Werk Harveys ist erst im FrOhling 1609 in Frank» 
reich fidnumt geworden.^ Da anderseits mehrere Ortode dafor sprechen, 
das, Harveys Entdeckung noch vollstAndig ignorierende Fragment: „Pre- 
miere«; penpf^e-^" sei wShrrnd de'^ Winters röag'so entstanden*), könnte also 
das .autreiois parla' aui den Besuch MERsemiES vom Sommer 1630 zurQck- 
weisen.^ Hallen wir die nnbeswdidbaren Tatsachen fest: DncAims adbat 
beidchnet mehrmab Harvcy als Entdecker des Blutkreislaufes; er hat von 
der Entdeckung gehört, ehe ihm Harveys Werk zu Gesichte gekommen ist; 
vor dessen LektOre hatte er seine abweichende Theorie bereits niederge- 
schrieben. Spricht ans diesem Zusammenhange nicht Uar nad dentlich sehie 
Pnods gegenlttMr allen bedeutenden Entdeckungen?*) Es muß also ange* 
nommfr: '.verden, ein bewußtes Nnchentdecken, d. h. eine Nachforschung 
habe ihn zu seiner individuellen Anschauung Ober den Blutkreislauf geführt. 

Das Bewegungssystem. Wie erklären sich die Reweg^ings- 
erscheinungen? Es sind nierhanisch gesetzmäßige verlauU iide Reak- 
tionrn gegen Zustandsändf t ui^gen , seien diescliii n eine Folge 
inner-körf>er)irher Vorgänge oder einer Objekteinvvirkung. Als 
Organe dieser Funktion des tierischen Organismus sind die Nerven 
zu betrachten, die aus drei Teilen br stehen: der Haut, dem vom 
Gehirn ausgehenden gespannten Fadenbündel und der sehr leicht 
beweglichen Flüßigkeit. Wirkt z. B. ein Fremdkörper auf unseren 
Körper, d. h. auf das Nervenende ein, so wird die dadurch ver- 
ursachte Zustandsänderung vermittelst der Nervenfäden sofort 
nach dem Gehirn übertragen, wo sich infolgedessen gewisse Poren 
weiter öffnen als dies gewöhnlich der Fall ist. Eine größere Menge 
der feinen Fltissigkeit vermag deshalb in die Nerven gewisser 

*) I n^, 8 (Nov. oder Des. KS3»). 
*) n 501, 4 — III laa — C IV 449k 
*) I 265, Anmerkg. der Heran^dwr. 
*) vide Kap. V: „Werke". 
•)! 176. 

*) siehe oben fiag. itiB/9. 



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l88 



KAPITEL jy. 



Körperteile einzudriiigen, dadurch enttprechende liuskelbewe» 
gungen mechanisch auslösend. Wie alle anderen Teile des Körpers, 
80 kann auch diese feine Nerven-, resp. Gebimflttssigkett nur aus 
dem Blute entstanden sein. Verlitflt dieses erwftrmt das Herz, so 
bewegen sich dessen feinste Teilchen («des esprits animaox* ge- 
nannt) am raschesten nach oben, sammeln sich im Gehirn und 
sind da immer bereit, durch die Nerven in alle Körperteile hinaus 
zu dringen. Die aus den |,esprits animaux* bestehende Nerven* 
flQssigkeit unterscheidet sich von den anderen Körperteilen somit 
nur durch den höheren Grad der Differenzierung, und es wird 
deshalb auch alles m<idifizierend au! sie einwirken, was iiigeDdvrae 
eine Veränderung des Blutes hervorzurufen vermag, wie Luft- 
anderungen, Alkohol usw.^) 

Historisch betrachtet erscheint Descartis* Physiologie ab 
i£e semen Prinzipien und der Entdeckung Harveys ai^paflte 
Zeittheorie, die ihrerseits vollständig auf Galeh und damit auf 
AMStomss zurUckgeht Wahrend Gaums Autorität auf dem 
Gebiete der Anatomie durch Vesauus untergraben worden war, 
in der Ph3rsiologie wirkte sie fortwährend so unumschränkt, ,dafl 
selbst die grOAten Zergliederer kaum etwas anderes im Auge 
hatten, als durch ihre Untersuchungen die Lehrsätze des P&rga- 
MEMERS zu erläutern*.^ Auch Vesauus huldigte ihr und änderte 
nur dann, wenn seine Forschungen ihn dazu zwangen.^ Die 
Leber galt als Zentralorgan des Emährungsystemes. Von ihr aus 
strOmt das Blut, der spiritus naturalis, in die rechte Herzkammer 
und von da durch die Venen in den ganzen KOrper, zu dessen 
Ernährung. Das Herz ist der Sitz der natürlichen Wärme. Wenn 
das Blut die rechte Her^ammer durchzieht, wird es erwärmt und 
damit verdünnt. Die dabei sich bildenden feinsten Teilchen 
dringen durch die Herzscheidewand, das Septum, in die linke 
Herzkammer und durchziehen von da aus in den Arterien alle 
Teile des Körpers. Es ist das den Körper belebende Agens, der 
t|Mritus Vitalis. Ein Teil desselben wird im Gehirn in den spiritus 
animalis umgeformt, der in den Nerven seine natürlichen Zirku* 



') Pass. i2ff. - IV i89ff. - m lao, 7 - U 633, 635. ~ C I 2137. — 
C IV 345 iL, 387«. — Vn aa9, ^ (Rep. aux Obj. IV). 

*) Hasssk, Gecdb. d. Med. D 944 — v^. Hamtky, „de motn conlii", 
k<L Masson 98. 

*) Roth, nVecelias" 153^ 347. 



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DIE Wi:>i3LN:iUiArrEN. 



totioniihiihn«t findet und die psychisclien Eracbeinungen bewiikt 
— Dies in HauptzOgen die Zeittbeorie.*) — Die Entdeckoog des 
Bkrtkreisbnfes war natttrlicb ein schwerer Angriff auf diese 
wisscfischafdiche Hypothese; daher denn auch öne Unaicfaerfaeit 
in der ErfclArung aUea dessen, was nicht klar gesehen werden 
koonle, wie Descaries meldet*) Durch den Wirrwar zur Klar- 
heit und Deutlichkeit der Auffossung! heifit sebe Forschungs- 
devise. Mit seinen ericenntnistheoreliachen Untersuchungen war ge- 
geben, daß kerne wesensfremde Substanz zur Erklfliung der Lebens* 
encbeinimgen angenommen werden durfte. Durch Anerkennung 
der Entdeckung Harveys ivird das Herz im eigentlichen Sinne 
des Wortes Zentralorgan des tierischen Körpers. Es bldbt Sitz 
der natOriichen Wflnne und erhalt damit den ganzen Mechanis» 
mus körperlichen Geschehens. Dagegen schwindet der Unter- 
schied von Spiritus naturalis und Spiritus Vitalis. Das Arterienbhit 
ist identisch mit dem Voienblute, nur wärmer und darum auch 
feiner differenziert, weil es gerade aus dem Herzen konimt*)k 
d. h. es gehört zum Emährungs- und nicht zum Beweguogssystem. 
Den Spiritus animalis der Zeittheorie behält Descartes bei und 
teilt ihm jene Funiction zu, die dieselbe dem Arterienblute zu- 
geschrieben hatte; er wird zum eigentlichen Träger der Bewegungs- 
erscheinungen. Dabei handelt es sich aber nicht mehr um ein 
mystisches, unerklarbar wirkendes Etwas, sondern um feinste 
Blutteilchen; ihm Itommt keine belebende Kraft zu; er repräsen- 
tiert nicht ein Agens, sondern einen Bewegungsüberträger, ein 
Oigan, kurz, er wird streng mechanischer Gesetzmäßigkeit unter- 
worfen.*) 

Descartes bedarf der Embryologie als Hilfsmittel der 
Physiologie. Anatomie und Embryologie sollen das zur Erkenntnis 
des An-sich-seins des tierischen Körpers notwendige Tatsachen- 
niatennl liefern. Die auf vergleichender Anatomie fußende Be- 
trachtung der Entwicklung des tierischen Organismus ist scheinbar 

*) HAnKR, »Gesch. d. Med* Bd. 11 245 — Rora, .VeBalim" 847 ff. — 

Fiwuzius, de oculo (6<L KerckheiD) iQ3if. 

») C i\- 4:^6, 336 - V\ 110, 18 — IV 619, aa 
*) HI 120,7 — C IV, 349 — Pass. 10 ff. 

^ C IV 349 — Pus. 10 ff. — Wir begeg n en dem .spirttw «niimlii* 
flbrigens schon in der Abhandlang Ober die Musik voo 1618. (C V 451.) 
Schon hirr ist er als physisches Sein «ufgcfafll mid mfchaniwher G«tete<- 
mAfiigkeit unterworfen. — Vgl III 369, i. 



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KAPITEL iK 



dne Frücht der Renaissance. «Eine lange Reihe entsprechender 
Schriften wird eidffaiet durch die Werke des Fabrizius ab Aqua* 
pendente*, des Anatomen von Padua. Es »finden sich bd ihm 
die erst» Beschreibungen und Abbildungen von der Entwkke- 
hmg des Hflhnchens, der Säugetiere und des Menschen*.*) Wäh- 
rend des Winters 1699/30 wendet sich Descartes in Amster- 
dam anatomischen und embryologiachen Studien lu'); in Plempius 
lernt er eben Schüler des Fabrizius kennen*), dessen Schriften er 
studiert^); er prflft sezierend nach, versucht in der nämlichen Richtung 
sdhstflndig weiter zu forschen und nimmt auch eine Abhandlung 
Aber die »Entstehung der Tiere" in Angriflf*), die, soweit sie 
durchgebildet worden ist, in dem Fragmente: .Premi^res Pena6es 
Sur la gön^ration des animaux" erhalten zu sein scheint.') Des- 
cartes verficht in demselben die These des Fabrizius, dafi die 
meisten Tiere ans Eiern entstehen, daß sich die Urzeugung auf 
wenige Arten sich beschränke.^) Harveys Entdeckung des Blut- 
kreislaufes kennt er noch nicht ^); die Arterien faßt er entsprechend 
. der hergebrachten Theorie als Organe der Bew^^ung, die Venen 
als solche der Ernährung, akzeptiert also die Dreiteilung: spiritus 
naturalis, spiritus Vitalis und spiritus animalis*®); im Entwicke- 
lungsprozesse des Footus spielt die Leber noch die Hauptrolle^') 
— alles Momente, die verrnten, daü sich Dkscartes auf den von 
Fabrizius ausgebesserten H.ilmen dc"^ Zeitdenkens bewegt. 

Frühling 1630 bis Frühling 1632 beschäftigt Descartes in 
erster Linie die Erklärung der anorganischen Welt, d. h die Fest- 
stellung der Grundformen des phj'sischen Gescht licns In dem 
nämlichen Briefe, in dem er die Durchbildung der rntsiirechendf^n 
.Lc Monde*-Partie ankündet, teilt er mit, er habe sich bereits 
einen Monat mit der Entstehung der Tiere beschäftigt, müsse aber 

M Haeser, ,G«sdk. tf. Med.* Bd. O 33a — FABMznis: 1615 de fornutimie 
foetuB. 1635 de foroMtifme ovi et pollL 

') I toa, II. 

^ I 401, Anmerkong der Herausgeber. 
*) IV 555. 9. 

*) I loa, 18 -~ to6^a — vgl. U 621, 9 ^ IV 555, 13 — Baoubt, Bd. 1 196. 

^ IV 310^3 — 306^4 - 389» 16. 

*) vide unten Kap. V ~ vgl. iii«d. D 66. 

') I Iakser, „Gesch. d. Med.* Bd. II 3api. 

•) C IV 404, 415 f.. 4*1 a36f, 394. a» 
") C IV 401, 431. 
«») CIV 4a6r. 



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DIE WISSENSCHAFTEN, 



mangels genügender Sachkenntnis das I'roblem beiseite legen') 
und sich intolgedessen in dem zweiten l eüc des „Lc Monde" auf 
eine einfache Beschreibung der wichtigsten Funktionen des mensch- 
lichen Organismus beschränken.') In der Folge begegnen wir 
immer wieder neuen Anläufen zu befriedigender Durchführung 
des ProUemes. Foucher de Careu. verOff enthebt in den „Oeuvres 
w/bäSsaes" ^ ein Fragment aus dem Jahre 1637, in dem das Wachs- 
tum des Kdrpers ab Spetialfall der Emihnmg dargestellt wird 
' Fd>niar achreibt DESCARitSp er habe noch Iceine Erscheüiun; 
gefunden, 90 viele anatomiscfae Kemitmne er im Laufe der Jahre 
nun auch gesammelt habe, die aicfa nicht durch natOrliche Ur- 
aachen eridBren ließe, weshalb er daran denke, die entsprediende 
JLt Honde'-Partie endlich im Sume emer entwiclcelungsgc$chicfat< 
heben Darstellung umzuarbeiten.*) Nach der Durchbildung der 
yPtincipes" macht er sich denn auch ans Werk; »un juste trait6 
des animaux* soll entstehen*), d. h. die 1629/30 m Angriff ge- 
iranmene Abhandlung: «Premixes pensöes* soU weiter- req>. 
durchgebildet werden.*) Aber bald stockt das Unteniefamen^ und 
vombeigefaend denkt er daran, emfach den aweiten Teil des ^Le 
Monde* von ins reine zu schreiben und zu verOffendichen"), 
tun dann 164B neuerdings einzusetzen zur Durchbildung einer 
entwicldungsgeftcbichtlichen Darstellung.*) Aber nur ein Fragment 
ist aus dieser Zeit eriialten, betitelt: ^De la fonnation du foetus*. 

Fttr die erste Periode seiner embryologischen Studien cha- 
nkterisiert siieh Descartes selbst als SdiOler des Fabrizius. Er 
scheint aber auch in dieser Richtung seiner Focschertatigkeit ein 
Verfechter Harv^scher Forschungsresultate geworden zu sein. 
Harvey hatte nSmlich in seinem ,de motu ooidis* mit der Ent» 
deckung des Blutkreislaufes auch «des observations sur la for- 
maticm du foetus", d. h. ein ziemlich reiches entwicUungsgeschicht- 

») Vl4sa3. 

*) I ^>5 <J«si x^) ^ vgl. V iia, I. 

•) incd. I 109, 

*) II 5351 16 — IV 167, 4. 

^ IV 326, 4 (Okt. 45) — 339^ ao 407ir. — V lu^ t» — sfo^S» — 170 
— D«r. Termiiiat: «un juste iemitt des animuix' idieint von Baiixet zu 
stammen tßAii.t.rr Bd. II 273) — vgL Prioc. U 40 — ebenso IV sngn Anm. C. 

*) iV 3^6,4 — 310,8. 
•) V a6i, 3 - IV 3-89, 16. 
•) V na, tft — fl6o^9. 
•) Va6o,9^ 



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i86 KAPITEL iV, 

■ 

liches 7 atsachenmaterial veröffentlicht, entwicklungsgeschichtliche 
Probleme angedeutet und einen Forschungsplan entworfen, der 
geradezu als Grundlage des Descartesschen Fragmentes: ^Dt \a 
formation du foetus" angesehen werden kann.^) Im Gegensätze 
zu seinem froheren Fragmente: ^Ptemidfes Pent£es' und damit 
auch ün Gegensatz m Fabrizius akzeivlieit hier Dkscaiites die 
von Harvey klar mitgeteihe Tatsache» dafl sich die Leber un 
Foetus erst selir spät entwickle, erst nach der Entwicklung des 
Gehirns, ja erst nach der Anlage der Geschlechtsorgane; die 
Leber tritt also auch entwiddungsgeschichtlidi voUstftndig in den 
Hinteignmd.*) Von Harvey stanunt der Satz: i,Omne animal ex 
ovo".^ Obwohl erst in sdnem Werke 1651: «De generatioae 
animalium* so knapp formuliert^ findet er sich doch schon in «de 
motu cordis*.*) Da die Urzeugung in keiner der nach 1633 entstande- 
nen Abhandlungen Descartes* mehr erscheint, darl vielleicht auch 
darin eme Anerkennung der Harveyscben Forschungsresultate ge- 
sehen werden. Kurz: ausgehend von Fabrizius scheint Harveys 
Tatsachenmaterial zur Grundlage seiner entwtcklungsgeschicbtüdien 
Studien gew<^en zu sein, die sosus^en während seines ganzen 
Aufenthaltes in Holland im Vordergründe seiner hiteressen ge- 
standen haben, 

Mikro-Maivrokosmos. 

Descartes' Physiologie bildet eine interessante Parallele zu 
seinem kosmischen Systeme: Dem Sonneneiemente entspricht der 
Spiritus animalis (Ics esprits animaux), dem Himmclselcmente das 
alle Teile des Körpers durchziehende Blut, dem Erdelemente end- 
lich das Knochengefügt; der Kreislauf des Blutes repräsentiert 
einen Wirbel im kleinen; das Herz bildet das belebende Zentral- 
organ, die Sonni des Mikrokosmus. Lasswitz, „Gesch d. Ato- 
mistik" Bd. 11 84 bemerkt, Harveys Entdeckuner sei Dkscartes 
zur Unterstützung seiner Prinzipien jedeniails sehr willkommen 
gewesen. Angesichts der Tatsache, daß Descaktks sein Welt- 
system erst während der Jahre 1630/32 durchgebildet hat, also 
nachdem er von der Entdeckung Harveys gehört hatte, Iflfit 

'} Harvsy, de motu cordis, 6d. Masson p, 10311. 
*) idem 104, IST. 

*) Halser, „Gesch. d. Med.* Bd. 0 953. 
*) Hakvxy, id. Masson 1x9. 



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DIE WJSSENSCUAFTEJ^. 187 

sich auch uni;^* kehrt frieren, oh er \nelleicht gerade durch diese 
zu seiner Erklärung dts Makrokosmos mittels der Wirbel geführt 
worden sei. Hat ihn vielleicht die Entdeckung des Blutkreislaufes 
zu der Überzeugung geführt, die Umlaufsbevvegungen seien in 
der Natur ganz allgemein?*) Ist psychogenetisch sein Makrokos- 
mos ein Abbild des Mikrokosmos? Die Möglichkeit läßt sich 
nicht rundweg abweisen, aber ebensowenig die entgegengesetzte 
Annahme, seine Anschauungen über den Mikrokosmos hätten 
seine physiologischen Studien geleitet. Das Probiem bleibt un- 
beantwortbar.*) 

„Le Monde" gliedert sich in zwei Teile; der erste gilt dem 
Makro-, der zweite dem Mikrokosmos. Ersterer ist entwicklungs- 
geschichtlich dargestellt, und zwar auf Grund eines Dualismus von 
£rd- und Himmelsdement Im Mikrokosmos erschaut dagegen 
das Geschehen bereits auf eine letzte Einheit zuiflckgefikhrt; aus 
dem Blute entwickeln sich sowohl die „esprits animaux" wie auch 
die Knochen und Muskeln. Im Jahre 1637 wendet sich Descartes 
spetiell dem SloSwechsdproblem zu*); am 9. Januar 1639 taucht 
dann zum erstenmal der Gedanke auf, dafi auch die drei Elemente 
ineinander abergehen kOnnen*), und in den »Principia* von 1644 
Iflfit Descartes im Gegensatze zu semem «Le Monde* wie das 
erste, so auch das dritte Element aus der Grundform, dem 
HimmeJaelefflente, hervorgehen. Haben die physiologischen Studien 
zu dieser wesenthcben Umbildung der Kosmogonie von 1633 ge- 
führt, wie aus der Tatsacbenaufeinanderfolge erschlossen werden 
könnte? Möglicherweise; aber beweisen lafit sich nichts. 

Descartes erstrebte eine Erkenntnis des ausgebildeten tie- 
riscbeu Qiiganismus durch eine Erkenntnis seines Werdens, wie 

•) C IV aas. 

*) Es ist interessact zu sehen, wie Harvey das Herz als «Sonne des 
Mikrokosmo«'' bexdcliaet and umgekehrt die Sonne aJs .Hen d«r WeU* («d. 
Masson 58). Dafi Descartes zu dieser Perallele nieht peageregt* ni werden 
braucht, wird wohl ohne weiteres von jedem Historiker zugegeben werden 
der in den Menschen nicht nur Denkmaschinen erblickt, der nicht in jeder 
Gedankenflbereinstimmung zweier Denker sofort auf einen aEinflufi' glaubt 
achfiefien zn manen, der den tinzeben Denker nodi eis ein lebendes Sein 
betrachtet und nicht als blofie Vorrafkemmer zofflUig oder «heifhrHch »auf- 
gegriffener" Gedanken. 

*) .Sofern das betreffende, von Foucher de C, inecl. I 109, veröffent- 
lichte Fragment richtig datiert iat 



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i8B 



KAPITEL IV. 



er anderseits eine klare und deutliche Erklärung des .Makiokosinos 
2U geben versucht liatte durch eine Darstellung von dessen Ent- 
stehung. Die Entwicklungsgeschichte des Weltgebäudes betrachtet 
er als kühne Hypothese, als .Schatten der Darstellung* — als 
konsequenter Realitätsdenker konnte er mangels hinreichender 
Tatsachen auch nicht anders — während er aber in bezug auf 
die Entwicklung des tierischen Organismus keineswegs hypothe- 
tisch, sondern auf Grund des Tatsachenmaterials der Zeit rück- 
sichtslos vorgeht. Hat er den Entwicklungsgedanken vom Mikro- 
in den Makrokosmos Qbertn^en, oder hat ihn umgekehrt die 
Betrachtung der kosmischeii Entwicklung dazu gefOhrt, d^ Em- 
bryologie seine Auftnerksunkeit zuzuwenden? Die eine wie die 
andere Annafame ist möglich. Angesichts der Tatsache, dafi sich 
Descartes bereits 1639/30 entwicklungsgeschichtiicben Stadien 
zugewendet, die Kosmogonie dagegen erst in den beiden folgen« 
den Jahren durchgebildet hat, m(}chle man erstere Annahme als 
die wahrscheinlichere bezeichnen. Aber ein sicherer Anhaltspunkt 
fehlt Die Frage bleibt unbeantwortbar wie Oberhaupt jede psy- 
chogenetische Frage. Das Gestalten ist eine Urtat psychischen 
Lebens, die sich dem forschendoi Auge voUstflmfig entzieht; er- 
lebbar, aber nicht denkbar; selbst in. den Reflexionen des Ge- 
stalters haben wir kaum etwas anderes zu sehen, als eine durch 
die Absicht bedingte Verkleidung der eigentlich unbewußten psy< 
chischen Tätigkeit 

C Psycbo-Pfaysik. 

Ich erkenne mich ab denkendes Sein und erfahre weito'hin 
einen wesensfremden Körper mit mir vereinigt und zum Teil von 
mir abhängig, d. h. ich perzipiere mich als psycho-physisches 
Sein. Das ist eine innere, unmittelbare, darum auch unbezweifel- 
bare Erfahrung, und es frHgt sich nur, wie sie klar und deutlich 
objektiv seiend gedacht werden mufi. Geistige und körperliche 
Substanz sind ihrem Wesen nach vollständig voneinander unab- 
hängig. Die Verbindung von Leib und Seele in der Erfahrungs- 
einheit: Mensch ist also nicht notwendig, sondern zufiülig, acd* 
dentidL Leib und Seele mOssen nicht miteinander vereinigt sein, 
sind es ab^ tatsächlich. Ihr Verhältnis zueinander kann id)er 
keineswegs als identisch mit dem Verhältais eines Piloten zu 
»einem Schiffe angesehen werden. Die Erfahrungstatsache, dafi 



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DIE W!SSENSCHÄFTEN. iSg 

ich die Zustandsttnderuiigen meines Körpers nicht wie die Zu- 
standsänderungen anderer Körper nur erkennend sehe, sondern 
miterlebe, d. h. iohle, zwingt mich zur Annahme, Leib und Seele 
seien so innig miteinander vereinigt, dafi sie sozusagen doch eine 
substantielle, d. h. Wesens- oder Seinseinheit bilden.*) Wäre 
dem nicht so, d. h. wären sie nur lose zusammengefügt, so daß 
sie ihre Seinsselbständigkeit bewahrten, dann würde ich als den- 
kende Substanz bei der Verletzung des Körpers keinen Schmerz 
fühlen; denn nicht meine Seele, sondern der ausgedelinte Körper 
wird verletzt: ein geistiges Sein kann seinem Wesen nach durch 
physisches Geschehen nicht in Mitleidenschaft gezogen werden, 
wenn es dadurch auch modifiziert werden kann. Wird der 
körperliche Mechnni^-mus derartig beschädigt, daß er nicht mehr 
funktioniert — emt Krscli* mung. die wir als „Tod" bezeichnen — 
so bin ich nicht anzunehmen gezwungen, daß auch das den- 
kende Sein vernichtet werde. Die Seele bleibt ihrem Wesen 
nach unberührt, und da sie vom Körper oft in ihrem Wollen ge- 
hemmt und oft m Handlungen fortgerisssa wird, die ihrem Sein 
eigentlich widersjyK chen, lassen su h nicinche Hoffnungen auf ein 
zukunliiges Leben knüplen, ulkiduigs nur Hoffnungen, kein ab- 
solut sicheres Wissen. Das Erfahrungsdenken zwingt mich zum 
Schlüsse, daß die Seele unsterblich sei; daß aber dieser denk- 
notwendige Schluß auch seinswuhi sei. Das kann nur die Er- 
fahrung lehren. Für den Moment wird mir seine Richtigkeit nur 
verbürgt durch die Erkenntnis, daß ich existiere und von einem 
unendlich vollkommenen Wesen geschaffen worden sein muß, 
das mich als unendlich vollkommenes Wesen nicht so geschaffen 
haben kann, daß ich mich mittels der mir zur Verfügung ge- 
stellten Erkenntnishilfsmittel täuschen müßte.-) 

Doch — bleiben wir auf dem Boden der untrüglichen Er- 
fahrung. Mit meiner Sede erfahre ich einen Körper aufs innigste 
verbunden. Es ist weiterhin eine immer sich wiederholende, 

'( Trine. II 2 — Med. VI - VII üig, 18 — 227, 24 - 228 - 389. 9 ~ 422fr. 
(Rep. aux Ubj. fV, V, VI) — III 432,^8 ~ 476 f. — 493 508.3 - 691,31 — 
rV 166,346 — C XI 1^ — Man beachte aber VI 59 8 (Disc. Vj. 

•) Med VI(Cl33d — 0480^04 — in 498,10 — 590^13, wo 

er von der Tatsache eines vom Körper unabhängigen intellektuellen Gedacht- 
nisscs glaubt schließen zu kAnutn, daß wir mit der Erinnerung an unser 
pbyclio-phy»i8ches Leben nach dem Tode wcueneben. — IV 333, ö — 314, 20 — 
310 — a8B,a4 — V i37iA 



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190 KAPITEL /y. 

innerlich und unmittelbar erlchbarc Tatsache, dafi zwischen ihnen 
Wechselwirkungen bestehen. AU erkennendes Sein erleide 
ich die mannigfachsten Einwirkungen von Seiten der Körperwelt, 
wie ich umgekehrt als wollendes Sein auf mannigfachste Weise 
in das physische Getriebe einzugreifen vermag. Das sind an 
sich wahre Erfahrungstatsaclien , die durch Definitionen, Ver- 
gleichungen usw. niemals verstilndhchcr, im Gegenteil nur un- 
deutlicher werden können. Sie sind keineswegs denkwidrig. 
Mit der logisch notwendigen Annahme, daB sich Leib und Seele 
ihrem Wesen nach ausschließen, wird die Möglichkeit, daß sie 
aufeinander einwirken, noch nicht anff^rtn hm ') 

Betrarht' Ti wir zunächst die Einwirkungen des Körpers 
auf die Seele Denkendes und ausgedehntes Sein schließen 
einander vollständig aus. Das Denken ist also keine Bewegung, 
die Bewegung kein D^nkf^n; das Denken kann sonnt keine Be- 
wegung, die Bewegung kein Denken erzeugen. Wie die Ein- 
wirkung des Körpers auf die Seele immer auch gedacht werden 
mag, das körperliche Geschehen kann nicht in ein Denken über- 
gehen. Dabei kann auch keine Bewegung verloren gehen; denn 
die Bewegungsquantität bleibt ein konstanter Faktor im Welten- 
geschehen. Vermag der Körper auch kein Denken an sich zu 
bewirken, d. h. keine Gedanken an sich zu schaffen, so kann er 
aber doch bewirken, daß ich in einer bestimmten Form oder 
Richtung denke, und wir haben nur zu prüfen, wo diese Beein- 
flussung vor sich gehen kann. Obwohl die Seele mit dem ganzen 
Körper vereinigt ist, scheint doch im Gehirne die innigste Ver- 
bindung zu bestehen. Wir haben nämlich oben gesehen, daß 
jede Zustandsänderung eines beliebigen Körperteiles vermittelst 
der Nerven sogleich ins Gehirn übertragen wird. Hier perzipiert 
die Seele und sucht als erkennendes Sein klar und deutlich zu 
perzipieren, d. h. den körperlichen Zustand Idar und deutlich an 
sich seiend zu denk«L Dies Perzipteren ist ein Eilelden und das 
Erkennen ein klares und deutliches Schauen des Erleidens, das 
venusacht sein kann von meinem eigenen Korper oder von 
fremden Objdcten. Obwohl solche auf zwei Augen einwirken, 
habe ich jeweils doch nur eme einzige Empfindung. Die Ein- 
wirkung auf die Seele muB also an einer Stelle stattfinden, wo 

0 Med. VI ~ Vii 319,18 (Rcp. aux Obj. IV) - IX 213, 15 (Rcp. aux 
Inqt) — m 310 — V aaa,i5 — »19^9 — C X i<^t — vgl. m6d. I p. 

i 

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DIE WISSENSCHÄFTEN. 191 

sidl die verschiedenen Sinnesabbilder vereinigen, und diese Stelle 
kann wohl nur die Zirbeldrüse sein; denn sie ist das einzige un- 
paai%e Organ im Gehirn. Die physiologische Untersuchung fQhrt 
also zu der Annahme, daß die Seele speziell in der ZirbeldrOse 

Perzipient, d. h. empfindet.') 

Die Seele erleidet aber noch Einwirkungen anderer Art Im 
Gehirn sammeln sich die direkt aus dem Herzen kommenden 
.esprits animaux". Sie erscheinen in ihrer Gesamtheit als eine 
sehr leicht bewegliche Flüssigkeit, die immer bereit ist, in die 
Nerven einzudringen und damit Bewegungen auszulösen Die 
leiseste Bewegung der Zirbeldrüse bewirkt mit mechanischer Not- 
wendigkeit eine Verstärkung dieser Tendenz, eine Spannungs- 
erhöhung. Auch diese wird von der Seele perzipiert, und wir 
nennen die entsprechenden Perzeptionen Gefühle.-') Die Seele 
wird dadurch gedrängt, in der nämlichen Richtung zu wollen, in 
der der Körper zur Bewegung angeregt wird. Je intensiver die 
Zirbeldrüse aus irgendwelchem Grunde bewegt wird, desto inten- 
siver wird auch die Bewf^giingstendenz der „esprits animaux", 
desto intensiver infolgedessen das Gefühl sein. Daraus folgt, daß 
die Stärke der Gefühle auch abhängig ist von der Beschaffenheit 
des körperlichen Organismus, daß die kräftigsten, mutigsten 
Naturen z. B. „h»-ftiger" lieben als andere; denn in einem kräf- 
tigen Organismus sind die Bewegungen intensiver; der Angriff 
auf die SeeU ist infolgedessen kräftiger.*) — Das ganze Gefühls- 
leben läßt sich auf sechs ursprüngliche Gefühle zurückführen: 
Verwunderung (oder Aufmerksaiukoit), Liebe, Haß, Begehren, 
Freude und Traurigkeit. Alle übrigen Gefühle bezeichnen Modi- 
fikaüoiii II oilfji .\hscliungen dieser einfachen Formen. Im Gegen- 
saiz zu den fünf anderen Gefülilen qualiii/ieit die V^erwuiiderung 
nicht; es handelt sich dabei nur um ein Aufmerksamwerden auf 
eine Wirkung. Es fehlen darum aber auch die körperlichen Be- 
gleiterscheinungen, die die fünf anderen Formen chaicikierisieren.*) 

Gefühle sind Seelenerlebnisse. Die Seele fühlt, nicht der 
Körper. Aber diese psychischen Erlebnisse sind bedii^t durch 

») Med. VI — Reg. la — m 134, i 364, a6 ~ 373, aa. 
*) Oer Descartessche Terminus «Les passions' läßt sich deshalb ricli- 
tiger durch «Gefahle" oi^ursctzen als durch «Leideiwchaften*. 
•) rV 6i5,a8 — 336 - lU 361, aa 

*) «Lea PaMiens de rime*, aweiter Teil, § 51 ff. — vgl IV 604,94. 



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KAPITEL m 



gewisse Bewegungen der ,esprtts animaux", die ihrerseits venire 
sacht werden durch eine entsprechende Bewegung der Zirbeldrtise, 
die selbst bewirkt sein kann durch die Einwirkung fremder 
Körper, des eigenen Körpers oder der Seele. Denn auch von 
der Seele geschaffene, also außerhalb meines Körpers nicht exis- 
tierende Phantasiegebilde erwecken Gefühle. Es fragt sich nun 
weiter, ob auch rein intellektuelle Ideen Gefühle zu erwecken 
vermögen. Dk.scartes bejaht die Frage in den „Passionen" § 91, 
wo er ausführt, daß die rein intellektuelle Freude, die entsteht, 
wenn die Seelr ein Gut als in ihr rulT^nd erkennt, infolge der 
innigen V^ereinigung der Seele mit dem Körper auch die ent- 
sprechenden körperlichen Gefühlsersclieinun<^f n hervorrufen werde. 
Er bejaht die Frae^*- weiter auch in einem Briefe an Ei.isabfth, 
in dem er das f-^roblem der Liebe zu Gott, amor dei, behandelt^): 
Das Gefühl der Liebe ist an ein körperliches Geschehen geknüpft^ 
kein rein psychisches, sondern ein psycho-physisches Erlebnis. 
Wenn sich also der Geist zur Erkenntnis Gottes der Körperlich- 
keit, dvT Imat^ination und der Sinne vollständig entsclilagen und 
sich in sich selbst zurückziehen muß, so icann scheinbar kein Ge- 
fühl erregt werden. Und doch: Die Liebe ist ein Streben nach 
Vereinigung mit irgend einem Objekte. Der Gedanke an eine 
Vereinigung mit dem als existierend erkannten höchst vollkommenen 
Wesen kann das naaihche Streben (M'wecken, wie der Gedanke 
an die Vereinigung mit irgend einem andt-ren Objekte. Allerdings, 
die Liebe zu Gott setzt eine aufmerksame Meditation voraus, ist 
aber ohne Vergleich das erhabenste und vollkommenste Gefühl. 

Daß die Seele noch auf andere Art und Weise auf den 
Körper einzuwirken vermag, auch das ist eine täglich sich wieder- 
holende innere, unmittelbare Erfahrung, also eine unbezweifelbare 
Erfahrungs-, keine Deduktionswahrheit Wie ist diese Einwirkung 
an sich seiend zu denken? Sie kann wohl nur im Bewegungs- 
sentnam erfolgen, im Gehirn, wo die leiseste Bewegung der Zirbel- 
drüse mit mechanischer Notwendigkeit vermittelst der »esprits 
animaux* kOiperlidie Bewegungen ausltet. Ak denkendes Sein 
kann die Seele natOrlich keine Bewegung schaffen; es kann sich 
nur um eine Modifikation der vorhandenen Bewegung handdUp 
um eine Leitung der Bewegungärichtung. Die Sede bewirkt durch 



*) IV ao7fr. ~ a^tlH 



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DIE WISSENSCHAFTEN. 



ihr Wollen gleichsam eine Konzentration der vorhandenen Be- 
wegungstendenaen auf emen bestimmten Punkt, damit eme Span* 
nungserhöhung der »esprits aninuuix* in dieser Riditung, so dafi 
diese die widerstrebenden Elemente leichter aberwinden mid so 
in die, die gewollten Bewegungen ausfflhrendoi Körperteile hin- 
strömen. irrtOmlicherweise hat man diese jeden Moment sich er- 
neuernde, vnmittelbare und einfach als solche hinzunehmende 
psycho-physische Erfahrung auf das Gebiet physischen Geschehens 
übertragen. Dieser erlebte psycho-physische Vorgang hat zur An- 
schauung geführt, dafi jeder einzelne Körper, der sich in einer 
bestimmten Richtung bewegt, von einer inneren, dirigierenden 
Kraft geleitet werde, tlan ist so dazn gekommen, zur Erklärung 
des Falles der Körper nach dem lifittelpunkte der Erde ihnen die 
Schwere als spezielle, diese Erscheinung verursachende, inaei« 
Kraft zuzuschreiben, sucht aber limgdtefart diese leitende innere 
Energie da zu negieren, wo eme solche wiridich vorhanden ist 
und auch immer und immer wieder er&hren wird^> 

Dafi Wechselwirkungen zwischen Seele und KOrper bestehen, 
das ist eine Wahrheit an sich, nicht logisch deduziert Bewirkt 
nun jedes pflychische Geschehen auch em physisches Geschehen, 
und fo%t umgekehrt jeder körperlidien Aktion ein psychisdiea 
Erlebnis? Nur die Erfahrung kann uns darflber belehren. Wül 
die Seele sich selbst und Gott erkennen, so roufi sie sich in sich 
selbst znrOckziehen und sich der Mitwirkung der Körperlichkdt 
vollständig zu entschlagen suchen. Ein solch rein intellektuelles 
Denken, ein Denken des reinen Verstandes, ist allerdings sehr 
schwierig, einmal weil die Seele außerordendich innig mit dem 
Körper vereinigt ist, und dann, weil wir gewöhnlich nur psycho- 
physisch, d. h. mit Hilfe des Körpers denken. Dafi es aber mög- 
lich ist, beweist die Erfahrung*). Wir erfahren auch, dafi die 
Seele ohne Zuhilfenahme des Körpers Gedanken aufbewahren und 
spater wieder zu reproduzieren vermag. Diese Tatsache des 

'j Pass. 41 Ii. — VI 59^ 9 (Disc. V) — v ii 339, 17 — 4400. (Rcp. aux, 
Obj. IV, VI) - m «4ff. — V^i5->9Si, 30— 9aa,i5— 970^13.^ 

— 34a, 13 - 343. «. 

* Aus den Aufzeichnungen Biii^mans (V 149) könnte erschlossen werden, 

DEscARi tü stehe der Annahme nicht lerne, dieses pSich-selbst-besinnen", dies 
«Sidi-befreien" von den FeHdn der Körperlichkeit eiitwkide fleh nur 
nAhUch, daß es bei den Kindern z. B. noch nicht voriundeu leL Vgl lU 4S3|S7 

— VII 133, 8 - 358, >8 Rep. ans. Obj. U, V). 



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KAPITEL IK 



psychischen GedAcbtnisaes führt Descartes einmal auf den Ge- 
danken, daß die Seele nach dem Tode mit der Eriimenmg an das 
psycho-pbysiscbe Leben weilerieben werde >). Wir erfahren weiter- 
hin auch rein intelldctudle Gefühle, die psycho-physisdie £rieb> 
nisae weiden können, aber nicht 2U werden brauchen^. Kurz: 
Trotz der innigen Vereinigung der Seele mit dem Körper gibt es 
doch rein psychische, der körperlichen Mitwirkung vollstandig 
enthobene Akte; nicht jedes psychische EHebnis hat ein phy- 
sisches Geschehen zur Folge. 

In bezug aüf die Frage, ob aber jedes körperliche Geschehen 
ein psychisches Erlebnis bewirke, fahrt Descartes in erster Linie 
aus, dafi keineswegs jeder von den Nerven vermittelte Eindruck 
im Gehirn auf die Seele einwirke, sondern dafi es auch körper- 
liche Vorgänge gebe, die nicht zur Erkenntnis gelangen, wie aus 
den Tatsachen der Reflexbewegungen und Gewohnheitshandhrngeii 
hervorgehe"). Die Gefohlstheorie, d. h. seine Theorie von der 
akzidentellen Seinannheit von Leib und Seele adieint aber diesen 
Ausführungen zu widersprechen: Da die Seele ihrem Wesen nach 
aufs innigste mit dem Körper vereinigt ist, wird sie durch die 
Gefühle über seinen Zustand orientiert und damit zu Handlungen 
angeregt, die für dessen Erhaltung vorteilhaft sein könnten. Gibt 
es auch Zustftnde, die nicht gefühlt werd^ also nicht zum Be- 
wufitsein kommen? Eine Verneinung dieser Frage scheint ge- 
geben zu sein, wenn Descart^ ausfuhrt, daß ein Funktionieren 
des körperlichen Mechanismus ohne jegliclie Störung ein G^Ohl 
des Wohlbehagens und jede Änderung dieses Normalzustandes 
one GefQhlsänderung bewirke'). Dabei darf aber nicht vergessen 
werden, dafi wir Descartes nirgends direkt vor dieses Problem 
^stellt sehen und ihm deshalb auf Grund von Ausführungen, die 
von emem anderen Gesichtspunkte beherrscht sind, leicht An- 
schauungen zuschreiben, die er sofort negiert haben würde. 

Fassen wir den menschlichen Körper als solchen ins 
Auge. Er repräsentiert einen Organismus, d. h. ein ausgedehntes 
Sdn, das das Prinzip seiner Differenzierung in sich trägt, einen 



») iü 4a, 27 — 580, 13 — 84, 32 — 143, 3 — IV 114, 17 — V 19a, la — 
Baolkt, Bd II 477. 

■) Pus. aia - IV aft4. & 

■) siehe oben S. 108. 

«)IV6Q4,a4-U3B,aa - Fms. | 5«. 137 — Med. VL 



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DIE WISSENSCHAFTEN, 



Automaten mit der Warme des Herzens als Bewegungsprinzip. 
Er kann von zwei Seiten aus seine Erscheinungsformen modifi« 
zierende Einwiricungen erleiden: von der Seite der körperlichen 
Umgebung wie von der Seite der Seele Ich perzipiere ihn aber 
nicht nur leidend, sondern auch aktiv tät^< nach außen. Die Ten* 
denz zu Handlui^en ist immer vorhanden, und zu deren Entfal- 
tung bedarf es ntir eines Anstoßes. Die Handlungen sind nun 
entweder von der Seele gewollt, oder rein automatisch sich voll- 
ziehende Reaktionen g^en Änderuz^^n des körpeiiichen Zu- 
standest). Das Sprechen z. R kann nur von der Seele allein be- 
wirkt werdon, d. h. es ist ein psycho-physischer Akt«); die Re- 
flexbewegungen dagegen sind ohne Mitwirkung der Seele sich 
vollziehende Reaktionen gegen Zustandsmodifikationen des Körpers*). 
Es gibt weiter aber auch Handlungen, die bald von der Seele 
gewollt, bald aber rein mechanisch, automatisch sich vollziehen, 
wie Essen, Marschieren, kurz die Gewohnheitshandlungen*). 

Wie die menschlichen, so sind auch die tierischen Körper Orga- 
nismen. Die Tiere besitzen die nämlichen Organe, die die näm- 
üchen Funktionen, oft sogar zweckmäßiger besoi^i^L Sind auch 
hier zwei verschiedene Handlungsprinzipien anzunehmen d. h. sind 
die Tiere als beseelte Wesen an sich seiend zu denken? Gegen 
eine solche Annahme spricht vor allem die Tatsache, daß ihnen 
die Sprache fehlt, also gerade jene Handlung, die wir als rein ge- 
wollt, von der Seele allein bewirkt erfahren. Da sie wohl ein 
Sprachorgan besitzen, dasselbe indes nicht zum Sprechen be- 
nutzen, so haben wir alle Ursache anzunehmen, daß ihnen eine 
Seele überhaupt fehlt, ihnen die Seele absprechf^n, heißt nun 
aber ke-n'^swegs, ihnen auch das Leben absprechen. Sie bleiben 
dessenungeachtet doch Organismen, d. h. Sein, die das Prinzip 
der ia dem Begriffe , Leben" vereinigten Erscheinungsformen in 
sich tragen. Aber ihre Handlungen, so zweckmätiig sie auch sein 
mögen, können nur als automatisch sich vollziehende Reaktions- 
erscheinungeo g^en ZustandsAnderungen beurteilt werden^). 



•) Vil 330, a6 (Rep. aux, Obj. iV}. 
*) vide siehe oben S. 89 f. 

■) Pass. 13 — VI 5sff. — CXI^afiS — CIV, 433. 

•) W 575, 12. 

») Siehe ol>ea S. 89 f. — (VI 45, ^3) Disc. 5 — VII ago, xa — 436, 17 
(Rep. aux Obj. IV, VI). 

13* 



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Baillst erxAhlt'), es seien Stimmen laut geworden, die AoffAMung der 
Tiere alt sedenkwe Automaten «tamme von PnooRA, dem spanischen Arzte. 
Er wendet afch gegen eine aolche Annahme und erinnert an «He Bemerkung 

Bayi.es, daß schon Augustin dies .Dogma' aufgestellt habe, dafi dasselbe 
übrigens bis zu den Stoüieni und Cynikem zuradureiche *). Der Gedanke 
gebfirt also anm Knltnrinveniar nad kann somit Dascium» von verschiedenen 
Seiten »Bgelra ge tt worden sein. Dafl er sich dabei nicht direkt auf PEiitniAS 
Werk von 1554 stützt, geht woh! unzweideutig au5 seinem Bekenntnis von 
1641, dasselbe noch nicht gesehen zu haben, hervor*), wahrend er den Ge- 
danken sellwt bereilB im nDisoonrs'* von 1^7, im Ifonde^ von 1633, in 
dem Fragmente: .Premixes «Penstes von itiap/tCisi, ja nach BAnjxrs Mit- 
teilung schon in „Thaumantis regia"*) vorgetragen ha'tr. Mi^f^ürh bleibt aber 
auch, daß Descartes diesen „Gedanken" als solchen nicht einfach .auf- 
gegriffen", sondern dafi ihn die Tendenz seines Denkens selbständig dazu 
geliUirt lial; denn er reprlaentiert keinen Fremdk<irper in aeinem Gedanken- 
ganzen, sondern wachst organisch aus demselben heraus. 

Beleuchten wir zusammenfassend noch das Verhältnis der 
Seele zu den körperlichen Aktionen. Als erkennendes Sein ist 
sie eigentlich vollständig von der Außenwelt abhängig. Sie kann 
die Wirklichkeit außer ihr nicht erkennen ohne deren direkte 
Einwirkung; das Erkennen ist ein Erleiden. Als wollendes Sein 
aber bin ich vollständig^ unabhängig, d. h. absolut frei. Ich muß 
nicht, kann aber handeln und bediene mich dabei des Korpers 
als Werkzeug. Dieses erkenne ich als ein meinem Wesen Irem- 
des Sein, das ich deshalb nicht im nämliclien Grade zu be- 
herrschen vermag wie mein (.igt nt s lenkendes Sein; Ich habe 
nur mein denkendes Sein, nur meine Gedanken vollständig in 
meiner Macht Obwohl absolut frei in meinem wollenden Denken, 
kann irh aber handeln nur im Rahmen der durch die Natur 
meines Körpers gegebenen Möglichkeiten. Als denkendes Sein 
kann ich z. B. weder Bewegungen strhafTen noch zerstören und 
auch niemals die physische Gesetzmüüigkeit aufheben. Es ist mir 
aber die Möglichkeit g^eben, vorhandene Bewegungstendenzen 
nach freiem Ermessen auf bestimmte Punkte zu konzentrieren und 
dadurch gewollt-zweekmäßige Handlungen hervorzurufen. Ich ver- 
mag weiterhin die durch äußere Einflüsse hervorgerufenen Be- 
wegungsvorgänge meines Körpers zu leiten, wie ein kalt be- 
rechnender Feldlu rr im wogenden Kampfe körperlicher Ten- 
denzen deren Wirlsung durch Ableitung unschädlich zu machen 

») Baillkt, Bd. U 537 

*) III 390 Aumerkg. der iicraubgeber. 

*) UI 386, as — vgL PoissoN, RfiHARguES i65ff. 

*) Bahibt, Bd. I 53. 



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DIE mSSBNSCHAFTElf, 



197 



oder durch geschickte Leitung vorhandener Bewegungstendenzen 
in ihrer Wirksamkeit zu paralielisieren. Aber auch dieser diri* 
gierende Eingriff in das körperliche Geschehen hat seine Grenzen. 
AHzumachtigen BewegungsvoigSngeil, z. B. allzumflchtigen Leiden- 
schaften, stehe ich machtlos gegenüber; die Aktionskraft des 
Mechanismus übersteigt die VVoUenskraft. Ich kann dessenunge- 
achtet aber doch auf meinem Beobachterposten ausharren und 
brauche mich von den anstürmenden Wogen nicht hinreißen zu 
lassen'). Kurz: Der Wille an sich ist frei, in der Wirkung; aber 
beschränkt durch die Natur des mit ihm zur substantiellen Ein- 
heit verbundenen KOrpers, eines den physikalischen Gesetzen unter« 
worfenen Seins. 

2. Praküsche WiMenftclialteii* 

Die theoretischen Wissenschaften erstreben eine vollständig 
interessenlose Erkenntnis der Wirkttcbkeit. Die praktischen be- 
leuchten die nftmlicfae Wirklichkeit, aber in ihrem VerhSltnis za 
meinem Sein. Da ich mich als Doppelwesen erkannt habe, 
mOssen zwei Gesichtspunkte wohl unterschieden werden: das Ver- 
hältnis der Wirklichkeit einerseits zu der psycho-pbysisehen Ein- 
hdt: Mensch, anderseits su meiner im Denken bestehenden Seele; 
dort Mechanik und Medizin, hier Moral Die Medizin erstrebt 
eine Ejrkenntnis alles dessen, was zur Erhaltung und Fordenmg 
der kOrperltchen Gesundheit beitragt Descartcs stammt aus 
einem medizinischen Milieu*), und wie nahe die Medizin seuiem 
Interessenkrdse immer gestanden hat und welch weittragende 
Hoffnungen er gerade in dieser Richtung an seine Methode knüpfte, 
beweisen seine Briefe und Werke hinlänglich'). Die Mechanik 
ermöglicht ein zielbewußtes, die menschliche Arbeitslast erleichtern- 
des, das Leben förderndes Eingreifen in die Körperwek. Daß die 
mechanischen KOnste der mathematischen Sicherheit bedürfen, 
dieser Gedanke war natürlich schon längst Allgemeingut Des- 
CARTES wundert sich aber, daß in ihnen so wenige sichere Er- 
kenntnisse erworben worden seien, obwohl die Mathematik ihrer- 

») Pass., 37 ff., 41 — IV 411, 8. C. XL floB, 345ff. Vgl. V. 275 ff. — 
01479. 

•) Thouverez, , Archiv f. Gescli d. Phi! Bd. la p saa 

I 137. 5 — *80| 7 — 5ö7i 8 — ill 457 f^- — 190, 6 - aio, 17 ff. — 
38», 16 - 492, 30- 



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198 



KAPITEL IV. 



seits so solide vorgebaut habe*). Als j^matbematisdicar Physiker' 
scheint denn Descartes auch zuerst in den Wissenscbaftsbetrieb 
eingegriflen zu babeo, wie er selbst erzählt^ und wie auch seine 
Abhandlung Ober die Musik, die Dioptrik, die Meteoren und das 
Fragment Ober die Mechanik dartim. Im Jahre x6a8 wendet er 
sich der Erklärung der physikalischen Erscheinungen zu. Ober- 
zeugt, dadurch fllr eine Durchbildung der praktischen, mechanischen 
Kflnste die unbedingt notwendige Erkenntnisgrundlage zu schaffen. 

Die Erkenntnis des Verhältnisses der Wiridichkeit zu meinem 
denkenden Sein bildet Gegenstand und Inhalt der MoraL Wie 
Medizin und Mechanik die Objekte als vorteilhaft oder nachteilig 
beurteilen, je nachdem sie meine p^diO'physische Einheit in 
ihrem Sein hemmen oder üOrdem, so scheidet die Moral alle Er* 
scheinungen m gut und schlecht, je nachdem das Wesen mdner 
Seele dadurch günstig oder ungünstig beeinflufit wird^). Der 
Seele soll dadurch ein Bilittel in die Hand g^eben werden, in 
jedem Augenblidce den fOr ihr Sein vorteühaftesten Weg zu 
wählen*). Die interessenlose Erkenntnis meines Wesens wie der 
ganzen Wirklichkeit bildet also die Vorausseizung emer natür- 
lichen Moral, einer Moral als Wissenschaft Sie ist die letzte 
Frucht am Baume der Erkenntnis*). Die Moralisten des Alter- 
tums haben ohne diese sichere Erkenntnisgrundlage prachtvolle 
Moralgebäude errichtet, also auf Sand gebaut Es darf aber nicht 
verkannt werden, dafi sie dessenungeachtet, geleitet von der 
Natürlichkeit ihres Denkens und Fühlens, auch auf diesem Ge- 
biete Wabrhehen gefunden haben, die zum Kulturbestande aller 
Zeiten gehören werden«). 

Ich bin ein denkendes Sein, das wiO und erkennt. Handeln 
ohne Erkenntnis, bejfit im Finstern sich betätigen. Die Erkennt- 
nis verbreitet das notwendige Licht, auf daß ich mich in jedem 
Momente klar und deutlich sehend für den vorteilhaftesten 
zu entscheiden vermag*). Das Eratreben des Guten, das mein 

•) VI 6, I — 7, 24 (Disc. I). 
^ Diac. 3. 

>) III 430 — IV 441* " — V 53, 97 C. XI, 344 («Recherche''). 

*) Heg. 1. 

*) Princ {lettre au ü-ad.) — IV 263, 23 — V 290, 27 — 405, 13 — I 216. a. 
*) VI 7, go (Disc. I) — VIa67, 90 — CXI,a»x (Reg. i). 
Princ. (lettre an trad.) — Med. I — VII 147, i — 14A 5 (Rep. «a 

Obj. 11). 



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DiE WISSENSCH AFTEN, igg 

geistiges Sein wahilialt fordernde Handeln, nennen wir Tugend. 
Tilgenden sind nun allerdings aucii möglich ohne Erkenntnis, und 
es können sogar Intfliner und falsche Absichten gute Handlungen 
im Gefolge haben. Aber die wahre, reine Ti^end entspringt nur 
dner vollkommenen Erkenntnis derselben*). Je klarer und deut> 
lieber also ein Mensch erkennt, d. h. je besser er philosophiert, 
desto vollkommener vermag er auch zu handeln, desto tugend> 
hafter kann er sein. Gerade die Erkenntnis des Guten unter* 
scheidet den Kulturmensdien vom Barbaren. Eine Nation ist um 
80 zivilisierter, je vollkommener in ihr philosophiert wird, so daß 
der Besitz wahrer Philosophen für den Staat als höchstes Gut 
bezeichnet werden mufi*). Dabei ist sich DescarTCs wohl be- 
WU&, daß das Wissen nicht zugleich ein Handeln ist, daß das 
Wissen des Guten die entsprechende Handlung nicht notwendig 
im Gefolge hat. Er verlangt deshalb neben der Erkenntnis des 
Guten auch die zur Gewohnheit gewordene Neigung der Seele, 
sich von der Erkenntnis leiten zu lassen. Erst wenn der Wille 
sich daran gewöhnt hat, in jedem Momente der momentan mög- 
lichen Seinserkenntnis entsprechend sich zu entscheiden, ist auch 
der Handlungsunentschlossenheit vorgebeugt, die allein Seelen- 
scbmerz und Reue zur Folge hat'^). 

Die natürliche Moral bildet den Schlußstein des ganzen 
Wissenschaftsgebäudes. Da unser Handeln ab^ r nicht ausge- 
schaltet werden kann bis zu dessen vollständigeri Diu t hbildung, 
bedarf es einer gewissen provisorischen Richtschnur, einer provi- 
sorischen Moral. Es ist nun vorteilhafter, sich dabei auf wenige 
Vorschriften zu beschränken, die man sicher und gewandt zu be- 
folgen vermag, als eine Unmenge der besten Regeln aufzustellen, 
die im entscheidenden Momente dem Gedächtnis (utschwinden 
und ihre Imptrativkraft verlieren. Drei solcher Handlungsmaximen 
stellt Descartes auf: i. Man füge sich den Gesetzen und Ge- 
wuhnheiten seines Landes, weil sie aus dem praktischen Leben 
herausgewachsen sind; 2. widerstreiten sich die Anschauungen, so 
entscheide man sich für jene, die man momentan als die wahr- 

') Princ (lettre k Elit.). — IV 383, 27 — 267, a — »85 — 490, 92 — 
Vn 439, 95 (Rep. m Obj. VI). 

Princ. liettrc au tradt. 
^1 Fnnc. (lettre k EUk.) — IV 291 fi. — 296, 3 — 295, 14 — VII 3f26if. 
iRep. aux Obj. Vj. 



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900 



scheuiUchste erkennt und handle danach ohne Sclnvanken. 3. Wir 
haben nur uns^ Gedanken in unserer Macht, und hahen wir 
snr Ausfttbmng unaerea Wollens unser Möglichstes getan, dann 
ist alles weitere als unerreichbar hinzunehmen; es heifit dann ans 
der Notwendigkeit eine Tugend machen 

Die Durchbildung des Wissenschaftssystems hatte sich Des- 
CARTEs als Lebensaufgabe gestellt; die Feder ist aber seiner Hand 
entfallen, ehe er das Ziel erreicht, ja ehe er durch eine solide 
Seinserkenntnis das unerschütterliche Fundament für ein Moral- 
gebäude gelegt hatte*) Aber auf dem Wege hatte er doch schon 
einige Wahrheiten erkannt, die für diese letzte Disziphn vorge- 
merkt werden konnten, und mit ihnen die Grundzüge derselben 
eigentlich bereits festgestellt, was ihn auch dazu führte, bei Ge- 
legenheit einigen Spezialproblemen der Moral sich zuzuwenden*). 
Zwei derselben seien herausgehoben: Meine Seele ist an den 
Körper gebunden und sieht sich gerade deshalb oft in ihrem 
Wollen gehemmt und oti zu Handlungen hingerissen, die ihr 
eigentlich zuwider sind. Aus der Erkenntnis, daß denkendes und 
ausgedehntes Sein sich vollständig ausschließen, ergibt sich als 
unabweisbare Konsecjuenz, daß meine Seele keineswegs durch 
den Verfall des Körpers in Mitleidenschaft gezogen zu werden 
braucht. Im Gegenteil; sie darf hoffen, durch den Tod ihrer 
Fesseln enthoben, einem glücklicheren Lehen entgegengehen ZU 
können, und diese Zuversicht ist nicht die geringste Frucht unserer 
Studien. Allerdings, es handelt sich um Hoffnungen nur, nicht 
um ein unerschtltterliches Erfahrungswissen; weshalb wir denn 
auch keine Ursache haben, den Tod zu suchen, um den Übeln 
dieses Lebens zu entgehen. Die Philosophie des Hegesias ist 
falsch, da sie um eines Unsicheren willen das Sichere hinzu- 
geben rät*). 

*\ Disc. 3 — II 37, 2 — IV 391, 14 — 307, 13 — VII 149, 5 (Rep. aux 
Obj, II) — In einem Briefe an £Us. ^iV 265; sucht Desc. diese drei Maximeu 
«HS einem Priniipe abzuleiten. 

*) Man beachte eine Briefnotiz aus dem Jahre 1649 (V 344, 16) und den 
Schluß des Briefes an den Übersetzer der Princ , wo er bemerkt, daß noch 
Jahrhunderte dauerndes, interesseloses Streben notwendig sein werde, um 
«Ue möglichen Wahrheiten zu erkennen Wir »ind weit entfernt von der 
hofi'nungsfreudigen Stimmung » die den Beginn teiner Forachertfltif^dt in 
Holland charakterisiert 

») IV 442, II. 

♦) IV 314, a6 - 333, 8 — siebe S. 189. 



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DIE IVISSENSCHAFTEff, 



aoi 



Ein zweites Spezialproblem der Moral, das Descartes häufig 
beschäftigt hat, betrifft das Verhältnis der Seele zu den Leidete« 
Schäften. Die Seele ist aufs innigste mit dem Körper verdnigt, 
und der jeweilige Zustand derselben wird ihr in der Form der 
Gefühle bewußt. Die Gefühle sind geistige Erlebnisse; die Seele 
fühlt, nicht der Körper.^) Die Glückseligkeit* d. h. die Zufrieden- 
heit der Seele»), ist deshalb in diesem Leben nur möglich in einem 
gut disponierten, gut funktionierenden Körper, und was auf dessen 
Sein erhaltend und fördernd einwirkt, steigert damit auch das 
GlOcksgefoW meines geistigen Seins.") Die meisten Gefühle, 
Affekte, Leidenschaften sind gut'), und es kann mir in diesem 
Leben eigentlich auch nur durch sie eine F(')rderung meiner Seele, 
eine Steigerung der Glückseligkeit erwachsen.') Sie müssen 
allerdings richtig, d. h. nach der Größe der dadurch erreichbaren 
Seinsförderungen eingeschätzt werden**); denn darin besteht die 
Gefahr der Affekte, daß sie gewisse Güter seins-fördernder er- 
sclu Hien lassen als sie in Wirkhchkeit sind, daß sie GlQckse' liiiile 
in Aussicht stallen, die die entsprechenden Handlungen mals 
im Gefolge haben können.^) Die Seele darf sich nicht beirren 
lassen durch den Gefühlston, sich nicht zu Handlungen hinreißen 
lassen, ehe sie sich zu einer entsprechenden, klaren und deutlichen 
Erkenntnis ciurchgerungen liat.^) 

Die Förderung des körj)erlichen Teiles meines Seins hat 
eine Steigerung der Glückseligkeit zur Folge. Ist aber diese durch 
die ak/identelle Vereinigung mit dem K()r|>er bedingte Hebung 
des seelischen Wohlbehagens vielleicht von Nachteil für das Wesen 
der Seele, für ihr Leben nacii dem Absterben des Körpers? Des- 
cartes antwortet mit einem lebensfrohen Nein; Die Seinserkenntnis 
führt zur Überzeugung, daß ich weder Tod, noch Schmerz, noch 
Unglück zu fürchten brauche, daß ich aber noch weniger die 



') V a4,a6. 

•) V aa, at - IV 964. 
*) IV aftif. - saSf. 

*i Pass. an, 137. 74. «^2 — IV 967,6^ 
*) V 135, 5 - 33a. ^ - IV 3^8. 
•) IV 284. 14 — a86, 25. 
M IV 284. 10 — V 85. 4. 

") Pass. i .j8 IV 20-2.6 — 236. 13 - 41T.5 — Vfl 147, I (Rep. aus 
Obj. U). Es sei nur hingewiesen auf seine Lösung des Tragödienproblcmes: 
IV 309, 7 - 331, 15. 



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aoa 



KAPITEL jy. 



mein Sem lördernden Glücksgüter unii Vergnügungen dieses 
Lebens zuiückzu weisen brauche; dciui .tuch sie koniiucn von 
Gott, so daß ich uiich deren erfreuen kann, ohne lurchten zu 
müssen, damit einen Fehler zu begehen. ') Was klar und deutlich 
als wirklich lebensfördernd charakterisiert werden muß, kann für 
die Seele nicht von Nachteil sein. — Descartes hat seine Moral 
nicht durchgebildet, aber bereits charakterisiert in der Aufforde- 
rung, das Leben zu lieben und den Tod nicht zu fürchten'), so 
dafl sich sein ganzes Denken in einen Ton der Lebensbejahung 
auflöst, wobei er sich in Finlrlang sieht mit Epikur, d. h. mit 
.Epikur in der Beleuchtung &nekas.*) 

3. Anhang. Religion — Theologie. 

Klare und deutliche Perzefnionen bilden den Inhalt der 
Wissenschaft (Synonym: Philosophie). Ihr Ziel ist also ein klares 
und deutliches, d. h. widerspruchsfreies Denken der inneren, un- 
mittelbaren Erfahrungen. Perzeptionen , Erfahrungen bilden die 
Grundlage jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnis.^} Das Räson- 
nement unterscheidet die wtssenschafklichen von den .einfachen* 
Kenntnissen, wie sie in Gesdudite und Geographie angesammelt 
werden. Hier bandelt es sich nicht um Erfahrungsinterpretationeo, 
sondern um Erfahrungsaufspeicherungen. Geschichte, Geographie 
und Sprachenkenntnisse liegen somit auSerhalb des Rahmens der 
Wissenschaft*) Gegenstand der wisseoschaftlicben Betrachtung 
können auch nur Erfahrungen sein, die jedermann zugänglich sind^ 

') IV 609. 15- 

») U 481, 24 - IV 441,34. 
•) IV 075, 14. 

*) IX 208, 30 (Rep. auz Instances): .Ainsi c'est l'erreur la plus absurde 
et ]a plus exorbilante qu'un philosophe pulste admcttre, que de vouloir faire 
des jugemenU qui ne &e rapportent pas aux perceptions qu'ii a des choses". 

•) C XI (Recherche de la v6rit«). — 0340^» — CX]ai4 (Reg. XU). 

*) I 84, ilft dte. i6ag k Mersenne): ,voas m'obliger^ s'il vous pUist 
de continuer a m'envr.ver Celles (des remarques) que vous juger^s plus 
dignes d'estre expliquccb touchant que ce soit de la nature, mais principale- 
ment de ce qui est nniversel et que tont le roonde peut ezperi- 
mepter, de quoy i'ay entrepris de traiter seulemeat Car poor les 
experience« particulieres, qui dcpcndcnt de la foy de quelques uns, ie n'aurois 
iamais iait, et suis resolu de n en poim parier du tout*. Vgl IV 115, 10: ^et 
aind ce n'est point prcpremeiit ime enreor. IIa» c*en aerott une, « nmia 
l'assurions comnie ane vertl6 de Phynque, poor ce qoe le tfmoigMge d'on 
homme ilc bien ne snffit paa ponr cda*. 

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DIE WISSENSCHAFTEN, aog 

und jederzeit wiederholt werden können, so daß die Wissen- 
schaft im Interesse der Deutlichkeit als widerspruchsfreies Denken 
der V(tn jedermann und jederzeit reproduzierbaren inneren, un- 
niittcibaien Erfahrungen definiert werden muü. Durch diese prä- 
zisierende Definition werden die sogenannten Offenbarungswahr- 
heiten, d. h. jene Erfahrungen, die einzelne besonders begnadete 
Personen gemacht haben oder gemacht haben sollen, aus dem 
Wissenschaftsbetrieb ausgeschlossen. Die Kirche bestimmt, was 
Offenbarungswahrheit ist; sie fixiert dieselben in ihren Dogmen. 
Da ich einer solchen besondern Auszeichnung nicht zuteil 
geworden bin, kann ich diese Wahrheiten auch nicht nach- 
erlebend verifizieren; ich kana mich nicht experimentierend von 
deren Wahrheit überzeugen, sonui.n iuuL sie schlechthin an- 
nehmen, an deren TaLbachlichkeit , an deren Wahrheit glauben.') 
Es handelt sich also für mich nicht um einen reinen Erkenntnis-, 
sondern um einen Willensakt.-) Ich kann diese Erkenntnis nicht 
als wahr erkennen, sondern muß sie als Wabriieit annehmen 
wollen. Die Offenbanuigswahrheiten sind keine wissenschaft- 
lichen Erfahrungen. Wie £e Wissenschaft die jedermann zugäng- 
lichen und jederzeit verifizierbaren Erfahrungen klar und deutlich 
zu denken suche, so erstrebt die Theologie ein widerspruchsfreies 
Denken der Offenbarungserfahrungen.») Wissenschaft und Theo- 
logie schliefien sich durch die Verschiedenheit der sie begrOnden* 
den Erfahrung^kreise gegenseitig aus. 

Die mir zugänglichen wissenschaftlichen Erfahrungen habe 

') II 347-21 (aofSt 1638?;: „En quoy il mc <emblc ne pas rf ^narquer 
qa'ü y a grande dißerence entre les Veritez Acquises et les Rcuelecs, en 
ce que la connaissance de cdles-cy ne d^peadant que da la Grace, . . . lea 
plas iiliots et le« plu» nmpks y penvent anni Inen reunir que le« ptna 

subtiles; au licu quo, sans avoir plus {fcsprit <]iie le oommuii, 011 ne doit pas 
espcrer de ricn faire d rxtrarirdinaire tourhant les Sncnces humaiiics". — • 
V{I 598, ^ (Epiütola ad l'. DtNtij: „novi eniin tideiii ebbe donuin Dec." — 
VU fl, X (Medit; Ep.) - VD s«». 16 (Obj. VU RR.) — VI 8^8 (DiMSCNin I). — 
I 153,5 (27. mai 1630): „aux veritez qui dependent de la foy, et qui ne pea» 
vent esfre prouutfcs par dcmonstrations nnlurcllcs" — II 347,3] (16^). — 
m 5flo, 18 — 373, a6 - 544 216, 1 — 274, la - IV 314, 9. 
IV C3, 10 (1643?): fldM enim ad volnntatem pertmet 
■) I 143, 25 (14 avril 1630 . „Pour voctre qnestion de Theologie, . . . ., 
eile ne me semble pas toutefois hors de ma profcpsion, pource qu'elle ne 
touche poini a ce qui depent de la reveUtion, ce que ie nomme 
proprement Theologie, nutb eile eit plutoet metephyÄitte et te doit 
examiner par )• rai«on hmnaine*. 



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a04 KAPITEL IV. 

ich klar und deutlich gedacht, d. h. ein alle wissenschaftlichen 
Tatsachen erklärendes Ci dankensystem durchgebildet. Ich habe 
keine Tatsache g-pfimden, die mittels meiner Prinzipien nicht 
widerspruchsfrei erklärt werden könnte und darf deshalb zuver- 
sichtlich annehmen, dati sich überhaupt alle möglichen wissen- 
schafüichen Erf.ifn unsj, n damit widerspruchsfrei erklären lassen, 
so daß dieselben jetl' rzi it n strebenden, erkennenden Menschen- 
geist befriedigen werden. Utienbaruni;svv.ihrheiten kamen und 
kommen für mich, als Denker der Realitäten, <^ar nicht in Be- 
tracht'); denn ich habe keine Offenbarungserfatii ung gemacht — 
wenigst IIS [)is zur Stunde nicht — und kann auch mit bestem 
Willen keine derselben experimentierend hervorrufen, weshalb 
sich die Frage aufdrängt, ob solche überhaupt möglich seien. Da 
ich mangels unbezweifelbarer innerer, unmittelbarer Erfahrung 
deren Tatsächlichkeit weder bejahen noch verneinen kann, muß 
ich deren Möglichkeit prüfen, d. h. untersuchen, ob k(nne der un- 
bezweifelbaren wissenschaftlichen Perzeplionen die Annahme der- 
selben ausschließe und — um das Resultat gleich vorweg^unehraen 
— ich kenne keine Erfahrung und kein damit gegebenes wissen- 
schaftliches Prinzip, das mich zu einer absoluten Ablehnung von 
Üticnbcii ungL-n zwange, hn Gegenteil: Auf Grun 1 einer unbe- 
zweifelbaren Erfahrung muLi \ch mein Iii talu un^s- und uainit mein 
Erkenntnisvermögen als bescliränkt beurteilen. Es ist deshalb 
immerhin möglich, daß es noch Sein gibt, die von mir nicht seiend 
erfahren werden können — weil mir geeignete Perzeptionshiifs- 
mittel hierfOr fehlen — und daß manches nicht so an sich seiend 
ist, wie ich auf Grund der mir zur Verfügung stehenden Er- 
keDDtnkhitfsmittel anzunehmen mich gezwungen sah. Ich sehe wenig- 
stens kerne Erfahrung, die eine solche Annahme als kontradik- 
torisch erscheinen liefie, und was sich wkleniprachsfrei denken 
läßt, kann wissenschaftlich als möglich beurteilt werden. 

Betrachten wir das Problem von dem entgegengesetzten Ge- 
sichtspunkte aus. Gott wird von jedermann und jederzeit seiend 
erfahren, d. h. daß es ein, die Erscheinungen in der Zeit in letztem 
Grunde bewirkendes, von mir unabhängiges tind vollkommeneres 
Sein gibt, ist eine unbezweifdbare innere, unmittelbare Erfahrungs- 
tatsache. Darober dürften alle Geister einig sein. Unterschiede 



>) VI 8^ 8 (OfMoura I). 



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DIE msSEHSCHAFTEN. 305 

marli-n sich aber i[:» !tend in der Art und Wf-ise, wie diese Er- 
fahrung gedacht wira. Die Unterschiede sind ebensoviele Grade 
der Perzeptionsklarheit und -deutlich keit. Denke ich diese Er- 
fahrung klar und deutlich, d. h. widerspruchsfrei, in logischem 
Einklang mit allen anderen wissenschaftlichen Erfahrungen und 
damit gegen alle kritischen Einwände gesichert, dann erkenne ich, 
daß ein unendlich vollkommenes Sein existiert, das mich und alle 
von mir erlahrbaren Sein geschaffen hat. Damit ist aber keines- 
wegs gegeben, daß dies unendlich vollkommene Sein nur mich 
und die von mir erfahibaren Sein geschaflTen habe. Angesichts 
der erfahrungsgemäfien Beschränktheit meines Erkenntnisvermögens 
wäre die Annahme, dafi ich das g.tn/^e Werk des Sch(Spfcrs und 
dessen Plan erfahrend erkenne, ein vermessentliches Ansinnen. 
Wissenschaftlich kann deshalb die Möglichkeit nicht rundweg ab- 
gelehnt werden, daß der Schöpfer der v on mir erkennbaren Sein 
noch manches geschaffen habe, was ich jr. ingels entsprechender 
Erkenntnishilfsniittel nicht zu erkennen vermag, daß er weiterhin 
manches auch anders geschaffen hat, als ich mit meinem be- 
schränkten Erkenutiiibvermögen zu erkennen vermag. 

Daß mein Erkenntnisvermögen beschränkt ist, bleibt eine 
unbezweifelbare Erfahrungstatsache. Damit ist aber nicht auch 
gesagt, daß alle Menschen im nämlichen Grade beschränkt sein 
müssen. Warum sollte es nicht möglich sein, daß der imendlidL 
voUkominene Schöpfer aller Sein einzelnen Menschen Erkenntnift- 
mittel zuteilte, die mir und der Allgemeinheit fehlen, dafi gewisse 
AmerwShlte Wahrheiten erfahren, die sie und damit die gante 
Menschheit orientieren fiher die, dieser sonst verschlossenen Ge* 
biete? Mit anderen Worten: Warum soOten Offenbarungserfah» 
rungen und damit Offenbarungswahrheiten nicht mOf^icb sein? 

Ein Spezialfall: Die Erfahrung meiner Seele ist mit deren 
Existenz zugleich gegeben. Denke ich dieselbe klar und deutlich^ 
so zeigt sich, dafi die Seele wesensveracfaieden ist von dem 
Körper, also auch ohne diesen existieren kflnhte. Ob nun meine 
Seele nach dem Tode, d. h. nach dem Absterben meines Körpers 
weiterleben wird, darQber kann mich nur die Erfahrung belehren. 
Die Kirche «nll mich aber schon jetzt Oberzeugen, dsß die Seele 
unsterblich sd. Es handelt sich dabei um eme Offenbarungswahr- 
heit, von deren Richtigkeit mich die Erfahrung einmal belehren 
wird. For den Moment kann ich nur daran glauben. Aber dui ch 



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206 KAPtTEL ly. 

die tinbezweifelbare wissenschaftliche Erkenntnis, daß meine Seele 
ihrem Wesen nach von dem Körper unabhängig ^ist und somit 
ohne diesen existieren könnte, erhält die Annahme der Unsterb- 
lichkeit einen gewissen Rückhalt. Der wissenschaftlich denkende 

Geist (Tkennt damit, daß dies Dogma, eines der grundlegenden 
Dogmen der Kirche, keine Absurdität in sich schließt, sondern 
dai3 es sich dabei um eine wissenschaftlicli \\'oh\ begründete Mög- 
lichkeit handeU Die Wissenschaft kann und will über die Tat- 
sächliclikeit der Offenbarungswahrheiten nichts aussagen; ihre un- 
bezweifelbaren Wahrheiten lassen aber erkennen, daß dieselben 
möglich sind und durch deren Annahme keine Absurdität seiend 
geglaubt wird. Die Wissenschaft, weit entfernt, der Theologie das 
Daseinsrecht abzusprechen, liefert ihr im Gegenteil einen uner- 
schütterlichen Erkenntnisfels, auf welchem sie ihr Denkgebaude 
errichten kann 

In bezug auf ihre Erkenntnisgrundlagen schließen sich Wissen- 
schaft und Theologie gegenseitig aus. Eine scharfe Grenzscheidung 
ist deshalb m(^lich und für beide Teile von Vorteil. Es kommt 
vor, daß Vertreter der Wissenschaft OfTenbarungserfahrungen in 
den Kreis der wissenschaftlichen Erfahrungen einbeziehen-); ander- 
seits aber nehmen die Theologen gemeinhin Erfahrungen für sich 
in Anspruch, di(> unbedingt der Wissenschaft, in jedem Falle 
auch der Wissensciiali zugeteilt werden müssen. Sehen wir näher 
zu: Die wissenschaftlichen Erluhruugcn lassen sich im Hinblicke 

*) in 544, 17 (mars 1649 k Manenne) : .Et ie n'my rien dit toochant la 
«onnaiaMoce de Dieo, qm tarn les Theotogieitt n« diiMM vaaiaL Mail il Iwt 

remarqner quf c<- qui sc connoist par raison naturelle, comme qu*il est tout 
bon, toul puissaot, tout vehtable etc., peut bien bervir äi preparer les 
Inndclles i reeeToir la Poj ^ JSX 365, a6: je n a> pas infs tm tnot 
de llmmortaliift de reme, car ie oe «QMirois pes demeostrer qne Dieu ne U 
puisse annibiler. mais seulrmmt qn rüp pst d'nnr naturc entiercmrnt disfinctc 
de Celle da cors, et par coasequeut eniiereoieiit distincte de Celle du curs, 
et par consequent qu'elle n'est point MtnrBOetnent si^ette k mourir «lec luy, 
qnl est tont oe qui est reqiiis ponr establir U Rellfton; et «^est anasi 
tout ce que ie me snia pfopoaC de prouver". — IX mß, 19 <Riq^ ans Inat) — 
Vn I, 7 ^Med.). 

*i II 570, ao (1638) bemerkt Discartes i. B. in bezug auf „de veritate* 
von HaaaiKT de CberiMiiy, «qvTS OMdalt la religioii avec la phflosophiet et 

qae cela est enticrement contre mon sens*. — II 347, 16 (1638) wo er einem 
Autor vorwirtt „de vouioir trop ioindre la Reli^on et les Veritez Reuelees, 
avec les Sciences qiü s'acquierent par le Raisonnement NatureU". — VII 147, la 
(Rap. anx ObJ. n^. 



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DIE WISS ENSCHAFTEN, 

auf deren Natur und die sie bewirkenden Ursachen in drei Gruppen 
einteilen: i. sinnliehe, von außen b(;\virkte Erfahrungen; hierzu 
gehört die übei-wiej^ende Mehrzehl meiner Erfahrungen; 2. nicht- 
sinnliche, indessen doch von außen bewirkte Erfahrungen (Gott, 
Seele); 3. nicht-sinnliche, von der Seele selbst erzeugte Erfah- 
rungen (Mathematik, Axiome, Chimären). Daß nuii die sinnlichen, 
von außen bewirkten und — zum Teile wenigstens — auch die 
nicht-smnlichen, von der Seele bewirkten Erfahrungen (Mathe- 
ijiatiki ( »egenstnnd der Wissenschalt b;iden, weil sie jederzeit und 
von jcdui mann nacherlebend verifiziert werden können, wird ohne 
weiteres zugegeben werden. Dagegen bilden die nicht -sinnlichen, 
indessen doch von außen bewirkten Erfahrungen Streitobjekt von 
Theologie und Wissenschaft Im Grunde genommen gehört dieser 
Gruppe zwar nur eine einzige Erfahrung an: die Erfahrung resp. 
die Perzeption Gottes. Ihr mag und kann aber ohne wesentliche 
Erweiterung des Begriffes auch die Perzeption meiner Seele bei* 
gezflhit werden I um nidit eine verwinende Quppenvennefamng 
vornehmen zu müssen. Da es sich dabei um zwei Erfahrungen 
handelt, die von jedermann gonadit und jederzeit verttiziert 
werden können , mflssen dieselben der Wissenschaft zugeteilt 
werden, ohne dafi damit die Möglichkeit negiert zu werden brauchte, 
daß diese wissenschaftlichen Erfahruimen audi Offenbarungswahr' 
heiten — oder umgekehrt, diese OfTenbarungserfahrungen auch 
wissenschaftliche Erfahrungen seien.>) 

Wissenschaft und Theologie lassen sich charakterisieren als 
Erkiarungsversucbe voneinander unabhängiger Erfahrungskretse. 
Es sind zwei, in ihrer E^enart durch die Veisdiiedenheit der Er- 
fahrungskreise bedingteDenksysteme,also menscblicheSchOpfungen. 
Ihre Durchbildung ist die Tat der denkenden Seele. Diese ver* 
bindet die giegebenen Erfahrungen gemflfi den mit ihrer Natur 
gegebenen Axiomen. Da wie dort bandelt es sich um das näm* 
ficfae denkende Sein; beim Ehirchdenken der theologischen Er- 
fahrungen sind also die nämlichen jpDenkgesetze* wirksam wie 



*) In den »Mbtae« (C X 86) ttdk sich DnowTBS auf deo Boden der 

The^gie and unterscheidet dementsprechend drei Arten von Wahrheiten: 
I reine Glaubenswahrheiten, a. Glaabenswahr heiten, die auch mittels dea 
natürlichen Lichtes gefunden werden können, und endUch 3. rein philoso- 
pliiMhe WahcheheB. M«i «gl damit m 580^ 18 — V 136, 30 «5^ z — 



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908 KAPITEL jy. 

beim Diirchdenlcen der wisBensdiaftliclieii Erfabrungeii, mit an- 
deren Worten: Die die wiasenschaftUchen Tataacben eridlrenden 
Prinzipien IcOnnen nicht in Widerspruch stehen mit jenen Prin- 
zipien, deren die Theologie behiife widerspruchsfreier ErkUbiing 
der Offenbarungaerlahningen bedarf, und umgekehrt; denn es gibt 
nur eine Wahrheit 0 Damit sali natflrlicb nichts ausgesagt aein 
Aber das Verhflltnis der Erfahrungen zueinander. Eine Offen- 
barungserfahrung kann als solche voUstindig in Widerspruch 
stehen zu einer wissenschaftlichen Erfahrung; denn eine solche 
Annahme ist denkmOglich wie die gegenteilige. Dagq^ dürfen 
sich die eine bestimmte Erfahrung erklärenden Prinzipien niemals 
gegenseitig ausschlieflen — der Fall natürlich ausgenommen, daß 
diese Kontradikdon selbst eine unbezweifelbare Offenbarungswahr- 
heit sein sollte. — Wissenschaft und Theologie kontrollieren sich 
also gegenseitig. Kommen in ihnen emander ausschließende Prin- 
zipien behufs Erklärung an steh unbezweifelbarer Erfahrungen zur 
Anwendungi dann muß sich die eine oder die andere dieser Dis- 
ziplinen auf falscher Fahrte befinden. 

Obige Darstellung dürfte kaum wesentlich von Descariss* 
Gedankengang abweichen. Als Erfobrungsdenker im wahrsten 
Sinne des Wortes beschrankte er sich auf dne Durchführung des 
dem natililichen Liebte zimftngücfaen Eritenntnissystems und wies 
grundsätzlich jeden Versuch einer Einmischung m die Theologie 
von sich. Nur das eine von der Natur ihm zugewiesene Terrain 
wollte er bearbaten ') Indessen beim £)urchlesen seiner Werke 
fohlt man in bezug auf seine Stellungnahme zur Theologie doch 
etwas mehr als das Bewußtsein, sich prinzipiengemäß mit ihr aus- 
einandergesetzt zu haben. Man beachtet auf Schritt und Tritt eine 
peinliche Rficksichtnahroei die so scharf absticht gegenüber seinem 
sonst so vonirteilsfreien, rttcksicbtslosen Voiigehen. Er hielt vor 



■) VII 581,3 (epialob ad F. Dinet): Quantum ad Theologuun, cum una 
veriuis alteri adversari nunquam possit, esset impietas tünerc. ne veritatos in 
PhikMopbiA inventae äs quae sunt de fide adversentur. — Vli 598, 7 — III 359, 5 
(iMc 1640): croTiiit tm feniiMiient a VküStäBMSSiitlt de ITfüte, et ne dootaat 
poiaA aiitsi de mea raiaoiit» ie o« poia craindfe qu*uiie verii6 aoit oontrain i 
rantre. — U 348, 1. 

*) IV 117, 7 (,2 mal 1644): V . . . sinon que i ay voulu eviter, autant que 
i'ay pü, lea emitfovcnMa da hi Theokigie, et me tenir dans lea bornea de k 
Philosophie naturelle*.— VI %Z (Diaomira 1). — VII 247, 24 (Rqk. tajtObj.IV)^ 
* VII 598, 5 - i 150^ 94 — 153, 4, ai — m X67, 1 — IV 14 > it«, eiei 



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DIE WISSENSCHAFTEN. 



.ilieiii alles seinen Schriften lerne, was einer Hinmischiing in uie 
Theologie auch nur h'Aiie gleich sehen können und war beständig 
darauf bedacht, seine Gedanken durch geschickte Formulierung 
den Theologen mundgerecht zu machen, vor allem aber, keinen 
Anstoü zu erregen. Kurz, eine gewisse Scheu \or einem geistes- 
frohen Zusammenstoß, eine gewisse Furchtsamkeit cluiiakitiisiert 
sein Verhältnis zur Theologie. Diese Eigeniümlichkeit scheint mir 
einzig, in jedem Falle wesentlich bedingt zu sein durch die kul- 
turellen Verhältnisse seiner Zeit. Nicht daß er sich in bezug auf 
den Inhalt seines Denkens von den Anschauungen der Theologie 
hfttte beeinflussen lassen; die Zeitverhaltnisse erklären aber die 
Art und Weise, wie er seine Gedanken formulierte und vortrug, 
also Form und Ton: Ffir das mittelalterliche Denken bildete die 
Philosophie einen Teil der Theologie. Mit Descartes* »cogito ergo 
sum" verlangt sie zielbewuflt ein individuelles Daseinsrechti be- 
hauptet ihre Unabhängigkeit, erstrebt eine Befreiung von der ihr 
Sein beengenden Bevormundung. Die Theologie war und blieb 
aber noch lange Zeit die authorisierte Pflegerin und Lehrerin der 
Philosophie. Sollten deshalb Descartes' Prinzipien in der Folge 
Frflcbte tragen, so mufite vor allem die die wissenschaftliche Er* 
Ziehung der Jugend leitende Theologie dafOr gewonnen werden. 
Dies Ziel, also das Interesse für die Lebensfähigkeit seines Werkes 
bedingte sdne Stellui^ahme zur Theolt^e. Die Frage, ob die- 
selbe der Eigenart seiner Persönlichkeit adflquat war, d. h. ob er 
dabei den Neigungen seiner Natur, den GefCLhlen eines gltubigen 
Katholiken gehorchte oder nur „politiscben* Erwägungen, muß wohl 
als unbeantwortbar weggelegt werden. Durch deren Beantwortung 
w&re Qbrigens für die Erkenntnis seines theoretischen Denkens 
nichts gewonnen; sie kann wohl kultur-, aber kaum philosophi^ 
historisches Interesse erwecken. 

Soweit Descartes die Erfahrungen und die damit gegebenen 
logisch notwendigen Konsequenz«! fahrton, so weit gab es keine 
Rficksichtnahme, wenn er an „heiklen* Stellen auch Darstellungs- 
formen wählte, die nicht provozierten und keine sicheren Angriffs- 
punkte liefern konnten.') Wie er z. B. die von der Theol<^e 
ausscliliefilich für sich in Anspruch genommene Perzeption Gottes 
fOr die Wissenschaft zu beanspruchen sich gezwungen sah, ver- 

') 10461,6: «quaeomiiM non annt pronm negwula, DeThcologi mrmw 
offendaiitur*. 



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8IO 



Steifte er sich ihr gegenüber nicht hart auf das Recht freien 
Denkens, sondern führte aus, daß es sich dabei um ein von der 
Offenbarung, d. h. von der heiligen Schrift der Philosophie zuge- 
teiltes Recht, ja sogar um eine Pflicht handle.*) Um einen anderen 
Fall zu erwähnen: Zur Erldtning der astrophyaiscben Erfiihrungen 
hatte er »ch gezwungen gesehen, das heliozeatriache Weltbild 
des Kopemiicus anzunehmen, und diese wisaenschaftUch notwen* 
dige Hypothese hat er auch festgehalten trotz der Verurteilung 
derselben durch die Kirche. Er hielt sein Werk allerdings vor- 
sichtig zurttck, wartete einen günstigerem Moment fflr die Ver- 
öffentlichung ab und wählte endlich eine weniger schroffe, nicht 
oder doch weniger provozierende Darstellungsform. Sachlich blieb 
er aber seiner Anschauung treu und apostrophierte die Verurteilung 
Galileis wiederholt mit der Bemerkung, dafi es sich dabei nicht 
um ein Dogma, also nicht um eine kirchlich unbezweifelbare 
Offenbarungswahrheit handle» sondern um eine vom Glauben voll* 
standig unabhängige, vnssenscbaftliche Angelegenheit 

Wo die Wissenschaft mangels zureichender Erfofarung nicht 
definitiv zu entscheiden vermochte^, da hielt Descartes als kon- 
sequenter Realitatsdenker sein Urteil prinzipiengemflfi zmück, 
orientieite sich aber im einzelnen Falle genau, ob die Kirdie viel- 
leicht eine der wissenschaftlichen Möglichkeiten dogmatisch als 
Oifenbarungserfahrung erkannt habe, nicht um dieselbe als wissen* 
schaftliche Wahrheit anzunehmen, sondern um durch seine For- 
mulierung des Gedankens den Theologen kernen Vorwand zu 
einem Angriffe zu bieten. Er hatte beispielsweise erkannt, daß 
die Wissenschaft weder die Endlichkeit noch die Unendlichkeit 
der Welt bejahen kann, mit anderen Worten, daB -wissenschaft- 
lich sowohl die eine wie die andere Annahme mOgUch ist Vor 
der endgOltigen Stellungnahme resp. Formulierung seiner Er- 
kenntnis fragte er Mersenne an, ob die Kirche in dieser Richtung 



'i IV 6;:j, 21 '1653 ^1 .et in ipsA Scripturä S«crä saepe invitantur homines 
ad hanc Jiei cogniuoneni ratione natural] quaerendam*. — Vg^. Iii 5äo, ao — 
Vn a, 10 (Med. E|».|. 

Regulae VIII (Scfalnß): •Mais tontet les fois qu'il appliquera loa 
dsprit i la connaissance de quelque chos«, ou il y nttrindra pleinement, oa 
ä d^couvrira que la r^ussite dopend d'ane expenence qu ü n'est pas en soa 
pouvoir de faire, et alora il n'aocmera pas soa e^rit, bien qa'U «oit iorct de 
s'arröter lä; ou enfin il demontrera qae la ehaae cherchte aatpaaae ttiiis lea 
efforta de req»rit hwnain . . 



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« 



DIE. WISSENSCHAFTEN, ai£ 

vif^Ueicht etwas als Glaubenssache festgelegt liat)e ') Mfrsfnnes 
Antwort ist nicht bekannt: wir sehen aber, dali DESCARTt;-. tu der 
Folge sein ^indefini* ohne SeitenbHck na Ii der Theologie vorträgt") 
Arnauld halte in seinen „Objeciiones" bemerkt, daß De:s- 
CARTEs' Prinzipien vielen Theologen unvereinbar erscheinen 
werden mit dem Dogma der Transsubstantiation. Da es sich hier 
um einen m veröffent.1 ich enden Angriif der Theologie auf seine 
Philosophie haaiitiLe. konnte er nicht ausweichen, ohne den An- 
schein /u erwecken, als trete er vor der Theologie, die er ja für 
sich zu gewinnen strebte, den Rückzug an. Kr weiui <len Angnlf 
mit Entschiedenheit ab, ohne dabei, im Grunde genommen, die 
dem wissenschal tlichen Denken gesetzten Schranken zu durch- 
brechen. Er hob die rein wissenschaftliche, speziell physikalische 
Frage aus dem theologischen Problem heraus, nftmlich die Frage, 
wie die Sinnesqualitäten erklärt werden soUea. Da die Kircha 
nicfats darfllier festgesetzt hatte'), muß diese Frage auf dem Boden 
der Wissenschaft gelöst werden. Die mit ariMdischen Prinzipien 
operierende Theologie*) hatte durch die Annabi&e realer Akn- 
denzien eine Erklärung durchgebildet, der gegenaber Descartes 
aushlbrte, daß steh dies physikalische PhAnomen ebensogut mit 
seinen, die Realität der Akzidenzien notwendig negierenden Prin- 
zipien, ja nur damit widerspruchsfrei erklären lasse, daß die Theo- 
kgie dann nicht mehr gezwungen wäre^ zur Erklärung des einen 
Wunders der Transsubstantiation ein neues Wunder, d. h. eine 
neue Abweichung von dem gewdhnlichea physikalischen Ge- 
schehen anzunehmen«^ So entschieden diese Antwort lautet, dem 
eigentlich tfaeokigiflchen Problem, der Frage, wie Christus in der 
Hostie seiend gedacht werden mOsse, wich er dagegen vorsichtig 
aus mit den Worten, daß er nicfat zu unternehmen sich erkähne» 
was das Konzil als ,,lcaum möglich" bezeichnet habe.^ 

') I 86, I (i8. d«c. ida9). 

*) Man V 51, i8 — ai IV 333, ^ — VII asrf* 

''1 MT 252, 10, 21. 

*) Man beachte I 85, ao, wo Uescartes ausfahrt, daü die Otienbaruags- 
mthriieitea so enge mit den ari^totelischea Prinzipien verknUpft worden seien, 
daß jeder »einei CHanbens verdächtigt endwine, der daran zu rfttteln wag«. 

*) IV 698, 11 (1646?): „nunc vero. post nouae meae Philosophiae expli- 
cationem, mihi proposituru est clare osteadere lUam cum otnaibus fidci vcri- 
tatibos molto meliu!$ cua^enüre, quam Aristotelicam*. — lU 35^ 4 — 395, aB 
^S40^n>^V5H>5-VII 434^- - VH asaf. - sBi»6 - 596. 13. 

^ IV 119^ aa ~ 7. 

»4* 



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aia KAPITEL /K 

Df.scartes war überzeugt, daß die Aublüiirungen am Schlüsse 
der „keponses aux quatriemes objections" keineswegs die An- 
nahme b( rerliti]E;ten, er hätte sich in eigentlich theologische Streit- 
fragen eingemischt.') Er begnügte sich abrr nicht damit, an einem 
von der Gelegenheit gebotenen Beispiele gezeigt zu haben, daü sich 
die rein j»h\'sikalischen Probleme, fiie die Theologen mitbesch.lftigen, 
vermittelst seuier Prinzipien wenn nicht besser, so doch el)cnbogut 
erklären lassen wie vermittelst der ai istotelischen Prinzipien. Einmal 
konnte er der Versiu liung nicht widerstehen, noch einen Schritt 
weiter zu grlu n. VVte bereits bemerkt. Di sc aktes ist den theo- 
logischen Auseinandersetzungen grundsatzlich aus dem Wege ge- 
gangen. Ks ist brk.uuu, wie er die heraustordernden Bemer- 
kungen eines protestantischen Geistlichen („Jacques ivcMus, lameux 
th^ologien de Leydc") kurzerhand zurück wies mit den Worten, 
er habe die Religion seiner nourrice.'*) Den Jesuiten gegentiber, 
die er in erster Linie für seine Philosophie glaubte gewinnen zu 
mflssen, bemerkte er dagegen immer wieder, daß sich auch die 
Offenbarungserfahrungen vermittelst seiner Prinzipien widerspruchs- 
frei, und damit das menschliche Denken befriedigend, erUflrea 
lataen, womit er wohl keineswegs behaupten w<^te, daft nur 
seine wissenschaftlichen Prinzipien fOr die Durchbildung der Theo* 
kgie notwendig seien, sondern nur das eine, dafi ihm scheinei 
die Theologie Icönnte sich derselben mit Vorteil bedienen, und er 
machte sich anheischig, dies bei Gelegenheit zu beweisen.*} Eine 
erwOnschte Gelegenheit bot sich nach der Veröffentlichung der 
.Meditationes*. Wie weit er sich selbst klar und deutlich Ober 
die Richtigkeit seiner Behauptung Rechenschaft abgelegt hatte, 
lafit sich angesichts des Umstandes, da0 sich eben nur eine eimdge 
Gelegenheit zur BeweisfOhrung geboten, wohl niemals feststellen. 

Die theologischen Streitfragen standen im Vordergrunde der 
theoretischen Interessen der Zeit Sie hatten die Geister in zwei 
feindliche Lager geschieden. Deren Mittelpunkt bildete das Abend- 
mahlsprobtem, speziell das Dogma der Tnmssubstantialion. Es 

'> J644 2. B. schreibt D. an l'abbe Picot: ,ct je me cons.olc »ur ce que 
Mcs «crtts ne loadient, ny de prte ni de lom, Ift Theologie, et que je ne 
eroi» pas qu'ils y puissent trouvcr aucun |weiextc poor mc blAmer*. lVu>4»a 
Baiblkt: Ja \\v de Descartes* II 433. 

') I 455, 26 >i637?) f** ^Otx. (i). — I 564. 19 (iöaßj au P. Vatier. — 
VII 581,6 (1642) an P. Dmrr. — IV laa^ai (1644) «u P. GaAimAin (?). — 
IV 157, 18 11645) «u P. Charlbt. — IV lao^ I (i6f4> au P. MlsuuiD. 



I 



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DIE WrSSmSCMAFTm. tti3 

handelt sich um ein Zeitproblem im vollsten Sinne des Wortes. 
An dessen widerspruchfreien Erklärung erprobten die bedeutend» 
sten Getsta* der Zeit ihre Kräfte. Durch die Stellungnahme zu 
demselben richtete sich jeder selbst und teilte sich selbst den 
Altglflnbigen oder den „Heretikern" zu. Letztere betonten immer 
und immer wieder, daß das kirchliche Dogma der Transsubstan- 
tiation eine logische Absurdität zu glauben zwinge und daß die 
kirchliche Erklärung vom menschlichen Verstände als widersinnig 
bezeichnet werden müsse.') Die kirchliche Tlieologie besaß aber 
überhniqit keine offizielle klare und deutliche Erklärung dieser 
OfTenbarungswahrheit.-) Descartls glaubte sich deshalb die Gunst 
der Theolc^en zu sichern, wenn er ihnen, wenigstens deren Führern, 
zeige, daB vermittelst sein<^r Prinzipien eine klare und deutliche 
theologische Erklänmj^ derselben mißlich wäre, womit dem von 
Seite der Une^läulMt^rn ''rhob<^nen Vorwurf der Absurdität stich- 
haltig begegnet v, * i lrn kruuut Eine Geiegenlieit dazu bot der 
Umstand, daß einer der Jesuiten, Mesland in La Fi.kche, reges 
Interesse an seiner Pliilosophie bekundete, ja daran ging, die 
„Meditationes" in eine schulgemäße Form umzuprägen.*) Ihm ver- 
traute Descartes seine „mögliche* Erklärung.^) Ob Mesland dem 
betreffenden Briefe keine Beachtung geschenkt hat, oder oß 
daraufhin der Descartessche Vorschlag vom Orden geprüft worden 
ist — völliges Dunkel liegt darüber. Eines ist aber sicher, daß 
Mesland bald uachlier als Missionär nach Ann nka abbeordert 
worden ist, so daß man, in Einklang mit einer Randbemerkung 
des Manuskriptes von Charfres") gerne glauben möchte, er hätte 
so sein lebhaftes Interesse für Descartessche Philosophie gebüßt. 
Descartes hatte den Aubgaiig seines \ crsuches wohl richtig ge- 
deutet. Er hatte gehoffl, der streitenden Kirche ein mit seinen 
Prinzipien geschmiedetes Kampfmittel in die Hand zu geben, das 
diese aber zurückwies und auch zurückweisen mußte; denn das 
Problem der Transsubstantiation gehört zu jenen Problemen» die 
das Tageslicht streng logischen Denkens nidit ertragen und ihres 



') 1 564, Ä! — IV 165, atx 
•) IV 375, 7. 
•) IV 9i6^ 15. 

•) IV 190^21 ~ 122, 17. 

•) rV i6a — 346 — 216 — 372 — 374. 

*) IV 345, 2, nelMl Amnerknng der Herausg. — ebenao IV 669, 



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KAPITEL IV. 



Wertes verlustig gehen, sowie der Schleier, das intellektuelle 
Dunkel gehoben wird. Damit in seiner Hoffnung getauscht, die 
Jesuiten, seine ehemaligen Lehrer, für sein Werk zu gewinnen, 
hat er in der Folgt dem Problem der 1 ranssubstantiation schein- 
bar auch keine Bcachturg mehr geschenkt und ist Ch^r ent^^pre- 
chende Anfragen, z. B. Arnaulds, mit Stillschweigen hinweg- 
gegangen. ') 

Der Entwurf des Rriefps an Mthi ani> gelangte aber in die 
HSnde Clekskmfhs. W' hi .tut diesem mdirrkten WVgt- ist der 
Descartessche theologische Frklärungsv« i h in Dp.scai i > ^ Ki t ibi n 
bekannt geworden, um dann und wann an das l^at^i lirht der 
OfTenilichkeit vorgedrängt zu werden. Es ist niclit uiinui^lu Pi, daü 
das von Df.s( AkTFs' politisch-klugem Verhalten so stark abwei- 
chendc Wirgehen emzelner „Schüler" das rück.sichtslose Vorgehen 
des kirchlichen, von staatlich<'r Ai tojitüt geschützten Denkens pro- 
vozierte in Frankreich, den iiuijeren AnJaö gab zu dem Kampfe, 
der auf dem Hoden dieses theologisch-philosophischen Problems 
zwischen scholastischem und dem in Descartes* Philosophie sich 
manifestierenden geisles- und vorurteilsfreien Denken durchge- 
fochten worden ist. 

*) vide Antworten DKtcARTXs' auf Briefe Akhauldb (1648: 4 join, 

15 juillrt). 



I 

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Kapitel V. 

Die Werke. 

Ein einhi'itliclier Gesichtspunkt kitct Descartks' Denken und 
Streben, und von ihm aus wollen auch seine Werke betrachtet 
sein. Das einzelne Werk ist nicht isolierbar, sondern ein in den 
Gesamtbau des ÜEst ar i ks vorschwebenden Wissenscliaftssystems 
hineinzudenkendes Teilstück. Wir haben deren drei Gruppen zu 
unterscheiden: die W^erke im engeren Sinne des Wortes, die 
Fragmente und die Briefe. Als Werke im eigentlichen Sinne 
können doch wohl nur jene Schriften betrachtet werden, die 
Descartes vollständig durchgebildet, als reife Früchte vom Baume 
der Erkenntnis der Öffentlichkeit übergeben hat. Es sind die Re- 
sultate seines Denkens, während Fragmente und Briefe den Philo- 
sophen an der Arbeit zeigen und so hint miühren in den beleben- 
den Fluß seines Denkens. Wir sehen da, wie sich aus dem 
Werkstättewirrwarr die fürs Schaufenster berechneten W^erke all- 
mählich herausbilden; wir sehen, wie Descartes aus der unend- 
lichen Folie empirischer Tatsachen unermüdlich nach den sie be- 
herrschenden Standpunkten strebt; wir sehen Versuch an Versuch 
sidi reihen, Synthese an Synthese. Jede derselben ist ein ÜGhi^ 
stiabl, der für einen Moment kjflrend in die Gedankenmassen 
hinanttUt. Nicht selten kreuzen sie sidi und fuhren zu Wider- 
sprOcben, wenn man sie mit pedantischem Scfaarfoinn verfolgen 



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KAPiTEL V, 



wollte. Es sind Hetätigungsformen , Bewältigungsversuche der 
Psyche, Äußerungsformen des psychischen Geschehens, das sich 
nur mit Mühe in die beengenden Bande eines iogisdien Schemas 
hineinzwängen läßt. 

Aus den Berichten über Df.scaktks' Votum anläßlich der 
Versammlung beim Nuntius geht unzweideutig h'^rvor, daß ihm 
schon damals sein ganzes Wisseiischaftssystem \ n s, invebte. Zu 
dessen Durchbildung zieht er sich in die holländische Emsiedelei 
zurück. In der ersten Zeit seines dortigen Aufenthaltes hat er 
die geforderte erkenntnist.h*-()retische Grundlage geschaffen und in 
einem „Trait^ de Meiaphysique" auch darzustellen versucht, schein- 
bar aber keine befriedigende Darstellungsform gefunden'). Am 
i8. Juli 1629 spricht er in ein(Mii Briefe an Gibiki'F von einer Ab- 
handlung, die er beginne, für deren völlige Dui ciibiUlung er zwei 
bis drei Jahre glaube ansetzen zu müssen*). Wenn wir nun be- 
denken, dali Di .scARTKs kurze Zeit nachher für die Ausführung 
des sein ganzes Wissenschaftssystem uiulassenden Le-MondcPlancs 
auch nur drei Jahre festsetzt, wird die auf keinen Beweis sich 
stützende Annahme, diese Juli- Abhandlung sei identisch mit der 
oben erwähnten Abhandlung über die Metaphysik, zum aller- 
wenigsten verdächug, sollte es sich dabei nicht um einen um- 
fassenderen Plan liandeh\? vielleicht jenem der ,,Regulae*? Mög^- 
licherweise; indes ein sicherer Anhaltspunkt fefak. Abo* sdioa 
Ende Juli (oder anfangs August) 1699 legt Descartes diese Ab* 
faandlung beiseite, um sich der Erkllrung des Phänomens der 
Nebensonnen ausnwenden, das im Monat Ifitav in Rom beobaditiet 
worden war*). Aus diesem, mit seinen froheren Diopirikstudien 
direkt im Zusammenhange stehenden Erkbbrungsversudie erwichst 
der Plan einer Darstellung aller sublunaren Erscheinungen*), der 
seinerseits im Monat November erweitert wird zu einer Darst^l* 
lung aller Naturerscheinungen überhaupt, also der ganzen Phjrsik*). 
Der Plan soll alle früheren Plane in sich einscbltefien und so 

') ^ 35**» — '44. 17 — ^'I 31. '4 — ' '82, r3 un petil Traite de 

Metapbysique , lequel l ay cunimenc^ e^Unt od Frize Wenige Zeilen 

vorher heiflt es: J'eprouveray en la Dioptrique l'eziMeBce de Dien, si ie nns 
«apable d'ezpUqoer mea conceptimis Nov. itigp). 

») I 17, 7 - ^ I. 

') 1 23. 3 

*) I 23. 9 (8- Okt 1609^) 
*) 1 70^ 8 (13. Nov. 1(09). 



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_^ DIE WERKE. ai7 

w«t angelegt sein, daß er in keinem Falle mehr erweitert zu 
werden brauche^). Diese projektierte Abhandlung wird in der 
Folge bald .mon traitö*), bald «ma physique"*) und ini Briefe vom 
4. November 1630 zum ersten Male auch ,mon Monde**) ge- 
nannt Für die Durchführung hatte Descartes zunftchst ein Jahr 
angesetzt*), dann aber die Frist auf drei Jahre erweitert, da 
grOfite Sorgfalt notwendig sei und ihn überdies anatooiisch-medi- 
liniache Studien so lebhaft interoc^sieren, daB er nur mit einem 
gewissen Widerwillen an die Niederschrift des Wenigen gehe, das 
er wisset So weit die Briefe verraten, sollten in dem Werke 
die grundlegenden metaphysischen Fragen beantwortet^, alle 
Sinnesqualitäten erklärt*), die Meteoren ausfQhrlich behandelt*) 
und auch drei oder vier Kapitel der Akustik gewidmet werden *•). Die 
Durchbildung schreitet aber nur hntjsam \orwärts. Das Jahr 1629 
hat einen kaum nenn'^nswerten Anfang der srhriftlichf^n Aus- 
führung zu verzeichnen, aber den Entschluß, sich im neuen Jahre 
einen oder zwei Monate energisch ans Werk zu' setzen"). Am 
15. April kommt Dk^cartes wieder auf diese „begonnene" Ab- 
handluHL^ zu spii 1 lim, heifüL;( nd, er werde sich im Laute der 
nächsten 14 l äge der Darstellung der metaphysischen Grund- 
lagen zuwenden'-). Wie weit ist diese gelungen? Wie weit ist 
JLt Monde" überhaupt gefördert worden? Die Briefe der folgen- 
den Zt;it schweigen sich darüber aus, und schon im folgenden 
November verzichtet Df.scartfs überhaupt auf dt ssen Ausführung, 
allerdings nur vorläufig: denn „die Fabel" seines „Le Monde" ge- 
falle ihm zu gut, als daß er ihn vollständig beiseite legen möchte; 
er hoffe doch noch ans Ziel zu gelangen, sofern ihm so lange zu 
leben beschieden sein werde'"). Der iod hat ihn vorher weg- 

') I 137, ao 

*)l7o,4— 85,8 — 1.04, 17 — 154, 12 etc. 
') I 140, 90 — 146^ la 
*) I 176. 18. 

*) I 70, 6. 

^) I 144 f. I 145, 5: t« ne IdMeray pM de (oudter «n m« Physique 
pliuietirs questioM metapliynque. 1 154, i. 
*) I 109, ai. 

I 137, 17. 
'<) I toa, xfl — 134, ^ 
*') I 104. z6 — vgl. 1 90 ^ 70, 6. 
") I 146, 10. 
") I 179. 16. 



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2l8 



KAPITEL V. 



gerafft; ^Le Monde*, von 1629 1630. als Darstellung seines ganzen 
Wissenscbaftssystems, ist unausgeführter Plan geblieben. 

Warum hat er ihn weggelegt? Die Antwort ist wohl un- 
zweideutig gegeben. Von d^n Pianh(>hen schweift der Blick un- 
gehindert über Felsen und Klüfte dahin in unendliche Fernen. 
Je höher der Gesichtspunkt, desto zahlreicher sind nurh die 
Schwierigkeiten, die sich der Durchführung in den Weg stellen 
und denen der ehrliche Realitdtsdenker, der auf die Hilfe der zu- 
vorkommend ihre Dienste anbietenden Phantasie verzichtet, nicht 
ausweichen kann Wie sich Descartes an die Ausführung seines 
giofjzügigen Vv «TKes machte, stieß er auf imnier neue Schwierig- 
keiten und erkannte deshalb die Unmöglichkeit, dass* ll,< in der 
beabsichtigten AusführlichKeit auf den bezeichneten Ternnn durch- 
zubilden. Er beschränkt sich deshalb vorläufig auf die Lösung 
eines Teilproblemes, auf eine Abhandlung Ober die Üioptrik, mit 
einem „Üiscuurs" über die Natur der Farben und des Lichtes als 
Einlage. Bei der Eigenart seines Denkens nmüien aber auch da- 
mit alle j)hysikalischen Prinzipien, also die ganze Physik zur 
Darstellung kommen; schon die Einlage, die „AbljanJlung über 
das Lichi" lauLite so zu einem Abrisse des „Le Monde" werden, 
sollte darum Mersen.ne das versprochene Werk ersetzen und 
ihm auch sofort nach der Durchbildung zugesandt werden, das 
heifit vor dem „Keste der Dioptrik* Juni 1632 ist sie so weit 
abgescMofisen, als unbelebte Körper darin zur Darstellong kommen 
sollten: ,U ne me reste plus qu' k y adjouster qudque cfaose 
toudumt la natore de rhöfnme* Einige Monate spiter tdlt 
Descartes mit, er habe Harveys »de motu oordis' geleien^ und 
es' muß als eine Folge der Kenntnisnahme des darin meder- 
gelegten reichen anatomischen Tataacbenmaterials angesehen wer* 
den, wenn er im nftmüdien Briefe den Entachhifl angezeigt, das 
projektierte »Einiges Ober die Natur des Menschen* erwatern au 
wollen 2u einer EridSrung aller wichtigsten Funktionen eines ausr 
gebildeten tierisch«! Organismus. Ein Jahr später, November 
t^33, wird die ganze Abhandlung als durdigebildet und vollendet 
angekondet«). Mit innerer Notwendigkeit war dieser «discours 

») I 179. 

•) I 254, 9- 

*) 1 ^63, 8 (Nov. ou dec 1632). 
^ I 970^ 6 vgl. 1 a6(S^ 18. 



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DIE WERKE. 9ti§ 

siir le liiniiere" zu einer Darstellung dt^r ganzen Weltarchitektur, 
zu einer Kosniogonie geworden, vvtshalh ihn Descartes nach 
Juni 1632 auch „Le Monde" nennt'). Aui Neujahr 1634 will er 
ihn Mkrsknnf zusenden^). Da li<>rt er (Mitte November) von d'T 
Verurteilung Galileis und wird dadureh bt-stimmt, das Werk zu- 
rückzubehalten, da die von der kirchlichen Autorität verurteilte 
Hypothese der Bewegung der Erde um die Sonne einen inte- 
grierenden Bestandteil derselben bilde, so daß es damit stehe und 
falle-). „Le Monde" wandert in den Koffer, uro günstigere Ver- 
hältnisse abzuwarten 

Dieser ,,Le Monde" von 1633. wohl zu unterscheiden von 
dem 1629 konzipierten Le Monde Tlanc, war an länglich nur als 
Einlage einer Dioptrik gedacht, in welrlu r auch die Existenz 
Gottes hätte zur Darstellung kommen sollen*) Die Einlage war 
aber inhaltschwerer und umfangreicher geworden als er ursprüng- 
hch gedacht hatte*); ein Hauptwerk war daraus entstanden, das 
sein Hauptinteresse während der Jahre 1630 — 1633 beansprucht 
hatte. Das Hauptinteresse nur; denn es scheint, als habe während 
.dieser Zeit auch der „Rest der Dioptrik* eine gewisse Förderung 
erfahren. Ende des Jahres 1631 versprach er nflmlich MIersenne, 
ihm noch vor Ostern 1632 „quelque chose de sa fa^n* zusenden 
SU wollen*)^ Da6 er dabei den .Rest der Dioptrik* oder doch 
einen Teil desselben im Auge hatte, gebt wohl aus der Tatsache 
hervor, dafi er im folgenden Sommer Gouus den ersten Teil 
seiner Dioptrik zusendet, in dem das Problem der Lichtbrechung 
zur Darstellung komme, ohne daß die Obrigen Fragen seiner 
Phfloaophie berOhrt worden^ Acht Tage vor Ostern meldet er 
dann MsRSiaiME, die auf Ostern versprochene Abhandlung sei be- 
reits fertig, er mochte sie aber doch noch einige Monate zurOcfc- 
belialten, um sie nochmals durchzusehen, ins rdne zu sdnviben 
und um ordentlich ausgeführte Figuren beigeben zu können*}. 



') I 254, 7 — 263. I ct. . 

•) I i>7! 10 ifSs. 14 - III '^58. 10 elo 

*} I aöÖ, 13 - 324. 8 - 370, 2 - 367, 25 — II 50, 10 - 565, 3- 
*) I 188, 13. 
*) vgl. I 179, I. 
") I 228. 20 

*j I 342, 7 .... «t iraoer qoelques Agares qui y sont neceMsires, et qm 
n'iinportuient mmi. Vn ZataamwiklMag ist vielleicht aoch dte T^tMche 



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Dann hören wir aber nichts mehr von dieser „Dioptrik* bis 1635, 
da er mitteilt, dieselbe seit der Verurteilung Gai.u.kis durch- 
gesehen, vollständig durchgeführt und auch vollständig von seinem 
„I.e Monde" getrennt zu haben, um sie als selbständige Arbeit 
drucken zu lassen*); es ist die ,,Dioptrik* von 1637, der zweite 
der vier Essays. 

Für seine Philosophie eine günstigere Windrichtung lu sciialFen, 
das lag nicht in Descartes' Macht Er wollte aber doch nicht 
unUitig bleiben. In den vier Essays von 1637 ließ er Versuchs- 
ballons ausgehen*), einige Früchte seiner geheim gehaltenen Prin- 
zipien. „Dioptrik* und „Meteoren* sollten zeigen, daü seine 
Methode besser sei als die gewöhnliche; die , Geometrie" mit der 
Lösung des Problenies von Pappus sollte dies beweisen"). Der 
Erfolg entsprach nicht dem Wunsche; die Versuchsballons kün- 
deten äußerst ungünstige Verhältnisse an. Vor allem glaubt er 
zu beachten, daß man sich nicht die Mflhe nehme, den eigent> 
liehen Sinn seiner Worte zu verstehen, dafi man allenthalben nur 
Gelegenheiten zum Widersprechen suche«). Er gibt allerdings zu, 
in einem Punicte unklar zu sein, und zwar in bezug auf das, was 
er in dem JDüscown de la m^ode* ober die Existenz Gottes 
und der menschlichen Seele habe sagen wollen*). In der pro- 
jektierten lateinischen Übersetzung der Essays sollte diese Partie 
zur Klarheit durchgebildet werden^ Die Obersetzung ist aber 
nicht zustande gekommen» weshalb er sidi veranlaßt sieht, als 
Kommentar der betreffenden unklaren Stelle 1639/ 1640 ein spezielles, 
kieinereSi lateinisch geschriebenes Weik zu redigieren: «Medita- 
tiones de prima philoaophia* *), das durch die Beigabe der Ein- 
würfe verschiedener Gelehrten und Descartes' Antworten be- 

nicht ohne Bedeutung, daß die Flüren der Dioptrik von iti37 daaa voa 
Schroten, Sohn, ausgeführt worden sind: Iii 450, a. 

') I 32a. 14 — Juni 163s war die Trettnung noch nicht voUxosen: 
I 354, I. 

'> ^ m 7- 

») U aoi, II — 1 370, H — 349, ao - 478, 8 ~ 5^, i — 559, 14 — 
Prioc (lettre au trad). 

*) I 518, 15— 5001,4 — vgl. I 449, 15. — Schon demals dachte er dvMi, 
die Einwarfe zu saramela und mit temen Antworten drucken x« faMten: 
i 4S3. 26 - vgl. I 478. 4. 

•) I 353. I - 349. 30 5^ 7 
•) I 3SX^ ai — I 561, s- 

0 III Koo^ a&jf j6 — tioa» 7 ^ vgl I 339, 35, 



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DIE WUiK£. 221. 

deutcnd » rwcitcrt und damit zu tintr umfangreichen Darstellung 
der Hauptpunktf seiner Metaphysik geworden ist*). Aber auch 
gegen dif physikalischen Erklärungen st iner Essays wurden immer 
wieder neue Einwendungen geltend gemacht*). Um dieselben zu- 
rückzuweisen, sieht er schließlich nur noch ein Mittel: Eine Dar- 
stellung der leitenden Prinzipien, also die Veröffentlichung seines 
„Lc Monde" von 1633 *♦) Ende des Jahres 1640 faßt er deshalb 
den Entschluß, denselben der Öffentlichkeit zu übergeben, tmd 
zwar in einer für den Schulbetrieb geeigneten Form*): in latei- 
nischer Sprache, knapj) und präzis in Thesenform*). „Restat 
tantum unus scrupulus, de motu terrae"^"), der Gegensatz seines 
Weltsystems zu der die Schule beherrschenden Lehre der katho- 
lischen Kirche. Der Umstand, daß der heliozentrische Standpunkt 
nur von dem Kollegium der Inquisitoren, keineswegs aber vom 
Papste oder einem Konzil verurteilt worden war, hatte von An- 
fang die Hoffnung erweckt, es werde in Rom gelegentlich doch 
eine günstigere Parole ausgegeben werden da ja das ptolo- 
infliiche System offenkimdig der Erfahrung widerspreche^). Um 
sicher zu gehen, versucht Descartes zu „sondieren". Ein Kardi-> 
nal wird konsultiert und scheinbar gar ein zweiter, ein Mitglied 
jenes Kollegiums^ das Galilei veniiteilt hatte*). Das Resultat der 
Auskundscbaftung? Wir kennen es nicht, sehen aber Descartes 
am Werke wahrend der Jahre 1641 — 1643'*)! und 1644 erscbdnen 
vierteilig die „Principia philosophiae" Der erste Teil ent- 
halt die Erkenntnistheorie, eine Zusammenfassung und Ergänzung 
der »Meditationes* und damit des »Discours de la möthode* von 
i^**)" ^ cir«> folgenden Teilen kommen die Prinzipien 

• ') Princ. (lettre an tnd). 

') Man durchsehe die Briefe der Jahre 1638—1640. 
') III 258, ao — V 544 — J 305, 20 - 324. 6 
HI 376, 7 — vgl. V^I 254, 8 ^Kep. aux Obj. iVj. 

•) m 939, 9o ^11. Nov. 1640) — m 593, 13. 

V 544. 13. 
1 a88. 13. 
•} V 550, 20 - vgl. I 258, 5. 

*) lU 9^ 13 — V 544, 15 nebst Anmerkung der Henusgeher. BAnur, 

Bd. I 253 f. 

'•> in 276 7 — 646, 15 — IV 6q8. 4 — 73, 8 — to8. 
"» .vDiäugUch wollte er das Werk: „Summa philosophiae" nenoen; 
m 405, 6 - 593, 13 ~ Vgl. VII 964« 8 — IX 196. 
'*) 10 976^ 10 — Princ. (lettre «a tr»d). 



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932 KAPITEL K 

seiner Physik und damit seine ganze Kosmogonie zur Darstellung. 
Wir haben es da also zu tun mit einer Umarbeitung des ersten 
Teiles des „Lr Monde" von 1633I). Der heliozentrische Stand- 
punkt ist festgehalten, aber die Schärte di s Gegensatzes zur her- 
gebrachten und , approbierten" Anschauung durch Hervorhebung 
der kclaüviUit der Auffassungsweise absichtlich iml 1- rt. in der 
Hoffnung, damit die Index-Ecke" umgehen zu können 
erscheint Descartes' letztes Werk; „Les passions de l'änie", 
eine Frucht des geistigen Verkehrs mit Elisabeth, eine nachträg- 
lich abgerimdete Gelegenheitsarbeit*). 

Die Briefe Descartes' liegen in einer imponierenden, kri- 
tischen Neuausgabe vor, wodurch es möglich geworden ist, sich 
voUstflndig in Dcscartes* Denken einzuleben. Wir erteben Des- 
cartes denkend, sehen ihn hi soner 

jegliche SchaufensterdekoradcHi niei<fend. In ihrer Gesamtheit 
bieten die Briefe ein so allseitiges Bild, daß mit deren Plilfe allein 
seine ganxe Philosophie durgestellt werden konnte. Sie ermOg« 
liehen auch, in bezug auf verschiedene Fragmente zu sicherem 
Feststellungen zu gelangen, als dies bisher möglich gewesen ist. 
Wie weit, das soll in folgendem zur Darstellung kommen. 

f^e Monde*' von 1633 ist zu unterscheiden von dem in An- 
griff genommenen, aber nicht durchgefohrten „Le Monde" von 
1699. Er bildet einen Abriß desselben und soll ihn Mersemne 
ersetzen; seine Durchbildung hat Descartes mehr wie drei Jahre 
hingehalten. Er ist zwettetUg: der Kosmogonie folgt eme Er« 
klirung des menschlichen Organismus. VGlX diesen Resultaten obiger 
Untersuchung stimmt auch vollständig flberein, was Descartes 
darüber im „Discours de la möthode" V erzShh*): ,»Ehe ich die 
Ausarbeitung des Werkes begonnen habe, hatte ich mir vor- 
genommen, in demselben alles zusammenzufassen, was icb aber 
die Natur der KOrperwelt zu wissen glaubte. Aber em Maler 
kann auf einer FlAche nicht verschiedene Ansiduen eines Korpars 
gleichzeitig darstellen. Er wflhk darum eine Ansicht, stellt diese 
in helles Licht, wahrend die anderen Seiten im Schauen liegen 

■) m 593, 13 (31. Jannar 164a an Hinronis): Peiit*e«tre qne ces goerr«» 
«ootsstfqiies serooi cause que noo Monde ae fera Irieotoat ytkc au moade, et 

ie croy que ce bereit des ä pre«ant, sinon que ie veux auparavant luy faire 
aprendre a parier latin; ie le feray nominer summa philost^hiae. 

n V5s«i,a 

IV 407fi. — 44a, la — V 353, 17. 



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223 



und nur so weit sichtbar werden, wie es beim Anblick der Haupt- 
seile mOgiidi wird. So farchlete ich, es werde mir nicht ge- 
lingen, in mdner Abhandlung alles zusammenzufassen, was ich 
mir darzustellen vorgenommen hatte und beschlofi daher, nur 
meine Gedanken Ober das Wesen des Lichtes ausfOhilich darzu- 
legen. Im Anschlufi daran gedachte ich einiges auszufahren aber 
die licfalspender (die Fixsterne), die Lichtretlektoren (die Planeten, 
vornehmlich aber ober die Erde) und endlich Aber den Menschen, 
der dies alles sieht etc." 

In der Folge gibt er dann eme ausführliche Inhaltsangabe 
des ,JLe Monde*' von Das Werk selbst hat er aber nicht 

veröffentlicht, dagegen in den Teilen 9 bis 4 der Prinzipien eine 
Umarbeitung des ersten Teiles, wie wir oben gesehen. Im Nach- 
lasse fand sich ein aus 15 Kapitehi bestehendes Fragment: „Le 
Monde ou trait^ de la lumiöre*'. In welchem Verhältnis steht 
dies Nacfalafiwerk zu „Le Monde*' von 1633? Baillet, Bd. U 198, 
400 bezeichnet es als einen kurzen Abrifi oder Auszug desselben. 
Mit dieser, von spätem DESCARTES-Darstellern kritiklos immer 
wieder nachgetragenen Behauptung habe ich mich zuerst abzu- 
finden. Das Nachlaßwerk, wie es von Clerselier 1667 veröffent- 
licht worden ist, enthält nur eine Kosmogonie, kann also nur zum 
ersten Teile des ,Le Monde* von 1633 in Beziehung gesetzt 
werden. Daß es nun eine Umarbeitung desselben sei, dafür finde 
ich keinen stichhaltigen Grund. Baillet stOtzt seine Behauptung 
auf keinen Beleg. Lasswftz macht in seiner „Geschichte der 
Atomistik", Bd. II 90 darauf aufmerksam, daß die Dreizahl der 
Elemente in den Briefen erst 1639 zur Darstellung komme und 
vermutet deshalb, sie sei dem „Le Monde** von 1633 noch fremd 
gewesen und erst nachträglich, also nach 1639 hineingearbeitet 
worden. Das Argument hat aber keine Beweiskraft — wie ich 
anderer Stelle schon betont habe — da die Briefe keineswegs 
sichere Anhaltspunkte geben über die Konzeption einer Idee, 
namentlich hier nicht, wo fHsf ak i es selbst beifügt, er habe nicht 
fi'üher von der Dreizahl der Elemente sprechen wollen, um dies 
Prinzip ganz für seinen ,,Le Monde" zu reservieren*). — In dem 
Fragmente finden sich drei Hm weise auf eine mit ,4^iopthque" 



•) VI 41. 
0 n 485. 34- 



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KAFITEL K 



betitelte Abhandlung <), was keineswegs beweist, dasselbe sei nach 
den Essays von 1637 entstanden; denn ,JLe Bfoode** vmi 1633 
war ursprünglich als Einlage dner projektierten und zum Teil 
bereits ausgearbeiteten „Dioptrik" gedacht Kurz: FOr die An- 
nahme, das Fragment sei eine Umarbeitung, finde ich keine Be* 
weise, sehe aber umgekehrt Momente, die dieselbe vollständig als 
unwahrscheinlich erscheinen lassen und somit indirekt beweisen, 
daS in dem Fragmente der erste Teil des ,fLe Monde" von 1^33 
vorliegt In der, in den „Prinzipia philosophiae" vorliegenden 
Umarbeitung wird das Weltgeschehen auf eine Einheitsform zu- 
rückgeführt. „Am Anfang der Welt" war das Universum vom 
einheiUichen Himmelselement (dem Äther) erfttUt, aus dem sich 
sowohl das Erd- als auch das Sonnenelement entwickelt haben, 
die ihrerseits wieder in das Grundelement zurQckgebildet werden 
können. Das grundlegende Prinzip, dafi es im Universum keine 
Sttbstanzform gebe, die nicht nach und nach aUe anderen Er- 
scheinungsformen annehmen konnte, hatte Descartes bereits in 
den Briefen von 1639 entwickdt; dem Nachlafiwerke: ,JLe Monde 
ou traitö de la lumi^" ist es aber fremd. Ein Dualismus durch- 
zieht dies Werk: der unttbeibrackbare Gegensatz von Erd- und 
Himmelselement Wohl lOst sich aus letzterem das Sonnenelement 
ab; aber die Masse des Erdelementes ist als solche geschaffen 
und bleibt ein konstanter Faktor im Weltengeschehen. Nehmen 
wir mit Baillet an, in dem Nachlaßwerke liege e ine Umarbettnng 
des Originales von 1633 vor, dann könnte sie kaum nach 1639 
entstanden sein; denn es bliebe unerklärlich, warum Descartes 
dies neu gewonnene Prinzip nicht hineingearbeitet, sondern sich 
auf die Wiedergabe eines überwundenen Standpunktes beschrankt 
hätte. Das Nacblafiwerk mufi also vor i6Qg entstanden sein. 
Da Descartes nun weiterhin in den Briefen zwischen 1639 und 
1633 immer wieder betont, seinen „Le Monde** nicht hervor- 
nehmen zu wollen*), so kann dasselbe auch nicht auf diesen Zeit- 
raum angesetzt werden, und es bleibt als wahrscheinlich, ja als 
einzig möglich nur die eine Annahme, das Nachlaßwerk stamme 



*) C IV, 221, 32r, 371. 

') II 525, ^ {x. Febr. 1639): ,£t si i' estois a recominencer mon Monde, 
ob Vmy supos« le oorps d'un aninul tont f<mn«, et me suis content^ d*en 
moDstrer les fonctions. i' entreprendrois d'y metu-e Arassy |e$ eonsea de la 
iormation et de la naiBSuce". I 518, 8 435, 5 — 3aa, 14. 



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m£ WKRKE. 225 

aus dem Jahre 1633, d. h. es s« der erste Teil des nachträglich 
nur „Le Monde" genannten „Discours sur la lumidre" von 1633^). 
Baillets Behauptung ist somit als unbegründet zurQckzuweisen. 
Ich glaube in ihr eine falsche Interpretation zweier Briefe zu sehen, 
des Briefes an Mersenne, in dem Descartes einen Abriß der 
ursprünglichen „Le Monde** von 1629 verspricht»), und des Briefes 
an HuYGKNs, in dem er eine Umarbeitung des ,,Le Monde" von 1633 
ankündet, zu einer Zeit, da er eben die ,,Prinzipia" ausarbeitet*' 

Oer zweite Teil drs ,,Le Monde" \'on 1633 sollte eine Er- 
klärung der wichtigsten Funktionen des ausgebildeten menschlichen 
Organismus enthalten. Dem im November (oder Dezember) 1632 
liierfiir aufgestellten Programme einerseits, dem im „Discours de 
la mtthode** V. gegebenen Inhaltsverzeichnisse anderseits, ent- 
spricht genau der Inhalt eines Nachlaßwerkes: L'homme, und 
daß dasselbe wirklich als zweiter Teil des ,,Le Monde" von 1633 
d- h. des Nachlaßwerkes: ,,Le Monde ou traite de la lumiere'* 
betrachtet werden muß, das geht wohl unzweideutig schon aus 
der Tatsache hervor, daß es im Manuskript mit „Chapitre 18* 
überschrieben gew^en sein soll*). Es muß somit der Titel: 
„L'homme" nach Analogie der übrigen Teile des ^Le Monde" als 
einfache Kapitelüberschrift der Kapitelnummer 18 untergeordnet 
werden*). Da der erhaltene erste Teil 15 Kapitel enthält, fehlen 
für den lückenlosen Zusammenhang immerhin noch zwei Kapitel. 

') Vgl. I. 562,1a. 

1 I79i »• 
*) vide I. Amnerktmg S. 222. 

*) Wie CLnsEunt im Vorworte sebier PttbUkatioii des Fragmentes 

mitteilt 

*") 1640 oder 1641 hat ein .iDtimer" Freund Dkscartes' diesen zweiten 
Teil de& ,Lc Munde" kopiert; die Kopie diente mit Descartes' Erlaubniti als 
Gnmdlage Ar swei weitere Abediriftea: IV 566^ «4. Eine derselben scheint 
Regius zu Gesicht gekommen und von ihm ausgebeutet worden zu sein fOr 
das 1646 erschienene Werk: „Fundamcnia Physicis". das bei oberflichlichem 
Durchsehen als eine getreue Wiedergabe der Descartesschen Werke er- 
scheint IV 5x7, 16 — 567, 5: il e eUf msigr6 moy, nne co|)ie de eet cscrii, 
SSBS que ie puisse deviner en aucune fa^on par quel moyen il Ta eu£, et U 
en a xvrt cete belle pi6ce du roonvement des mnscles*. — IV 6a6, 17 — Pkinc 
(lettre au tnuL). 

Das Manuskript selbst war in solchem Zustande, dafi es nur mit Mflhe 

entziffert werden itonnte (schlecht geschrieben od^ verdorben? IV 566, ef) 
weshalb Descartes den Ent«rhl\iB faßte, Ir niettre au net, c'esi a dire. (de) le 
refaire iia, 12). In emem s^päiercn bnefe V 2(10, 29 (i64S ou 1649) heifk 
es aber; PMr la dcscription de l'animal, il y e kmgtemps que t'ay quilt6 le 

Jnaf BaaB, Rca* Dtacutca. 15 



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926 KAMTEL K _ 

Habea sie wirklich existiert? Wenn ja, welches war ihr Schick- 
sal? Aus dem im «Discours de la mdthode* V. g^benen In« 
haltsverzeichnis des ganzen Werkes konnte erschlossen werden, 
sie hätten Darleg^ung:en aber den Pflanzenorganismus enthalten. 
Aber etwas Sicheres läßt sich scheinbar nicht feststellen. 

Descartes hatte schon für seinen ^Le Monde" von 1633 
eine entwickelungsgeschichtUcfae Darstellung des tierischen Orga* 
nismus in Aussicht genommen, sich dann aber auf eine Beschreib 
bung und Erklärung der wichtigsten Funktionen eines ausgebildeten 
Organismus beschränkt, da ihn die Durchführung mangels hin- 
reichender Erfahrungen zu lange hingehalten haben würde. Nach 
Abschluß des Werkes nahmen seine enihn;'ologischen Studien ihren 
Fortgang, und 1639 schreibt er, er würde nun den zweiten Teil 
des „Le Monde" umarbeiten, sofern er diesen überhaupt hervor- 
zunehmen lieabsichtigte; denn gestützt auf die im Laufe der Jahre 
erworbenen anatomisch-embryologischen Kenntnisse glaube er jene 
Beschreibung durch eine entwickelungsgeschichtliche Darstellung 
ersetzen zu können M. Im folgenden Jahre nimmt er seinen ,J 
Monde*' wirklich -iiich hervor, h'efert zuerst in den .,Principia*' eme 
Umarbeitung des ersten Teiles, wendet sich scheinbar nachher so- 
fort auch der Umarbeitung des zweiten i'eiles zu-), ohne sie zum 
Abschlüsse bringen zu können-"'). Die Umarbeitung des zweiten 
,,Le Monde"-l"eiles ist P'ragment gebliehen. Es handelt sich da- 
bei zweifeiltis um das weitere Nachlaüwerk: „De la formation 
du foetus". Daß dieses nach 1644 entstanden sein muß, geht 
daraus hervor, daß in ihm direkt auf die „Principia phil.** Bezug 
genommen wird*). 

denefai d« la mettre m net, non point par negligence, on faule de boaae 
volontt, mrii pour ee quV «n ay fnatatcauml na nwillair." 

In diesem Zusamraenhaiige darf ein dunkler Punkt nicht unerwähnt 
bleiben. Nach Brief V 112, von den Herausgebern auf 31 Januar 1648 an- 
gesetzt, soll diese «Beschreibtug der Funktionen der Tiere und Meoüchen' 
la oder 13 Jahre irtther antManden «ein, abo iC(S5 ^^i* vergleidie 
aber mit diesem Briefe jenen vom 23. November 1646 (IV 566, 34); sie «nd 
in bezu? nuf diese Mitteilung voll und ganz übereinstimmend, t^^ mtif} des- 
halb gepruii werden, ob es sich oicbt um eine falsche Datierung des eiuen 
oder dee aadem Briefea handle, vemratlidi Jenea V ito. 

') II 5^5. aS- 

*) rv 326, 4 ~ 329, 16. y iia, 19. Vgt Princ. 11 40, 
*) V a6i, 3. - IV 336, 4. 



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DIE WERKE, 287 

Noch bleibt da swehes ^»entwickelung^esdiichtf idies'* Frag- 
ment: „Premix res Pens^es sur la g6n6ration des snimaux" m 
betrachten. Da dasselbe den Blntkreislauf noch nicht kennt, miift 
es entstanden aem, ehe Descartes Havrys Entdeckung kennen 
gelernt hat» in jedem Falle also vor November (oder Desember) 
i^. Mit grofier Ausführlichkeit, und Descartes' Forschungaart 
vielleicht wie keine andere Schrift zur Darstellung bringend, wird 
die Entstehung des tierischen Organismus dargestellt Mit Fabri« 
ZIU5 nimmt er noch die Möglichkeit der Urzei^gung, selbst hoher 
stehender Tiere, wie Warmer und Insekten, an, und entsprechend 
des von Fabrizius dargel^ten Tatsachenmaterials läflt er ent- 
wickdungsgeschichtlicfa die Leber noch eine Hauptrolle spiden. 
Da wir nun wissen, dafl sich Descartes während des Winters 
1609/30 anatomiscb-medixiniscfaen Studioi zugewendet und damals 
die entwickdungsgescbichtttchen Schriften des Fabrizius studiert 
hat, li^ kaum ein Fehlschlufi vor in der Annahme, dies Frag- 
ment sei wahrend jenes Winters entstanden, und er habe wohl 
auch dies Fragment im Auge, wenn er im November 1645 mi^ 
teilt, er hätte vor mehr als 15 Jahren sdion einen ^Trait^ des 
animauz* in Angriff genommen^). 

Zusammenfassend: Das 1667 von Clerseuer veröfientlicfate 
Nachlafiwerk: ,Le Monde ou traitö de la lumiöre" (inkl. getrennt 
ediertem Fragmente »L'homme* als Clap. 1% ist das 1633 wegen 
der Verurteilung Galileis der Öffentlichkeit vorenthaltene Werk. 
Eine Umarbeitung des ersten Teiles liegt vor in den Teilen s — 4 
der „Prindpia phü " von 1644. Die Umarbeitung des zweiten 
Teiles ist nur zum Teil gelungen und insoweit eriialten in dem 
Fragmente: „De la formation du foetus**. Das weitere Frs^^ent: 
„Premixes Pens^es" repräsentiert den ersten Versuch einer ent- 
wickelungsgeschichtlichen Darstellung des tierischen Organismus 
und scheint während des Winters 1629/1630 entstanden zu sein. 

Ein Wort noch über den „Le Monde**-Plan von 1629^ 
Alle physikalischen Probleme hätten in ihm gleichmäßig zur Dar- 
stellung kommen sollen; er soll überhaupt so weit angelegt ge- 
wesen sein, daß er in keinem Falle mehr hätte erweitert werden 
müssen; im Jahre 1629 scheint die schriftliche Durchführung keine 
nennenswerten Fortschritte gemacht zu haben; April 1630 wird 



') iV 386, 4. 

15* 



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22Ö 



KAPITEL V, 



er als „begonnen" beaeiclinet, November des namlkhen Jahres 
dann aber vollständig fallen gelassen. Das ist siemfich aOeSi was 
sich direkt Uber diesen uisprflnglicben „Le Monde'* festsfcelleii 
Iftfit Eine auf die fonneUe Seite des Planes sich beziehende Be- 
merliung fohrt indirekt etwas weiter. Descartes schreibt nflm- 
lidi am 13. November 1609^): Je pense avoir troiiv£ un moyen 
pour exposer toutes nies pensöes en sorte qu'dles satisfairont k 
quelques uns et que les autres n'auront pas occasion d*y oontredire". 
Er kann damit doch nur eine stilistiscbe EigentOmlicfakeit dei> pro> 
jektierten Werkes im Auge haben. Sehen wir zu: Seine Werke 
sind teils lateinisch, teils französisch geschrieben, je nach dem 
Kreise, fOr den sie bestimmt waren. Wendet er sich an die Ge- 
lebrtenwelt, so fafit er sie lateinisch ab: Meditationes, Principia; 
die für ein größeres Publikum berechneten Werke dagegen sind 
französisch geschrieben: Le Monde, Essays, Les Passions. Mit 
dem Sprachen unterschied ist für Descartes aber kein Stil unter- 
schied verbunden. Die Gedankenformung bleibt die nAmliche, ob 
er lateinisch oder französisch schreibt, so daß denn auch die 
Obersetzungen seiner Weiice stilistisch mit den Originalen voll- 
ständig übereinstimmen und übereinstimmen müssen. So erteilt 
ein Übersetzer der „Regulae" »)i der glaubt, daß von zwanzig ver- 
schiedenen Übersetzern gelieferte Arbeiten sich gleichen würden 
wie ein Ei dem andern. Der Sprachenwechsel bedeutet für den 
auf mathematisch scharfe Begriffsformung dringenden Denker 
keinen Stilwechsel, sondern einen Zeichen-, einen Wortwechsel ^). 
Mit obiger Andeutung einer stilistischen EigentQmlichkcit kann er 
also kaum im Auge haben, entgegen dem Herkommen, für em 
wissenschaftliches Werk die Gelehrtensprache durch eine ,, Lebens- 
sprache" ersetzen zu wollen; es muß damit eine andere Eigen- 
tümlichkeit gemeint sein 

In Descartes' Schriften begeg^net man eigentlich niemals 
dem kalten Tone strengster Objektivität oder los^ischei System- 
härte; ein gewisser Hauch künstlerischen Fuhlens belebt sie alle. 
Die Mehrzahl ist im belebten Selbstgespräche abgefaßt, sei es in 

der Wir- oder Ich-Form. Die Wir Form charakterisiert den Thesen- 
« • 

0 I 70, IX. Vgl I 194, 17. 

*) «Oenvres choisie«"» Edition Garnier p. agsff. 

") ni 494, 10: partim gallice, partim Utinc scribam, prout verba velernw 
occurrenu VgL IV 349, 3 — 604, 10 — 417, 25 — I 4 — 81, 10. 



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DIE WERKE 



229 



Stil der „Principia", die damit in beabsichtigtem Gegensatze zu den 
vollständig in der Ich-Form durchgeführten „Meditationes" stehen. 
Die Ich-Form findet sich mich im „Le Monde" von 1Ö33: da tritt 
aber noch ein notie«^ Flenviit Ina/u: Her Klang des Belchren-wollens, 
das Dirigieren der Aufmerlcsamkeit fingierter Zuhörer durch ein- 
gestreute imperative zweiter Person Plurahs: Regardez, remar- 
quez, voyez, pensez, considerez etc. Solche imperative finden sich 
zu Anfang « im s jf di n Abschnittes und häufig auch innerhalb 
derselben. Sie charakterisieren den Dozenten- oder Konv<*r- 
sationsstil. ,,Le Monde" von 1633 ist vollständig in demseli)en 
durchgeführt; er ist dagegen bereits den Essays von 1637 fremd. 
Die beiden erst 1636 entstandenen Essays: „Discours de la 
mcthude" et ,,La G^:ometrie" ') sind imperativfrei, und auch in 
dem nach 1633 (wahrscheinlich 1635) entstandenen und in der 
Ausgabe von Coi'sin volle ao Seiten umfassenden Teile VI der 
„Meteores*") findet sich ein einziger Imperativ. Häufiger er- 
scheinen sie ai)er in den andern Teilen der „Dioptrique" und der 
,,Meteores*', konzentrieren sich indes auf kleinere und größere 
Partien. Im ersten Teile der „Meteores" z B sind acht Seiten 
imperativfrei, plötzlich erscheint ein Schluijabschnittchen von sech- 
zehn Zeilen mit drei derselben; während sich aui acht Seiten des 
zweiten Teiles der ,,Dioptrique" kein Imperativ findet, erscheinen 
sie zahlreich auf den vier Schlußseiten etc. Kurz : Den nach 1633 
resp. 1635 entstandenen Teilen der Essa3rs ist der Konversations- 
stil fremd; in den Qbrigen Teilen finden sich die denselben 
charakterisierenden Imperative nur in kleineren und größeren Par* 
tien. Es sind formelle NachklAnge des „Le Hönde" von 1^33, 
des dniig vollttflndig im Konversationastil dorefageführten Waakes. 
Es ist bekannt, dafi sowohl „Dioptrique" wie tiMeteores" schon 
vor 1633 in Angriff genommen worden sind und dafi die „Diop. 
trique" während des Winters 1631/1632 inmitten der „Le Monde"« 
Dnrcbfflhmn; einen gewissen Abschluß erreicht hat, so dafi die 
Annahme berechtigt erscfaemt, die Imperativabschnitte der Essays 
seien schon 1633, jedenCdls vor 1^5 entstanden. 

In Descartes' Schriften bssea sich also zwei wesenttich ver* 
schiedene StUformen unterscheiden: Das Selbstgespräch (als Wir- 
Fonn in den HPrindpia''t als Ich-Form in den «Meditationes*), 

«)l45».5-56o,8~33o.8. 

•) ivm «4. 



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KAPITEL V. 

und der Lrhr- oder Konversationssiii. Letzterer ist das formelle 
Element des „Le Monde" von 1633, dann aber anrh emes Frag- 
mentes: „Recherche de la vtrite*, eines Dreigespräches: Eudex, 
der vom gesundrn Menschenverstände geleitete „Bauer-Fhiiosoph" 
setzt zwei Frcuiuitii istmt Ideen über das W'rliganze auseinander; 
der vorurteilsfreie Polyandkr stimmt den Ausführungen sofort 
bei, und auch der mit allen möglichen Einwürfen bereit stehende 
Schulgelehrte Epistemün muß ihm recht geben. Wenn nun Des- 
CARTF-S in oben angeführter Stelle mitteilt, er hütte für seinen 
„Le Montie" von 1629 eine besondere Form der Darstellung in 
Aussicht genommen, so dafi die einen von seinen Ideen befriedigt 
sein werden und die andi rn keine Gelegenheit mehr zum Wider- 
sprucli finden werden, so ist dair.iL doch in knappster Form die 
formelle Eigentümlichkeit dieses Fragmentes, das Dreigespräch, 
charakterisiert und damit auch der Inhalt von dessen Einleitimg 
wiedergegeben. Damit wird weiterhin die Vermutung berechtigt, 
DiSCARTis habe ftkr seinen ursprQnglichen „Le Monde* die Ge- 
spr Achsform, also den Konversationsstil, in Aussicht glommen, 
Eü ist interesaant zu sehen, wie er den Gnmdgedanken dieser 
auf die Fonn des projektierten ,Le Monde* sieb benebenden 
Mitteihmg ta Tage sp8ter ausfflbilich entwickelt, dafi nlmlich 
mitteist einer Sprache des gesunden Menachenverstandea, mit 
mathematisch scharfer Prägung der einseinen Worte, der einfiichsttt 
Bauer leicbter zu den höchsten Wahrheiten vorzudringen ver* 
möchte, als dies bd der beutigen Unbestimmtheit der Worte den 
Philosophen möglich seiJ) 

Das Fragment: .La Recherche de la vdrit^* besitzt jene 
StUfonn, die ein Element des ursprüngKcben ,Le Monde* gebildet 
au haben acheint Beachten wir weiter noch folgende Momente: 
Eodoz, der achlichte Bauer von «mittlerem Verstände*, 0aert zu 
Anfang der Unterhaltung das Ziel derKlben, damit den Descartes- 
scben Plan des Werkes darlegend. Es soll zweiteilig werden und 
alles zur Darstellung bringen, was menschlichem Erkeuntnisvero 
mögen erreichbar sei, also das ganze Wissenachalitosystenu Damit 
stimmt doch flberein, was Descartes über seinen ursprOnglicfaen 
,Le Monde**P]an berichtet; er ad so umfassend angelegt, dafi er 
in keinem Falle mebr erweitert zu werden brauche. Wir ¥nssen 



*) I 8ili vgl oben Kap. III pb 133. 



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931 



ferner, daß ,Le Monde" im Jahre 1629 noch keine nennenswerte 
Förderung erfahren, daü Descartes in der zweiten Hälfte des 
Monats April 1630 die met'iphysischen Grundlagen für denselben 
schriftlich durch zuhulden sich vorgenommi^n hat. Unser Fragment 
setzt nach K nlritung und Plandarstellung auch damit ein, bricht 
aber schon mit di m „cogilo ergo sum" ab. Kur/, in dem Frat?- 
mente: „Recherclit de la verite" liefet vermutlich der ursprürL;ii< iie 
„Le Monde" von 1629 vor, so weit er überhaupt durchgeluiirt 
worden ist, und zusammenfassend ergibt sich folgendes Resultat: 

Der eigentliche „Le Monde" ist nicht dui cljgeführt 
worden. Im Herbste 1629 -^^s Darstellung des ganzen 
VVissenschaftssysiems projektiert, in Gesprächsform ge- 
dacht, scheint die bereits durchgebildete Partie in dem 
Fragmente: „La Recherche de la verite" erhalten zu sein. 

„Re^^lae ad directiuaem ingenii", wohl das interessan- 
teste aller Fragmente Descartes'. Durch knapp formulierte Regeln 
soll der zur W ihrheit führende Weg gezeichnet werden. Das 
Werk war aul drei Teile ä 12 Regeln berechnet (vielleicht drei 
Teile a 36 Regeln?). Von diesen 36 Regeln MtKi -21 vorliaaden 
und den ersten 18 sind umfassende Eikiaiungen beigegeben. 
Diese Kommentare enüiakcn eine Fülle der verschiedensten Ge- 
sichtspunkte, die immer wieder von der Richtlinie des Werkes 
ablenken, so daß das Ganze den Leser nicht zur Ruhe kommen 
l^t und in der Fülle der Gedanken und Gesichtspunkte sozu- 
8&geQ sich selbst zerstört Es fehlt die etnbeitlicbe Durcharbeitung; 
es ist ein Entwurf, für die Erkenntnis Descartes* aber gerade 
darum von grOfiter Bedeutung. Es wirft interessante Scblaglicbter 
auf teioe Erkenntnistfaeorie und ist dss einzige Doknoent, das 
einen Einblick gestattet in das Wesen seiner Matbematik. In bez^g 
fiuf dessen Datierung geben die Anschauungen ziemlich weit aus- 
einander; entscheidende Tatsachen scheinen aber allemhalben zu 
fehlen. Natorp, der von diesem Fragmente aus seinen AngnÜ 
auf die Schulmterpretation der Descartesschen Philosophie untere 
nommen hat, folgt IfniXT» der das Fragment auf 1608/99 ansetzt >) 
Peweisend erscheinen mir aber weder die Grflnde Moxets, noch 
die von Natorp be%efbgten; da^ z. B. die Bemerkung I i37i ^ 
so schlagend auf die R^hi passe, bleibt bei der Unbesdnuntheit 

*) Natorp, ^Dssc Erkenncniillieorie*, 164. liiurr I isjSff. 



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KAPITEL V. 



der Angaben doch gar zu fraglich. SteUen wir zimAclist einmal 
die sicheren, unbeiweifelbaren Anhaltspunkte fest: Descartes hat 
erst in Holland den Äther in sein System aufgenommen und den 
leeren Raum negiert Da die «Regtdae* die Annahme des leeren 
Raumes zurOckweisen') und den Äther bereits akzeptieren*), so 
können sie erst in HoUand, also frOhestens 1699 entstanden sein. 
Dies Aigument wird unterstoizt durch folgendes Moment: Dafl 
Descarii» die erkenntnistheoretiachen, rtep. metaphysischen Grund* 
lagen seiner Physik erat in Holland durchgebildet hat, mflssen 
wir ihm Rauben. Die .Regulae* setzen dioelben aber voraus; 
sie leuchten da und dort durch. Natorp macht auf die betrelFen- 
den Stellen aufmerksam*), betrachtet sie aber als Vorausnahmen 
der Metaphysik, d. h. der „Meditationes*. Daß sich aber z. B. die 
Irreale Distinction' . von Sede und Körper nur „mit schlechtem 
Gewissen" hervorwage und nur „verschämt* auftrete, kann bei 
vorurteilsfreier Prafung ernstlich wohl nicht behauptet werden.*) 
Dafi es sich dabei Oberhaupt nicht um Vorausnahmen handdt, 
sondern im Gegenteil um Nachklänge jener metaphysischen Spe> 
kttlatiooen, denen sich Descarhs hiut Erzählung im „Disooun de 
la mdtbode IV' in der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Holland 
gemdmet hat, mag der Kommentar zur zwölften Regel beweisen. 
Descartes führt da aus, daft zum Erforschen der Wahrheit zwei 
Sachen getrennt zu betrachten seien: das erkennende Subjekt 
und das zu erkennende Objekt, daß er gerne auch auf den ersten 
Punkt eintreten wOrde, »mais les bornes de cet 6crit ne peuvent 
contenir tous ies prilimioaires necessaires pour que ces veritös 
soient Evidentes pour tous"*), und daß er sich deshalb auf eine 
kurze Darstellung der uns zur Erforschung der Wahrheit ge- 
gebenen Fähigketten beschränken müsse. — Diese beiden Tat- 
sachen zwingen, die Entstehung der „Regulae" auf frOhestens 
1699 anzusetzen. 



äiehe oben Kap. IV, p. ^fPi^- 
") C XI 350. 
•) C XI 971. 

*) Natorp, ,Desc. F,rk." p 25.29. Ebenso , Archiv für Gesch. d. Phil." 
Bd. t6, ^7. Die hier angeführten '^•^ellen weisen auch die Hehauptung von 
Berthet (Revue d. 1. M. et M. 4,414; zurück, die Abwe^eaUeit jegiicher Meta- 
physik chanlcteriiim die ,R«giilfte*. 

N Man beachte C XI aKff. ate. 

■> C XI a6i. 



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DIE WERKE, 233 

Bauxct tchdiit X693 als Entstehimgsjahr anzimehmen^), und 
for die Annahme spricht ein kaum xarQckweisbarer Grmid. Am 
Sdihiase der vierten Regel teilt Descartes nfimlich mit, er fafttte 
sich bisher nur mit der Univenalmathematik beschäftigt mid glaube 
sich nun dem Studium der mathematiach>physika1ischen Diszi* 
plmen luwenden zu kftnnen, er gedenke zonftchst aber noch die 
Resultate seiner bisherigen Studien zu sammebi- und zu ordnen, 
einersdtB um sie im gedftchtnisschwacberen Alter immer bereit 
zu haben, anderseits um seinen Geist fOr ein Weiterstudium zu 
befreien. Danach mflssen also die „Regulae* entstanden sein, 
wie er das Studium der Universalmathematik, damit der Arith- 
metik und der Geometrie, beiseite gel^ hat, und dies schdnt 
nach seinen eigenen Angaben zu Anfang der zwanziger Jahre, 
spätestens 1693 der Fall gewesen zu sein «) Baillcts Annahme 
ist also kaum zurOckweisbar; ich sehe wenigstens keine MögUch- 
kett Damit stehen wir aber vor einem Dilemma: Die Regulae 
mUssen einerseits auf spätestens 1623, anderseits auf frohestens 
1629 angesetzt werden; die entsprechenden Gründe la»^ sich 
nicht wegdiskutieren, und es bleibt nur die eine Erklärungsraög- 
lichkeit, die das nit-aut ersetzt durch ein et-et, also die Annahme, 
Descartes habe die Regulae ungefähr 1623 in Angriff genommen, 
aber nicht durchgeführt, dann frühestens 1629 wieder hervoi- 
genommen und weitergebildet, eine Praxis, der wir schon mehr- 
mals begegnet sind, ja, die Geometrie ausgenommen, giLn es 
vielleicht kein Werk Descartks', das nicht schon längere Zeit voi- 
der definitiven Ausführung einmal in Angriff y:enommen und dann 
beiseite gelegt worden wäre. Es würde sich nun fragen, ob das 
Fragment dies sein Schicksal vielleicht noch deutlicher zur Schau 
trage, als nur in dcii ohm erwähnten Momenten. Sofern ich mich 
nicht täu^oht^: ja. Es will mir nämlich scheinen, als kämen zwei 
ganz verschiedene Zielpunkte zur Darstellung. Der Kommentar 
der vierten Regel läßt nur eine Darstellung der Resultate der 
Universalmathematik erwarten, wie sie dann tatsächlich mit der 
13, Regel einsetzt. In den Regeln 13 — 16 wird gezeigt, wie das 
mathematische Problem aus dem Konzeptionsverbande heraus- 
gelöst werden soll; in den Regein 17 — 21 werden dann die mög- 

') Baiixet I iiaff.; er ittflert «ich zwar nicht direlct, gibt aber die 
Analyse doch im Jahre 1623. 
*) Siehe oben Kap. il p. 



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KAPITEL V. 

liehen Lösungsfornien dargestellt. Diese nt-un Regeln führen so 
in Sinn und Geist der Descartesschen Mathematik ein. Für die 
Mathematik kommen nur die Dimensionen in Betracht. Ob die- 
selben real begründet seien oder nicht, diese, wie überhaupt jede 
auf die Existenz im(i di»- Natur der Objekte bezügliche Frage 
überläßt sie der Physik (Kegel 14). Die l'hysik hegt somit außer- 
halb des in der Regel 4 entwickelten i^ianes der Regulae. In den 
rrsitn zwölf Regeln dominieren aber gerade die physikalischen 
Probleme^), und der Kommentar der ersten Regel setzt für das 
\\'( i k überhaupt ein ganz anderes Ziel: Danach soll in dem 
v\ eike eine alle Spezialwissenschaften umfassende Wissenschaft 
der menschlichen Ijntelligenz zur Darstellung kommen, „une science 
universelle" (universale sapientia), die die in der vierten Regel 
angedeutete „maihematique universelle" docli nur als Teildisziplin 
einschließt. Es erscheint mir deshalb folgende AnnaUuie ais die 
wahrscheinliel.ätc : Descaries hat ca. 1623 eine Darstellung der 
Resultate seiner Universalmathematik und damit eme Diu^stellung 
der in derselben sich manifestierenden, natürlichen Methode in 
AngriiT genommen, in der ersten Zeil seines Aufenthaltes in Hol- 
land die ehemals begonnene Abhandlung wieder hervorgenommea 
und dem in der ersten Regel dargestellten Gesamtplan einge- 
gliedert Die Regeln 13^91. vieUeidU auch, wemgatens teihveise, 
die Regeln 4—7 kftimten 16^ schon entstanden seuii da hi ihnen 
der mathematische Gesichtspunkt dominiert, wAhrend die Obrigen 
Regeln, namentlich 1,2, 8— 12, auf frühestens 1609 angesetzt 
werden müssen.^ Im Hnirhiifn nun feststellen an wolleni welche 
Partien 1603 und welche 1609 entstanden sem konnten, wftre 
wohl ein fruchtloses und schliefilich auch nutzloses Unternehmen. 
(Ober das Verhältnis der »Regulae' zum «Dtsoours de hi mdthode' 
siehe Scbluflabschnitt des ersten Kapitels.) 

') Vidc ReguUc 13, 8, 6, 9 (C XI 379. 346, a^S. 351). 
*) Man vergleiche Obrigens auch den Schlufi der achten Regel nit dem 
Frsgmcnie: „La Recberebe de Is veriie*. 



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FRITZ ECKARDT VERLAG -:• LEIPZIG 



Hinauf zum Idealismus! 



Scheliing-Studien 

Dr. phil. OTTO BRAUN 

154 Seiten, gr. 8», brosch. M. 2.50, geb. M. 3.50. 

Inhalt: 1 

Hinaiil zum Mcilinmi«! 
Sriirtltiig und untere Zeü. 

SchelHngs geistige Persönlichkeit und ihr V«f^ 

hiltnis zu Goethes üeiftteswesen. 
SciMsHiiyt Mdhode wid ifare Btitehmucn in 

Plato, Ooethe und Sdriflcr. 
Schelling und die Romantik. 
Scbettinigs Gotte»kbre und das religiöse Suchen 

lutterer Zeit 
Die Entwickeimg dw Ootterii^gvMff« bei 

SchdUng; 



Diese Schrift ist bemflht, Wege in der emporbluhenden 
neuideaiistischen Bewegung der Philosophie zu weisen. Der 
Verfasser ruft zu einem tatkräftigen, lebensvollen Idealismus 
auf, der den Wdlkem im geistigen flohaffen sieht Das 
erneute Studium Scheliings bedeutet für uns kdn Zurück. 
Scheiiiigs Phüosopliie ist vidmebr dazu angetan, befruchtend 
und fördernd auf das Geistesleben der Gegenwart, auf unsere 
gesamte KuHur dnzuwirlcen. JDnreli SchdUng mllM«n 
wir m etwaa Nenem« Blf enem komtiicii.'' 

Wie die inhaitsttbersidit zeigl, Ut die vorliegende Schrift 
fOr den Philosophen wie für den Uteiaten glddi wertvoD. 
Die Abhandlungen Ober Schdllng und Goethe, die numches 
wichtige Neue und Interessante bringen, verdienen eine ganz 
iMsondere Beachtung. 



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FRITZ ECKARDT VERLAG •:. LEIPZIG 



Die Werke der klassis^chen 
deutschen Philosophie 

Seitdem die HL-rrschaft des metaphysikscheuen Materialismus ge- 
brochen ist und der Neukantianismus, sich immer mehr in frucht- 
lose phüolc^bclie Streitigiceiten verileraid, die «uff ihn fgmdilxu 
Hoffnungen unerfüllt gelassen hat, macht sich allerorts ein mehr und 
mehr gesteigerte Interesse für clic Blütezeiten verj^anorener C!e!«;tes- 
epochen, besonders für die Renaissance und Romantik bemerkbar. 
Der ungahnte Aubchwung der empirilclieii Eli ndl o w c li ung und 
der erstaunliche Fortschritt der technischen Wissenschaften haben 
das Bedürfnis nach einer künstlerischen Weltauffassnng und einheit- 
lichen Weltanschauung nicht befriedigen können; sie haben es aber 
auch nicht zu ersticken vemodit: mehr denn je zeigt sieb eine tiefe 
Sehnsucht nach innerer Ruhe inmitten des ruhetosen Treibens, nach 
einer Harmonie der Seele gegenüber den täglichen auf uns dn- 
stürmenden Eindrücken. Auch das religiöse Empfinden, das hier 
seine segenspriche Wlrfning susOben sollte, droM mehr und mehr 
in sisrrem Formelwesen und totem Historismus zu ersticken. Was 
unsere Klassiker erstrebt und ersehnt haben, und wofür ein Richard 
Wagner mit der ganzen Kraft seines erstaunlichen Wirkens eintrat, 
eine luitloiinle, dentsolie Knltnr and ehi kftnnfterinohes, 
geistigen und rellglAsea Wachstum unseren Volkes, dafür 
scheint nn<>t*rer Gegenwart die nötige Begeisterung und freudige 
Tatkraft zu fehlen. 

Dss herriidw Elte, das dem deutschen Volke aus der Biate- 
zeit seines Geisteslebens erhalten ist die OeisleaKdiätze der deutschen 
Spekulation, liegen ungenützt und unfreknnnt, während die täglich 
wachsende und ins Unermeßliche ansteigende Tagesliteratur Sinn 
und OemQt abstumpft 

In diesem Sinne hoffen wir nicht nur einem längst empfundenen 
wissenschaftlichen, sondern einem wahrhnft kulturellen Bedürfnis ent- 
gegenzukommen, wenn wir die vergriffenen und meist nur als anti- 
quarische Sdtenhdt zu ungewöhnlich hohen Preisen erhältlichen 
Wert» der klaeilecliett denteohea Philosophie in billigen, 
nnistergültig ausgestatteten Nenausc^hcn erscheinen lassen. 

Trotz der durchaus eintu itlu den Ausstattung unserer Sammlung 
von Neuausgaben stimmt die Scitcucinteiiung mit den Originalausgaben 
Qbo^n; die alte ftginierung ist jeweils mit anfgenornmen, was fflr 
das Atifsnchen von Zitaten von großem Wert sein dürfte. 

time Auswahl der besten Bildnisse und die Wiedergabe des 
Autogramms werden die Ausgaben dem Liebhaber besondo^ schätzbar 
madten, wflhrend ausfOhrliche Personen- und SachregMer den wissen-' 
scfatMIdien Wert erhöben. 



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FRITZ ECKARDT VERLAG LEIPZIG 



Als cnle Atugihe eracheinen 

Schellings Werke 

Auswahl in 3 Bänden, mit 3 Porträts Schellings und Geleitwort von 
Prof. Arthur Drews, hemusgegeben und dngddtet won Otto Weiß. 

2595 Seiten, 8^ brosch. 25 M., in 3 soliden HalbframUncIcn g^. 
30 Afty numerierte Luxn-^nti'^f^nbe in Ganzlederbänden 40 M. 
Band 1 einzeln brosch. M. 9. — , geb. M. II. — 

» ^1 w n n ®' » n » " 

n m M I» »» ^•■~'» n n ^1« 

nie Ausgabe enthält alle wichttf^eren und ffir die Ocgicnwirt 
bedeutungsvollen Schriften unverkürzt und zwar enthält: 

Band I: Die Schriften zur Naturphilosophie: Vom Ich als 
Prinzip der Philosophie; — Ittacn zu ctncr PhiloMiphie der Natur. — 
Weltseele. Einleitung zum ersten Entwurf. — Allgan. Deduktion 
des dynamischen Prozesses. 

Band II: Die Schriften zum identitatssystem: System des tran- 
szendentalen IdeallsmuB. — DmleRuqg meinet Syatam. — Bruno, 
oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge; — Vor- 
lesungen über die Methode de? akadem. Studium? 

Band ill: Die Philosophie der Kunst, die Sdiritten zur Frd- 
heHslehre und eine Auswahl ans der poeitlvett Philosophie: Philo- 
sophie d. Kunst (a. d. handschr. Nadilaß). - Über das Verhältnis 
der bildenden Künste zur Natur. - Über das Wesen der mensch- 
lichen Freiheit — Darstellung des philosophischen Empirismus. — 
Auswahl aus der positiven Philosophie (Philosophie der Mythologie 
tmd Offenbarung). 

Die ausführliche Einleitung des Herausgebers, die neben einer 
eingehenden Biographie die geschichtliche ^lung und Bedeutung 
Schdlfaigs entwidclt, stellt sehie Philosophie im HhiUlck auf die 
Schriften in chronologischer Reihenfolge dar. Dordi diese Einleitung 
soll das Findringen in die Werke Schellinjjs an jedem Punkte in 
gleicher Weise ermöj^icht werden. Seiteneinteilung stimmt mit der 
OriginaUusgabe (1856—1861) flberein. 



Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik 
Bd. 131, Heft 2: Schelling-Heft 
mit dncm Bildnis Schellings in Hdiognivflre 

10 Bgn., i-r 8". M. 4.— 

Aus dem Inhalt: Dr. O. Braun: Cntwidcelung des Oottesbcsrifies 
bei Schölling. — Prof. W. Kinkel: Schellings Rede: Über das VeiMltnfe 
der bildenden Künste 7ur Natur. Anton Knnvnn: Schelfinp und die 
Philosophie der Gegenwart — Prof. H. Schwarz: £jn markantes Buch in 
der neuidealistisciien Bewcgmg. — Rge nrioB ep der ncncaten SdiclMng- 
Liteiatur usw. 



Schelling-Bildnis w^l^iXI^l^äi^iSrsSSS:!.^ 



4 



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FRITZ ECKARDT VERLAG LEIPZIG 



Dr. Paul Dietering 

Die Herbartsche Pädagogik 
vom Standpunide modemer Erziehungs* 

bestrebungen gewürdigt 

Brosch. Mk. 6, — ^. 

W er die Geschichte der Pädagogik kennt, dem ist auch die epoche~ 
machende Bedeutung klar, welche Hemtft lind seine Schule iniMriidb dcf 
Cntwickeiung des gesamten Erziehungswesens einnimmt 

Zwar vcraiochten tdne Oedanken anfongs mtr langsam Boden zu ge- 
~ ■ ■ ■ mm Te0 lllr 



win ii ii, denn seine Schriften kamen ungelegen 

das breitere Publikum geradezu unverständlich 

Trotz dieser überaits ungünstigen Umstinde, die nicht zum geringsten 
Teile in Herbarts eigenem Verwialden lagen, konnte es bei dem tief- 
gründigen Oehalt seiner Schriften nicht ausbleiben, daß sich seine Ideen 
endlich doch zur OeNung brachten ; und so sind in irr Tat im ge- 
samten Bereiche dtscrzichungswesens — seitdem da* Pädagogik 
ttwiluiupt eilie Uternur besitzt — keine größeren und bedeut- 
sameren Anregungen, keine Gedanken von dauernderer Frucht- 
bari<eit hervorg'ebracht worden, als diejenigen, welche wir dem 
Oeistf Herbarts verdanken. 

iahrzehntelang hat die herbartsche Lehre auf dem großen Gebiete 
Aenschenblldung das Szepter geführt, und es hieße einfach die Oe- 
^yhichte fälschen, wollte man die glänzenden Erfo!{_'<», die unschritTharen 
Lrrungenscbafteii leugnen, deren Urheberschaft der geistesgewaitigen 
Tltigkdt Heibarto aizuchreaMB M.** 



■ 



Dr. K. Jungmann 

RENE DESCARTES 

(Eine Einführung in seine Werke). 

Brosch. Mk. 6.50. 

Diese Descartes-MonoOTaphie, die unserer phik^opbiscben LUeratur 
bMier fehlte, bietet einen QeMmtflbeiMiclt fibcr das WfHccn md das vi^^ 

vcrpaTi,Li'icfK- XX'erk Jes Ptiil<v;nphcn 

Ä. Meinong, Professor an der Universität Gießen 

Über die Stellung der Oegenstandstheorie 
im System der Wissenschaften 

8« VII, 199 Seiten, brosdi. Mk. 4.80. 
Dr* U. Siebecky Professor an der Universität Gkßen 

Über musikalische Einfühlung 

20 Selten Mk. —J60. 



Die Abhandlune ist ilor Vorläufer einer 



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FRITZ ECKARDT VERLAG LEIPZIG 



Dn Eugen Heinrich Schmitt 

Kritik der Philosophie 

vom Standpunkt der intuitiven Ericenntnis 

Brosch. M. 7.—, in Halbperg. geb. M 8w50 

Da? vorli^ende Werk sucht die Onindlag^ festzustellen, auf 
denen eine positive und exakte Wissenschaft der Eriebnisse unserer 
Innenwelt und insbetondere unserer geistigen Lebcnsfiinilioncn 
möglicli wird. Diese Grundlagen bieten sich in der Erfbnchung 
des ein^ia Positivge^ebenen, der Tatsachen der inneren Anschauung, 
der Intuition, die es ermöglicht, die Wissenschaft der inneriichen 
und insbesondere der geistigen Ericbniooc in Ihnlidier Weise in 
exakter Form aubldMuen, wie die Gcometoie. Diese bietet das 
Mittel, fundamental verschiedene i'.-isti'^e Erlebnisse (ästhetische, 
logische und ethische Formen des üewubtseins) sowie deren Zu- 
sainmenhang mit den siunfidien Lebensfunirtionen in wistensdurfttidi 
kontrollierbarer Weise in ihre Bemenie zu zertliedem und in durch- 
sichtiger Einheit des Frkennens zusammenzufassen. Es stellt sich 
diese Einheit aller Lebensformen in ähnlicher Abstufung dar wie 
die Dimensionen der Geometrie. 

Zwei Urteile über Dr. Euf^en Heinrich Schmitt: 

Die geistigen Atmen sind Hegei, Karl Marx, Leo Tolstoi, weiterhin die 
Onosis und l^tik des Mittelalters, die Glänze Eisdiekiiing num woM am 
kürzesten begriffen werden als Antityp rriedrich Nietzsches. Oerade darin 
liegt ja die Zukuiiftsbedeutung Schmitts, daß er sich dazu eignet, in die 
Mode ai konunen, wem NietzMiie vm^ flbenrunden ist ... . 

^Die Wartburjf. 

So bleibt ais der einzige große Streiter Gottes imsererer Zeit 
Eugen Heinrich Schmitt bestehen! Dem Kampfe für die Qottcserkenntnis 
des Menschen weiht er sein Leben. Ostdeutsche Rnadschau. 



Theowart Christ. Heimat 

Von der Schönheit und dem Leben 
Bfosch. M 2.—» geb. M. 3.-- 

Christ erstrebt in seinem „hochgemuten Buche" eine idealistische 
Wdfbelraclrtttngr im Leben des AlHags. Durch seine lebend^en 

Schildcningcn und Essays weiß er Sccic und Geist zu jugendlicher 
Ktatt zu erheben Mutig und kühn ruft er uns seine Worte zu: 
„Laßt uns die Iirde heben, sie ist unsere einzige Heimat!" 



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FRITZ ECKARDT VERLAG •:• LEIPZIG 



ZEITSCHRIFT 

FÜR 

PHILOSOPHIE 
PHILOSOPHISCHE KRITIK 

VORMALS 

nCHTE-ULRICISCHE ZEITSCHRIFT 
IM VEREIN MIT 

DR. H. SlEßECK DR. J. VOLKELT 

PKORSSOR Dt COCHEN VROfCSSOR Ol LBIPII6 

UND 

DR R FALCKENBERO 

PRUF£üSOR IM ERLAMGEM 

HERAUSGEGEBEN UND REDIGIERT 

VON 

PROFESSOR DR HERMANN SCHWARZ 

PfUVATlXDZENT IN HALLE A. S. 



Jährlich erscheinen 2 Bände zu je 2 Heften. 
Prds pro Band Mk. 6.—; EinzeUidt Mk. 4—. 



r\ie „Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik" 
ist „die t^elesenste philosophische Zeitschrift Deutsch- 
land«^". Neben zahlreichen Beiträgen erster Autoren bietet sie 
auäiührliclie Besprecimngen der neuesten philusuphtschen 
Utentur, sowie eine Oberstcht der philosophischen Neu- 
erscheinungen und eine ausfUhriiche Wfedergsibe des Inhalts 
der phOosophisdien ZeHschriflen des In- und Auslandes* 



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